Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

41.1916

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Schlatter, Prof. D. A.: Die korinthifcheTheologie. (Beiträge
zur Förderung chriftl. Theologie 18,2.) (125 S.) 8°.
Gütersloh, C. Bertelsmann 1914. M. 2.40

An Gedankengänge W. Lütgerts anknüpfend, fie
weiter führend und, wie er meint, noch folider begründend
ftellt Schi, die korinthifche Theologie dar, d. h. jene
Richtung des Chriftentums, die in Korinth im Gegenfatz
zum paulinifchen Evangelium Boden gewonnen hat und
von dem Apoftel in den beiden Korintherbriefen heftig
bekämpft wird. Schi, geht von I Kor. 4,6 aus, einem
Verfe, dem er als Hauptmerkmal der korinthifchen Theo-
logie die Überzeugung, das AT. überbieten zu können,
entnimmt. Er fucht fodann an Einzelbeifpielen zu zeigen,
wie nur unter diefer Vorausfetzung das von Paulus ge-
tadelte Benehmen der Korinther verftändlich wird. Da
das Verlangen, die Schrift auf die in Korinth beliebte
Weife zu überbieten, aber nur in Juden habe entliehen
können, bemüht fich der zweite Teil unferer Studie um
den Nachweis der jüdifchen Bafis der korinthifchen Theo-
logie. Ein dritter endlich fucht die Verbindung der
korinthifchen Theologen mit der Kirche Jerufalems darzu-
legen.

Schl.s Auffaffung hat die Annahme zur Grundlage,
daß eigentlich unmittelbar nach der Abreife des Apoftels
aus Korinth die ganze dortige Gemeinde unter die geiftige
Vormundfchaft einer Gruppe paläftinenfifcherjudenchriften
geraten ift. Werden doch bereits die aus I Kor. zu
erfchließenden Geiflesregungen und Lebensbetätigungen
der Korinther fämtlich für Auswirkungen des Einfluffes
jener ,korinthifchen Theologen' erklärt. Daß nach dem
Zeugnis des genannten Briefes in Korinth recht verfchie-
denartige Anfchauungen und ihre Vertreter um die Herr-
fchaft ringen, bleibt unberückfichtigt, hält den Verf. jeden-
falls nicht ab, die Eigenart des korinthifchen Chriftentums
auf eine Wurzel zurückzuführen. Bedenklicher noch als
das ift einmal die Natur diefer Wurzel felbft und fodann
die Methode, deren fich Schi, bei der Herleitung bedient.
Die korinthifchen Gegner des Paulus werden von ihm als
Judenchriften befchrieben, die Petrus gegenüber eine ehr-
furchtsvolle Stimmung pflegen, ohne fich zur Kephas-
partei zu halten, die auf ihre Abrahamsfohnfchaft ftolz
find und die Autorität der Schrift nicht antaften wollen,
aber doch bewußt das Gegenteil von dem tun, was das
Gefetz vorfchreibt. Ein innerer Widerfpruch hätte fich
für fie daraus nicht ergeben, weil ihr Handeln nach ihrer
Meinung nicht zu einer Auflöfung, fondern zu einer
.Überbietung' des Gefetzes führte, wozu fie für fich die
Berechtigung aus ihrer Eigenfchaft als Chriftus- und
Geiftesmänner entnehmen.

Ich komme angefichts der Erörterungen Schl.s nicht
über die Zumutung hinweg, mir paläftinenfifche Juden-
chriften vorftellen zu follen, die zum Gefetz ein direkt
antithetifches Verhältnis haben und dem Grundfatz leben:
,Wir flehen über der Schrift'; wohlgemerkt, nicht Gläubige,
die von ihrer jüdifchen Vergangenheit völlig losgekommen,
fondern folche, die fich ihres Judentums ftolz bewußt
geblieben find. Das, was Paulus da, wo er deutlich und
ohne von einer, immerhin nicht geficherten, Exegefe pein-
lich befragt zu fein paläftinenfifches Judenchriftentum
fchildert, was die Apoftelgefchichte in ihren erften Kapiteln
zum gleichen Thema ausführen, ift jedenfalls auf einen
ganz anderen Ton geftimmt, und Gleiches gilt von den
Quellen einer fpäteren Zeit.

Ich kann auch nicht finden, daß Schi, durch Ein-
führung der von ihm empfohlenen recht problematifchen
Größe die Korintherbriefe leichter verftändlich gemacht
hätte. Was nach Heinrici vor allem Lietzmann und J.
Weiß zu ihrer Erklärung aus dem helleniftifchen Milieu
Griechenlands heraus — und fie liegt doch unftreitig am
nächften — beigebracht haben, wird von ihm nicht ent-
kräftet, ja hin und wieder beinahe in feiner Berechtigung-
anerkannt (z. B. S. 57. 62. 74. 95). Glaubte er jedoch mit

dem herkömmlichen Verftändnis brechen und einen fo
ganz neuen Weg empfehlen zu follen, fo wäre eine pein-
lich genaue Beweisführung am Platze gewefen. Für meinen
Gefchmack aber treten allgemeine Erwägungen, auf Ver-
mutungen errichtete Kombinationen, kurze Behauptungen
und kategorifche Urteile zu fehr an die Stelle exakter
quellenmäßiger Nachweife. Gelegentlich eingeftreute Hin-
deutungen auf rabbinifche Literatur ändern daran nichts.
Mir ift die, einmal zugeftandene, Möglichkeit, die Korin-
therbriefe unter Heranziehung von allerlei Hilfsgedanken
und pfychologifchen Feinheiten als Streitfchriften gegen
Widerfacher, wie Schi, fie zeichnet, zu verliehen, noch
keine Gewähr dafür, daß es eine folche Spielart des Ju-
denchriftentums wirklich gegeben hat. Und die ein wenig
gewaltfame Art Sch.s macht es mir fchwer, auch nur jene
Möglichkeit einzuräumen.

Als eine Gewaltfamkeit empfinde ich den immer wiederkehrenden,
in mancherlei Variationen ausgefprochenen Gedanken, der S. 12 die Form
hat: ,Indem fie (die Gegner) das zulafleu, was die Schrift als Sünde
verwirft, entlieht eine Überbietuug der Schrift'. Der natürliche Men-
fchenverfland wird derartiges immer eine Mißachtung der Schrift
nennen. Und wären jener Euphemismus und das durch ihn zu deckende
Verfahren in Korinth wirklich fo beliebt gewefen, wie Schi, annimmt,
dann würde der Apoftel ohne Zweifel fo deutlich geworden fein, daß
unter feinen Auslegern an diefem Punkte keine Meinungsverfchiedenheit
möglich wäre. Daß Paulus I Kor. 4, 6 den von Schi, konftruierten Vor-
wurf unmißverständlich erhebe, muß ich ablehnen. Der dunkle und viel
umftrittene Vers eignet fich überhaupt nicht dazu, das Gewicht zu tragen,
das Schi, ihm aufbürdet. — Auch die Benutzung der ftaatlichen Rechts-
pflege — bei Heidenchriften wahrlich verftändlich genug als Feilhalten
an früherer Gepflogenheit — ftellt fich durch den folgenden Gedanken-
gang als eine durch die korinthifchen Theologen herbeigeführte ,Über-
bietung' der Schrift dar (S. 17): ,Mit der Benutzung der ftädtifchen
Richter war zunächft die jüdifche Sitte verworfen, die die Gemeinde-
genolfen an ihre eigene Rechtspflege band. Der Konflikt erftreckte fich
aber auch auf die Schrift, die die heilige Gemeinde völlig von den
Völkern fchied. Wer die heidnifchen Richter anrief, konnte dies nur
dadurch rechtfertigen, daß er erklärte: Wir können, was die Alten noch
nicht konnten; die Schranke, die Ifrael von den Völkern fchied, befteht
nicht mehr für die, die des Chriftus find'. Ich kann nicht feheu, daß
der Apoftel I Kor. 6,1—II auch nur andeutend von einem Zwiespalt
fpricht, der zwifchen den von ihm Getadelten und der Schrift befteht.
Hier wie auch fonlt lieft Schi, das für ihn Wichtige willkürlich aus den
Worten des Apoftels heraus. Oder was foll man zu einer Beweisführung
fagen wie der nachftehenden (S. 69): ,,,Weife" nennt Paulus die Theo-
logen Korinths, nicht „Philofophen". Welcher Name für die griechifcheu
Denker üblich war, weiß Paulus felbftverftändlich; es wird aber in beiden 1
Briefen nirgends von „Philofophie", fondern von der ,,Weisheit" oder
von der „Erkenntnis Gottes" gefprochen. So fprechen auch die korin-
jhifchen Lehrer von fich felbft, fie bewahren damit den palällinenfifchen
Sprachgebrauch'. Als ob aO(pog und .,.../ Iu nicht auch in Bezug auf den
! griechifchen Weifen gebraucht werden kann und tatfächlich vielfach ge-
braucht worden ift. — Ich muß mich befchränken; daher nur noch ein
Beifpiel aus dem letzten Teil, der die Verbindung der korinthifcheu
Theologen mit der Kirche Jerufalems erweifen will. Schi, weift zunächft
darauf hin, wie fchon längft erkannt worden fei, ,daß Beziehungen
zwifchen diefer Theologie und dem Befchluß der Apoftel, Acta 15, be-
liehen' (S. 102). Zu dem, was die paläftiuenfifchen Autoritäten durch
diefen verboten haben, fetzte fich jene in direktefteu Widerfpruch, um fo
ihre Freiheit zu demonftrieren. Aber, wenn Verf. fo aufs belle erklärt
zu haben meint, daß ,uns hier und dort die zunächft auffallende Ver-
bindung der Unzucht mit dem Geopferten begegnet', fo muß ich zunächft
erwidern, daß I Kor. zwar von der Unzucht wie vom Götzenopfer handelt,
aber keinerlei irgendwie auffallende Verbindung zwifchen beiden herftellt.
Die ergibt fich vielmehr erft unter den Händen Schl.s, der aus den Er-
örterungen des Apoftels die Sätze der korinthifchen Theologie heraus-
dellilliert. Und weshalb haben die Korinther ihre Ungebundenheit nicht
auch durch Genuß von Blut und Erblicktem erwiefenf Schi, antwortet
kurz: ,Wir haben dabei einfach an das griechifche Gefühl für Anftand
und Würde zu denken. . . . Ein Grieche empfand das als roh'. Aber fo
einfach fcheint mir die Sache erft dann zu liegen, wenn der quellen-
mäßige Beweis dafür erbracht ift, daß der Genuß von Erfticktem, d. h.
in der Schlinge gefangenem Wild, tatfächlich mit der hellenifchen Würde
— nicht zu reden von der Gemüts- und Denkungsart jener Kreife, aus
denen fich die ältefte korinthifche Gemeinde wefentlich rekrutierte —
unvereinbar war. —

Einzelheiten, über die man bei wiffenfchaftlichen Un-
terfuchungen immer wird ftreiten können, befagen freilich
nichts, wenn der Beweis als Ganzes fieghafte Kraft ent-
wickelt. Ich bedauere, was meine Perfon angeht, zum
Schluffe nochmals feftftellen zu müffen, in diefer Schrift
Schl.s folche nicht verfpürt zu haben.

Göttingen. Walter Bauer.
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