Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

41.1916

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 14.

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ausgesprochen. Man muß (wie ich es in meinem, Cremer
noch unbekannten Buche ,Taufe und Sünde' 1908 getan
habe) Paulus mit Jacobus und II Clemens vergleichen, um
zu erkennen, daß das Bewußtfein des Paulus ein andres
war als das des Durchfchnittschriften.

Auch die,Heiligungsbewegung' — Cremer und Ihmels
können das nicht widerlegen — ift ein Verfuch, ein Stück
Urchristentum zu erneuern, das die Kirche vernachläffigen
mußte. Tatfächlich hat das Urchriftentum zur Sünde ein
anderes Verhältnis gehabt, als die Kirche und ihre Theo-
logie es feftfetzt. Ich freue mich, daß jetzt auch Bouffet
für diefe Thefe kräftig eingetreten ift (Jefus der Herr 1915
S. 47 ff.) — gegen Wernle, der gegen das Licht, das er
einft felbft angezündet hat, Seitdem leider feine Augen
wieder verfchleiert hat.

Leiden. Hans Windifch.

Goltz, Prof. D. Ed. Freiherr von der: Der Dienft der Frau
in der christlichen Kirche. Geschichtlicher Ueberblick m.
e. Sammig. v. Urkunden. 2. verm. Aufl. m. e. Anh. v.
Paft. Schoene ,Der Dienft der Frau in der Miffion'.
2 Tie. (VIII, 257 u. VIII, 202 S. m. Tafeln.) 8°. Pots-
dam, Stiftungsverlag 1914. M. 4 —

Seitdem Referent im Jahre 1902 feinen .Dienft der
Frau in den erften Jahrhunderten der chriftlichen Kirche'
geschrieben und dann von der Goltz 1905 zum erften Mal
in populärer Form den chriftlich-kirchlichen Frauendienft
durch die Gefamtgefchichte des Christentums hindurch
verfolgt hatte, ift dem Gegenstand von vielen Seiten, ent-
sprechend dem wachfenden Intereffe an der Frauen-
bewegung, Aufmerksamkeit gefchenkt worden (vgl. be-
fonders Donaldfon, 1907; Herrn. Jordan, 1908; joh. v.
Walther, 1911). Diefem zunehmenden Intereffe für die
gefchichtliche Seite der Fragen des kirchlichen Frauen-
dienftes verdanken wir auch die Neuauflage des v. d.
Goltzfchen Buches in fo wefentlich erweiterter Form, daß
eine aus praktischen Gründen höchft lobenswerte Zerlegung
des Werkes in zwei Bände, einen darfteilenden Band und
einen Anmerkungs- und Urkundenband, hat Stattfinden
müffen. Die Grundlage, über die in der ThLz. 1905, Sp. 556
nachzulefen ift, ift diefelbe geblieben, aber überall merkt
man die fachlich berichtigende und ergänzende, aber auch
ftiliftifch glättende Hand des Verfaffers, deffen ausgedehnte
wiffenfchaftliche Vorftudien zu feiner im Übrigen volks-
tümlich gebliebenen Darfteilung am beften an der Hand
des neueingefügten Anmerkungsteils (Bd. II, S. 1—48)
nachzukontrollieren find. Im Blick auf diefe gelehrten
Noten, auf die Umarbeitung des das kirchliche Altertum
behandelnden Teils und das ganz neue Schlußkapitel
über die .Deutfche evangelifche Frauenarbeit in der Gegen-
wart' (I, S. 175—200) darf das v. d. Goltzfche Werk die
Anerkennung als neue wiffenfchaftliche Leistung bean-
spruchen und wird Sich in diefer Geftalt gewiß viele neue
Freunde erwerben.

Das Kapitel über ,Die Frauen im kirchlichen Altertum', das ftatt
der 13 Seiten der Erftauflage jetzt 53 Seiten umfaßt, wird nun erft dem
Thema gerecht und behandelt nach einem Überblick über die Frauen in
den urchriftlichen Gemeinden, von dem die Angaben der Pafloralbriefe
(S. nfl".) doch wohl am beften ganz auszufchließen gewefen wären, in
6 gefonderten Kapiteln: die Frauen im chriftlichen Familienleben, die
ehelofen Frauen, den .geordneten' (fo Goltz, gegen meine Bezeichnung
als ,beamteten' Dienft) Gemeindedienft der Frauen, die Märtyrerinnen und
Prophetinnen, die gelehrten Frauen und endlich die chriftlichen Kaifer-
innen. Die Frage der Entwicklung des Frauenideals und der inneren
Wertung der Frau wird dabei hier und da genreift, hätte aber, da es
Motive find, von denen aus die Gefchichte des Frauendienftes und der
Frauenämter in der Kirche mitbeftimmt gewefen ift, eine gefonderte zu-
fammenhängende Darftellung verdient, wie fie etwa Referent für die Ge-
famtentwicklung in der .Religion in Gefchichte und Gegenwart', Bd. II,
1000—1014 zu geben verfucht hat. Im erften Kapitel vermißt man auch
die Wertung der Ausbildung der Priefterkirche als Hemmung für die
Entwicklung eines höheren .geordneten' Frauendienftes in der Kirche, um
den tatfächlich, wie übrigens auch v. d. Goltz I, S. 42 (trotz feiner
Polemik gegen Ref.; z. B. II, S. 18 Nr. 74) zugibt, ein Ringen ftatt-
gefunden hat. — In dem das Mittelalter betreffenden Teil bei v. d. G.

ift neu z. B. die Ausführung über Mechthild von Magdeburg, ergänzt die
über die Beginen, und im Urkundenband find vor allem die Satzungen
des Beginenkonvents Mariengarten bei Wefel (143t; II, S. 74—79) und
des von Inneheim (S. 79—81) hinzugekommen. —Im Reformatious-
Zeitalter hat v. d. G. im Textteil den neuen Bänden der Sehlingfchen
Kirchenordnungen neues Material entnehmen können; er hat auch die
Zahl der von ihm gebotenen p'rauenbilder um das der Margarete Blaurer
(auf Grund des von Schieß herausgegebenen Briefwechfels) und das der
Elifabeth von Braun fchweig vermehrt. Im Urkundenteil kommen als neu
befonders die auf Wefel bezüglichen Texte (II, S. 95 f) und die Kirchen-
ordnung der böhmifchen Brüder (S. 98—100) in Betracht. — Für die
Aufkläruugsperiode wüufchte man die Beftrebungen um Hebung der
Frauenbildung, die der Zeit eigentümlich find, in Frankreich freilich

I früher begannen, ausführlicher behandelt und als Symptom der neuen
Anfchauungen von der Aufgabe und dem Ideal der Frau gewertet; mau
vgl. etwa die reichen Literaturangaben bei Sallwürk, ,Fenelon und die
Literatur der weiblichen Bildung in Frankreich von Claude Fleury bis
Frau Necker de Sauffure', 1886, und bei Krufche, ,Die Literatur der weib-

I liehen Bildung und Erziehung in Deutfchland von 1700—1886', 1887. —
Wefentliche Bereicherungen hat dann wieder der Abfchnitt über die
Tätigkeit der Frauen zur Zeit der Freiheitskriege erfahren, wo v. d.
G. im Textband (II, S. 121—141) wie in der Darfteilung die damaligen
Flugfchriften deutfeher Frauen eingehender als früher beriiekfichtigen,
auch (Bd. II, S. 141—155) den vollftändigen Text der .Vorfchläge zur
Errichtung eines allgemeinen Jungfrauenftifis' (1814) zum Abdruck bringen
konnte. In diefem Teil begegnen ferner (II, S. 159—162) die (Sonders-
haufener) Satzungen für Frauenvereine, aus Wilhelmine von Sydows Buch
.Über Frauenvereine ufw.' (1836), aus dem auch fonft für die fchon da-

j mals von den Frauen und den Frauenvereinen geleiftete fozial-organifa-
torifche Arbeit viel zu lernen ift (f. den Hinweis Bd. I, S. 153). — Der
letzte, neuverfaßte, der Gegenwart geltende Abfchnitt hat außer den

j beiden Kabinettfehreiben I. M. der Kaiferin über die Gründung der
,1'Tauenhülfe' (1897 und 1899; Bd. II, S. 200—202) keine urkundlichen
Belege, während Hennigs reichhaltiges .Quellenbuch zur Gefchichte der
Inneren Miffion' (1912) Material hierfür bietet; vgl. z. B. S. 532IT. über
den Evg. Diakonieverein, S. 569 ff. 592 f. 590 f. über den deutfeh-evange-
lifchen Frauenbund (mit Einfchluß der Chriftlich-fozialen Frauenfchule),
S. 609 f. über die Frauenfchule der Inneren Miffion und S. 619 f. den
Befchluß der 6. preußifchen Generalfynode vom 4. November 190g über
die kirchlich geordnete Mitarbeit der Frau in der Gemeinde. Hoffentlich
bietet eine dritte Auflage, die wir dem Buch v. d. G.s wünfehen, Ge-
legenheit, noch diefe und andere Urkunden und Belege aufzunehmen.

Berlin-Steglitz. Leopold Zfcharnack.

Poznariski, Sam.: Babylonifche Geonim im nachgoanäilchen
Zeitalter nach handfehriftlichen und gedruckten Quellen.
(Schriften derLehranft. f. dieWiff. des Judentums. IV.Bd.,
1. u. 2. Heft.) (X, 144 S.) Lex. 8°. Berlin, Mayer &
Müller 1914. M. 4 —

Mit Hais Tode erlofch im J. 1038 die Gaonatswürde
in Babylonien, das feinen Vorrang fortan an die Länder des
Weftens abtreten mußte. Dort waren gegen Ende der gao-
näifchen Epoche neue Stätten talmudifcher Gelehrfamkeit
entftanden, vor deren Glanz die Lehrhäufer des Oftens er-
blaßten. Babylonien fpielt in der Folge nur eine geringe
Rolle in der Gefchichte des Talmudftudiums. Der Gaons-
titel taucht indes in der zweiten Hälfte des 1 I.Jahrhunderts
wieder auf, wo nach dem Zeugnis Ibn Dauds ein Spanier
Ifaak ben Mofe, der fich in feiner Heimat vielleicht nicht
einmal den Rabbinertitel erworben hatte, in Babylon mit
dem Gaonat betraut und auf den Lehrftuhl Hais gefetzt
wurde. Etwa im vierten Jahrzehnt des zwölften Jahrhun-
derts bricht aber eine neue Blütezeit für die Juden Baby-
loniens an, die auch das Gaonat und das Exilarchat in
Bagdad wieder aufleben ließ, die, wohl gefördert durch
die Gunft der Kalifen, auch von den meiften Gemeinden
des islamifchen Herrfchaftsgebietes anerkannt wurden.
Das Gaonat hielt fich anderthalb Jahrhundert hindurch,
während das Exilarchat, das bald nach Moful verlegt wurde,
feinen Einfluß früh verlor.

AlsQuellenüber diefe intereffanteEpoche der jüdifchen
Gefchichte kamen bisher faft ausfchließlich die Reifebe-
richte Benjamins von Tudela und Petahjas von Regens-
burg in Betracht, die durch einzelne gelegentliche Notizen
ergänzt werden, die der Verfaffer aufs forgfamfte aus
Druckwerken und Handfchriften in öffentlichen Bibliotheken
wie im Privatbefitze gefammelt hat. Als Hauptquelle hat
fich aber ein handfehriftlicher Diwan hebräifcher Gedichte
erwiefen, den E. Adler 1898 aus Aleppo mitgebracht
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