Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

38.1913

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 13.

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Nachlaß' und Erdmanns Reflexionen zur Kritik der reinen Ver-
nunft' zugänglich gemachten, von Haering1) kürzlich neu be-
leuchteten handfchriftlichen Arbeiten an dem großen Probleme
aus der Zeit zwifchen 1770 und 1780 als notwendige Brücke über
die Kluft zwifchen der Inauguralfchrift und dem Hauptwerk ver-
mißt, möge fleh bis zum achten Band der Ausgabe gedulden,
wo Hermann Cohen die Fragmente aus Kants Nachlaß flehten
und bearbeiten wird. Kants ,Werke' bis dahin follen nur die von
ihm felbft zur Veröffentlichung beftimmten und gebrachten Werke
in zeitlicher Folge ihrer Entftehung darbieten.

Die übrigen Zweige des Syftems liegen in der vorkritifchen
Zeit nicht brach: die Beobachtungen über das Gefühl des Schönen
und Erhabenen' von 1764 (im vorliegenden Bd. S. 243ff.) bereiten
Kants Äfthetik vor.

Wieder zeugen die Lesarten von felbftändiger und oft über-
rafchend auffchlußreicher Textauffaffung. Folgen die übrigen
Bände mit derfelben Pünktlichkeit wie Buchenaus zweiter Band
auf den Anfangsband, und sind fie diesen beiden ebenbürtig, fo
wird die Akademieausgabe einen fchweren Stand haben2. Einen
Wunfeh mag man dem Bücherfreund zugute halten: könnten
nicht — etwa dem letzten Bande der ,Werke' — gute Fakfimiles
der Titel der Erftausgaben fämtlicher Werke beigegeben wer-
den? Der weitergehende nach einem befonderen Beiheft oder
einer ,Biographie in Bildniffen' mit Porträts, Fakfimiles u. dgl-
nach dem Mufter von Koenneckes Atlas zur deutfehen Literatur
ift wohl im Rahmen der Ausgabe nicht erfüllbar und wird viel-
leicht auch überflüffig, da K. Vorländer eine illuftrierte Kant-
biographie plant.
Düsseldorf. Paul Wüft.

Le mouvement religieux contemporain. Etudes de theologie et
d'histoire. (243 S.) 8». Paris, W. Fischbacher 1912. fr. 2—
Dreizehn Vorträge und Berichte aus dem Berliner Welt-
kongreß für freies Chriflentum und religiöfen Fortfehritt hat der
bekannte proteftantifche Verleger Fischbacher (Paris) in fran-
zöfifcher, wohlgelungener Überfetzung erfcheinen laffen. Em-
Jeanmaire hat fünf Stücke übertragen (Wendte's Eingangs-
bericht; Lhotzky's Gott und die Religionen; Bousset's Die Be-
deutung der Perfon Jefu für den Glauben; Troeltfch's Über die
Möglichkeit eines freien Chriftentums; Eerdmans Wandelungen
der calviniftifchen Orthodoxie im 20. Jahrhundert), Pfr. A. Bertrand
zwei (P. Jaeger, Die Religion Goethe's; K. Bornhaufen, Die Reli-
gion Schiller's), Prof. Bonet Maury zwei (Harnack, Das doppelte
Evangelium im Neuen Testament; Minami, Die Stellung des freien
Chriftentums in Japan), Prof. Ehrhardt zwei (Titius, Recht und
Schranken des Evolutionismus in der Ethik; Eucken, Die deutfehe
Philofophie und die religiöfe Reformbewegung der Gegenwart);
Baron de Görando und Em. Cauderlier haben je einen Bericht
überfetzt, der erlte Boros' Beitrag über liberale religiöfe Be-
ftrebungen in Ungarn; der zweite, Murri's Ausführungen über
Kirche und Demokratie oder den politifchen Modernismus. Zum
Ganzen lieferte Cauderlier eine intereffante und geiftvolle Über-
fleht ,Philosophie du 5. Congres du Christianisme liberal et du
progres religieux' (14—25). — Gegen die Wahl der überfetzten
Beiträge wird der Vorwurf der Willkür vielleicht erhoben werden;
daß in der Tat noch andere Stücke die den berückfichtigten zu
Teil gewordene Ehre verdient hätten, wird man nicht in Abrede
(teilen können. Es haben indeffen die Lefer allen Grund, für
das Gebotene dankbar zu fein.
Straßburg i. E. P. Lobstein.

Lamprecht, Karl: Zwei Reden zur Hochrchulreform. (45 S.) 8».

Berlin, Weidmann 1910. M. 1 —

Harnack, Adolf: Die Benutzung der Königlichen Bibliothek u. die

Deutrehe Nationalbibliothek. (38 S.) 8«. Berlin, J. Springer 1912.

M. —80

Bibliographifches Jahrbuch für deutfehes Hochrchul-Wefen. Bearb.
u. hrsg. v. O. E. Ebert u. O. Scheuer. 1. Bd. Berichtsjahre
1910 u. 1911. (XVI, 250 S.) Lex.-8». Wien, E. Beyer's Nachf-
1912. M. 15-

Lamprechts Reden gelegentlich der Eröffnung des Inftituts
für Kultur- und Univerfalgefchichte bei der Univ. Leipzig (1909) und
bei Übernahme des Rektorats (1910), beide bereits für fleh ver-
öffentlicht, find dankenswerter Weife unter dem Gefichtspunkt
der Hochfchulreform zufammengeftellt. An feinem Inftitut als

1) Der Duisburgsche Nachlaß und Kants Kritizismus um 1775(1910); vgl.
meine Anzeige in Nr. 2 (Sp. 50-52) des Jahrg. 1912 der Theol. Litztg.

3) Das geht auch hervor aus den neuerlichen ausführlichen Gegenüber-
stellungen der beiden Ausgaben durch A\ enzer, Buchenau und Sange in
Nr. 12 und 15 des Literarischen Zentralblattes 1913.

einem bisher innerhalb der GeifteswifTenfchaften einzig daftehen-
den Mufter macht er deutlich, in welcher Linie fleh eine Fort-
bildung der Seminare vollziehen müfle, um mit den Forderungen
der Zeit, zumal der tatfächlichen Fortbildung der gelehrten Stu-
dien gleichen Schritt zu halten. Einer Vergleichung japanircher
mit deutfehen Gefchichtsepochen, die in feinem Inftitut ausge-
führt ift, entnimmt er Gefichtspunkte gefetzmäßiger immanenter
Entwicklung nach Kulturzeitaltern, die doch gemäß der nationalen
Individualität fleh verfchieden geftalten, fowie des Ineinander-
greifens verfchiedenartiger Kultureinflüffe. Die an diefem Bei-
fpiel verdeutlichte ,pfychogenetifche' Grundauffaffung der Geiftes-
wiffenfehaften, die er vertritt, verfucht er als Glied der geiftigen Ge-
famtbewegung zu begreifen, die er als Übergang zu einer neuen
Epoche des Idealismus charakterifiert. — Ein kaum minder wichtiges
Glied in der Fortbildung gelehrter Studien faftHarnack ins Auge,
indem er die Ausgeftaltung einer deutfehen Nationalbibliothek
fordert. Als Ausgangspunkt für eine folche könne nur die Berliner
Kgl. Bibliothek in Frage kommen, die ihren umfallenden Leiftungen
nach (von denen ein anfehauliches Bild gegeben wird) bereits
auf dem Wege ift, jene nationale Aufgabe zu leiften. Die Er-
richtung einer ,Deutfchen Bücherei' in Leipzig kann, fofern fie
zu einer Zerfplitterung der Kräfte zu führen droht, nicht in jeder
Hinficht gut geheißen werden. — Ebert und Scheuer haben ein
fehr dankenswertes Unternehmen begonnen und mit großem
Gefchickund unermüdlichem Sammelfleiß durchgeführt. Man Itaunt
über den Reichtum des vorhandenen Materials; find doch 5180
Titel aufgeführt, darunter 126 Zeitfchriften und fonftige Werke,
wobei vom Bibliothekenwefen, Perfonalnachrichten u. dgl. völlig
abgerehen ift. Der allgemeine Teil umfaßt u. a. Wefen und Auf-
gabe der Hochfchule (darunter Verhältnis zu Chriftentum und
Judentum), Gefchichte und Statiftik (auch Kritik und Reform),
Verfaffung und Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Disziplin, Hoch-
fchullehrer, der Student als akademifcher Bürger, Hochfchul-
Studium, Studium der einzelnen Wiffenfchaften, Studentenleben
Verbindungen und Vereine, Poetifches, Satirifches und Bildliches
Der zweite (topographifche) Teil berichtet über 61 deutfehe Hoch-
fchulen. Seinen vollen Wert wird das Jahrbuch allerdings nur
dann gewinnen, wenn an den einzelnen Hochfchulen fämtliche
Druckfchriften gefammelt werden und zugleich eine Zentrale
errichtet wird.

Göttingen. Titius.

König, Karl: Staat u. Kirche. Der deutfehe Weg zur Zukunft.
1. u. 2. Tauf. (78 S.) 8°. Jena, E. Diederichs 1912. M. 1 —
Die drei Grundfehler der bisherigen proteftantifchen Kirchen-
bildungen, die König in ihrem Charakter als Bekenntniskirchen,
Gefchichtskirchen, Kirchen der Intoleranz erkennt, gehen fchließ-
Iich darauf zurück, daß die Kirchen das Göttliche in einem be-
ftimmten objektiv gegebenen Belitz zu haben glauben, während
das Göttliche in Gefchichte und Gegenwart die Einzelfeele mit
den fie durchflutenden innerften Kräften des Vertrauens, der
Liebe, der Selbftachtung und Wahrhaftigkeit ift. — Die notwendige
Umbildung der Kirche kann durch die Trennung von Kirche und
Staat nicht erreicht werden. Vielmehr find die auf Privatrecht
gefetzten religiöfen Gemeinfchaften Nordamerikas äußerft in-
tolerante Pflegerinnen religiöfen Spezialiftentums, während die
enge Verbindung der Kirche mit dem Volksleben Weite und Frei-
heit des Religionswefens bewirkt. Der Ruf nach Trennung von
Staat und Kirche, der eine verfehlte Übertragung romanifch-ka-
tholifcher Staatsnotwendigkeiten auf das deutfeh-proteftantifche
Staats- und Kirchenleben ift, wird nur deshalb erhoben, weil die
Kirche fich bei uns noch mit dem alten Zwangs- und Machtftaat,
noch nicht mit dem modernen Kulturftaat mit feiner Selbftver-
waltung und feiner demokratifchen Struktur verbunden hat. Aber
nicht der Staat ift an der Enge unferes gegenwärtigen Kirchen-
tums fchuld, fondern die Herrfchaft der Theologen, die den Staat
zu ihren engen Zwecken mißbrauchen. Folge der Trennung
würde nur fein: Entweder Ifolierung der Einzelgemeinden (be-
fonders verhängnisvoll für die ärmeren Gemeinden!) oder Stär-
kung der Herrfchaft der Orthodoxie in der getrennten' Kirche,
außerdem Zerfpaltung des Proteftantismus. — Die Lofung muß
vielmehr fein: Eingliederung der Kirche in den Kulturftaat nach
Analogie der Eingliederung von Kunft und Wiffenfchaft, denen
gegenüber der Staat nach dem Grundfatz handelt: Verftaatlichung
im Äußeren, Entftaatlichung im Inneren. Dazu gehört, daß die
Pflege des inneren Lebens in den Gemeinden, fpeziell die Wahl
und die Wirkfamkeit des Pfarrers, jedem Zwang entnommen und
den Gemeinden überlaffen, zugleich die Minoritäten gefchützt
werden, die Einführung eines durchaus demokratifchen Wahl-
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