Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

36.1911

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 10.

erkenntnis in irgend einem Sinne voraus, fei es .Erkenntnis
der Norm, fei es Erkenntnis der nach ihr einzufchätzenden
Seinsqualitäten des Gegenftandes'. Des weiteren muß der
Fall erwogen werden, wo der Gegenftand, auf den fich das
Werturteil bezieht, nur ,in der Vorftellung gegeben ift'.
Abermals lautet das Refultat, daß auch in diefem Fall
Bedürfniswerturteile fo gut wie Normwerturteile keine
Seinserkenntnis erzeugen, fondern eine Seinserkenntnis
oder Seinsurteile vorausfetzen. .Auch hier wird der Aus-
fall des eigentlichen Werturteils immer von der voraus-
gehenden Geftaltung der Vorftellung vom Gegenftande
abhängig fein'. Insbefondere ift .Exiftenzerkenntnis' niemals
aus irgend einem Werturteil als folchem mit Sicherheit
abzuleiten; wozu noch ausdrücklich hinzuzufügen ift, daß
die Erkenntnis der Normen immer zugleich Erkenntnis
von ,der Exiftenz der Normen' ift.

Summa des erften pofitiven Teiles: nur Normwert-
urteile, nicht Bedürfniswerturteile können Anfpruch auf
Allgemeingültigkeit erheben; aus Werturteilen überhaupt
ergibt fich keine eigentliche Seinserkenntnis, diefe wird
vielmehr von ihnen vorausgefetzt.

Im zweiten kritifchen Teil polemifiert Lüdemann gegen
eine Reihe von Philofophen, die mit dem Begriff der
Werturteile operieren, wie Windelband, Richert, Groos,
Riehl, und zwar gegen den letzteren fo, daß er zugleich
deffen gefamte Philofophie in den Kreis der Betrachtung
hereinzieht. Noch ausführlicher fetzt er fich mit einer An-
zahl Theologen wie A. Ritfehl, Lipfius, Scheibe, Herrmann,
Reifchle, Häring auseinander, die fich des Begriffs der
Werturteile zu apologetifchen Zwecken bedienen. Die
Fhgebniffe feiner Kritik faßt er felbft gelegentlich in
folgenden Sätzen kurz zufammen: .Beiden Teilen —■ das
heißt, den Philofophen fo gut wie den Theologen — ent-
geht . . ., daß fich Wertbeftimmung überhaupt nur aus
Seinsvorftellung, zumal aber als wirklich allgemeingültige
nur aus Seinserkenntnis ableiten läßt. Tatfächlich erftreben
auch die Philofophen Werterkenntnis .aus Seinserkenntnis
und find daher unteres Erachtens auf richtigerem Wege.
Die Theologen dagegen erftreben Seinserkenntnis durch
Werterkenntnis; fie kommen eben deshalb nicht mit
Sicherheit zum Ziel und fuchen diefe Sicherheit dann
auch fchließlich nur in äußerer Offenbarung, über deren
Erkenntniskriterien fie fich indes wieder in größter Un-
klarheit befinden'.

Soweit die Grundgedanken des Buches, über das,
angefichts der mancherlei vom Autor gemachten Unter-
abteilungen und Unterfcheidungen, fich in der erforder-
lichen Kürze nur berichten ließ auf die Gefahr hin, einzelne
feinere Nuancen zu verwifchen. Wie man fieht, handelt
es fich um einen verfpäteten Beitrag zur Schlichtung
eines Streits, der glücklicherweife allmählich einiges an
Heftigkeit eingebüßt hat.

Der Unterzeichnete ift nun ohne weiteres bereit ein-
zuräumen, daß die Verwendung des Begriffs der Wert-
urteile zur Abgrenzung der religiöfen Urteile von den
wiffenfehaftlichen Urteilen — um etwas anderes handelte
es fich ja nicht — keineswegs unbedenklich war, daß
dabei mancherlei Unklarheiten und Mißbräuche mit unter-
gelaufen find. Das geben heutzutage eigentlich alle zu.
Dennoch läßt fich nicht fagen, daß die von Lüdemann
geübte Kritik trotz mancher berechtigter Gedanken und
Einwände ftets eine gerechte fei. Die Paragraphen 27
und 28 im dritten Band der Ritfchlfchen Lehre von der
Rechtfertigung und Verhöhnung vertragen beifpielsweife
auch noch eine etwas andere, günftigere, Deutung als die
von ihm gegebene. Herrmann, der neuerdings wieder-
holt dagegen proteftiert hat, daß er die religiöfe Über-
zeugung lediglich als Erzeugnis des fittlichen Bedürfniffes
hinftelle, würde fchwerlich die Schilderung feiner Auf-
faffung als zutreffend anerkennen. Überhaupt ift aber
der kritifche Teil unvollftändig. Sollte einmal mit folchen
abgerechnet werden, die fich irgendwie des Begriffs der

Werturteile bei der Charakteriftik der religiöfen Urteile
bedienen, fo mußten unter den Theologen nicht bloß noch
O. Ritfehl fondern vor allem auch J. Kaftan mit feinen
präzifen Beftimmungen berückfichtigt werden; unter den
Philofophen aber der Tübinger H. Maier, in deffen fehr
beachtenswertem Werke über .Pfychologie des emotio-
nalen Denkens' die religiöfen Urteile ebenfalls auf emo-
tionale Vorgänge zurückgeführt werden.

Vielleicht hätte gerade die Bezugnahme auf das
letztgenannte Buch der Debatte doch noch eine etwas
andere Wendung gegeben, nicht zu ihrem Nachteil. Denn
H. Maier unterfcheidet fcharf zwifchen einer Theorie, die
man kurz als die .Poftulatentheorie' bezeichnen kann, und
einer Theorie, nach der die religöfen Urteile auf Gefühle
der Luft und Unluft zurückgehen. Lüdemann aber ver-
folgt die Tendenz, Urteile, die durch Gefühle hervor-
gerufen find, in letzter Inftanz auf das bloße Bedürfnis
zurückzuführen. Nun kann ihm allerdings nicht beftritten
werden, daß für die Würdigung beftimmter Erfahrungen
in Gefühlen der Luft und Unluft ,das Bedürfnis' keineswegs
gleichgültig fei. Aber es ift doch etwas ganz anderes,
ob gewiffe Vorftellungen lediglich durch das Bedürfnis als
folches erzeugt find oder durch diefem Bedürfnis entgegen-
kommende Erfahrungen, die in Gefühlen der Luft und
Unluft gewürdigt werden. Und es erfcheint daher die Frage
revifionsbedürftig, ob nicht durch die genannten Gefühle
Vorftellungen von Realitäten erzeugt werden können, die
über die durch bloße Wahrnehmungen und Empfindungen
als folche veranlaßten Vorftellungen von Realitäten hin-
ausgehen. Auf Anführung einzelner Beifpiele muß hier
verzichtet werden. Nur eines wird durch eine zweimal
wiederkehrende Bemerkung Lüdemanns felbft nahegelegt.
Die Vorftellung einer Notwendigkeit über dem Ich und
den Dingen, die er (S. 133 und 139) als die fundamentale
religiöfe Vorftellung anführt, kann doch im Ich nur da-
durch entfliehen, daß es bei feinem Beftreben, das .Ge-
gebene' theoretifch und praktifch zu bewältigen, bald in
Luft bald in Unluft Erfolge oder Nichterfolge erlebt
und fo der Abhängigkeit von einer Macht über dem Ich
und dem Gegebenen gefühlsmäßig inne wird. Und wieder-
um kann nur auf Grund von in Gefühlen erlebten und
gewürdigten Erfolgen und Förderungen das Vertrauen
und die Vorftellung entfliehen, daß jene Notwendigkeit
nicht eine blinde und finnlofe ift, fondern eine .Ordnung'
ein Zwecke fetzender Wille, der die theoretifche und prak-
tifche Bewältigung des Gegebenen durch das Ich will
Erft wo folches Vertrauen hinter ihnen flieht, nehmen die
zur theoretifchen und praktifchen Beherrfchung des Ge-
gebenen notwendigen, durch transzendentale P'orfchung
zu ermittelnden, apriorifchen Formen den Charakter ab^
folut bindender Normen an, und erfcheinen fie nicht nur
als Vorausfetzung eines Müffens oder als bloße biolo<nfch
zu begreifende Zuchtwahlprodukte oder als bloße tech-
nifche, nur unter beftimmten Bedingungen geltende, Regeln.
Freilich ift nicht zu leugnen, daß jene in Gefühlen^der
Luft und Unluft und einem daraus hervorgegangenen
Abhängigkeitsgefühl erlebte geheimnisvolle Macht.0 über
dem Subjekt und dem Objekt niemals mit Bildern und
Symbolen, die der finnlich wahrnehmbaren Welt ent-
nommen find, völlig adäquatwird vorgeftellt werden können-
ebenfowenig, daß das an der Wurzel alles theoretifchen
und praktifchen Lebens liegende bewußte oder unbe-
wußte Vertrauen zu ihr mitfamt den Vorftellungen und
Urteilen, die es involviert, fich niemals nach Art eines
wiffenfehaftlichen Theorems als allgemeingültig wird
erweifen laffen. Wer fagt denn aber, daß die Theologie
die Quadratur des Zirkels zur Aufgabe hat?

Straßburg i. E. E. W. Mayer.
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