Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

35.1910

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549 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18. • 550

Jefus und Paulus künftlich erweitert, in der neueften
Phafe der Jefus-Paulus-Debatte ift fie jedenfalls eher
verdeckt worden. Paulus ,hat eben diefen Jefus nicht
persönlich gekannt, er ftand nicht unter dem Eindruck
diefes Lebensbildes' fagt — m. E. richtig ■— von Soden
(S. 30); Weiß aber vertritt aufs neue feine Exegefe von

buchs), Gal. 2 (Säule! Unbeständigkeit fiehe Proteus) —
fo geht es in buntem Tanz durcheinander. Jeder Kenner
des Neuen Teflaments wird dafür nur ein Achfelzucken
übrig haben. Aber verfügen wir denn bereits über eine
einwandfreie Methode zur Unterscheidung alter und
junger Elemente in den Evangelien? Weinel empfiehlt

2. Kor. 5,16: Paulus hat Jefus dem Fleifche nach gekannt zur Abhilfe mehr Sicherheit in literarkritifchen I liefen

(Mannheimer Rede S. 11); Weinel endlich behauptet in
mindestens etwas kühner Formulierung: ,an allen wich-
tigen Stellen klingen bei Paulus die Worte Jefu an'
(S. 16). Hier würden wir Weineis eigener Forderung
nach mehr Klarheit und Einheitlichkeit beffer genügen,

(S. 16f.). Aber die literarkritifche Rekonstruktion fcheitert
Schon an dem Sondergut des Lukas, das wir zum größten
Teil nicht mit parallelen Stücken vergleichen, alfo auch
nicht in feiner Urform herausstellen können. Hier muß
die eigentlich literarifche d. h. die StiliStifche Arbeit ein-

wenn wir immer den Unterfchied beachteten zwifchen \ fetzen. Wir muffen immer deutlicher unterfcheiden lernen
dem, was Paulus wußte d. h. von Christen (mündlich j zwifchen der dem Evangelisten vorliegenden Tradition

oder fchriftlich) erfahren hatte, und dem, was er vom
,Reben Jefu' für fein Evangelium verwertete. Ihm galt
eben flvai lv XqioxÖ) mehr als lyvmxivai xaxa oitQxa
XqiOxov; und fo gern fich der Organifator auf ein Herrn-
wort berief, der Pneumatiker hatte xov sv iftol XaXovpxa
Xqiöxov, und wenn er deffen unmittelbare Stimme vernahm,
duifte er die ihm vermittelte Kunde von Jefus außer
Acht laffen. Wie der Pneumatiker, fo bedarf auch der
Stilift Paulus noch einer befonderen Wertung: ,wenn
gefagt wird, die paulinifchen Briefe feien nicht das Werk
eines Mannes, fondern einer Schule — wie will man den
Gegenbeweis führen, wenn man nicht über das Perfön-
lichfte, über den Stil fich mit vollem Bewußtfein klar
geworden ift?' (Weiß, Ferienkurs S. 99). Mehr litera-
risches, künftlerifches Verständnis des Paulus, denn vor
dem Beurteilen hat das Nachempfinden zu Sehen! Jenfen
Scheint folche nachempfindende Lektüre der Paulusbriefe
völlig fremd zu fein; der Römerbrief ift ihm eineHomilie
über Kernfprüche Jefu aus feinen letzten Tagen — gleich
die erfte Hälfte des Römerbriefs behandelt die Gefchichte
vom verfluchten Feigenbaum. Das beweift er mit fol-
gender Parallelifierung (S. 9):

Markus 11, 13 ur,d22ff.Jefus Römer 1,13—8,39: Paulus
kommt an einen Feigen- erzählt, daß er oftmals zu
bäum heran in der Hoff- den Römern hat kommen
nung, Früchte an ihm zu wollen, um unter ihnen
finden, und fpricht dar- ,etwas Frucht zu erhalten'
nach die Worte von der und fpricht darnach über
AllmachtdesGlaubens. die Gerechtigkeit und das

Heil allein durch den

Glauben.

Ebenfo follen einander entfprechen Rom. 9—11 und
Mark. 12, iff. (Verwerfung und Erwählung), Rom. 13,6f.
und Mark. 12,13flf. (Steuer), Rom. 13,8ff. und Mark.
I2,i8ff. (Nächstenliebe), ferner das Wort von der Nacht,

und dem Rahmen, den er ihr gegeben hat; dabei denke
ich an Einleitungen mit Zeit- oder Gelegenheitsangaben,
an Schlüffe geformt aus lofen Herrnfprüchen oder Lob-
preifungen im Munde des Volkes, an Überleitungen und
Füllftücke wie die fog. Sammelberichte von Kranken-
heilungen. Auch über die litetarifchen Formen, in denen
die Tradition den Evangelisten vorlag, find wir uns noch
nicht im Klaren. Wenn Weiß (Ferienkurs S. 140fr.)
zwifchen Streit- und Schulgefprächen und Petrusge-
fchichten fcheidet, fo belaftet er die literarifche Methode
mit inhaltlichen oder hiftorifchen Maßftäben, die (ich mit
den ftiliftifcheri durchaus nicht immer decken. Wir
müffen es m. E. als unfere Aufgabe betrachten, an den
Formen die Gesichtspunkte zu erkennen, die für die
Formung maßgebend gewefen find, z. B. Gesichtspunkte
der Miffionspraxis (das Acumen der Gefchichte pflegt
in diefem Fall ein Herrnwort von autoritativer Geltung
zu fein, vgl. Mark., 2, 1—3,6) oder der Novelliflik (die
Gefchichten zeichnen Sich dann häufig durch Reichtum
an Details aus, vgl. Mark. 4,35—5,43). Solche Scheidung
irt indirekt für die Glaubwürdigkeitsfrage fruchtbar: bei den
Miffionsgefchichten hätten wir vor allem Zutaten mit
Rückficht auf Gemeindebedürfniffe zu erwarten, bei den
Novellen Erweiterungen zugunsten der Anfchaulichkeit
oder zur Steigerung des Wunderhafter. Ich glaube,
daß gerade folche Arbeit Weineis Forderungen nach
Klarheit und Deutlichkeit am betten entfprechen würde.

Die religionsgefchichtlichen Fragen find in der vor-
liegenden Literatur auf theologifcher Seite verhältnis-
mäßig kurz weggekommen. Fraglos mit Recht, foweit
es fich um Fündlein wie Nazoräus — N-S-R handelt,
nicht ganz fo fraglos, fobald es den Sterbenden und
wiederauferftehenden Gott gilt. Die Chriftologie des
Urchristentums mußte fich, weil die Gefchichte eines
göttlichen Weiens erzähltwerden follte, mythifcherFormen

die vergangen ift (Rom. 13, uff.), der eschatologifchen j bedienen; wie diefe Formen den Christen vermittelt
Rede bei Markus, endlich Rom. 14 dem Abendmahls- j waren und woher fie urfprünglich flammten — das find

bericht. Ich denke, diefe Tabelle fpricht für oder viel
mehr gegen Sich felbft, ebenfo wie die auf das wieder-
holte Vorkommen des gleichen Brieffchemas gegründete
Behauptung Jenfens (S. 15), I. The ff., Gal., 1. Kor., Eph.,
Kol., 1. Petr. fetzten den Römerbrief oder einen ganz
ähnlichen, uns verlorenen Brief voraus. Aber wir müffen
doch bekennen, daß eine forgfältige Unterfcheidung des
Bloß-Ailiftifchen und Schematifchen in den Paulusbriefen
von deren individuellen und okkafionellen Elementen
zurzeit noch nicht erreicht ift.

Noch empfindlicher macht fich der Mangel litera-
rischer Bewertung (d. h. nicht: literarkritifcher Quellen-
fcheidung) bei den Evangelien bemerkbar. Man macht
es Drews mit Recht zum Vorwurf, daß er das neutefta-
mentliche Material zu feiner Petruslegende wähl- und

Fragen, die auch die neuefte Debatte noch nicht befrie-
digend^ gelöfl hat. Voreilige und dilettantifche .Ablei-
tungen' bringen uns dabei immer nur einen Schritt
rückwärts, Solange das Material noch nicht genügend
gefammelt und gefichtet ift. Während wir noch in den
Anfängen diefer Arbeit flehen, dürfen wir uns aber auch
nicht mit der Formulierung helfen, die von Soden
(S. 48h) braucht und mit der er lieh, wenn auch nur
Scheinbar, dem Standpunkt von A. Jeremias nähert:
,wenn die tiefe Wahrheit ftellvertretenden Leidens, der
Opferkraft eines freiwilligen Todes, ja der allerkühnfle
und allertieffte Gedanke, daß ein Gott fich opfere, fchon
vorher ausgefprochen worden find und zu Mythen fich
verdichtet haben, warum muß es denn ein Mythus fein,
wenn fich diefe Wahrheit einmal in einem Leben ver-

kritiklos aus den verfchiedenflen Stücken zufammenftellt: wirklicht?'
Mark. 1 (Schwiegermutter, alfo verheiratet, fiehe die He- 2. Die prinzipiellen Fragen. Die Entwicklung

lena des Simon Magus), Joh. 18 (Petrus eöroic im Hof j der Debatte, die Zufpilzung des Problems auf die Frage
des Hohenprieflers, liehe Simon Magus ,ho Hestos', fiehe ,hat Jefus gelebt?' hat es mit fich gebracht, daß der
die Himmelsfäule des vorderafiatifchen Sonnengottes), ! Ausgangspunkt der Diskuffion in den Hintergrund ge-
Matth. 16 (Barjona fiehe Janus, Fels und Schlüffel fiehe j treten ifl. Und diefer Ausgangspunkt war eine philo-
den Seelenpförtner Petra-Anubis des ägyptifchen Toten- j fophifche Fragestellung: hat die Gefchichte in der Reli-
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