Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

35.1910

Zitierlink

547

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18.

548

Soden die außerchriftlichen und die evangelifchen Zeug-
niffe: jene können ,nur für die Gefchichtlichkeit Jefu,
nimmermehr gegen fie in Anfpruch genommen werden',
diefe erweifen (ich, befonders wenn man die zwei von
einander unabhängigen ,Urevangelien' rekonftruiert, als
,reich an Stoffen, die keine andere Erklärung ermöglichen,
als daß fie gefchichtliche Tatfachen find'. Die Schwierig-
keit aber, die in dem Problem ,Paulus und Jefus' liegt,
ift verhältnismäßig leicht durch die Erkenntnis zu löfen,
daß der Apoftel Jefus nicht perfönlich gekannt hat. Auch
die mythifchen Zufammenhänge, die Drews behauptet,
find nach von Soden nicht vorhanden oder belanglos:
erfteres gilt vom ,jüdifchen Sektenheros namens Jefus',
letzteres von den Mythen, in deren Mittelpunkt der
fterbende Gott fteht. — In etwas anderer Reihenfolge
paffiert Joh. Weiß in feiner Mannheimer Rede diefelben
Stationen: außerchriftliche Zeugniffe, Heilandsvorftellung,
Paulus (doch hat er nach Weiß Jefus gekannt laut 2. Kor.
5, 16, und Paulus ging nicht gleich nach der Bekehrung
zu Petrus, weil diefer ihm Neues gar nicht mehr fagen
konnte), Evangelien. Und Grützmacher fügt in feinem
Nachwort noch eine Kritik an Drews' Auflöfung der
Petrusgefchichte fowie eine Apologie des gefchichtlichen,
von einer Perfönlichkeit (lammenden Evangeliums hinzu.
— Jülichers Rede ähnelt in ihrem zweiten Teil der
Schrift von Sodens: nur behandelt er Paulus und die
Apoftelgefchichte vor den Evangelien und unter Be-
tonung gewiffer gemeinfamer Züge: Paulusbriefe und
Apoftelgefchichte (bezw. Reifebericht) find einfeitig,
werden von dem Wunfeh, Glauben an Chriftus zu er-
wecken, beherrfcht — find aber gerade in ihrem unfyfte-
matifchen Charakter wertvolle hiftorifche Zeugniffe des
Urchriftentums. Voran fteht bei J. ein Hinweis auf den
Unterfchied zwifchen gefchichtlicher und abfoluter Gewiß-
heit. — Wie die verfchiedenen Zeiten und Individualitäten
fich mit ihrem Fragen und Forfchen um Jefus gemüht
haben, fchildert Bornemann; es folgt dann eine Aus-
einanderfetzung mit Drews, zuerft allgemein mit dem
Eklektizismus feiner Konftruktion, dann detaillierter mit
einzelnen Behauptungen — leider nicht, ohne daß der
Vortragende Drews mehrmals hundert Mark für den
Gegenbeweis anbietet — ein Verfahren, das weder dem
Niveau diefer Vorträge noch der Sache entfpricht. Veit
gruppiert die Verkündigung Jefus des Lehrers nach drei
.Redeftilen': Himmelreichsverkündigung, Gefetzesaus-
legung, Weisheitsfprüche, Schufter zeichnet die Perfön-
lichkeit Jefu, die hinter all den mannigfachen, in äußerft
lebendiger Paraphrafe vorgeführten Einzelzügen feines Le-
bens fteht: die Kraft diefer Perfönlichkeit, das Selbftgefühl
Jefu, feine innere Freiheit, Liebe, Berufstreue und Gottes-
glaube. — Böhtlingk endlich fucht Drews zu verteidigen,
indem er Ungerechtigkeiten der Polemik gegen ihn unter-
ftreicht und von Drews'Pofition aus Linien nach rückwärts
(Nork, Gfrörer, B. Bauer u. a.) und feitwärts (Hausrath,
Pfleiderer, Brückner, aber auch Dunkmann!) zieht.

Eine zweite Gruppe von Schriften will die in Rede
flehenden Probleme weiter bearbeiten oder wenigftens
Anregung zu. folcher Arbeit geben. Weinel fkizziert
dabei die erreichten Pofitionen mit knapper, aber gut
orientierender Übefficht des Materials in feinem Nach-
wort: ,Mit welchen Gründen Arthur Drews kämpft und
wie man ihm entgegentreten kann'. Im Hauptteil feiner
Schrift aber fragt er — nach kurzer, vielleicht reichlich
fcharfer Charakterifierung der Drews-Bewegung und des
Dilettantismus ihres Urhebers — was wir von diefem
Dilettantismus lernen können. Vier Ratfchläge gibt er
den Theologen: Deutlichere Abfertigung der Gegenfeite,
vorfichtigere Ausdrucksweife in religionsgefchichtlichen
Dingen, gründlicheres Ablenken von den P'rageftellungen
der Orthodoxie, befonders von der chriftologifchen, klarere
Herausftellung der eigenen Refultate. Dann folgt eine
Warnung vor allzu leichtfertigem Negieren der Tradition
und vor allzu poetifchem Individualifieren des Jefusbildes.

Den Schluß macht eine Auseinanderfetzung mit den
großen prinzipiellen Fragen: Chriftentum und Predigt
Jefu, Chriftentum und Gegenwart (darüber f. u.). — Um
prinzipieller Folgerungen willen läßt Dunkmann die
modernen Jcfus-Bilder und die ,Chriftusmythe' Revue
paffieren: in der Anerkennung des fupranaturalen Cha-
rakters des chriftlichen Gemeindeglaubens liegt für ihn
die Löfung der Probleme: Aus dem Gottesglauben Israels
enttland die Meffiasidee; Jefus ift die Verkörperung diefer
weder mythifchen noch bloß vernünftigen, fondern fu-
j pranaturalen Idee: er ift der Chrift — und das war der
Glaube der chriftlichen Gemeinde, den Paulus nicht erft
zu fchaffen brauchte, den er nur in feinen Konfequenzen
vollenden konnte. — Ohne fyltematifche Abzweckung,
von dem Beflreben geleitet, die Stimmen der Drews-Jenfen-
Debatte zu Forderungen an die neuteftamentliche Wiffen-
fchaft umzuformen, unterfucht Joh. Weiß in feinem Ber-
1 liner Ferienkurs das religionsgefchichtliche Problem und
die hiftorifchen Zeugniffe. Während die Überficht über
das Drews'fche Material es befonders evident macht, daß
in deffen Konftruktion die bewegende Kraft fehlt, die
das Zufammentreffen fo verfchiedenartiger Stoffe in der
Chriftusmythe der Evangelien zuftande gebracht hätte,
wird in der Kritik Jenfens, der ja den mythifchen Urftoff
l der Evangelien nicht erft zufammenzutragen braucht, vor
allem ein Punkt betont: die Anordnung der Motive in
! den Evangelien ftimmt mit der Akoluthie der angeblichen
I parallelen Stücke im Gilgamefch-Epos nicht überein. Bei
der Wertung der Paulusbriefe und Evangelien find es
j befonders die literarifchen Probleme, denen Weiß —
i feiner eigenften Begabung, aber auch dem Stande der
j Dinge entfprechend — eine wefentliche Geltung auch für
die Glaubwürdigkeitsfrage einräumen möchte. Während
das Weinelfche Heft unter den genannten Schriften am
meiften zu ernfter Selbftbefinnung anregt, hat Weiß die
zukunftsfrohefte Schrift zu unferm Thema gefchrieben —
und wenn die ganze, nicht immer erfreuliche Debatte
wirklich in diefer Weife ausklänge und uns neuen Frage-
ftellungen und ihrer Löfung zuführte, dann dürften wir
| von einem Segen für unfere Wiffenfchaft fprechen. —
Inzwifchen haben übrigens auch die Angegriffenen die
Debatte fortgefetzt. Drews verfucht nun auch die evan-
gelifchen Nachrichten über Petrus in einen mythifchen
| Zufammenhang zu (feilen: es ,reichte der Umftand, daß
1 Paulus den Apoftel Petrus als wankelmütig und unbeftändig
hingeftellt und trotzdem zugleich als eine „Säule" der Ge-
! meinde zu Jerufalem bezeichnet hatte, bei den nahen
i Beziehungen der Chriftus- und Mithrareligion vollftändig
aus, den paulinifchen Petrus mit Mithra, Proteus und
weiterhin mit Janus gleichzufetzen und fo die Lebens-
gefchichte des evangelifchen „Felfenmannes" zu erfinden'
(S. 35f.)- Jenfen verwahrt fich dagegen, daß er als ,neuer
Heroftrat' Sturm laufe gegen die Exiftenz Jefu überhaupt:
nur gegen das evangelifche Bild Jefu und gegen das
Zeugnis des Paulus geht feine Kritik. Beider Unzuver-
läffigkeit aber ergibt fich ihm auch ohne die Hilfe des
Gilgamefchepos.

Damit ftehen wir fchon in der Diskuffion über die
Probleme. Am leichterten wird fich über die außer-
chriftlichen Zeugniffe eine wenigftens relative Einigkeit
erzielen laffen. Die foziale Umwelt des Chriftentums
war nicht von der Art, daß römifche Hiftoriker fich
über die chriftliche Bewegung unterrichten mußten. Be-
fitzt wirklich unfere ,Öffentlichkeit' foviel Kenntnis von
Sekten und Konventikeln, daß uns die Spärlichkeit außer-
chriftlicher Zeugniffe wundern dürfte? Darum follte man
diefe Spärlichkeit nicht mit der Behauptung motivieren,
es feien Nachrichten über Jefus in der uns verlorenen
Gefchichtsfchreibung der Tiberius - Zeit untergegangen
(fo Weiß, Mannheimer Rede S. 6). Schwieriger ift —
befonders auf fremdem Gebiet dilettierenden Forfchern
wie Drews und den Laien gegenüber — das Verhalten
des Paulus zu deuten. Hat man früher die Kluft zwifchen
loading ...