Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

35.1910

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 12.

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fterben müßte (II, 2, Anfelm betrachtet hier die allge-
meine Sündhaftigkeit als eine Vernunftwahrheit), daß aber
Gott unmöglich die Verhinderung feines Planes dulden
kann (II, 3. 4.). Wenn auch nach Heinrichs bei Anfelm
nicht eine dem Befchluß Gottes vorausgehende necessitas
antecedens der Erlöfung vorliegt, fondern die Notwendig-
keit der Erlöfung auf dem Prinzip der Unabänderlich-
keit eines ganz konkret gefaßten, freien Urbefeligungs-
dekrets fich aufbaut (S. 25), fo kann Anfelm ,der Verwurf
des (materiellen) Rationalismus' nicht -erfpart bleiben,
da er die Grundlagen jener Notwendigkeit der ratio
entnahm, fich alfo anmaßte, mit dem bloßen Verftand
etwas zu erreichen, wozu nach Conc. Vaticanum 4. De
fide et ratione can. 1. die Offenbarung abfolut erfordert
ift (S. 53). Allein es handelt fich hier nur um eine
,irrige Anficht' über einen Speziellen Punkt', nämlich
die Frage nach der Natürlichkeit oder Übernatürlichkeit
der Erkenntnis, daß die aeterna fruitio Dei das not-
wendige Ziel Gottes mit den Menfchen fei. Die ganze
übrige Verföhnungslehre Anfelms, die Darflellung der
Art, wie das Urbefeligungsdekret ausgeführt wurde,
wird — dies fuchen die weiteren Abfchnitte zu zeigen —
von diefem rationaliftifchen Irrtum nicht mitbetroffen.
Hier beginnt nun bei Heinrichs die tendenziöfe Inter-
pretation die objektive Darflellung zu trüben. Die Ver-
nunftnotwendigkeit der Satisfaktion als der einzig mög-
lichen Ausführung des Urbefeligungsdekrets beruht —
darüber war man bisher bei aller Meinungsverfchiedenheit
über die Herkunft des Satisfaktionsbegriffs einig — auf
dem abfoluten Sinne der Alternative: aut satisfactio aut
poeua, d. h. darauf, daß in diefem Satz eine dritte Mög-
lichkeit ausgefchloffen wird. Denn nur unter diefer
Vorausfetzung ergibt fich aus der Tatfache, daß die
poena durch das vernunftnotwendige Urbefeligungsdekret
ausgefchloffen wird, die satisfactio als notwendige
Folgerung. Heinrichs nimmt diefem ganzen Notwendig-
keitszufammenhang die logifche Stringenz und damit
den rationalen Charakter, indem er dem Axiom: ,aut
satisfactio aut poena' ,jene abfolute und harte Bedeutung'
nimmt. Wenn Anfelm fpäter (I, 19) fagt, das Gebet des
reuigen Sünders fei fchon ein Teil des Erfatzes, fo
findet Heinrichs hierin neben den»beiden Möglichkeiten:
volle Satisfaktion oder volle Strafe, die dritte Mög-
lichkeit angedeutet, daß Gott fich mit dem in der Reue
des Sünders beflehenden teilweifen Erfatz begnügen
und daraufhin verzeihen könnte. Die Alternative ,aut
satisfactio aut poena' gilt alfo nur, wenn der Erfatz über-
haupt verweigert wird. Ift diefe dritte Möglichkeit einer
Verzeihung unter teilweifem Erfatz überhaupt vorhanden,
fo erfcheint die Herbeiführung eines vollen Erfatzes
überfiüffig. Heinrichs entgeht diefer Konfequenz nur
dadurch, daß er Anfelms Gedankengang dahin umbiegt:
Die Mangelhaftigkeit des Erfatzes für die Sünde ,wäre
eine Beeinträchtigung der fubjektiven Seligkeit' des
Menfchen (S. 102). Um die fubjektive Seligkeit des
Menfchen zu vervollftändigen, führt Gott aus Barm-
herzigkeit eine volle Satisfaktion herbei. Heinrichs
muß felbft zugeben. ,der hl. Anfelm... würde an Klar-
heit gewonnen haben, wenn er ausdrücklich auf diefe
befchränkte Bedeutung feines Satzes (aut satisfactio aut
poena) aufmerkfam gemacht hätte' (S. 94). Er wundert
fich alfo felbft, daß Anfelm in den grundlegenden
Kapiteln gerade die Hauptfache verfchweigt. Auch die
Stelle I, 24 gibt ihm zu denken: At si dimittit quod
invito erat ablaturus propter impotentiam reddendi quod
sponte reddere debet, relaxat Deus poenani et facit beatum
hominem propter peccatum, quia habet quod debet non

habere. Nam ipsam impotentiam debet non habere____

Denn hier wird ja in der unmißverftändlichften Weife
eben gerade nicht die willensmäßige Verweigerung des
Erfatzes, fondern die impoteutia reddendi als dasjenige
bezeichnet, was nicht ohne Satisfaktion verziehen werden
kann. Allein Pleinrichs findet, daß Anfelm auch an

1 diefer Stelle nicht ,in diefer Unfähigkeit das eigentlich
Strafbare des Sünders erblickt', fondern in der Ver-
weigerung des Erfatzes (S. 96). Nicht beffer fteht es
mit dem Stellenbeleg für ,die Beeinträchtigung der fub-
j jektiven Seligkeit' durch die Mangelhaftigkeit des Er-
fatzes für die Sünde. Niemand hat wohl bisher die Stelle:
Sed si volet quod non poterit indigens erit; si vero non volet
iniustus erit... Sive autem indigens sive iniustus sit,
beatus non erit (I, 24) im Sinne einer Verringerung
des Seligkeitsgefühls durch das Bewußtfein der unvoll-
ftändigen Satisfaktion verftanden. Deutlich genug ift vom
vollftändigen Seligkeitsverluft die Rede, der eintritt,
wenn kein Erfatz geleiftet wird.

Aber Heinrichs nimmt nicht nur dem Poftulat einer
I vollen Satisfaktion bei Anfelm den Charakter der Ver-
nunftnotwendigkeit, fondern auch der Anwendung diefes
Poftulats auf das Lebensopfer Chrifti. Wie die Not
wendigkeit der Satisfaktion mit der abfoluten Geltung
! der Alternative aut satisfactio aut poena fteht und fällt,
fo beruht die Notwendigkeit der faisfaktorifchen,
Wirkung von Chrifti Tod auf der abfoluten Geltung
des Unterfchieds zwifchen Pflichtigen und Überpflichtigen
Leiftungen. Denn nur unter diefer Vorausfetzung folgt
J aus der Tatfache, daß der Tod des Gottmenfchen keine
! Gehorfamsleiftung war, die Überpflichtigkeit desfelben
| und damit das Recht auf fatisfaktorifche Wirkung. Auch
hier erweicht Heinrichs die Grundlagen, die Anfelms
Gedankengang tragen, indem er deffen klare Unter-
I fcheidung zwifchen der Pflicht alles Außergöttlichen,
für Gott da zu fein, und dem der Kreatur unmöglichen
j Überpflichtigen der fpäteren Kirchenlehre annähert, nach
[ welcher ,alle hlandlungen, bezüglich deren kein Gebot
vorliegt, als überpflichtig in dem für die Genugtuung
in Betracht kommenden Sinne gelten' (S. 123). Wird
in diefem Sinn die Unterfcheidung zwifchen Pflichtigen
l und Überpflichtigen Handlungen nicht mehr wie bei
I Anfelm rational, fondern empirifch durch das jeweilige
I Vorliegen oder Fehlen eines Gebots begründet, fo wird
es unmöglich, die abfolute Überpflichtigkeit des Todes
Chrifti nachzuweifen. Denn nun kann aus der Über-
pflichtigen Handlung plötzlich durch Auftreten eines
j auf fie bezüglichen Gebots ein Pflichtiger Gehorfamsakt
werden. ,Es wäre ja wohl möglich, daß Gott befagte
Leiftung nun nach der Sünde, eben als Genugtuung
! für die Sünde forderte, und daß fomit die Abtragung
j diefer Leiftung einen Akt des Gehorfams darftellte'
(S. 121). Warum legt nun aber Anfefm trotz des Kon-
j flikts mit Bibelflellen und trotz der Schwierigkeit,
! Leidensgehorfam und Tod von einander loszulöfen, fo
großen Wert auf den Nachweis, daß Jefu Tod keine
Gehorfamsleiftung war, die Gott hätte fordern können?
j Mit dem Satisfaktionswert des Todes Chrifti hatte diefer
I Nachweis ja nach Heinrichs nichts zu tun. Es muß alfo
ein anderes Motiv desfelben ausfindig gemacht werden.
1 ,Den wahren Grund, weshalb Anfelm den Gehorfams-
1 charakter im Tode Chrifti verwirft, finden wir in dem
J Beftreben, den... Tod des Gottmenfchen auch als fitt-
i lieh einwandfrei in bezug auf Gottes Zulaffung zu er-
weifen' (S. 134). Hätte nämlich Gott den Tod des
I Unfchuldigen als Mittel zu unferer Erlöfung gefordert,
fo würde feinem Erlöfungsplan ein fittlicher Makel an-
haften. ,Nicht die Verdienftlichkeit des Lebensopfers
Chrifti und damit die Möglichkeit unferer Befreiung,
fondern die Weisheit und Gerechtigkeit Gottes und da-
| mit die Sittlichkeit diefes Erlofungsplanes ftand für
Anfelm auf dem Spiele, wenn der Tod Chrifti irgendwie
unter den Begriff des Gehorfams fiel' (S. 140). War
dies aber nicht der Fall, handelte es fich auf Gottes
Seite nur um die Annahme eines von Chriftus freiwillig
dargebrachten Lebensopfers, fo bedurfte es nur noch
eines vernünftigen und fittlichen Motivs für Chrifti frei-
willigen Tod, um ,den Vorwurf der Unziemlichkeit
| gegen die Zulaffung' desfelben ,abzuwenden'. Diefes
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