Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

34.1909

Zitierlink

499

Jheologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 17.

500

Für die ausführliche und fehr gründliche gefchicht- |
liehe Entwicklung der Trauung (207—304) wird jeder
Lefer dem Verfallet- herzlich dankbar fein. Nur darauf
erlaube ich mir hinzuweifen, daß zu der fehr richtigen
Bemerkung (274), nur der Konfens der Ehegatten wirke
die Ehe felbft, die Definition der Trauung (280), fie fei
die Übergabe (Anvertrauung) der Eheleute aneinander
zur gegenfeitigen Lebensgemeinfchaft im Namen Gottes
wenig paßt. Woher hat denn die Kirche Macht, die
bereits durch ihren Confenfus einander angehörenden
Eheleute einander zu übergeben? Die Trauung kann
nur die kirchliche Anerkennung der Ehe einerfeits und
das Bekenntnis der Eheleute zur chriftlichen Führung der
Ehe anderfeits fein; fonft hat fie in der Tat keinen Sinn.

Wohltuend berührt in dem Abfchnitte über das '
Begräbnis (306—345) die ernfte Rüge, die der Verf.
den böfen Unterfchieden in den Begräbnis-Feierlichkeiten
je nach dem Geldbeutel erteilt. Bedenklich finde ich
etwas Anderes; die private Fürbitte für den Verftorbenen
als notwendiger Ausdruck frommer Liebe, die über den 1
Tod hinaus lebt, ift doch wohl kein Grund (338), auch die j
kirchliche Fürbitte gutzuheißen, da hier der Trieb der |
individuellen Liebesgemeinfchaft fehlt. Daß R. für die
kirchliche Feier bei Feuerbeftattung und bei Beerdigung
von Selbftmördern eintritt, kann ich jetzt nur billigen.

InbetrefT der Ordination (405—439) hätte ich gern
eine eingehende Kritik unferer Einrichtungen gewünfeht.
Es liegt doch ein Widerfpruch darin vor, daß einerfeits j
das Pfarramt an die Gemeinde gebunden ifl — jeder !
emeritierte ,Geiftliche' wird ,Laie', auch z. B. in den j
Synoden —; daß aber diefe Laien dennoch dem ,geift- !
liehen Stande' angehören und vertretungsweife fämtliche
Funktionen des Pfarramts verrichten dürfen, die den,Laien'
doch gewiß nicht zuftehen. Die Ordination ferner durch ein
Lokal-Kirchenregiment hat Geltung in dem Bereich aller
anderen Kirchenregimente, obgleich irgend, eine Ver-
bindung aller mit einander oder gar eine Übertragung
des Rechtes aller an jedes Lokal-Kirchenregiment nicht
ftatthat. Auch gegen die Definition der Älteften (Pres-
byterium, Kirchengemeinderat) als .Vertreter der Ge-
meinde' muß ich Einfpruch erheben. Das fetzt einen Ge-
genfatz zwifchen Pfarrer und Gemeinde voraus, der hier
um fo weniger ftatthat, als nach den neuen evangelifchen
K.OO. der oder die Pfarrer Glieder des Presbyteriums find.

An Einzelheiten dürfte folgendes zu korrigieren fein:
35 Bonifatius (ftatt -cius), 73f. Helmftedt (ftatt -ftädt), 86f.
Johann Arnd (Arndius ftatt Arndt), 157 Haffencamp (ftatt
-kamp), 190,9 Konfirmation (ftatt Taufe) 208, 12 und 300,7
Blumftengel (ftatt Blumenftengel), 252,4 verwirkt (ftatt
bewirkt), 278,4 v. u. Staat (ftatt Mann), 396 Anm. 5: Groß-
gebauers Wächterftimme ift 1661 in Frankfurt erfchienen
(ftatt 1667 in Frankfurt und Leipzig), 453 und 455 Kirchen-
regimente (ftatt-regimenter). In den Zitaten der Heffilchen
Kirchenordnungen finden (ich manche Irrtümer. 83 wer-
den die Landeskirchenordnungen 1566 und 1574 Mar-
burger Ordnungen genannt (richtig 152), 120 Beide
Taufformulare in Heffen-Caffel reformiert haben das Gebet
des Herrn, 169 Heffen 1574. 1657 (ftatt 1665), 194 ge-
fchieden ift Prüfung und Konfirmation in Gaffel luth.,
ref. und uniert. In Caffel ref. und luth. werden die
Heffifchen Fragflücke außer der vorhergehenden Prüfung
bei der Konfirmation aufgefagt, 195 Caffel luth. hat ent-
weder Predigt oder Rede, 202,8: nur Caffel uniert. Z. 13:
Caffel luth. und uniert haben zwei Einfegnungsformeln,
303,3 nur Caffel uniert: luth. hat den Beifatz: ,wo es üb-
lich ift'; ref. hat das Knien bei der Trauung nicht, 306,3
Caffel hat Lektion, Anfprache und Fürbittgebet, 322
das Vortragen eines Kreuzes ift im Konfiftorialbezirk
Caffel nicht üblich. Zu 124: die neue Ausgabe der Agende
von Lippe-Detmold (1908) hat 4 Taufformulare; in Nr. 1
und 4 lautet die Tauffrage: ,Welchen chriftlichen Namen
wollt ihr dem Kinde geben?' in Nr. 2 und 3 fteht die Auf-
forderung: ,Gebet dem Kinde einen chriftlichen Namen'.

Alle 4 haben die Formel: ich taufe dich in den Namen,
404,4 hinzuzufügen: Lippe-Detmold, Heffen-Caffel nur
uniert (die reformierte Form), Z. 7 Heffen-Caffel luth., ref.
und uniert. Z. 15 auch Lippe-Detmold hat die Reten-
tionsformel. —

Marburg. E. Chr. Achelis.

Berichtigung und Erklärung.

In der Th.L.Ztg. 1909 Nr. 14 Sp. 415. 416 habe ich eine Bemer-
kung über D. Fickers Luther-Edition gemacht, zu der ich, auf Grund
eines Privatbriefes D. Fickers an D. Schürer, eine Berichtigung machen muß.

Vorausfchicke ich, daß ich nicht im er.tfernteften daran gedacht
habe, D. Fickers mühevolle Arbeit auch nur im geringften herabzufetzen;
ich beglückwünfehe ihn vielmehr von Herzen zu diefem feinem überaus
wertvollen Funde und zur muftergiltigen Publikation desfelben. Der auf-
richtige Dank für feine ausgezeichnete Leiftung hat mich aber doch nicht
gehindert, meine Bemerkung zu machen.

Diefelbe beftand aus zwei Teilen. Im erften Teile fagte ich: ,Da
J. Ficker in feiner „vorläufigen" Luther-Edition vom Jahre 1908 nur die
Gloffa und den Scholienkommentar, aber noch nicht die eigentliche Vor-
lefung Luthers zum Römerbrief ediert hat, fo befinden wir uns heute zum
Teil noch immer in derfelben Kalamität wie vor 1908'. Von diefen Worten
kann ich keins zurücknehmen, und ich füge noch weiter hinzu, daß ich
Gloffa (die Worterklärung des Textes) und Scholienkommentar (die
Erklärung wichtiger Loci des Römerbriefs) nur für die häusliche Vor-
bereitung Luthers auf feine Vorlefung halte, daß alfo die Vorlefung,
die Luther den Studenten diktiert hat, der Haupt teil der ganzen Arbeit
Luthers am Römerbrief ift. Da J. Ficker diefen Hauptteil, wie ich ihn
taxiere, nicht gedruckt hat, fo befinden wir uns zum Teil noch in der-
felben Kalamität wie im Jahre 1908.

Dazu paßt, was D. Ficker in feiner Edition I, p. LI felbft gefchrieben
hat: ,Aus Gloffe und Scholien hat Luther den Text kombiniert, den er in
der Vorlefung feinen Studenten gab. Diefer Text, von ihm diktiert, ein
Auszug feiner vorbereitenden Arbeiten, im Verhältnis zu diefen außerordent-
lich knapp, ift in verfchiedenen mit Zugrundelegung des Druckexemplars
des Römerbriefs angefertigten Nachfchriften erhalten, auch in einer nach-
träglichen Kopie einer folchen Nachfchrift, und foll dereinft in der Weimarer
Ausgabe der Werke Luthers mit abgedruckt werden. Im einzelnen weilt
diefer Text, der das letzte Stadium der Arbeit Luthers am Römerbriefe
zeigt, noch einige Veränderungen auf im Vergleiche mit Gloffe und Scholien.
Er ift im folgenden nur verwertet worden, wo es zur Sicherung des Wort-
lautes nötig erfchien'.

Im zweiten Teil meiner Bemerkung dagegen muß ich mich auf
Grund des Briefes von D. Ficker an D. Schürer korrigieren. Ich hatte
gefagt, daß wir (für das, was ich als Hauptteil der Arbeit Luthers be-
zeichne, und von dem ich annahm, es ftünde auch im römifchen Manu-
fkript) noch jetzt auf die Zitate von Denifle und Braun angewiefen find.
D. Ficker erklärt dagegen, daß er alles gedruckt hat, was im römi-
fchen Kodex fteht, daß er aber den Text nach dem Berliner Ori-
ginal gedruckt habe. Denifle und Braun zitieren alfo nach derFoliierung
der römifchen, Ficker nach der der Berliner Handfchrift. Diefe Verfchie-
denheit der Foliierung (bei Ficker reicht fie bis fol. 152, bei Denifle und
Braun bis fol. 285, foweit ich mir Exzerpte gemacht habe) hatte mich
irre geführt. Wir find alfo nicht mehr auf die Zitate bei Denifle und
Braun angewiefen, können fie aber leider nicht kontrollieren, da D. Ficker
die Zählung der Blätter der römifchen Hdfchr., die zur Vergleichung nötig
wäre, nicht angegeben hat.

Göttingen. P. Tfchackert.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin
jDeutfctie Literatur.

Wipprecht, F., Zur Entwicklung der rationaliftifchen Mythendeutung bei
den Griechen. II. Progr. Donauefchingen 1908. (46 S.) 40

Scherer, W., Der Gottesbegriff Plutarchs von Chäronea im Lichte der
chriftlichen Weltanfchauung. Progr. Regensburg 1908. (39 S.) 8°

Reinhardt, L., Die Urreligiou der Germanen. (Bibliothek der Aufklärg.)
Frankfurt a. M., Neuer Frankfurter Verlag 1909. (47 S.) 8° M. — 60

Venetianer, L., Urfprung u. Bedeutung der Propheten-Lektionen. [Aus:
,Ztfchr. d. deut. morgenländ. Gefellfch.'] Leipzig, F. A. Brockhaus
1909. (68 S.l 8" M. 2.15

Marfchak, J., Die Reftauration der Juden nach dem babylonifchen Exil
(nach den Überlieferungen in Talmud u. Midrafch). Diff. Berlin

1908. (VII, 71 S.) 8°

Hauler,E., Zu den neuen lateinifchen Bruchftücken der Thomasapokalypfe
und eines apoftolifchen Sendfehreibens in Cod. Find. 16. S.-A. Wien

1909. (34 S.) gr. 8»

Windifch, H., Der naffauifche Krieg u. das LTchriftentum. Tübingen,
J. C. B. Mohr 1909. (VII, 95 S.) 8" M. 2 —

Glawe, W., Die Hellenifierung des Chriftentums. I. Diff. Roftock 1909.
(40 S.) 8»

Barth, C., Die Interpretation des neuen Teftaments in der valenlinianifchen
Gnofis. Diff. Jena 1908. (34 S.) 8°
loading ...