Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

34.1909

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lungen). Ein befonderer Paragraph wird, um noch ein
Exempel anzuführen, der .Altkatholifchen und griechifch-
ruffifchen Apologetik feit zirka 1860' gewidmet; ein
anderer dem ,Moderat-Katholizismus und Reform-Katho-
lizismus in ihrem Verhalten zum Darwinismus und zur
modernen Kritik'. Natürlich ift die Darftellung, wo fie
fich auf die deutfche Literatur bezieht, relativ am aus-
giebigflen.

Es ift begreiflich, daß bei einer derartigen Stoffmenge
keineswegs alles gleichmäßig durchgearbeitet ift. Die
Skizzen fallen bald beffer, bald fchwächer und blaffer
aus. Im allgemeinen darf man wohl fagen: Die größere
Einficht und das wärmere Intereffe bringt der Verfaffer
den Richtungen in der Apologetik entgegen, die darauf
ausgehen, die einzelnen Dogmen durch Verftandesfchlüffe, j
durch kosmologifche und theologifche oder ähnliche Ar-
gumente im eigentlichen Sinne des Wortes zu beweifen.
Innerhalb der genannten Richtungen werden dann wieder
diejenigen bevorzugt, die das möglichft unverkürzte bib-
lifch-kirchliche Dogma zum Gegenftand der Verteidigung
machen. Viel fchlechter kommen die Beftrebungen weg,
die mit einer Abgrenzung der Religion gegenüber der
wiffenfchaftlichen Erkenntnis oder mit einer Verein-
fachung der chriftlichen Lehre zum Zweck ihrer Ver-
teidigung einfetzen. Die betreffende Abneigung und
Vorliebe macht fich auch in der Beurteilung und Be-
wertung der einzelnen Erfcheinungen ftark, gewiß viel zu
Mark bemerkbar. Äußerft charakteriftifch für die ganze
das Werk beherrfchende Auffaffung ift der Umftand, daß
die Bedeutung der ,Kritik der reinen Vernunft', die doch
geradezu einen Wendepunkt in der Gefchichte der Apolo-
getik bildete, wie man auch immer über fie denken möge,
einfach ignoriert wird. Kant, der fich rühmte, daß er das
Wiffen aufgehoben habe, um dem Glauben Raum zu ver-
fchaffen, wird nebenher mit einigen Bemerkungen abgetan,
und feinem Kritizismus wird weiter nichts nachgefagt, als
daß darin die fkeptifche Richtung Humes ,zur Stufe ihrer
höchften wiffenfchaftlichen Durch- und Ausbildung er-
hoben' worden fei. Aber auch fonft hindert des Ver-
faffers enger Begriff von der Apologetik ihn vielfach an
der Würdigung gerade des Geiftreichften. Von Origenes
wird ,Contra Celsum' befprochen, die in ganz anderem
Maße bedeutende und typifche Schrift ,Dcpfincipiisf' nicht,

Hier treten Schranken des Autors zu Tage, die, fo
peinlich Ausftellungen an einem pofthumen Werk fein
mögen, der Berichterdatter nicht verfchweigen kann.
Eine Gefchichte der Apologetik in allen ihren Formen,
ihren höchften fo gut wie in ihren niedrigften, und da-
mit zugleich eine Gefchichte der gewaltigen Geiftesbe-
wegungen und Gedankenumwälzungen, die fich in der
Entwicklung diefer Disziplin bekunden, ift das vorliegende
Werk nicht. Vielleicht follte es das gar nicht fein. Aber
eine mit eifernem Fleiß und unermüdlichem Eifer auf Grund
unzähliger Auszüge und Notizen hergeftellte Überficht über
eine erdrückende Fülle apologetifcher Literatur darf man
es mit gutem Gewiffen nennen. Und fo wird es wohl auch
als Nachfchlagebuch, vorausgefetzt, daß es mit kritifcher
Vorficht benutzt wird, gute Dienfte zu leiden vermögen,
namentlich in bezug auf diejenige Gattung inländifcher
und ausländifcher Schriften, die vorhin als dem Verfaffer
befonders gut liegend bezeichnet werden konnte.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Schian, Priv.-Doz. Päd. Lic. Dr. Martin, Zur Beurteilung
der modernen positiven Theologie. Gießen, A. Töpel-
mann 1907. (IV, 121 S.) gr. 8° M. 2.80

Schian hat Auffätze über Seebergs Grundwahrheiten
und über die Prinzipien der modernen pofitiven Theo-
logie, die bereits in der ,Studierdube' (1905 S. 68—94)
refp. der ,Chridl. Welt' (1907, Nr. 28. 29. 32) erfchienen
waren, überarbeitet und Abhandlungen über ihre Chrido-
logie und deren Methode hinzugefügt. Haben fich auch

Wiederholungen bei diefer Art der Kompofition nicht
ganz vermeiden laffen, und kommen auch nicht alle
einzelnen Punkte zur Dardellung, fo bietet doch das
Ganze eine fo objektive und deutliche Überficht über
die Grundgedanken der modernen pofitiven Theologie und
ihre verfchiedenartige Färbung bei Seeberg, Th. Kaftan,
Beth und Grützmacher, daß es zur Einführung in die
Grundfätze und Probleme der neuen Richtung wohl ge-
eignet id. Zwifchen den genannten Theologen und
dem etwa von Herrmann, Reifchle, Häring, J. Kaftan
vertretenen ,rechten Flügel der modernen Theologie',
dem Schian im Gegenfatz zur ,religionsgefchichtlichen'
Schule fich felbd zurechnet (63 f.), glaubt er keine grund-
fätzliche Verfchiedenheit, fondern nur Nuancen kon-
datieren zu können (21. 25 f. 118), wobei das Recht nicht
nur auf einer Seite liegt. Er tadelt an den Pofitiven,
daß fie das Wefen des Glaubens noch nicht fcharf genug
erfaßt und den gegebenen Inhalt kirchlicher Lehre noch
nicht ausreichend in die Innerlichkeit der Glaubensüber-
zeugung überführt haben, was z. T. freilich auch gar
nicht möglich fei (18. 22. 57. 76. 83 fr.). Auch tragen fie
der Forderung gefchichtlicher Wahrheit noch nicht ge-
nügend Rechnung (68. 80 f.). Dagegen haben fie das
Verdiend, den Begriff des Modernen energifch heraus-
gearbeitet zu haben (5); auch in der Abkehr von der
,Metaphyfikfeindfchaft' findet fich Schian mit ihnen zu-
fammen (11. 16 etc.). Im Zufammenhange hiermit deht,
daß Seebergs ,geradezu frappierend wirkende' Anpaffung
an die alten Formeln, die bei Beth ,noch ein Stückchen
weiter' geht (47. 58. 74), eine Chridologie hervorbringt, in
der der Kontakt mit der Kirchenlehre neue Frageftel-
lungen zeitigt, insbefondere die ,Vereinigung Gottes mit
dem Menfchen Jefus' noch därker betont wird wie bei
H. Schultz und J. Kaftan (116 vergl. 29. 59). Ich möchte
diefer Beurteilung ihr Recht nicht abfprechen, wiewohl
ich glaube, daß bei tieferer Erfaffung der verglichenen
theologifchen Anfchauungen auch der Gegenfatz fich
noch mehr vertiefen muß, als Schian annimmt. Nament-
lich hätte er die von ihm felbd angedeutete Differenz
im Verdändnis des Supranaturalismus (80 f.) um der
Klarheit willen weiter verfolgen müffen. Unbedreitbar
aber id, daß ,pofitive' und .moderne' Theologie heute
nicht mehr eindeutige Begriffe find (121).

Göttingen. Titius.

Stange, Prof. D. Carl, Das Frömmigkeitsideal der modernen
Theologie. Leipzig, J. C. Elinrichs'fche Buchhand-
lung 1907. (32 S.) gr. 8° M. — 50

Stange bemüht fich, die Eigenart der modernen libe-
I ralen Theologie auf ihren tiefden Grund, ihr Frömmigkeits-
ideal zurückzuführen; dies leitet er aus der Einwirkung der
Aufklärung auf den Gottesgedanken wie auf den Heils-
glauben ab. Die Behauptung eines folchen Zufammen-
hanges id bekanntlich nichts weniger als neu; fie genügt
auchentfernt nicht, um die moderneFrömmigkeit gefchicht-
j lieh zu erklären, da zu ihrem Zudandekommen noch ganz
andere Faktoren mitgewirkt haben. Indes id richtig, daß
| ohne die Aufklärung mit ihrer Kritik des überlieferten
Gottesgedankens und ihrem Individualismus die Moderne
unverdändlich wäre. Stanges Befprechung der deidifchen
Kritik am überlieferten Gottes- und Wunderglauben fuhrt
zu dem Ergebnis, daß jene Kritik am tiefden Kern des
Wunderglaubens vorbeigeht. Der Glaube an das Wunder
bilde nämlich den Gegenfatz gegen eine ,rein mecha-
nidifche Weltanfchauung', fpreche die Gewißheit aus, ,daß
alles Gefchehen in der Welt feine Maßdäbe nicht in fich
felber trägt, fondern nur in dem Willen Gottes als ein
einheitlicher [heilsgefchichtlicher] Zufammenhang begrif-
fenwerden kann' (11. 12). Die nähere Ausführung bereitet
; freilich merkwürdige Überrafchungen: 1) wird es als
i ,eine der heidnifchen Weltanfchauung angepaßte E"or-
mulierung des Problems' beurteilt, ,wenn das Wefen des
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