Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

31.1906

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 16.

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Umarbeitung der angeblichen Umarbeitung der Wirquelle gleichkommt,
die eine gleichmäßige und totale gewefen fein müßte. Daß er den Mar-
kus oder Q fo umgegoffen hat, wie er die angebliche Wirquelle trans-
poniert haben müßte, davon kann nicht entfernt die Rede fein. Nur die
Fälle aber, wo wir die Quelle felbft noch befitzen (oder, wie bei Q, mit
Hülfe des Matth, annähernd zu ermitteln vermögen), kommen zur Ver-
gleichung in Betracht; die übrigen Quellen fcheiden aus, weil wir nicht
wiffen, ob fie mündliche oder fchriftliche, griechifche oder aramäifche waren.

4. In Bezug auf das Maß der Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdig-
keit der Acta ftimme ich mit Sch. zwar nicht ganz überein, aber die
Differenz ift wahrfcheinlich nicht fehr erheblich. Das Wichtiglle nun, was
Sch. gegen die Abfaffung des Gefchichtswerks durch Lukas einzuwenden
hat, ift aus der Konflatierung der relativen Unglaubwürdigkeit des Buchs
gefloffen. Die pfychologifche (oder wie man das immer will) Erwägung,
daß ein Begleiter des Paulus an fo vielen Stellen fo handgreiflich unrichtig
nicht habe berichten können, foll entfcheiden; dazu käme aber noch die
Beobachtung, daß die zweite Hälfte des Buchs nur bei der Annahme von
Kürzungen und Einfchüben verftändlich fei. Was nun das Erfte betrifft,
fo weiß ich nicht, woher Schürer das Recht nimmt, zu fordern, Lukas müffe
ein glaubwürdiger Zeuge fein. Warum könnte er nicht noch viel unzu-
verläffiger gewefen fein als er ift? Brauche ich Schürer an die zahlreichen
Fälle aus der kirchengefchichtlichen und profanen Literatur zu erinnern,
in denen fich Augenzeugen als fchlechte, leichtfertige, gedankenlofe oder
als im Reden und im Schweigen gleich tendenziöfe Berichterftatter, ja als

nennt, reicht an manchen Stellen wahrfcheinlich auch in den ct-Text hinein,
d. h. der wahre Text liegt hinter et und ß. Hieraus find möglicherweife
manche einzelne Unftimmigkeiten zu erklären. Auch hier aber liegt eine
methodifche Differenz zwifchen uns vor: gegen eine gefchloffene Kette
von Beobachtungen darf man bei Schriftftücken, au denen nachweisbar
viel korrigiert und rezenfiert worden ift, nicht mit verfprengten Einzelbe-
obachtungen argumentieren. 2. Lukas ift in der Akoluthie, der Motivierung,
der Beobachtung der Zufammenhänge und der Einführung von Nebenper-
fonen ein forglofer Schriftfteller. Ich habe dafür Beifpiele gegeben, und
man kann das auch am Evangelium ftudieren. Hier ftets auf vollftän-
digere fchriftliche Quellen zu fchließen, ift methodifche Schulfchablone, aber
deshalb noch nicht richtig. Aus einem langen und mannigfaltigen Studium
von Quellen aus allen Jahrhunderten habe ich die fichere Überzeugung ge-
wonnen, daß man in der Annahme forglos benutzter Quellen, um Schwierig-
keiten zu befeitigen, überall zu weit geht. Man hat es häufig einfach mit
mangelnder Logik, Widerfprüchen und Gedankenlofigkeit des Schriftftellers
felbft zu tun. Übrigens beweift ein großer Teil der Unftimmigkeiten, die
in Bezug auf die Acta angeführt werden, nichts gegen Lukas als Ver-
faffer des Ganzen, wenn er wirklich nur für die Partien Augenzeuge war,
in denen das Wir fleht (und das ift doch das Wahrfcheinlichfte). Nichts fleht
dem im Wege — obgleich es mir nicht einleuchtet —, daß er für die
letzte Zeit des erften Aufenthalts Pauli in Philippi, ferner für Paulus in The-
ffalonich, Athen, Korinth, Ephefus und die jerufalemifcheKataftrophe Schrift-
flücke Anderer benutzt hat. Endlich — einige Unftimmigkeiten laffen fich

Fälfcher, erwiefen haben ? Soll ich ihn auf Laktantius [De mortt persec.) I auch grammatifch und exegetifch befeitigen, wenn auch nicht viel darauf

oder auf den Biographen des h. Martin von Tours oder auf Hieronymus
oder felbft auf Eufebius (Vita Constant.) verweifen? Ein fchlechterer Be-
richterftatter als Eufebius in Bezug auf Konftantin wäre Luk. felbft dann
nicht, wenn er ganz fo unglaubwürdig wäre, wie Schürer ihn fich vorftellt.
Es liegt hier eine fehr ernfte methodifche Differenz zwifchen uns vor. Ich

ankommt. So darf man z. B. ernfthaft erwägen, ob afacpotenoi (19, 16)
wirklich , beide1 (,zweil) bedeutet und nicht bereits den fpäteren allge-
meineren Sinn hat.

Die Thefe derer vermag ich zu begreifen, die da fagen, das ,Wir'
der Apoftelgefchichte fei eine fchriftftellerifche Manier, wie man fie auch

erlaube mir keine Axiome in Bezug darauf, wie ein Berichterftatter be- in anderen antiken Romanen finde; denn (liefe Thefe refpektiert wenigftens
fchaffen gewefen fein müffe, der Begleiter des Paulus gewefen ift, fondern | die unbezwingliche Tatfache der Einheit des Autors. Durchführbar frei-
ich halte mich lediglich an den durch Tatfachen gegebenen Befund; j lieh ift auch fie nicht; denn fie fcheitert an dem Bericht über die Seereife,

Schürer wird unwillkürlich zum Apologeten des Augenzeugen, und, um
ihn zu entladen, glaubt er den Tatfachen ausweichen zu dürfen. Woher
diefes günftige Präjudiz für den Augenzeugen, wenn nicht aus der Nach-
wirkung des Vorurteils, jene apoftolifchen Männer müßten einfichtige und
zuverläffige Leute gewefen fein? Übrigens will ich mit diefer Erwägung
Lukas nicht fchlecht machen: ich halte ihn innerhalb der griechifchen
Hiftorik trotz feiner offenkundigen Gebrechen und Leichtgläubigkeiten für
einen refpektablen Berichterftatter, Schriftfteller und Zeugen.

Aber um was handelt es fich eigentlich? Auch nach Schürer fall

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.

ausfchließlich um Act. 15. ,Hier ift der rocher de bronce, an welchem die _ tfi+i ß'

apologetifche Betrachtung der Acta fcheitert'. Apologetifche Betrachtung? I jDCUttOtK ^.IterCttUV.

Diefe Bezeichung ift wiederum das Refiduum einer verfloffenen Epoche. In 1 Frank, K., Bilder u. Symbole babylonifch-affyrifcher Götter. Nebft

die kein Romanfchreiber erfinden kann. Die Thefe aber, der Wirbericht
ftelle eine Quelle dar, wird, fo hoffe ich, allmählich verfchwinden. All-
mählich — denn ein eingewurzeltes Vorurteil, das fall ein kritifcher Ehren-
punkt geworden ift, fleht ihr gegenüber.

Verfafferfragen gibt es keine Apologetik; denn der gefeiertfle Name kann
den unglaubwürdigften Berichterftatter bezeichnen. Darüber follte kein
Streit fein. Doch dies bei Seite — Schürer wird fich leicht überzeugen
können, daß die Veränderungen, die Luk. an der evangelifchen Überliefe-
rung des 2. Evangeliums vorgenommen hat, nicht minder einfehneidend
find (fpeziell auch im Verfchvveigen) wie die an dem (zu fupponierenden)

Beitrage üb. die Götterfymbole des Nazimaruttas-Kudurru v. H. Zim-
mern. Mit 8 Abbildgn. (Leipziger femitiftifche Studien, hrsg. v. A.
Fifcher u. H. Zimmern. II. Bd. 2. Heft.) Leipzig, J. C. Hinrichs'
fche Buchhandlung 1906. (IV, 44 S.) gr. 8° M. 1.80

Behrens, E., Affyrifch-babylonifche Briefe kultifchen Inhalts aus der Sar-
gonidenzeit. (Leipziger femitifche Studien, hrsg. v. A. Fifcher u. H.

Bericht über das Apoftelkonzil. Aber Luk. teilte die Intereffen des Paulus, [ Zimmern. II. Bd. 1. Heft.) Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhand-

wie follte er alfo Grund gehabt haben, an dem wahren Berichte, bez. an j lung 1906. (III, 124 S.) gr. 8° M. 4_

der paulinifchen Darfteilung des Vorgangs, die er oft gehört haben muß, 1 Biblia hebraica, Ädjuvantibus G. Beer, F. Buhl, G. Dalman etc. Ed. R.

folche Kritik zu üben? Hierauf ift zu fagen: 1. Über das nähere Ver- Kittel. Leipzig, J. C. Hinrichs 1906. (1320 u. IV S.) gr. 8° M. 8_;

hältnis des Lukas zu Paulus ift uns nichts bekannt; wir wiffen nur, daß j geb. M. 10—; Ausg. in 2 Tin. je M. 4 —; geb. je M. 5.20

er fofort als relativ felbft ändiger Evangelift neben Paulus getreten | - Dasfelbe. 14. Libri Danielis, Esrae et Nthtmiae. Praeparavit M.

ift. In welchem Umfange er die Intereffen des Paulus teilte, ift ganz | Lohr. (S. 1160-1221.) M. I—. — 15. Liber Chronicorum. Prae-
dunkel. Die gewöhnliche Vorausfetzung, ein Begleiter des Paulus müff» | paravit R. Kittel. (S. 1222—1320 u. IV S.) M. 1.30

einfach nach dem Bilde des Meifters vorgeftellt werden, fchwebt in der Gaffer, J. C, Das Alte Teftament u. die Kritik od. die Hauptprobleme
Luft und ift bei einem geborenen Heiden von nicht ganz geringer Bildung I der altteftamentlichcn Forfchung in gemeinfaßlicher Weife erörtert.

doppelt verwerflich. 2. Als Lukas fchrieb, war die kirchliche Situation
eine total andere als z. Z. nicht nur des Apoftelkonzils, fondern des apo-
ftolifchen Zeitalters überhaupt. 3. Was für Berichte (und von welcher
Seite) Lukas fonft noch über das Konzil gehabt hat, entzieht fich unferer

Stuttgart, D. Gundert 1906. (334 S.) gr. 8» M. 4—; geb, M. 4.80
nzberg, L., Randgloffen zum hebräifchen Ben Sira. [Aus: ,Oriental.
Studien. Th. Nöldeke gewidmet'.] Berlin, M. Poppelauer 1906. (17 S.)
gr- 80 M. 1.20

Kenntnis. Lukas fchrieb über jenen Vorgang aller Wahrfcheinlichkeit j Lohr, M., Sozialismus u. Individualismus im Alten Teftament. Ein Bei-
nach fo, wie man um das Jahr 80 fchreiben mußte, und wie in der an- trag zur altteftamentl. Religionsgefchichte. (Zeitfchrift f. die alttefta-

tiken Hiftorie hundertmal über Streitigkeiten gefchrieben worden ift
nämlich vom Standpunkt des Ergebniffes des Streits und von der gegen-
wärtigen Lage aus. Was er Petrus und Jakobus reden läßt, ift mindeftens
zum Teil erfunden; aber ich vermag fchlechterdings nicht einzufallen,

mentliche Wiffenfchaft. Beihefte. X.) Gießen, A. Töpelmann 1906.
(36 S.) gr. 80 M. - 80

Appel, H., Die Kompofition des äthiopifchen Henochbuches. (Beiträge
zur Förderung chriftlicher Theologie. Hrsg. v. A. Schlatter u. W.

warum er das nicht erfunden haben follte. Wenn es gewiß ift, daß fo Lütgert. X. Jahrg. 1906. 3. Heft.) Gütersloh, C. Bertelsmann 1906.

ziemlich alle Heidenchriften außer Marcion in der Folgezeit über das Ver- I (101 S.) gr. 8" M. 1.80

hältnis des Paulus und der Urapoftel ungefähr fo gedacht haben, wie der j Kunze, E., Einführung in das Neue Teftament. Für heilbegier. Leier.

Verf. der Apoftelgefchichte — was hindert uns anzunehmen, daß auch j Berlin, F. Zilleffen (1906). (IV, 142 S.) 8° M. 2 —

fchon folche, welche zeitweilig in perfönlicher Gemeinfchaft mit dem
Apoftel geftanden haben, nach dem Tode der Apoftel gefliffentlich alle
früheren Spannungen und Streitigkeiten begraben haben ? Haben es denn
die kirchlichen Berichterftatter im 2., 3., 4., 5. Jahrhundert je anders ge-
macht — auch die Augenzeugen —, wenn ein Zwift glücklich befeitigt
war, und trägt nicht regelmäßig der Große die Korten und die Kleinen
gewinnen ?

Was aber die Unftimmigkeiten betrifft, die für die zweite Hälfte der
Acta eine Quelle fordern follen, fo darf ich mich nicht wiederholen, und
auf das Einzelne läßt fich nicht eingehen, ohne den Raum diefer Zeitung
zu überfchreiten. Daher nur fo viel: 1. der Text der Ada ift bekannt-
lich in einem Zuftande auf uns gekommen, daß der Argwohn, der echte
Text (und keineswegs nur in Minutien) fei an nicht wenigen Stellen un-
erreichbar, nur zu berechtigt ift. Die Bearbeitung, die man jetzt den ß-Text

Meyer, K., Der Zeugniszweck des Evangeliften Johannes. Nach feinen
eigenen Angaben dargeftellt. Gütersloh, C. Bertelsmann 1906. (VI,
110 S.) gr. 8° M. 2—; geb. M. 2.80

Kögel, J., Probleme der Gefchichte Jefu u. die moderne Kritik. 4 Vor-
träge. Großlichterfelde, Tempel-Verlag 1906. (98 S.) Lex.-8° M. 1.50
Wauer, E., Entftehung u. Ausbreitung des Klariffenordens befbnders in den
deutfehen Minoritenprovinzen. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhand-
lung 1906. (IV, 179 S.) gr. 8" M. 4.80; geb. M. 5.80
Gerhard, J. E., Handbuch der Glaubenslehre Joh. Gerhards. Verf. durch
feinen Sohn, m. Zufätzen aus den loci theologici (der Glaubenslehre)
Johann Gerhards vom Lateinifchen ins Deutfche überf. durch K. F.
I. Tl. 1. Abtlg. Die Lehren v. Gottes Natur u. Seinem dreiein. Wefen
(loc. 3. 4. 5. 6.) Gütersloh, C. Bertelsmann 1906. (XXIX, 350 S.)
gr. 8° M. 5 —
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