Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

31.1906

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 13.

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{ib.) ift der ,Ejmoraaher' (ebenfo 147), was nur aus der
Schreibung des Targumwortes ("ifc?) verftändlich ift. 157
lefen wir: ,aus dem Ura des Chasdaers', wobei noch irr-
tümlich ftatt des Plurals der Singular angewendet ift.
Faft wie eine Perverfität klingt die. Transfkription von
Hb (Noach, Noe) mit ,Noha' fowohl im Texte des Tar-
gums, als in der Überfetzung. Als ob die Lehre vom
Pathach furtivum keine Geltung hätte. — Aber auch
über das Deutfch der Überfetzung ließe fich viel fagen.
In der Vorbemerkung (S. 33) heißt es mit anerkennens-
wertem Freimut darüber: ,Beffer man tut der deutfchen
Sprache Gewalt an, als einem Texte, der uns ehrwürdig
ift'. Das Geftändnis von der in diefer Targumüberfetzung
der deutfchen Sprache angetanen Gewalt ift leider fehr
am Platze; aber daß auch der Text nicht vor der Gewalt-
famkeit einer, am milderten ausgedrückt, unforgfältigen
Behandlung gefchützt blieb, ift im Vorftehenden gezeigt
worden.

Über den fonftigen Inhalt diefes erften Heftes (und
des Probeheftes) kann ich mich nur kurz äußern. Das
Verzeichnis der benutzten Literaturwerke — d. h. der in
den in Ausficht geftellten Noten und Exkurfen zu be-
nutzenden Schriften — bietet zumeift Erzeugniffe der
mittelalterlichen jüdifchen Literatur zur Bibelexegefe und
Lexikographie, fowie Hilfswerke zum Verftändnis des
Targums. Aber namentlich der erfte Teil des Verzeich-
niffes ift mangelhaft und fehr fummarifch. Die Bibel-
exegeten Samuel b. Meir, Abraham Ibn Ezra, David
Kimchi und Bechaji b. Afcher, die einzelne Teile der
heiligen Schrift erklärt haben, figurieren mit je einem
.Kommentar zur Bibel'. Jehuda Ibn Koreifch, ein älterer
Zeitgenoffe Saadja Gaons, wird in die ,erfte Hälfte des
elften Jahrhunderts' verfetzt. ,Chananel ben Kairuwan'
ift wohl ein Lapfus für ,Chananel b. Chufchiel aus Kairu-
wan'. Unter den Werken zum Targum fehlt das vor-
treffliche Werk von S. B. Schefftel: Biure Onkelos,
Scholien zum Targum Onkelos (herausgegeben von Jofeph
Perles, München, Th. Ackermann 1888). Im Verzeichniffe
der Abbreviaturen fällt die ,talmudifche' unangenehm
auf durch die Unkorrektheit der Transfkription bei den
Namen der talmudifchen Traktate, die weder der wiffen-
fchaftlichen Genauigkeit, noch der vulgären Ausfprache
Rechnung trägt. Der Traktat cOrla heißt hier ,'Areläh',
Middothift,Mijdoth',Chullin: Hülijn,'Edujöth: Tdejöth etc.
Das Werk Wehizhir heißt hier: Wehazähijr etc. — Die der
Targumüberfetzung vorausgefchickten zwei einleitenden
\bfchnitte bieten allerlei Material über die ,mündliche
Überlieferung' (eig.: mündliche Lehre) und Akylas-Onkelos.
Zum erften Thema werden große Stücke aus Maimunis
Einleitungen zu feinem Mifchneh-Thora und zu feinem
Mifchna-Kommentar hebräifch und deutfch geboten,
fowie Einiges — ebenfo — aus Samuel Hanagids Ein-
leitung zum Talmud. Sonderbar klingt es, wenn von
Letzterem gefagt wird (S. 16), daß er ,in Übereinftimmung
mit Maimonides' fchrieb, während doch diefer 150 Jahre
nach jenem blühte. Wem die ohne jede Erläuterung
und ohne wiffenfchaftliche Kritik wiederholte Darftellung
Maimunis von Nutzen fein kann, ift nicht erfichtlich. Nach
den Arbeiten der neueren jüdifchen Gelehrten über die
Tradition kann das, was Maimuni darüber in feiner die
mannigfaltigften Ausfagen der Traditionsliteratur felbft
fyftematifch vereinigenden und mit dogmatifcher Be-
ftimmtheit hinftellenden Darlegung fagt, nicht als Höhe-
punkt der Erkenntnis auf diefem Gebiete dargeboten
werden, ganz abgefehen von den vielen unrichtigen Ein-
zelheiten in diefer Darlegung. Nötig war hier das Ganze
nicht, da ja in den begleitenden Bemerkungen die An-
fchauung, als fei auch das Targum ein Beftandteil der
mündlichen Lehre, berichtigt wird. Die Überfetzung ift
auch hier recht unforgfältig; felbft eine Verwechflung
von HiBia (feit den Tagen) mit n'TEÜ (,von dem Tode')
widerfuhr 'dem Überfetzer (S. 13, Z. 12), ebenfo die Ver-
wechflung von cb'HS (Lederrollen) mit tWia (.Ränder1,

S. 11, Z. 29). Auch der zweite einleitende Abfchnitt,
,über Namen und Leben des Onkelos', ift kaum geeignet,
die Frage nach dem Urfprunge des Targum Onkelos in
wiffenfchaftliches Licht zu rücken.

Ich hätte fchließlich noch die im Probehefte und
auf den erften Blättern des erften Heftes zu lefenden
Äußerungen der Herausgeber über die Ziele der Monn-
mentajudaica zu befprechen. Aber der Abftand zwifchen
dem, was tatfächlich als Anfang geboten wird, und den
hochfliegenden und vielumfaffenden Plänen, deren Ver-
wirklichung in den ,Monumenta Jadaica' angeftrebt wer-
den foll, ift zu groß, als daß ich mit genügender Ob-
jektivität an die Beurteilung diefer Pläne gehen könnte.
Der Gedanke, der dem Unternehmen zugrunde liegt, ift
gewiß berechtigt, und die Intentionen der Herausgeber
find edlem Eifer um die Erforfchung der Traditionslitera-
tur des Judentums entfproffen, wenn auch der die Re-
daktion leitende Grundgedanke, daß Vertreter dreier
Konfeffionen als folcher bei der Arbeit tätig fein follen,
den Erforderniffen einer rein wiffenfchaftlichen Erforfchung
alter Literaturdenkmäler nicht entfpricht. Aber es wäre
vor allem nötig gewefen, daß die Herausgeber nicht nur
fagen, ,was fie wollen', fondern in der erften Publikation,
durch die ihr Gedanke zur Tat wird, zeigen, was fie
können. Bei aller Achtung vor den Herausgebern, von
denen der an der Spitze genannte fich gerade um die
Verdolmetfchung der alten jüdifchen Literaturdenkmäler
unvergängliche Verdienfte erworben hat, muß heraus-
gefagt werden, daß das erfte Heft ihres Unternehmens
kein Vertrauen zu deffen wiffenfchaftlichem Werte zu
1 erwecken geeignet ift. Mögen diefe Bemerkungen dazu
beitragen, daß die weitere Ausführung des Werkes fo
geleitet werde, daß der koftfpieligen und höchft gefälligen
äußeren Ausftattung auch ein wertvoller und der großen
Opfer würdiger Inhalt entfpreche!

Budapeft. W. Bacher.

jff Kaivii dia&tfxti (Novum Testamentum) Textus Ste-
phanici a. D. 1550, cum variis lectionibus editionum
Bezae, Pflzeviri, Lachmanni, Tischendorfii, Tregellesii,
Westcott-Hortii, versionis Anglicanae emendatorum,
curante F. H. A. Scrivener, A.M., D.C.L., LL. D.
Accedunt parallela S. Scripturae loca. Editio quarta
ab Eb. Neftle correcta. Londini, G. Bell et filii. —
Cantabrigiae, Deighton, Bell et soc. MDCCCCVI.
(XVI, 598 S.) kl. 8° s. 6 —

Während auf dem Kontinent die Elzevir-Ausgaben
I von 1624 an als Repräfentanten des textus receptus
i galten, genoß in England diefe Ehre die 3. der
R. Stephanus-Ausgaben vom Jahre 1550, die fog. Regia,
ein flattlicher Folioband. 1859 gab der ftreng konfer-
| vative, im Sammeln eifrige, im Urteilen höchft befangene
Scrivener einen nur in Äußerlichkeiten modernifierten,
| handlichen Nachdruck hiervon heraus mit Angabe der
Abweichungen der Beza- und Elzevir-Ausgaben einer-
feits (zwifchen Stephanus und Beza zählte er nicht 12
wie Mill oder 150 wie Tifchendorf, fondern 287 Ver-
fchiedenheiten), der von Lachmann, Tifchendorf, Tre-
gelles bevorzugten Lesarten andererfeits. Schon im Text
waren alle diefe Stellen, wo der text. rec. neuerdings
verlaffen wird, durch befondere Typen kenntlich ge-
macht. In der 3. Ausgabe von 1886 kam noch eine
Kollation des Textes von Weftcott-Hort und des damit
I eng verwandten, der englifchen Rcvised Version zu-
i gründe gelegten hinzu, obwohl Scrivener jenen als ein
j splendidum peccatum beurteilte. Beigefügt wurden die
eufebianifchen Kanones und die Parallelftellen am Rand
beträchtlich vermehrt. Sehr gegen Scriveners Willen
wurde die Ausgabe in diefer Geftalt zu einem klaren
I Zeugnis für die Einmütigkeit der neueren Textkritik
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