Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

31.1906

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 12.

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rein zu halten. Aber nicht nur mit Reprefüvmaßregeln
fuchte Georg feinen Zweck zu erreichen. Neben ihnen
her ging eine nie erlahmende Tätigkeit, die Mißbräuche
in der alten Kirche zu befeitigen. Niemand hat mehr
auf ein ehrbares Leben der Priefter und Mönche ge-
drungen, als er. Die Sammlung ist voll von Beifpielen
feiner Strenge gegen unfittliche Mitglieder des geift-
lichen Standes. Daneben war er vor allem darauf
bedacht, dem Mißbrauch der geiftlichen Gerichtsbarkeit
entgegenzutreten, die nur zu oft dazu dienen mußte, die
Gläubigen auszuplündern. Er zeigte fich hier als ein
wahrer Landesvater, dem nichts mehr als das Wohl
feiner Untertanen am Herzen lag. Trotz allen Eifers
aber richtete der Herzog doch nur wenig aus. Prinzipiell
wollte die Geiftlichkeit auf die kirchliche Gerichtsbarkeit
nicht verzichten, und daraus ergab es fich von felbft,
daß fie auch in der Praxis immer wieder in die alten
Fehler zurückfiel, und die Klagen über die mißbräuch-
liche Anwendung von Bann und Interdikt kein Ende
nahmen. Durch Zwangsmaßregeln ließ fich wohl eine
größere äußere Ehrbarkeit im Wandel der Geiftlichen
erreichen und dem offenen Abfall der Mafien wehren,
aber die innere Abwendung der Gläubigen von der alten
Kirche vermochte der Herzog nicht zu hindern. Die
tiefer angelegten Geifter wandten fich doch dem neuen
Lichte zu. Die Klöfter verödeten auch im Albertinifchen
Sachfen. Die jüngeren Mitglieder der Univerfität Leipzig,
deren alten wiffenfchaftlichen Ruf der Herzog in jeder
Weife zu erhalten trachtete, hingen heimlich faft durch-
weg dem Luthertum an. Die ketzerifchen Schriften
ftrömten trotz aller Wachfamkeit maffenhaft ins Land
und wurden begierig von Geiftlichen und Laien gekauft.
Die Druckverbote ketzerifcher Schriften befferten nichts,
fondern richteten nur das bisher in Leipzig blühende
Druckereigewerbe zu Grunde. Selbft der Handel litt
unter diefem Repreffivfystem, da der Herzog den Kauf-
leuten der großen evangelifchen Reichsftädte das freie
Geleit zum Befuch der Leipziger Meffe verweigerte.
Nur dann hätten feine Maßregeln Erfolg haben können,
wenn fie von allen Obrigkeiten, zum minderten aber
von Kurfachfen unterftützt worden wären. Da man
aber hier genau das Gegenteil tat, fo mußten bei dem
Ineinandergreifen der beiden Gebiete alle Anftrengungen
Georgs mit Notwendigkeit fcheitern. Die Gemenglage
der beiden Länder und die gemeinfehaftliche Verwaltung
einiger Herrfchaften hatten von Anfang der Teilung
Anlaß zu niemals endenden Streitigkeiten unter den
beiden fächfifchen Linien gegeben. Durch die völlig
entgegengefetzte Kirchenpolitik der beiden Vettern mußte
der Gegenfatz zwifchen ihnen aufs äußerfte verfchärft
werden. Jetzt, wo man aus der vorliegenden Sammlung
die angeftrengte Tätigkeit des Herzogs für die Auf-
rechterhaltung der alten Ordnung in ihrem ganzen Um
fang kennen lernt, wird man den gereizten, für beide
Fürften fo charakteriftifchen Briefwechfcl zwifchen Georg
und Friedrich den Weifen erft ganz richtig begreifen
und auch verliehen, warum gerade Herzog Georg, den ;
wir aus der Sammlung als einen der refpektabelften
Fürften feiner Zeit kennen lernen, Luthers befonderen
Zorn erregte. Diefer erkannte wohl, daß Georg, der
die Bekämpfung des neuen Glaubens zu feiner Lebens-
aufgabe gemacht hatte, fein größter Feind fei, durch den
fein0 Werk, wenn er bei den andern Fürften Nachfolge
fand, aufs äußerfte gefährdet wurde. — Merkwürdig im
hohen Maße ift es nun, daß dem Herzog dann doch
ziemlich früh Bedenken auffteigen, ob der von ihm ein-
gefchlagene Weg der rechte fei. Schmerzlich fühlte er
den ihm gemachten Vorwurf, er hindere das Evangelium.
Das bewog ihn im Jahre 1524 dem evangelifeh gefinnten
Altenburger Kanonikus Chrosner den Antrag zu Hellen,
fein Kaplan zu werden und ihm das Evangelium zu
predigen! Eine eigenhändige, bisher völlig unbekannte
Niedcrfchrift Spalatins aus dem Weim. Archiv gibt

hierüber intereffanten Auffchluß. Tatfächlich ift Chrosner
auf dies Anerbieten eingegangen und fcheint fein Amt
fowohl zur Zufriedenheit des Herzogs als auch der An-
hänger Luthers geführt zu haben. Diefe Tatfache wirft
auf die Stellung des Herzogs in der kirchlichen Frage
ein merkwürdiges Licht. Dem Referenten ift es nicht
zweifelhaft, daß diefe weniger durch religiöfe als politifche
Gründe beftimmt wurde. Wie oft hat Georg es aus-
gefprochen, daß aus der Martinifchen Lehre nichts als
Ungehorfam und Empörung folge. Und fchienen ihm
die Ereigniffe nicht bis zu einem gewiffen Grade recht
zu geben? Denn, wenn es auch verkehrt ift, was Janffen
und nach ihm andere altramontane Gefchichtsfchreiber
behauptet haben, daß die Länder, die fich der Reformation
anfchloffem alsbald in kirchliche Anarchie verfunken
feien, fo ift doch foviel daran richtig, und auch die vor-
liegende Sammlung beftätigt es, daß der Übergang von
den alten Ordnungen zu den neuen oft von recht un-
erfreulichen Ereigniffen begleitet war, die einem fo
energifchen Regenten wie Georg ein Greuel fein mußten.
Er hätte freilich wiffen können, daß auf dem Wege, den
er einfehlug, eine Befferung der kirchlichen Verhältniffe
nicht zu hoffen fei. Denn feit mehr als 50 Jahren hatten
fich die Sächfifchen Herzöge und er felbft vergebens
bemüht, den Mißftänden in der Kirche zu fteuern. Hier-
über unterrichtet in vorzüglicher Weife auf Grundlage
des gefamten Aktenmaterials die Einleitung. Wir fehen
daraus, daß die Herzöge, veranlaßt durch die wachfenden
Mißftände, feit dem Jahr 1446 in immer fteigendem Maße
ein Mitregierungsrecht in der Kirche in Anfpruch nehmen.
Sie fordern für fich und üben auch aus die Vifitation
und Reformation der Klöfter, fie greifen beftimmend in
den Streit zwifchen den Obfervanten und Conventualen
der Bettelorden ein, fie fordern weitgehende Befchränkung
in der Anwendung des geiftlichen Rechts und fuchen
ihre Forderungen durch fcharfe Strafbeftimmungen bei
Übertretung der von ihnen gefetzten Grenzen ficher zu
Hellen. Herzog Georg hat 1505 die geiftliche Jurisdiktion
zu Annaberg dem Bifchof von Meißen zu entwinden
und a. 1503 die Strafgewalt über die Geiftlichen in feine
Hände zu bringen verfucht! Ebenfo alt find die An-
ftrengungen der Herzöge, der Ausplünderung ihrer Länder
durch den Ablaß entgegenzutreten. Schon bei dem Ab-
laß des Jahres 1458 bedingt fich Kurf. Friedrich II. die
Hälfte der Einnahme aus, und auch die fpäteren Fürften.
namentlich aber Georg felbft haben die Verkündigung
des Ablaßes nur dann zugelaffen, wenn für fie felbft
dabei etwas abfiel. Überall aber, und das beweift
gerade auch ihr Verhalten gegenüber dem Ablaß, werden
die Herzöge und befonders Georg vor allem durch
weltliche Gcfichtspunkte beftimmt. Das Streben, feine
Landeshoheit zu ftärken und zu erweitern und das' Wohl
der Untertanen zu fördern, das durch jede Unordnung
und Erfchütterung der beftehenden kirchlichen Ver-
hältniffe gefährdet fchien, war für feine Haltung maß-
gebend, ganz im Gegenfatz zu der feines Vetters Fried-
richs des W., für die in erfter Linie — das wird auch
durch diefe Sammlung beftätigt — der religiöfe Kern der
Reformation den Ausschlag gab. — Wie die Einleitung
im hohen Maße das Verftändnis der Akten und Briefe
fördert, fo ein vortreffliches Regifter deren Benutzung.
Es wird ganz wefentlich dazu beitragen, daß diefe
Sammlung, in der uns eine der wichtigften Ouellen des
Zeitalters der Reformation gefchenkt ift, die gebührende
Beachtung und Ausnutzung erfährt.

Weimar. H. Virck.
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