Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

29.1904

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Theologifche Literaturzeitung-. 1904. Nr. 3. 74

Differenz der Ausleger veranlaßt. Unfer Verf. ftellt
feft, daß für viele Stellen eine Entfcheidung darüber, ob
Gott, ob Chriftus damit bezeichnet werde, nicht getroffen
werden kann. Manchmal, z. B. in der Apoftelgefchichte

Literatur geführt, foweit diefelbe von Belang und Wert
ift. Nur feiten könnte man in letzterer Beziehung noch
etwas vermiffen, wie z. B. bezüglich der Erörterung über
das tatfächliche Sündigen der prinzipiell fündlofen

fcheint es fogar, als ob dem Autor felbft die fchwebende ! Gläubigen eine Auseinanderfetzung mit Wernle, Der
Haltung feiner Ausdrucksweife nicht unbewußt geblieben , Chrift und die Sünde bei P., 1897.

fei. Merkwürdig, daß gerade das Schriftftück, welches ; Es ift hier unmöglich, in eine Debatte über das zahl-

bezüglich feiner Ausfagen am auffälligften freie Wahl be-
läßt, i.Joh.,vomWortxuptoc keinen Gebrauch macht. Da-
gegen 'in Hebr., Jak., Apk. bezieht fich der Ausdruck am
öfteften auf Gott und kommt in manchen Fällen fogar

reiche Detail der Exegefe einzutreten, wozu diefe Schrift
einlädt. Die Tendenz geht im Großen und Ganzen in
einer Richtung, welche der in des Unterzeichneten Lehr-
buch der Neuteft. Theologie befolgten infofern entgegen-

häufiger als &sög vor. Die bezügliche Statiftik ift hier j gefetzt ift, als die beiden Gedankenftränge, aus deren Ver
überall mit Sorgfalt und Geduld aufgeftellt. Bemerkens- j knüpfung der paulinifche Lehrbegriff erwachfen ift, zwar
wert, weil zu weiteren Schlüffen einladend, dürften folgende I nach der Verfchiedenheit ihrer Herkunft richtig beurteilt

Beobachtungen fein: In den fynoptifchen Evangelien
gehören faft alle Stellen, darin Gott unter dem Namen
xvqioc erfcheint, ohne daß ein altteftamentlich.es Zitat

und auseinandergehalten, aber doch als nicht blos im
Bewußtfein des Paulus, fondern auch fachlich zufammen-
fallend behandelt werden. Folgender Satz enthält in

vorläge, der Geburtsgefchichte an (S. 6f. 12. 18). Im j mancher Beziehung die Quinteffenz des Ganzen: ,Lagen

Gegenfatz zu Matth, und Marc, heißt Jefus bei Lukas
nicht blos in der Anrede, fondern auch in der Erzählung
xvqioc (S. 6. 9. 12); die gewöhnliche Benennung ift es
freilich fchon bei ihm nicht, und bei Joh. noch weniger
(S. 14). Zwifchen Luc. und Act. befteht der Unterfchied

die beiden Seiten des Lebens der Gegenwart, die juridifche
und die ethifche, fchon an fich ineinander, fo erfcheinen
fie nun durch den Geift, der beide gleichermaßen wirkt,
vollends untereinander verfchmolzen. Weiter aber werden
Gegenwart und Zukunft, Geiftiges und Leibliches vom

daß der Autor von Act. nicht blos viel häufiger die Be- j Geift umfaßt und fo miteinander verkettet, daß von einem

Zeichnung xvqioc für Chriftus gebraucht, fondern Gott
felbft oft auch in Stellen, die nicht Zitate find, ebenfo
nennt, vor Allem aber immer, dem fämtlichen Evangelien un-
bekannten, paulinifchen Sprachgebrauch folgend, von
.(unferem) Herrn Jefus (Chriftus)' redet (S. 20). Endlich
verdient Beachtung, daß die vom Verf. mit Recht als
Regel (mit Ausnahmen) bezeichnete Manier, wonach unter
xvqioc in Zitaten aus LXX (Evangelien, Paulusbriefe),
oder wo der Ausdruck durch LXX bedingt ift (Luc),
Gott zu verliehen ift, doch .gar nicht ungewöhnlich' (S. 4)
durchbrochen wird durch Stellen, wo gerade folche Aus-

Entweder-Oder gar nicht mehr die Rede fein kann. Es
ift ein einziges Leben, welches ein und demfelben
7ivev[ia Ccootioiovv feine Entftehung und Fortexiftenz ver-
dankt' (S. 78 f.) Statt von jüdifch und hellenifch be-
gründeter Rechtfertigung und Verföhnung zu reden, ,ift
zu fagen daß Schulderlaß abgefehen von fittlicher Er-
neuerung für P. ebenfowenig exiftiert, wie fittliche Er-
neuerung ohne Schulderlaß' (S. 14, vgl. auch S. 21, 25,
31 f. 176k 189k), was übrigens auch meinerfeits anerkannt
ift (S. 16), während mir allerdings die Deutung des
o(iolco(ia ociQxog a/iaQTiaq Rom. 8, ;i auf fündlofes Fleifch

fagen auf Chriftus bezogen werden, die im A. T. dem (S. 20) nur unter der fehr anfechtbaren Vorausfetzung

xvqioc, Jahve gelten. So gleich Jef. 40,3 = Matth. 3, 3,
Marc. 1,3, Luc. 3,4, Joh. i, 23, ferner Pf. 102, 2u = Hebr. 1,10,
Pf. 34, 9=1. Ptr. 2, s, Joel 3 (4), 5, Rom. 10, 13 = Act. 2,
(20) 21, vielleicht auch 1. Kor. 1, 31, 2, ig, 10, 22 = Deut. 32,21,
2. Kor. IO, 17; zu Phil. 2, 11 (S. 33) wäre noch zu bemerken,
daß hier die Stelle Ies. 45, 23, deren xvqioq Rom. 14. u
noch der Regel nach Gott war, Anwendung auf die
xvQiöxnc Jefu findet.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Sokolowski, Mag. Emil, Die Begriffe Geist und Leben bei
Paulus in ihren Beziehungen zu einander. Eine exegetifch-
religionsgefchichtliche Unterfuchung. Göttingen 1903,
Vandenhoeck und Ruprecht. (XII, 284 S. gr. 8.) M.7.—

Als Rechtfertigung für die Wahl des Themas wird
der Umftand geltend gemacht, daß bezüglich des Be-
griffes Leben und der zwifchen ihm und dem Geiftbegriff wie jenes vom Fleifch (S, 58). Allerdings wird Rom. 1,4

möglich erfcheint, daß Fleifch und Sünde nicht notwendig
und unslösbar mit einander verbundene Begriffe find
(S. 123 k 239 k). Diefe von Holften, Pfleiderer, Weizfäcker
u. A. behauptete Begriffsverbindung wird auch von unferem
Verf. felbft zwar mit Bezug auf beftimmte Stellen zu-
gegeben (S. 127 k 242), für die Chriftologie dagegen wegen
der 1. Kor. 5, 21 bezeugten Sündlofigkeit beftritten und
gegen den aus Rom. 1, 4 hergeleiteten Ausgleich, wonach
das Fleifch famt der ihm inhärierenden fündigen Eigen-
art in dem Einen Fall, um den es fich hier handelt, unter
Einwirkung des die Perfönlichkeit des Chriftus konftituie-
renden .Geiftes der Heiligkeit' außer Kraft gefetzt worden
fei, geltend gemacht, daß dort von fittlichen Qualitäten
des Chriftus gar nicht die Rede fei (S. 124), wohl aber
vom Werden desjenigen Zuftandes, in welchem Chriftus
das eine Mal als Davidsfohn (xaxa octQxa). das andere
Mal als .Gottesfohn in Macht' erfcheint, fofern diefes
Werden ebenfo vom Geift normiert und bewirkt wurde.

beftehenden Beziehungen die Meinungsverfchiedenheit der i vermöge der näheren Beftimmung Ig dvaoxctoscoq vsxgmv

Forfcher größer fei, als auf irgend einem andern Punkt
des paulinifchen Anfchauungskreifes (S.V). Ein erfter
Teil gilt dem Begriff des Lebens, ein zweiter der Er-
zeugung und der Gewährleiftung diefes Lebens durch den
Geift, ein dritter der Methode der Wirkfamkeit des

die Auferftehung als die Wurzel namhaft gemacht, welcher
das Dafein des vibg d-eov sv dvva[i£t entflammt (S. 61).
Gleichwohl ift fchwer abzufehen, weshalb diefes felbe
xv£v(ia, deffen Bedeutung für das Auferftehungsleben
hieraus erhellt, nicht auch fchon die in dem im Fleifche

Geiftes (durch Wort und Taufe), ein vierter den anthropo- i wandelnden, alfo die Gottesfohnfchaft noch nicht h>

övvä(i£i befitzenden Chriftus fich als die das fündigende
Fleifch in feinen Äußerungen hemmende und zurück-
drängende, Heiligkeit auswirkende Kraft bewährt haben
follte. Legt doch unfer Verf. großen Wert auf die Ein-

logifchen Vorausfetzungen (öapg, toco av&Qcojtog, Ver-
hältnis des natürlichen Menfchen zum Geift). Faft die
zweite Hälfte des Ganzen erörtert als fünfter Teil den
Urfprung der paulinifchen Anfchauungsweife, wobei die

in den früheren Teilen behandelten Gegenftände der heitlichkeit des paulinifchen Lebensbegriffes (S. 14 f.).
Reihe nach wieder zur Befprechung gelangen. Das hier d. h. auf den Zufammenhang des phyfifchen und geiftigen,
ausführlicher werdende Inhaltsverzeichnis erleichtert den des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens (S. 37 f. 194I
Überblick des Ganzen und erfetzt ein neben dem Stellen- 1 205). Mit Bezug auf die Gläubigen behauptet er infonder-
regifter fehlendes Sachregifter. Die Unterfuchung felbft i heit eine aus der Gegenwart nach dem Gipfelpunkt zu-
ift mit großer Sorgfalt und anerkennenswerterer Be- j künftiger Vollendungaufftrebenden Entwicklungen welcher
herrfchung wie des Stoffes, fo auch der einfchlägigen | nach 2. Kor. 3, is eine konftante Wirkung des Geiftes zu

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