Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

27.1902

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 14.

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habe. Grifar glaubt dies felbft und denkt dabei (Vor- I
wort S. V) an die Kenntnifs ,jener inneren Seite Roms,
welche den aufser der (römifchen) Kirche Stehenden
beim bellen Wollen und Forfchen vielfach verborgen
bleiben mufs, weil fie fich in diefe unfere häuslichen
Dinge nun einmal nicht hineinzudenken vermögen; und
doch liegt in denfelben fo oft der einzige Schlüffel zum
Verftändnifse der grofsen äufseren Gefchichte'. üiefer
Anfpruch, wie er öfter von katholifchen Theologen er-
hoben wird, ift doch nur zum kleinften Theile berechtigt,
und foll fich wohl auch nur auf das Recht beziehen,
alles, was zur katholifchen Kirche als göttlicher Infti-
ftution' gehört, vollkommen finden zu dürfen, — ein
Recht, auf das der Nichtkatholik felbftverftändlich gern
verzichtet. Für Grifar ift er der Anlafs geworden, die
kirchlichen Zuftände und Einrichtungen eingehend zu
befchreiben; und damit führt er allerdings über Greg,
hinaus. Auch das bedeutet einen Fortfehritt, dafs er,
dem Zuge der Zeit folgend, nicht blofs die politifche
Gefchichte im Auge hat, fondern Culturgefchichte geben
will. Er fagt felbft, fein Werk könnte auch den Titel
führen: .Culturgefchichte des Papftthums im Mittelalter,
auf dem Hintergrunde der Gefchichte Roms'. Auf die
Ueberrefte der Kunft, die Erzeugnifse wiffenfchaftlicher
Arbeit wird ausführlicher und gründlicher eingegangen,
als es Greg, gethan hatte, und mit befonderer Freude
begrüfsen wir es, dafs auch das infehriftliche Material
zu" feinem Rechte kommt. Gerade hier merken wir,
welch' reiche Kenntnifse römifcher Vergangenheit die
Funde der letzten Jahrzehnte gebracht haben. Für einen
in Rom lebenden Kirchenhiftoriker mufs es eine wahre
Freude fein, diefe Funde zu verarbeiten. Grifar hat es fich
angelegen fein laffen, davon Nutzen zu ziehen. Endlich
ift ein bedeutender Vorzug des Werkes, dafs es mit
einer grofser Menge gut ausgewählter, vortrefflich herge-
ftellter Abbildungen verfehen worden ift; manche der ver-
wendeten Photographien find eigens für das Werk ange-
fertigt worden. Ein Plan des chriftlichen Rom in der
von Grifar behandelten Zeit ift eine der willkommenften
Beigaben und zeugt von der Sorgfalt, mit der Gr. die
Topographie des antiken und chriftlichen Rom ftudirt hat.

Damit glauben wir das ausgefprochen zu haben, was
zum Lobe des Werkes gefagt werden kann. Seiner
Mängel find fo viele, dafs es mit den grofsen hiftorifchen
Leiftungen unterer Tage nicht in eine Reihe geftellt zu
werden verdient. So wenig Referent etwa Kraus' Ge-
fchichte der chriftlichen Kunft für ein bedeutendes
hiftorifches Werk anzufehen vermag, fie fleht doch höher,
als Grifar's Werk. Ein Vergleich mit Hauck's Kirchen-
gefchichte Deutfchlands ift geeigneter, feinen Werth
erkennen zu laffen. Bei Hauck wird der Lefer ergriffen
von dem lebendigen Walten des Geiftes Gottes in der
Gefchichte, fo wenig Worte der Verfaffer davon macht;
Grifar redet viel von übernatürlichen Kräften; aber fie treten,
um fo zu fagen, in kirchlich erftarrter Form zu Tage und
haben nur halbes Leben. Bei Hauck tritt der Lefer in
perfönliche Beziehung zu den handelnden Perfönlichkeiten;
fie find Menfchen mit Fleifch und Blut; mit heroifchen
und kleinen Eigenfchaften, mit Stärken und Schwächen; —
bei Grifar find die Perfönlichkeiten nach der Schablone
gezeichnete Schemen. Die ,grofsen Charaktere aus der
Zeit der Umwandlung Roms' (S. 40 ff.) zeigen ihre Cha-
raktergröfse fchliefslich in weiter nichts, als dafs fie ihren
Reichthum zu guten Werken verwenden, Kirchen ftiften
und enthaltfam leben. Wo es darauf ankäme, eine wirk-
lich grofse Perfönlichkeit zu zeichnen, verfagt der Autor.
Von Leo dem Grofsen erhalten wir kein lebendiges Bild,
und wie graufam ift dem grofsen Theoderich mitgefpielt!
Wenn Grifar für fich in Anfpruch nimmt, erft als katholi-
fcher Theologe das kirchliche Leben verliehen zu können,
fo wird man fagen dürfen, dafs er das wirkliche Leben
nicht verlieht, oder, wenn er es verlieht, fein Verfländnifs
nicht zur Darfteilung bringen will. Referent ift weit

davon entfernt, die hier angedeuteten Mängel allein auf
das Conto des Verfaffers fchreiben zu wollen; das heifse
Bemühen des Verfaffers und fein eiferner Fleifs ift überall
erfichtlich; er hat fich aber nicht los machen können
von einer katholifch-apologetifchen, oder fagen wir beffer
von einer päpftlichen Tendenz. Es bedarf hierfür keines
Beweifes, nachdem Katholiken wie F. X. Funk in der
Theologifchen Quartalfchrift 83, 1901, S. 467—472 und F. X.
Kraus in der Hiftorifchen Zeitfchrift 88, 1902, S. 288—293
mit ernften und eindringlichen Worten davon geredet
und nachgewiefen haben, dafs diefe Tendenz offenbare
Unrichtigkeiten hat zur Darfteilung bringen laffen (vgl.
auch Jean Lulves, in der Deutfchen Literaturzeitung 1902,
S. 617—619). Eintönig zieht fich durch das ganze Werk
die Begeifterung für den Primat Petri und für die Einheit
der Kirche, die damit gefetzt fein foll. Ja, es wird fogar
von der Gefammtkirche des hl. Petrus (S. 692) geredet,
als wäre nicht Chriftus, fondern Petrus der Herr der Kirche.

Noch auf einen anderen Uebelftand fei aufmerfam
gemacht. Gr. weifs den Werth der einzelnen hiftorifchen
Vorgänge nicht gegen einander abzuwägen. Bezeichnend
dafür ift fein Ausgangspunkt. Er beginnt mit der Schil-
derung des letzten (!) Aufflackerns des Heidenthums in
Rom, des Entfcheidungskampfes mit der heidnifchen Partei
im Jahre 394; aber diefes Jahr ift wenig geeignet, Epoche
in der Gefchichte Roms zu machen; es Hellt nur eine
dürftige Epifode dar. Wollte man aber den Kampf
zwifchen Chriften- und Heidenthum zum Ausgangspunkte
nehmen, fo war das Jahr 312 ein viel deutlicherer Mark-
ftein. Das hat Grifar auch annähernd gefühlt; er holt
darum die Gefchichte Roms von der Kaiferzeit an nach
und bringt, um im Allgemeinen zu reden, vielerlei bei,
was zu feinem Thema nicht gehört. Die Gefchichte der
Stadt Rom und die Gefchichte der Päpfte find zwei ver-
fchiedene Dinge. Gr. fucht fie ,in der Weife zu vereinigen,
dafs fich ein möglichft einheitliches culturhiftorifches Ge-
mälde von Rom im Mittelalter ergäbe'. Aber gehört in
eine Gefchichte Roms im Mittelalter eine ausführliche Dar-
ftellung „des Primats" der römifchen Bifchöfe von Petrus an,
und eine mehr als ausführliche Schilderung der Werke der
altchriftlichen Kunft? Bis jetzt ift die wiffenfehaftliche
Welt gewohnt gewefen, das Mittelalter von einem anderen
Termine an zu rechnen, als vom Jahre 394 an. Oder
will Gr. diefen erften Band, der bis zum Pontificate Gre-
gor's des Grofsen (ausfchliefslich) reicht, nur als Ein-
leitung betrachtet wiffen? In fünf fehr ungleich ausge-
fallenen Büchern fchildert Gr. ,Rom beim Ausgang der
antiken Welt'. 1. Rom beim Erlöfchen des heidnifchen
Cultus; 2. Rom und die Päpfte während der Gotenherr-
fchaft in Italien; 3. Rom gegenüber den Byzantinern und
den Oftgoten zur Zeit der Wiederherftellung der kaifer-
lichen Macht in Italien. 4. Rom unter Narfes und in der
erften Exarchenzeit. 5. Fortfchreitender Verfall der ftaat-
lichen Verhältnifse und der römifchen Bildung. Auf-
ftrebendes Leben der römifchen Kirche. In diefen
Büchern hat Gr. untergebracht, was er für culturge-
fchichtlich hält; es foll hier nicht aufgezählt werden, was
alles hier fich findet, wie reiche Kenntnifse und welch'
treffliche Bemerkungen in der Schilderung vorliegen.
Doch feien einige charakteriftifche Mängel hervorgehoben:
auf die Fragen: welches war der religiöfeGedankengehalt
jener Menfchen des 4. bis 6. Jahrh., die fich Chriften
nannten? wie fafsten fie das Göttliche auf, fafsten fie es
geiftig oder materiell? erhalten wir keine Antwort. Wie
viele Refte aus der heidnifchen Vergangenheit lebten in
den Glaubensvorftellungen fort? Grifar hat manchen kirch-
lichen Brauch, manches kirchliche Feft angefchloffen an
die heidnifche Vergangenheit, und hier hat er Anfätze
gemacht zu einem Freimuth, den wir als die erfte Stufe
eines gereifteren hiftorifchen Verftändnifses betrachten
mochten. Welchem Aberglauben huldigten die Chriften
jener Zeit? Grifar hat manches Küftermärchen, das in
fog. kirchlichen Kreifen als reine Gefchichte geglaubt

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