Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

27.1902

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 6.

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auf die chriftologifchen Ideen der Zeit zwifchen 325
und 381. In diefer Zeitfchrift wurde im vorigen Jahre
Nr. 7 die Arbeit von Gummerus ,Die homöufianifche
Partei bis zum Tode des Conftantius' von Krüger mit
Recht unter diefem Gefichtspunkte begrüfst. Seither hat
19OI ein anderer finnländifcherTheolog,ErikJohansson,
eine Abhandlung veröffentlicht über das Verhältnifs des
Hilarius zu dem Homoiufianern, leider in fchwedifcher
Sprache und einer in Deutfchland kaum verbreiteten
Zeitfchrift. Beide Arbeiten unternützen unter Modifica-
tionen im Einzelnen auch den Gedanken, dem Beth.-B.
entgegentritt. Beth.-B. berückfichtigt die Literatur der
neueren Zeit zu wenig. Von Loofs citirt und kennt er
nur die erfle Auflage feines Leitfadens der Dogmenge-
fchichte! Die vortrefflichen, eindringenden Arbeiten des-
felben, die in der dritten Auflage der Prot. Realencyklo-
pädie erfchienen find, hat er fämmtlich überfehen, auch
das Programm von 1898 .Euftathius von Sebafte und die
Chronologie der Bafilius-Briefe.' In diefem glaubt Loofs
beweifen zu können, dafs der von Cotelier edirte Brief-
wechfel zwifchen Bafilius dem Grofsen und Apollinaris
eine Fälfchung fei (aus dem Kreife des Euftathius).
Beth.-B. hat ebenfalls grofse Bedenken gegen die Echt-
heit diefes Briefwechfels (S. 38ff.), fructificirt ihn dann
aber doch, wie wenn er für Bafilius von Belang fei.
Harnack hält ihn nach Dogmengefch. II3, 253 Anm. 1,
unbedenklich für echt, zeigt aber, wie wenig er in Wirk-
lichkeit für den Gedanken, den Beth.-B. verfolgt, zu be-
deuten hat. Der Hauptfehler von Beth.-B.'s Unterfuchung
liegt methodifch darin, dafs er die politifchen und per-
fönlichen (pfychologifchen) Momente an der Gefchichte
des ofioovöiog gar nicht berückfichtigt. Alles Termino-
logifche ift fehr genau, gelehrt und fcharffinnig erörtert.
Es ift vieles dabei nicht neu, aber alles ift felbftändig
erarbeitet und manches doch auch im Einzelnen geeignet,
die Entwickelung neu zu beleuchten. Für C als Symbol
trägt die Unterfuchung am wenigften aus. Dafs in ihm
das ex zrjg ovöiag rov naxQog fehlt, kann ich — darin
ftimme ich Beth.-B. zu — nicht fo charakteriftifch oder
dogmatifch wichtig finden, wie es manchen fcheinen will.

Die Abhandlung von Dom Morin ift durch alle guten
Eigenfchaften des trefflichen benedictinifchen Gelehrten
ausgezeichnet. M. ftellt zunächft feft, was mit Bezug auf
das Athanafianum wohl für ausgemacht gelten könne, näm-
lich einmal, dafs Swainson's Hypothefe nicht ftichhaltig
fei, fodann dafs Südgallien für die Heimath zu gelten
habe. In letzterer Beziehung hat neuerdings K. Künftle
freilich den fcheinbar erreichten Confens geftört, indem
er für das Wahrfcheinliche erklärt, dafs die Formel aus
Spanien flamme; (er glaubt fie als die ,reiffte Frucht
der fpanifchen Theologie des 5. Jahrhunderts' anfehen
zu dürfen f. ,Eine Bibliothek der Symbole etc. aus dem
VI. Jahrb..', S. 134). Dom M. fcheint die Studie diefes
Freiburger Theologen noch nicht gekannt zu haben.
Mit Bezug auf die Zeit des Ath.'s ift M. anderer Meinung,
als die meiften, die neuerdings fich darüber geäufsert
haben. Er geht auch ftillfchweigend über Ideen zur
Tagesordnung über, die er über die fachlichen Bezie-
hungen der Formel früher einmal angedeutet hat (vgl.
darüber Theol. Litztg. 1897, Sp. 540). Wenn er damals an
den Streit des Leporius als Veranlaffung für diefelbe
dachte, fo glaubt er jetzt, dafs man Unrecht habe, auf
fpecielle, momentane Zeitbezüge in ihr zu reflectiren.
Auf die internen, theologifchen Merkmale des Ath.'s
werde zu viel Gewicht gelegt. Dasfelbe fei wahrfchein-
lich gar nicht in der Art hiftorifch zugefpitzt, wie man
glaube vorausfetzen zu müffen. Atnon huntble avis, fchreibt
er S. 5, le Quicumque est simplemeut une sorte de catt-
chisme elementaire, destine a mettre a la portee des esprits
meme /es moins cultives les fonmiles dogmatiques elabo-
rees a la suite des grandes heresies des IV* et Ve Steeles
touchant la Trinite et rincarnation. Was die Zeit betrifft,
fo ift er nunmehr geneigt, die Formel ,aussi bas quc

possible' anzufetzen. Denn die Präcifion und Klarheit
' derfelben, le fini de la terminologie dogmatiquc darin,
empfehle die Vermuthung, dafs un travail deja long des
theologiens ihr voranliege. Er meint, es komme zunächft
alles darauf an, den erften zweifellofen Zeugen für die
Formel feftzuftellen. Dann erft könne man weitere Ver-
muthungen wagen. Wenn Burn und ich Avitus von
Vienne dafür hingeftellt haben, fo bietet M. beachtens-
werthe Gegenargumente. In der That, zweifellos ift es
nicht, dafs Avitus B. kennt, aber m. E. auch nach M.'s
Bemerkungen immer noch recht wahrfcheinlich. Auch
andere ,Zeugen' discreditirt M., auch folche, auf die er
entweder überhaupt zuerft die Aufmerkfamkeit lenkt, wie
Boethius, oder die er mit mehr Material in die Ver-
handlung felbft hineinbringt, als andere gethan: fo Ful-
gentius von Rüspe. Ich urtheile wieder, dafs doch
ein grofses Maafs von Möglichkeit, um nicht abermals
zu fagen Wahrfcheinlichkeit, übrig bleibt. Befonders gilt
das für Fulgentius; (Morin S. II, man wird bei ihm un-
zweifelhaft an eine ganze Menge von Wendungen des
Ath.'s erinnert: ich habe mir die §§4, 19, 13, 14, 10, 11,
9, 5, 20—22, 15, 13, 11, 14 15. 35, 30 an den Rand der
Stellen gefchrieben, die M. aus Fulg. heranzieht). Der
] erfte ,zweifellofe' Zeuge für das Ath. ift nach M. Cae-
farius von Arles. Dafs Caef. das Ath. kenne, war
durch Pf.-Auguftin Serm. 244 für jeden, der diefen für
caefarianifch erachtet — und M. beftätigt, dafs dawider
kaum ein Zweifel aufkommen könne — faft evident.
M. felbft bietet aus feiner zuverläffigen, befonders hohen
t Kenntnifs des Caes. heraus eine erdrückende Fülle von
j weiterem Material, S. 12 ff. Er meint doch noch mehr
f beweifen zu können, als dafs Caes. das Ath. ,kenne'.

Vielmehr meint er, dafs diefes in feinem ganzen Gedanken-
j gefüge und bis in die Minutien feiner Ausdrucksweife
caefarianifch geartet fei. Er fagt ausdrücklich, dafs er
nicht ohne Weiteres fchliefse, dals das Ath. alfo wohl
I von Caes. herrühren werde, aber er meint, es bedürfe
nun doch nur noch eines handfchriftlichen Fundes, der
direct Caes. als Autor bezeuge, fo werde man keinen
Zweifel mehr zu hegen brauchen, dafs die Formel von
ihm flamme. Vorläufig macht er auf zweierlei aufmerk-
fam. Einmal dafs das Ath. nachweislich in alten arle-
fianifchen Documenten vorkomme und in unmittelbarer
Verbindung mit caefarianifchem Material. Sodann dafs
; die Bezeichnung der Formel als ,fides Athanasia, die ur-
fprünglich zu fein fcheine, zu Gepflogenheiten des
| Caes. paffe. — Ich möchte in meinem Widerfpruche gegen
M. nicht zuverfichtlicher fein, als er in feinen Muth-
mafsungen. So will ich nicht mehr fagen, als dafs ein '
1 Theil der Citate, die Bekanntfchaft des Caes. mit dem
Ath., vielmehr caefarianifchen Stil der Formel beweifen
follen, mir nicht überzeugender ift, als das Material, das
bei anderen Theologen zur Verfügung fleht und von M.
als ,nicht beweifend' betrachtet wird. Es käme noch da-
rauf an, z. B. bei Fulgentius, eine ähnliche Unterfuchung
anzuftellen, wie weit die Minutien des Ausdruckes des
Ath.'s da auch vorkommen. Ganz befonderes Gewicht
legt M. darauf, dafs die Phrafe in § 24 ,/otae tres per-
sonae' (nicht ,omnes tres persenae'), die ,surement est Putte
des plus caracteristiques de toute la pure' ganz caefaria-
nifch fei. Aber ich vermuthe — mehr kann ich zunächft
nicht fagen — dafs fie nicht fowohl für caefarianifches,
als vielmehr allgemein für gallifches Latein (vgl. fran-
zöfifches ,tous les detix, toutes les trois') characteriftifch
ift und nur vermerthet werden darf, um gallifche Pro-
! venienz des Ath.'s zu behaupten. Nach ähnlichen Ge-
fichtspunkten wären auch andere Wendungen im Ath.
noch zu prüfen.

Meiner Vermuthung, dafs Auguftin fchon das Ath.
kennne, hat Burn, An Introduction to the Creeds S. 146
mit dem Argument widerfprochen, dafs ein unbekannter
Theolog von der Gröfse Auguftin's felbft dann dicht vor
Auguftin angenommen werden müfste. Ich meine, das
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