Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

25.1900

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Theologifche Literaturzeitung. 1900. Nr. 10.

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unterzogen. Und um diefe Kritik nicht den Augen der
kirchlichen Inquifitionsbehörde zu enthüllen, wird man
die hier fehlenden Blätter herausgeriffen haben. Erft von
c. 16 an beginnt wieder eine zufammenhängende Dar-
fteilung. Zunächft werden die drei Sacramente der Voll-
kommenen kurz aufgeführt: Bufse, Taufe, Abendmahl,
und dann im Einzelnen genauer befprochen. Die Er-
ziehung des Kindes mufs daher auch in der Reihenfolge
verlaufen, dafs zunächft Glaube erweckt, dann Bufse er-
zeugt und dann erft die Taufe ertheilt wird (c. 16). Bis
zur Taufe bleibt der in der Gemeinde Aufzunehmende
im Katechumenat, in den das Kind mit der Geburt ein-
tritt. Die Riten bei diefer Aufnahme werden in c. 17
genauer befchrieben (Vater Unfer, Gebet des ,Auser-
wählten' und der ganzen Verfammlung, Lection 1 Cor.
13, 11, Namengebung, Lection Luc. 2, II, Gebet, aber-
maliges Vater Unfer). Den Taufritus befchreiben c. 18—21.
Man erwartet nun eine Befchreibung des Abendmahls-
ritus, die nach c. 19 hier folgen müfste. Eine folche
fehlt aber und an ihrer Stelle wird noch eingehend von
der Handauflegung gehandelt, die den sxkexroi von
Seiten des r/yovftsvog zu Theil wird, nach einer Prüfung
durch diefen oder einen öiöäoxuloq. Auch hier wird
der Ritus eingehend befchrieben. Darauf folgt ein Ca-
pitel (ohne Zahl), .Erklärungen in Betreff der noth-
wendigen Worte unferes Herrn Jefus Chriftus, die die
hl. Evangeliften bezeugen'. Den Schlufs bildet eine
Zufammenfaffung der chriftlichen Lehre in Form eines
Katechismus, beginnend: ,Bift Du ein Chrift? Ja, ich bin
ein Chrift! Was heifst es, ein Chrift zu heifsen? Das
heifst es: Wer unfern Herrn Jefus Chriftus kennt, was
er ift und fein Gebot hält u. f. w.' Daran fchliefst fich
noch eine kurze Belehrung über das Abendmahl.

Es kann, wie mir fcheint, keinem Zweifel unterliegen,
dafs das Werk fo, wie es vorliegt, nichts einheitliches
darfteilt, dafs es vielmehr als eine Compilation zu be-
trachten ift. Es ift oben darauf hingewiefen, dafs man
nach der Schilderung des Taufritus eine Darfteilung
des Abendmahlsritus erwartet. Sie fehlt und das kurze
Schlufscapitel, in dem die Bedeutung des Abendmahles
kurz befprochen wird, bietet nicht im geringften einen
Frfatz für die Lücke. Dafs es von Anfang an nicht
beabfichtigt gewefen fein follte, über das Abendmahl
in derfelben Weife, wie über die Taufe zu handeln,
ift nicht anzunehmen. So wird man alfo nicht umhin
können, nach c. 21 eine Lücke anzunehmen. Damit
aber fcheint der Stoff überhaupt erfchöpft. Denn was
nachher kommt, ift im Plane zunächft gar nicht vorge-
fehen. Daher wird man das Ganze als ein Conglomerat
von Ritualen zu betrachten haben. Ihnen ift noch ein
Katechismus zugefügt worden, der auch nach der Mei-
nung des Herausgebers jünger ift als das andere.

Ueber das Alter der einzelnen Theile wird man
fchwerlich eine genaue Beftimmung treffen können.
Darin hat ja ohne Zweifel der Herausgeber recht, dafs
die Schrift nicht erft 1782 entftanden ift. Aber eine ge-
naue Fixirung der Zeit, in der wir uns die vorliegende
Form der Rituale entftanden zu denken haben, wird wohl
kaum gelingen. Der Herausgeber weift in einem, allerdings
recht dürftigen Excurs (p. 187—190) auf einige fprachliche
Eigenthümlichkeiten hin, indem er aus dem grofsen Wörter-
buche der Venediger Armenifchen Academie eine Anzahl
von Belegen ausfehreibt. Die zahlreichen, hier notirten
Berührungen mit dem im 10. Jahrh. lebenden armenifchen
Schnftfteller Gregor v. Narek beweifen nur etwas für den
terminus post quem, und ftellen es aufser Zweifel, dafs
wir es mit der Sprache der mittleren Zeit zu thun haben.
Mit Recht wird betont (p. 190), dafs es auffallend ift,
dafs in einer fo fpäten Abfchrift fich fo wenige Vulga-
rismen finden. In einer für den kirchlichen Gebrauch
beftimmten Schrift wird man auch bei der Abfchrift
immer mit möglichfter Sorgfalt zu Werke gehen und auf
eine genaue Ueberlieferung achten.

In der Einleitung giebt C. eine Darfteilung der Unter-
fuchung von Arkhweli (1837), bei der die Schrift aufge-
funden wurde; fodann eine Ueberficht über den Inhalt
mit Vergleichung anderweitiger Nachrichten über die
Paulicianer, fowohl armenifcher als auch der griechifchen
Notizen, die in der Escurial-Hf. des Georgius Monachus
interpolirt find. Daran fchliefst fich eine Befchreibung
der Gebräuche der Secte, wie fie bei der Unterfuchung
von 1837 ermittelt wurden, fowie eine Zufammenftellung
der Nachrichten, die fich bei den Armenifchen Schrift -
ftellern über die Secte finden. Alles, was fich aus diefen
Nachrichten über die kirchlichen Sitten der Paulicianer
entnehmen läfst, weift darauf hin, dafs wir in dem ,Wahr-
heitsfchlüffel' eine officielle Darfteilung der Riten und
zugleich auch der Lehre der Paulicianer zu erblicken
haben , wie fie im wefentlichen bereits im 8. Jahrh. be-
ftanden. An diefem wichtigen Refultat wird fich in der
Hauptfache wohl nicht viel dadurch verfchieben, wenn
man auch annimmt, dafs im Einzelnen im Laufe der Jahr-
hunderte manches fich geändert haben mag. Gerade bei fol-
chen Secten pflegt die Ueberlieferung ganz befonders zähe
an dem Hergebrachten feilzuhalten, auch wenn fie nicht fo
fernab von allem Weltverkehre und dem damit bedingten
Ideenaustaufch liegen, wie jene Armenier. Eine andere
Frage aber ift, ob C. darin im Rechte ift, wenn er einen
Zufammenhang zwifchen den Adoptianern der alten Kirche
und den Paulicianern herzuftellen und damit die hier aus-
mündende Linie bis in die chriftliche Urzeit zurückzuver-
folgen fucht. Allerdings findet fich nichts von der kirch-
lichen Theologie in der Schrift. Chriftus hat, als er zum
vollkommenen Alter gekommen war, die Taufe empfangen
und mit ihr die ,Herrfchaft (autlwrity überfetzt C), das
Hohepriefterthum, die Königsherrfchaft und das Priefter-
thum' (the office of chief shepherd überfetzt C, aber das
Wort ift geläufig von Chriftus als dem Erzbifcbof der
Seelen). So c. 2. Da Chriftus als das Vorbild empfohlen
werden foll, fo war eine andere Theologie gar nicht zu
brauchen als eine, die mit der Taufe Chrifti erft die Er-
langung aller göttlichen Prädicate verband. Die in c. 2
auf die ebengenannten folgenden Worte lauten: .Wie-
derum: damals wurde er erwählt, damals wurde er ver-
herrlicht, damals ftrahlte er auf, damals erhielt er Macht,
damals erhielt er Ehre, damals wurde er zum Wächter
benimmt, damals erhielt er feinen Ruhm, damals erhielt
er fein Lob, damals hatte er feine Freude, damals leuchtete
er, damals wurde er entzückt, und damals frohlockte er'.
Das klingt aber vielmehr gnoftifch, als adoptianifch. Und
wir werden in der That die Vorlagen für die befondere
Theologie der Secte nicht in den Kreifen der kirchlichen
Adoptianer zu fuchen haben, fondern vielmehr in jenen
gnoftifchen Conventikeln, denen ähnliche Gedankenreihen
nicht fremd geblieben find. Dafs die letzten Refte der
| ehemals kirchlichen Adoptianer fich mit den Reften der
gnoftifchen Secten, fowie mit Manichäern zu einem grofsen
Religionsgemenge verbunden haben und dafs ein Sprofs
von diefem Wildling auch die Paulicianer find, wufste man
fchon vorher. Aber es ift erfreulich, dafs man jetzt die
Theologie diefer Kreife aus einer unverdächtigen Quelle
ftudiren kann. Doch die ganze theologifche Speculation
ift im Grunde nur eine Seitenranke. Nicht hier liegt der
Gegenfatz zu der Kirche, fondern auf dem Gebiete des
Lebens. Die Bufse ift wie bei den Waldenfern das erfte
Sacrament. Es fchliefsen fich dann für die .Erwählten'
Taufe und Abendmahl wie von felbft an. Für die .Er-
wählten' ift ja jede Theologie zuletzt nur ein Ballaft. In
dem Bewufstfein, zur Kirche zu gehören, hat er einen
fichereren Halt, als ihm irgend eine Theologie zu geben
vermöchte und darum ift es nicht verwunderlich, wenn
wir aufserhalb diefes Sectenkreifes bei den pietiftifchen
Separatiften ganz ähnliche Gedanken mit einer ähnlichen
Theologie verbunden fehen.

Die Ausgabe ift nicht ganz fehlerfrei. Das Verzeichnifs
von Druckfehlern (p. 66) ift nicht vollftändig. Die
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