Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

24.1899

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 19.

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dem Uebrigen abfchrecken laffen wolle, in einem zweiten [ diefes Pfalmiften, eigentliche Totenopfer kannte. Es mag richtig fein,
Abfchnitt gehandelt wird von ,Seelenglaube und Seelen- dafs d!e Totenbefchwörer, die feit Saul in Israel eine Rolle fpielen.

kult' (S. 18—33); denn hier wird nicht in concreter Dar-
flellung gegeben, was fich an Vorfiellungen, die auf
Seelenglauben und Seelencultus verweifen oder verweifen
könnten, in Israel findet, sondern allgemeine religions-

,exotifchen' Urfprunges waren (S. 202 f.); aber ihr Treiben würde doch
wirkungslos geblieben fein, wenn die Israeliten nicht die bei den Be-
fchwörern beftehende Anfchauung von den Abgefchiedenen getheilt hätten.
Ich habe (Artikel .Feldgeifter' in Herzog's R.E.3 VI, S. 7 ff. 21 f.), zw"
Theil nach dem Vorgang Anderer, eine Reihe von Vermuthungen über

gefchichtliche Confiruction, ZU der das Material aus der den Z^jnenhang der Dämonen des israelischen Volksglaubens mit

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israelitifchen Kehgionsgeichicnte, 10 wie der Verf. es
auffafst, in eine Beziehung gefetzt werden foll.

Der Verf. refumirt feine pofitive Anfchauung S. 229
in folgendem Satze: Das ,Elend des Todesgefchickes ver-
anlafste den Hebräer zu einer Reihe von Sitten und Ge-
bräuchen, welche einerfeits auf den Urfächer desfelben

den Vorftellungen von den Abgefchiedenen gewagt. Von der Richtigkeit
der Vermuthungen in den einzelnen Fällen abgefehen, kommt man über
den allgemeinen Eindruck jedenfalls nicht hinaus, dafs hier in Israel,
ebenfo wie bei anderen Völkern, irgend ein Zufammenhang bcftehe. Dann
aber berührt fich zuletzt die Vorftellung von den Abgefchiedenen, fo gut
wie die von den Dämonen, mit der von den Göttern. Befonders ift dar-
über nicht hinwegzukommen, dafs die Schlange, bei den Hebräern Wie
bei den Arabern, Phöniciern und Babyloniern ein dämonifches Wesen,

bezüglich — daher kultifcher Natur — eine mitleidbe- | als das chthonifche Thier in irgendwelcher Beziehung zu der Vorftellung
zweckende Selbftdemütieune zum Ausdruck bringen I von den Abgefchiedenen geftanden zu haben fcheint. Die Schlangen-

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füllten, andererfeits auf den Verdorbenen bezüglich eine
feinem Todeszuftand entfprechende Wirkung auszuüben
beftimmt waren, fofern durch diefelbe eine Fürforge für
die Seele getroffen und die Fortdauer der Zufammen-
gehörigkeit mit dem Verdorbenen gewahrt erfchien.'
,Seelenglauben' der alten Israeliten nimmt der Verf. alfo

namen, die als Ahnennamen femitifcher Völker vorkommen,verweifen darauf-

Eine Reaction gegen manche modernen Behaup-
tungen über Seelencultus in Israel und noch mehr gegen
manche Theorien über Animismus fcheint mir nicht un-
angebracht; die vorliegende Leidung diefer Art aber
thut einerfeits in der Ablehnung zu viel und geräth an-

an, bedreitet aber althebräifchen Seelencultus. Gewifs \ dererfeits durch Verwechfelung des Erkennbaren mit

hat er Recht, wenn eres energifch ablehnt, dafs die Jahwe-
Religion aus irgendwelcher Form des Seelencultus ent-
ftanden fein könne, auch wenn er bedreitet, dafs die
Form derjenigen althebräifchen Religion, die eine Vor-
dufe der Mofaifchen bildete, wefentlich als Seelen-
cultus zu denken fei (S. 229 f.). Aber dafs die Jahwe-
Religion weder direct noch indirect an Seelencultus an-
knüpft, fchliefst doch nicht aus, dafs diefer neben anderen
Elementen einen Bedandtheil der althebräifchen Religion

dem Urfprünglichen auch ihrerfeits ins Weglofe. Kann
man nicht mit völliger Sicherheit behaupten, dafs die
alten Hebräer, wie es nach dem Vorgang von Stade
und Schwally jetzt mehrfach angenommen wird, Toten-
cultus übten, fo kann man noch viel weniger beweifePi
dafs fie es nicht thaten. Der Unterzeichnete id erft
neuerdings, von der Anfchauung ausgehend, dafs nicht
nur folcher Cultus fondern dafs überhaupt der ,Seelen-
glaube' bei dt n alten Hebräern nicht erkennbar fel>

bildete, auch nicht, dafs er aus der älteren Zeit her noch j durch fortgefetzte Zurechtlegung des Materials zu der
neben der Jahwe-Religion fich erhielt. Wenn der Verf. I entgegengefetzten Beurtheilung gelangt, dafs Spuren

meint, man habe darin geirrt, dafs man Seelencultus un-
befehen für Seelenglaube fubdituirt habe (S. V. 23), fo
mag er zum Theil Recht haben; Seelenglaube und .Ani-
mismus' haben an fich mit der Religion nichts zu thun.
Aber ein anderer Irrthum könnte doch auch auf feiner
Seite liegen. Wenn fich nicht nachweifen läfst, dafs den
.Seelen' Cultus erwiefen wurde in derfelben Weife wie
der Gottheit in anderen bekannten Culten, fo ift damit
der .Seelencultus' noch nicht widerlegt. Handlungen
frommer Pietät, den Abgefchiedenen erwiefen, bedreitet
der Verf. nicht. Wie will man in allen Fällen die Grenz-
linie ziehen zwifchen folchen Handlungen und dem Cultus?
Jeder Act nicht nur der Anbetung fondern auch der
Ehrenbezeigung einem unfichtbaren Wefen gegenüber id
doch eine Art Cultus. Es fcheint mir hier fchliefslich

diefes Glaubens und dann m. E. aller Wahrfcheinlichkeit
nach auch eines darauf gegründeten Cultus wirklich vor-
handen find.

Das Hauptverdiend der vorliegenden Arbeit fcheint
mir zu liegen in den Unterfuchungen über die in Betracht
kommenden Sitten und Gebräuche. Mit grofser Sorg-
falt find hier das Material und feine verfchiedenen

Be-
urteilungen gefammelt, und die Entfcheidung des Ver>-
id überall der Erwägung werth.

Bedenklich ericheint mir in dielen Abfchnitten die allerdings fehj
fchwierige Beftimmung der Begriffe Rein und Unrein nach altteftame" -
licher Vorftellung S. 173 ff. Wenn ,kultifche Reinheit vor allem in Fer"'
haltung alles deffen beftand, was im Gcgenfatz zu der zu verehrende'
Gottheit der betreffenden Kultgenoffenfchaft fland' (S. 182), fo pafst daz
jedenfalls nicht, dafs Ausfatz (S. 184 f.) und Tod (S. 186) deshalb ver-
unreinigend fein follen, weil fie als ,Schlag Gottes' gedacht werden. Be-

grofsentheils auf einen Streit um Worte hinauszukommen ^Henswerthe Gedanken liegen aber auch hier auf beiden Seiten zu
& . . * s>. 1 Grunde. Ueberzeugend finde ich die Darfteilung S. 118 ff. von der »

und der Unterfchied ebenfowenig beftimmt fixirbar zu
fein wie der zwifchen Göttern und Dämonen in nicht-
monotheiftifchen Religionen. Cultus der Dämonen können
wir im A. T. ebenfalls nicht nachweifen, auch nicht, aus
Lev. 17,7; aber die Dämonen der fpäteren Israeliten waren
zum Theil alte Götter, die als folche Cultus empfangen
hatten. So können urfprüngliche wirkliche Cultushand-
lungen auch den Pietätserweifungen für die Toten zu
Grunde liegen. Wir kommen nicht darüber hinaus, das
Verhalten der älteften Zeit den Abgefchiedenen gegen-
über feftzuftellen und allenfalls in dem Sinne zu erklären,
den man in hiftorifcher Zeit damit verband. Aus welcher-
lei Vorftellungen diefes Verhalten hervorging, wird fich
mit Sicherheit nie conftatiren laffen und ift für das Ver-
ftändnifs der altteftamentlichen Religion von keiner
wefentlichen Bedeutung, weil fie — was des Beweifes

rückfichtigung des Verdorbenen bei dem Leichenmahl als einer For'
fetzuug der bisher mit ihm beftehenden Gemeinfchaft.

Hinter diefen Partien flehen die Beiträge des Buche3
zur Pfychologie des A. T. (S. 18 ff. 201 ff.) entfehiedej'
an Werth zurück. Sie find fehr dürftig. Und doc^
follten fie die Grundlage bilden einer Unterfuchung, ^
fie der Verf. geben will. Auch wäre gerade auf dielet1
Gebiete noch fehr viel zu thun.

Ich erwähne nur einen Punkt, wo allerdings ich felbft nicht rn g
Lage bin, mit voller Beftimmtheit zu urtheilen. Von altteftaineiitl'c ,
Vorftellungen redend, können wir den uns geläufigen Ausdruck '&eC(!e|1
für die Abgefchiedenen kaum vermeiden. Der Verf. redet aber von ^
Abgefchiedenen als den nephaiöt (z. B. S. 18. 20). Aus dem A. '• "ag
fich diefe Anwendung des Wortes nicht rechtfertigen. Der Verf. 1
S. 202 wie zum Belege nur die Stellen 1. Kön. 2, 2; I. Sam. 28, IOgtatt
S. 20, 20 t das Schreien des Blutes, d. i. der Nephefch, um Rache- ^t
jener Stellen wären belfere, z. B. Pf. 16, 10, zu citiren gewefen. Die

nicht bedarf — in jenen Vorftellungen, welcher Art fie ! iener Stellen redet von dem Todesweg als dem ,Wege der ganzen ^v
auch waren, nicht wurzeln kann. aber nicht von der Nephefch; die zweite mufs ein Druckfehler le . ?&(.

leicht = Jof. 23, 14. Das Schreien des Blutes ift doch biK""-' ^eoea
fonilication, aus der nicht erfehen werden kann, dafs in dem vergo q
Blute die Nephefch den Tod Uberdauert. Ich habe (a. a. O., »• geit,
die Vermuthung ausgefprochen, dafs die femitifchen Völker in al .fcj,en
anders als die fpätern Juden, das Wort nephei in feinen dialec
Variationen überhaupt nicht auf das, was vom Menfchen nach <e

Gaben an die Toten find feit Deut. 26, 14 im fpäteren Judenthum
bezeugt (trotz S. 89. 113 fr.). Ob fie von Haus aus Opfer waren, willen
wir allerdings nicht; aber auch das blofse Beftreben, mit dem Abgefchie-
denen in einer Verbindung zu bleiben (S. ri8ff.), ift eine Art Cultus.
Der freilich nur bildlich gebrauchte Ausdruck ,Totenopfer' in dem fpäten

rsci uciiiwi um uuuuuu geDraucnre AUsarucK ,1 oieuupiei tu uem iputeii v wnuuuai uueiuaupi mein aui uas, was vom nacnn-uc . -cht,
Pfalm 106 v. 28 (der auffallender Weife, fo viel ich fehe, in diefem Buche ' aufser dem Leichnam übrig bleibt, anwandten. Es könnte vielle'C
nirgends erwähnt wird), zeigt doch wohl, dafs man, wenigftens zur Zeit ! ich nachträglich aus Halevy's Bemerkung in der A'evue setwti<p>
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