Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

24.1899

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Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 16.

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So gewinnt man das Bild der Sachlage aus den fehr
verzettelten und unruhigen Darftellungen Müller's, der
eine ausführliche, wenn auch nicht fehr klare Darflellung
der bisherigen mythologifchen Forfchungen giebt. Er
begegnet den Einwänden gröfstentheils fehr perfönlich,
indem er Forfcher wie Oldenberg, Tiele, Mannhardt mög-
lichft auf feine Seite zieht, andere wie Andrew, Lang und
ähnliche mit Ironie behandelt und von ihnen als Voraus-
fetzung für den Werth ihrer Studien die Kenntnifs der
Sprachen der von ihnen behandelten .Wilden' fordert.
Die Bedenklichkeit und Unzuverläffigkeit der Berichte,
auf die die anthtopologifch-ethnologifch vergleichende
Schule angewiefen ift, wird von ihm mit Recht fcharf
hervorgehoben, ohne dafs freilich damit erwiefen wäre,
dafs nun die linguiftifche Methode für fich allein beffere
Refultate ergäbe. Sehr treffend find auch feine Einwürfe
gegen den Darwinismus in der Anthropologie, foweit es
fich um Uebertragung diefer Principien auf die Gefchichte
des geiftigen Lebens handelt.

Sachlich dreht fich feine Darlegung um die beiden
Hauptthemata, erftlich um die Principien feiner mytho-
logifch-religionsgefchichtlichen Forfchung überhaupt, fo-
dann um die fpecielle Anwendung diefer Forfchung auf
die Erklärung griechifcher Götternamen aus dem Veda.

In der erfteren Hinficht wiederholt Müller lediglich
feine älteren Lehren mit einigen Conceffionen an die
anthropologifche Methode, die bereits in feinen Gifford-
Vorlefungen fehr bemerkbar gewefen waren, die aber
doch an dem Grundirrthum feiner Theorie nichts ändert,
wonach die Religion nichts ift als eine durch die Unge-
lenkheit primitiver Sprachen noch beengte primitive
Philofophie und fich hieraus die ganze eigentliche Mytho-
logie als verhüllte Befchreibung einfacher Naturvorgänge
erklärt. Charakteriflifch für feine Art ift hier die Leichtig-
keit, mit der er einem der wichtigften und für feine Theorie
bedenklichften Factum der Religionsgefchichte begegnet,
der Schwierigkeit, gerade die Namen der wichtigften und
gröfsten Götter aus appellativen Wurzeln zu erklären.
Er läfst diefe Namen einfach aus Scherzräthfeln ent-
liehen, in dem einzelne Naturvorgänge unter Räthfel-
worten verhüllt find, wie z. B. die Wolken unter dem
Bild von Kühen u. f. w. Ein Verfuch zu einer wirklich
hinorifch-pfychologifchen Zergliederung der Phänomene,
zu einer genauen Umgrenzung der zu erklärenden Phä-
nomene felbft, zu einer Abwägung der verfchiedenen
Erforfchungsmittel (alfo der philologifch-linguiftifchen
Namenerklärung, der Vergleichung der Realien und der
Heranziehung analoger Erfcheinungen in fpontaner Ent-
ftehung moderner religiöfer Gedanken und Ausdrücke und
fchliefslich der religiöfen Pfychologie, die den religiöfen
Vorgang ohne Rückficht auf feine fprachliche Mitbedingt-
heit und feinen fprachlichen Ausdruck als felbftändigen
Bewufstfeinsvorgang eigener Natur unterfucht), alles das
fehlt vollftändig.

In der zweiten Hinficht werden ausführlich die Prin-
cipien der Sprachvergleichung, insbefondere die Gefetze
der Lautverfchiebung, vorgeführt, um die Müller'fchen
Identificationen griechifcher und vedifcher Götter zu
nützen. Das entzieht fich natürlich meiner Beurtheilung.
Es ift nur hervorzuheben, das Müller gar nicht verfucht,
das Mafs von Autochthonie und felbftändiger Production
feftzuftellen, das der griechifchen Religion zukommt, dafs
er fich vielmehr überall nur an die fertige, von den an-
tiken Mythographen gebuchte Mythologie hält und diefe,
fo gut es geht, auf den Veda bezieht. Das ift jedenfalls
ein principieller methodifcher Fehler, der aber ähnlich
oft genug auch von den Theologen bei der Analyfe
chriftlicher Lehren und ihrer Beziehungen zu Judenthum
und Heidenthum gemacht wird.

Auffallend ift, dafs Müller für ein fo bedeutendes,
das gleiche Thema behandelndes Buch wie Ufener's
,Götternamen' 1896 nur ein paar nichtsfagende Be-
merkungen hat (S. XXV), ganz zu fchweigen davon, dafs

er über Rohde's ,Pfyche' nur einen ärgerlichen Satz
äufsert (S. XV). Wenn auch Ufener die Bedeutung der
Sprache für die Erklärung der Sache, d. h. der reli-
giöfen Vorgänge felbft noch zu überfchätzen fcheint, fo
ift diefes Buch doch ganz unvergleichlich viel lehrreicher
und namentlich für die Theologen bedeutender als diefer
Schwanengefang der vergleichenden Mythologie'.
Heidelberg. Troeltfch.

Cherfils, Christian, Un essai de religion scientifique. I«-

troduction äWronski, philofophe et reformateur. Paris,

Fifchbacher, 1898. (230 S. gr. 8.)
Ein überaus fchwieriges Buch für den Lefer, der
nicht den Schlüffel zur Hieroglyphenfprache des von
dem Verfaffer mit grofser Begeifterung gefeierten Philo-
fophen befitzt. Einige nähere Angaben über diefen
merkwürdigen Denker, der 1778 in Pofen geboren, nach
wechfelvollen Abenteuern 1853 in Neuilly ftarb, wären
erwünfcht gewefen und hätten manche Eigentümlich-
keiten feines, eine philofophifche, fociale und religiöfe
Reform anftrebenden Syftems aufgehellt. Auch die Ent-
ftehungsgründe und die Zufammenhänge diefer auf ma-
thematifcher Grundlage erbauten, zum Theil höchfit fremd-
artige Gedanken in fich zufammenfaffenden Gnofis hätten
eine eingehendere Beleuchtung verdient, als hier ge"
fchehen ift. Auf die der transcendentalen Mathematik
entlehnten Prämiffen des Syftems kann Referent nicht
eingehen, denn es ift ihm nicht gelungen, die in dem
bezüglichen Hauptwerk Wronski's {Philosophie de l'infinh
contenant des contre-reflexions et des reflexions sur la tHW
taphysique du calcul infinitesimal 1814) verborgenen Ge-
heimnifse und Räthfel zu entwirren. Ein höheres oder
doch näher liegendes Intereffe hat für uns das Chriften-
thum Wronski's. Cherfils erblickt in demfelben verwandte
Züge mit der chrittlichen Gnofis der Alexandriner, nament-
lich Clemens'. In der That, Wronski's Bekenntnifs zum
Chriftenthum des vierten Evangeliums als zur religi°n
de spontanite creatrice findet eine gewiffe Analogie zU
einzelnen Ausführuugen der alexandrinifchen Speculation-
Indeffen ift für W. diefe Geftalt des Chriftenthums doch
nur eine vorläufige, welche einer künftigen Vollendung
und endgültigen Erfüllung harrt. Diefe Religion der Zu-
kunft bezeichnet W. mit verfchiedenen Ausdrücken, bal
ift fie ihm — hier liegen Anklänge an montaniftifcne
Schwärmereien vor — Paracletisme, bald Messianisine'
„C'est cette raison supericure qui, dans l'esprit de toUf
religion, est proprement P ideal que l'on nomme Mosste'
et de la vient, pour la derniere perfection religieuse q41
nous traitons, le nom de Messianisme". Die Zusammen.'
faffung diefes Zukunftstraumes giebt W. in feiner Sehr'
le messianisme ou la reforme absolue du savoir humain 1 °4C
Mit jenen religiöfen Phantafien verbindet der PhilofoP
politifche und fociale Reformvorfchläge und Theorie
Ueber die Zukunft Europa's hat er weitreichende
danken. Le progres europeen devrait se realiser niof .
nant le concours delibere de la Russie (point de vue religieli' A
de la France [point de vue social) et de l'Allemagne {Pff
de vue philosophique). — Dem überzeugten und begei'te^
ten Schüler ift Wronski der Prophet einer Religionsfo^. j
welche die werthvollen Elemente der bisherigen h-
gionen in eine höhere Synthefe aufheben wird, — .Q.
Vorläufer des .wahren philofophifchen, daher auch f° ,£(
logifchen Chriftenthums'. Cherfils ift des Sieges die ^
Wahrheit gewifs und fein Vertrauen ift fo ftark, 6aS? tel
weder fremder Stützen noch äufserer Verbreitungsm)
bedarf. ,Les wronkistes sont a peu pres les seuls ^sCp. ^(
qui ne fassent point de propagande. Iis Pen sauf
faire sans meconnaitre le caractere de l'union ideale ^
lisee par Wronski... Les wronkistes sont donc f / f
nombre et Pentendent rester' (223). Dabei wird es m
That fehr wahrfcheinlich fein Bewenden haben.

Strafsburg i. E. P. Lobftei"
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