Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

24.1899

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199 Theologifche Literaturzeitung. 1899. Nr. 7. 200

linien für die Berufsbegabung der altteftamentlichen Pro-
pheten', erfchienen in den Greifswalder Studien 1895,
S. 37—81, und aus diefer Unterfuchung ift dann weiter
das anderthalb Jahre fpäter erfchienene vorliegende Buch
hervorgewachfen. Diefe Genefis ift auf die Anlage und
Gliederung des Stoffes nicht ohne Einflufs geblieben.

Der Verf. beginnt mit einer Darlegung der Anficht
Kuenen's über die Prophetie, der in feinem grofsen
Werke De Propheten cn de Prophetie onder Israel 2 Bde.,
Leiden 1875 bekanntlich den Verfuch gemacht hatte,
den göttlichen Factor aus der altteftam. Prophetie gänz-
lich zu eliminiren, den Glauben an eine göttliche Infpira-
tion der Propheten ad absurdum zu führen und alle
Weisfagung der Propheten lediglich aus deren Vergel-
tungslehre herzuleiten, alfo auf rein fittlichen Urfprung
zurückzuführen. An der Hand eines Ueberblicks über die
zeitgefchichtliche Erfüllung der Weisfagungen zeigt Giefe-
brecht aber, dafs mit diefer Erklärung nicht auszu-
kommen ift, da die Weisfagungen dazu viel zu individuell
und concret feien und keineswegs einen blofs fenten-
tiöfen oder hypothetifchen Charakter trügen, was fie
doch müfsten, wenn K.'s Annahme zu Rechte beftünde.
Vielmehr mufs man zur Erklärung auf ein befonderes
prophetifches Ahnungsvermögen zurückgreifen. Auch
will das ausgefprochene Selbftbewufstfein der Propheten,
die fie erfüllende unerfchütterliche Gewifsheit, dafs Gott
fie gefendet hat, wohl erwogen werden, denn diefe kann
fo wenig auf einer Selbfttäufchung, wie Kuenen an-
nimmt, beruhen, als lediglich Ausflufs von religiöfer
Genialität fein. Die ,Propheten' des Mittelalters wie
Franz v. Afflfi, Caterina v. Siena, Jeanne d'Arc, Savona-
rola — alles Menfchen von entfchieden religiöfer Genia-
lität — haben wohl viel Gemeinfames mit den altteftam.
Propheten, find aber doch von diefen verfchieden. —
Darauf wendet fich der Verf. zur Widerlegung des extrem
orthodoxen, fupranaturaliftifchen Standpunktes, wie er von
Ed. Koenig in feinem Offenbarungsbegriff des A. Teft.s
2 Bde., 1882 vertreten wird. Willig erkennt er das Verdienft
diefes Werkes an, das darin befteht, dafs in ihm gegen-
über dem fonftigen Hin- und Herreden über die Prophetie
einmal nachdrücklich auf die Selbftbeurteilung der Pro-
pheten' aufmerkfam gemacht wird; dabei ift ihm die un-
richtige Angabe mit untergelaufen, dafs das Beftreben,
Kuenen zu rectificiren, Koenig die Feder geführt habe,
vergl. dagegen den Proteft Kg.'s a. a. O., S. 183. Koenig j
lehnt in obigem Werke jede pfychologifche Vermittelung j
bei der Entftehung des Gotteswortes in den Propheten 1
ab; nach ihm verhalten fich die Propheten beim Offen- :
barungsempfange rein paffiv und nehmen Gottes Wort
ganz mechanifch in fich auf, auch nicht das Geringfte
von fich aus dazu thuend. Mit Recht erklärt Giefe-
brecht die Aufhellungen Kg.'s für unannehmbar. Nach-
dem er fich fo zunächit gegen links und rechts gewendet
hat, kommt er nun zum pofitiven Theile. Bei der propheti-
fchen Berufsbegabung find zwei Momente zu unterfcheiden:
das gefchichtlich gegebene natürliche, welches die Pro-
pheten mit den Sehern und Mantikern anderer Völker
gemein haben, und das übernatürliche. Die natürliche
Grundlage bildet die Ekftafe, verbunden mit Vifion und
Audition, die einen wefentlichen Antheil an demZuftande-
kommen des prophetifchen Berufsbewufstfeins hat, aber
keineswegs allen Weisfagungen zu Grunde liegt. Es läfst fich j
vielmehr beobachten, und Giefebrecht zeigt dies an
einer Befprechung der einzelnen Prophetenfchriften, dafs
folche ekftatifche Erregungen fich vorwiegend am Anfange
der Wirkfamkeit häufen, während fpäter, nachdem der |
Prophet feines Verhältnifses zu Gott gewifs geworden j
ift, das Wort Gottes ihm auf mehr innerliche Weife ver-
mittelt wird; er redet dann ,coq it-ovoiav tx<°v und braucht
die Formeln ,,fo fprach Jahve" oder „Ausfpruch Jahwes" j
mit Freiheit' (S. 69). Aber auch auf äufsere Weife, z. B.
durch perfönliche Erlebnifse, kann Jahwe's Wille an den
Propheten gelangen, ja er kann erft hinterher merken, \

i dafs irgend ein Erlebnifs von Gott gewirkt war, um eine
j Erkenntnifs in ihm zu wecken. Was nun fpeciell Ur-
fprung und Art der Vorherfagung betrifft, fo liegt ihr
Grund in einem befonderen natürlichen Ahnungsvermögen,
mit dem Gott die Propheten ausgerüftet hat und das
ihnen felbft unbewufst war, aber keineswegs ihnen allein
eignete, fondern auch anderen Sterblichen, wenngleich
j meift nur fporadifch (vergl. aber das Daimonion des
j Sokrates) verliehen war. Daraus, dafs die Vorausficht der
Propheten nicht immer unfehlbar war, ergiebt fich mit
Sicherheit, ,dafs diefes Vorherwiffen kein in jedem Ein-
zelfall unmittelbar von Gott gewirktes war' (S. 73). Mit
Anerkennung diefer natürlichen Begabung fetzt man die
Propheten durchaus nicht herab. Das Ueberzeugende
von ihrer providentiellen Sendung und Ausrüftung befteht
nicht in der einzelnen erfüllten Vorherfagung, die ja auch
auf Zufall beruhen kann, fondern in der ,Häufung diefer
mit Vorahnung begabten Männer in jener für Israels
Volk und Religion fo entfchcidenden Zeit', und in der
,unvergleichlichen Bedeutung, die ihnen für die Vorbe-
reitung des Chriftentums zukommt' (S. 76). Zu dem
feherhaften tritt aber nun bei den Propheten noch das
fittliche Moment, das zwar nicht, wie z. B. Kuenen meint,
die alleinige Urfache der Weisfagung, wohl aber ein an
ihr betheiligter Factor ift. Jede Weisfagung ift fittlich
bedingt und unterfcheidet fich dadurch von der Wahr-
fagung. Aus einer Wechfelwirkung zwifchen Vorahnung
der Zukunft und fittlichem Urtheile über das Volk erklärt
fich das Zuftandekommen der Weisfagung (S. 85). Traf
beides zufammen, fo war es für den Propheten unum-
ftöfslich gewifs, dafs Gott herbeiführen werde, was er,
der Prophet, vorhergeahnt hat. Daher die hinreifsende
Ueberzeugungskraft ihrer Predigt. Aber zu dem fehler-
haften und fittlichen kommt fchliefslich als drittes noch
ein übernatürliches Moment, das in einer ganz fpecififchen
Gottesgemeinfchaft des Propheten befiehlt und eine tiefe
Erkenntnifs von Gottes heiligem Wefen zur Folge hat,
im Uebrigen freilich ein Myfterium ift. Sein Einflufs auf
den materiellen Inhalt ift nicht zu leugnen, wenngleich
das Wie fich der ftreng wiffcnfchaftlichen Erforfchung
entzieht; er ift naturgemäfs am ftärkften in den meffia-
nifchen Weisfagungen, die mehr oder minder ein Aus-
flufs von fittlich-religiöfen Ueberzeugungen find. Eine
gewiffe Activität der Propheten beim Zuftandekommen
des Gotteswortes oder affimilirende Thätigkeit, wie fie
Giefebrecht (S. 95) nennt, mag fich in vielen Fällen
noch an die Vorahnung angefchloffen haben, oder wird
fie öfter gar herbeigeführt haben: das Gebetsringen; denn
da fich Ahnungen nicht beliebig herbeizaubern laffen, fo
werden die Propheten oft, wenn ihnen Entfcheidfragen
vorgelegt wurden, zum Gebet gegriffen haben, um fich in
Contact mit der Gottheit zu fetzen, bez. werden fich
darin die göttliche Beltätigung ihrer natürlichen Ahnung
eingeholt haben. Gegen diefe Verbindung der prophe-
tifchen Gewifsheit mit der fogenannten Gebetserhörungs-
gewifsheit hat fich freilich Koenig, Offenb. II, p. 196,
vergl. Th. Ltbl. 1898, p. 184 fehr entfchieden ausgefprochen,
ift aber fchon von v. Orelli fchlagend widerlegt worden.
Zum Schluffe behandelt Giefebrecht noch ausführlich
die Schranken der prophetifchen Zukunftsfchau in Bezug
aufs Detail wie auf ihre zeitliche Grenze, die Irrthümer
in den Weisfagungen und ihre Quellen, und den hypo-
thetifchen Charakter der Weisfagung, den fie trotz der
faft immer apodiktifch gehaltenen Form trägt; der fchein-
bare Widerfpruch ift lösbar durch den Glauben an eine
perfönliche Leitung der Gefchichte. Dies illuftrirt der
Verf. an einem befonders inftruetiven Beifpiele, dem
wechfelnden Zukunftsbilde beim Propheten Jefaja. Es
folgen fodann noch zwei gröfsere Anhänge. Der erfte
bietet eine fehr lehrreiche und erfchöpfende Abhandlung
über den Geift Jahves im A. Teft. (p. 123 — 159), der
zweite eine eingehende Befprechung der Prädictionen
Ezechiel's (p. 160—186). Mich mit dem letzteren aus-
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