Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

22.1897

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 22.

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Sp. felbft fagt, dafs feine Hauptthefe — unter P. H. der Vifionen und Parabeln nicht vertagt wird, fehlte fie
chriftliche Ueberarbeitung einer jüdifchen Schrift — von hier an den bedeutfamften Stellen. So erfährt der c 2
der Richtigkeit diefer Verfetzungshypothefen unabhängig ' fo ausführlich befchriebene Fels mit feinem Thor, wenn
fei. Unter denfelben können m. E. auch nur I und 2 ; die chriftliche Deutung c 12. 14,4—6 als Interpolation
Anfpruch auf Wahrfcheinlichkeit erheben. Dagegen ift , ausfällt, keine Deutung, desgleichen der ßvfrog 3,3. 5. 4,3 t,
die Umordnung der Parabeln (3) nicht mehr als ein Ver- , da Sp. mit der 4. Steinfchicht 4,3 die ganze Deutung
fuch, diefe in eine dem Kritiker beffer fcheinende Folge 1 15,4—16,7 ausmerzt. Ebenfo foll die Deutung der 12
und auf die Siebenzahl zu bringen. Für den urfprung- Berge 17,1 fi?i —18,5 auf die Völker der Erde fammt der
liehen Zufammenfchlufs von Sim. VIII.11— X mit den 12 I Erklärung, wie es zu der Verfchiedenartigkeit derfelben
Mand., fpeciell von S. VIII, 11,1-5 mit M. XII, 3,2—6,5 : kommt, dem urfprüngl. Text gefehlt haben. Das alles
konnte Sp. nicht mehr als die Möglichkeit diefer Auf- ift doch fehr unwahrfcheinlich.

einanderfoige plaufibel machen; auch ift nicht einzufehen, j Auch in dem Abfchnitt S. 342—381, in dem Sp. die
warum der erfte Verfaffer an die 12 Gebote nicht min- Hauptbegriffe des Buchs unterfucht, gelingt ihm für Vis.,
deftens die 8 Parabeln (M. XI und S. II—VIII) fammt j Mand. u. Sim. I—VIII ohne jede Schwierigkeit deren Er-
dem Schlufs S. VIII,11 und S. X angefchloffen haben ! klärung aus dem jüdifchen Vorffellungskreis; nur gegen-
follte. Eine Vorgefchichte gegenüber dem unvermittel- 1 über ihrer Verwerthung in Sim. IX geht es wieder nicht
ten Eintritt der Vis. I und II gezeichneten Situation ift ; ohne Zwang ab

nur ein fubjectives äfthetifches ßedürfnifs.

Beffer begründet ift Sp.'s Hauptthefe. Bei der ver-
fuchten Reconftruction des vermutheten Urtextes ift frei-
lich nach der methodifchen Seite zu beanftanden, dafs
Sp. deffen Verfaffer möglichft von allen Unebenheiten in

S. 382—433 unterfucht Sp. die Beziehungen der Origi-
nalfchrift zur altchriftlichen Literatur. Ob die Beziehun-
gen zu Jac. genügend gewürdigt find, wenn fie gröfsten-
theils aus der gemeinfamen Verwandtfchaft mit der fonfti-
gen jüdifchen Literatur erklärt werden unter dem Vorbehalt,

der Durchführung feiner Bilder und feines Gedankengangs dafs hier und da Jac.bei Herrn, nachklingt, ift mir zweifelhaft
entladen will. Die Schrift verräth ihrem Gefammtein- [ geblieben. Bei 1 Pt., Hb., Joh., Syn. find die Berührun-
druck nach doch ficher keinen künftlerifchen Genius, auch i gen mit S. IX ftets die häufigften und bedeutfamften.
keinen gewiegten Schriftfteller. Und die Deutung folcher Das Ergebnifs wäre bei einer getrennten Unterfuchung
Bilder, fobald fie ins Einzelne hinein allegorifirt werden | von S. IX einer- und dem übrigen Herrn, andererfeits
follen, ift ohne Zwang nicht durchzuführen. Indem Sp. \ ein anderes geworden. Sp. hält es für nicht unmöglich,
aus nur ftiliftifchen Gründen eine Anzahl von Stellen als : dafs Hb., Joh., Eph., für wahrfcheinlich, dafs 1 Pt., für
Eintragungen ausfeheidet, beladet er aufs Neue die Be- j ficher, dafs II Pt. vom jüdifchen Herrn, beeindufst id. Das
grundun" feiner Hauptthefe mit Subjectivismen. Wieder eigenthümliche Verhältnifs des Jud. foll feine Hypothefe von
erfcheinrder, aus früheren literarkritifchen Arbeiten des j deffen Abhängigkeit von II Ptr. Unterdützen. Zu PI., Syn.,
Verf. bekannte, täppifche verfchlimmbeffernde Redactor, j Apc. findet er keine Beziehungen; um fo reichlicher na-
eine Figur, die m. E. in fich felbd nicht fo viel Wahr- 1 türlich bei dem chridlichen Interpolator, wenigdens zu PI.
fcheinlichk'eit befitzt, wie die Annahme, dafs der Verfaffer und Syn , ebenfo zu Ptr. und Joh.

felbd manchmal etwas abirrt oder breit wird. Im Inte- j Auch hier möchte ich darum neben der Form, die
reffe der Hauptfrage laffe ich alle derartige Beandan- , Sp. feiner Hypothefe gegeben, eine andere zur Discuffion
düngen völlig unerwähnt. Die Durchführung der Hypo- dellen, die ausreicht, feine zutreffenden Beobachtungen
thefe id nun aber nicht in allen Theilen des Buches gleich ; zu erklären, ohne von denfelben Unwahrfcheinlichkeiten
leicht. In dem von Vis. V eingeleiteten Buch der XII 1 beladet zu fein, und fich durch gröfsere Einfachheit mehr
Mand. und in Sim. I—VIII und X begegnen thatfächlich empfiehlt (die Begründung fpäterer Gelegenheit vorbehal-
nur 4 fpeeififeh chridliche Auslagen: in M. IV, 2 f. die tend): Ein und derfelbe Verfaffer hat in feiner vorchrid-
Anfpielung auf die Taufe, in S. V die allegorifche Aus- 1 liehen Zeit erd ein Vifionenbüchlein (Vis. I—IV), fpäter
deutung c. 4—7, in S. VIII die zweimalige Erwähnung an daffelbe angefchloffen ein umfangreiches Buch aus 2
des Sohnes 3,2. 11,1. Sp. hat mit Glück gezeigt, wie Hälften: 12 Mandaten (S. I datt M. XI) und 9 Parabeln
diefe Stellen im Zufammenhang auffallen und fich ohne ] (ML XI, S. II—VIII. X; falls S. III und IV und bezw. oder
Schwierigkeit auslöfen. & VI und VII urfprünglich nur je eine Parabel bildeten und

Auch nach Sp. mufs aber Vis. I—IV diefem Theil j S. X als durch gelegentliche Rückweifungen auf Vis.III die
des Buchs vorangegangen fein. Da die Ausfcheidung von j beiden Bücher verbindender Schlufs gedacht war, zählte
y.ara tov viov ctvzov Vis. II, 2, 9, abgefehen von der 1 er vielleicht nur 7 oder 6) ausgegeben. Derfelbe Schrift-
Hauptvifion III der einzigen fpeeififeh chridlichen Ausfage, deller id fpäter Chrid geworden und hat nun in fein Buch
keine Schwierigkeit bietet, kommt alles auf Vis. III an. 1 eine neue Parabelcompofition (S. IX) vor den Schlufs
Es handelt fich um den letzten, zweifellos nachhinkenden | (S. X) eingefügt, aufserdem da und dort den alten Text
Satz in 2,9 mit der Deutung in 7,3, die Einfchaltung der feiner jetzigen Ueberzeugung angepaßt. Dazu mufs die
in der Vifion felbd nicht vorgefehenen auf die Apodel • Frage, die Sp. vielleicht zu rafch entfehied, offen gehalten
gedeuteten Claffe von Steinen 5,1, die fich nicht ohne | werden, ob diefer .Prophet' ein geborener Jude war. Es
Zwang in das Bild fugende Deutung des Waffers, über fehlt doch alles fpeeififeh Jüdifche, Alttedamentliche. Ge-
dern die wxXriöia erbaut id, auf die Taufe 3,5, endlich , wifs war er ein eifriger Befucher der Synagoge, dem es
zwei Ausführungen über die Termine der Bufse 5,5. 7,5 f., \ die drenge Sittlichkeit der jüdifchen Religion angethan und
die mit anderen Sätzen in den Vifionen fich nicht leicht der auch ihre allgemeinden religiöfen Grundwahrheiten
vereinigen. Es id nicht zu leugnen, dafs die Vifion durch ; in fich aufgenommen hatte und ihre Literatur, weniger
Ausfcheidung diefer Stellen an ihrem Nerv nichts ver- \ das A. T. als die jüngere und jüngde Literatur deifsig las.
liert, ja in ihrer Einheitlichkeit und Gefchloffenheit gewinnt. Aber er deht dem A.T., dem jüdifchen Cultuswefen, derhei-

Anders dagegen deht es mit Sim. IX. Ihr gegenüber ; Ilgen Gefchichte des jüdifchen Volkes fo frei gegenüber und
fcheint mir die Hypothefe zu fcheitern. Auch hier drängt verrath fo mancherlei Einwirkungen der zeitgenöffifchen
fich zunächd ein methodifches Bedenken auf, wenn Sp. heidnifchen Ethik, dafs er vielleicht eher als einer jener
die Sim an Vis. III mifst und gegen alles, was über die zahllofen Gottfürchtenden zu begreifen id, welche das
Vifion hinausgeht, mifstrauifch id. Wollte die Parabel , Judenthum an das Chridenthum verlor. —
im Grund nichts anderes bieten, warum wurde fie denn j Mag aber die ganze Hypothefe über die Umdände
gefchrieben? Aber wichtiger id, dafs die Parabel, wenn 1 der Entdehung diefer beiden Schriften fich bewähren oder
mit Sp. alles Chridliche aus ihr ausgefchieden wird, be- nicht, wichtiger id, dafs ihr Inhalt uns beweid, wie ein
denklich flach wird. Es fehlen ihr fad alle Pointen. Chrid im Stande war eine ganze Welt von fittlichen und
Und während fond im Buch dem Hermas die Deutung 1 religiöfen Ideen, die nicht auf dem Boden des Evangeliums

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