Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

21.1896

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 21.

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Ueberlieferung den Tod der Maria ,nach den Archaeologien j
desjofephus undlrenaeus, welche von den Hebräern flamm-
ten' (Vita Virg. IV 26, cf. Frg. Sah. Var. V 3 für die Erhal-
tung des Kreuzes) auf das 15. Jahr nach der Auferftehung
anfetzt, und es aller alten Tradition widerfpricht, dafs
die Apoftel fo lange in Jerufalem verweilt hätten, fo
wird man annehmen muffen, dafs der koptifche Bericht
der fecundäre ift, indem der gnoftifche Wolkenflug der
Apoftel, wie ihn die anderen Erzählungen haben, ge-
ftrichen wurde, wie fich denn wunderlich genug in diefer
von den wunderbarften Wundern (trotzenden Literatur
hin und wieder ein rationalifirender Zug geltend macht.
Bemerkenswerth ift auch die hier eingeflochtene Er-
zählung von den Wundern bei Jefu Tode, wobei das [
Zerreifsen des Vorhanges auf einen Schwerthieb eines 1
Engels zurückgeführt wird. Die drei Relationen unter- |
fcheiden fich übrigens in dem wefentlichen Punkte, dafs
nach den fah. Fragmenten Maria's Leib von den
Schultern der fie zu Grabe tragenden Apoftel Petrus
und Johannes hinweg am Todestage felbft zum Himmel
entrückt wird — Jefus verheifst dann, acht Tage fpäter
Maria den Jüngern wieder erfcheinen zu laffen —; während
in den beiden boh. Berichten die Zwifchenzeit zwifchen ]
der Dormitio 21. Tobi (16. Jan.) und der Assumptio \
16. Mesore (9. Aug.), d. h. heben Monate (boh. I) refp.
206 Tage (boh. II), ftreng gewahrt wird. Jenes ift hcher I
urfprünglicher, und fleht der oben genannten haeretifchen j
Anficht weit näher als die bohairifche auf die Entwick-
lung des kirchlichen Feftkalenders Rückficht nehmende
Relation. Wunderbar naiv, aber echt ägyptifch ift die Dar- 1
ftellung der Assmnptio. Jefus (refp. der Cherubimwagen)
bringt Maria's Seele, ruft dann den Leib aus dem Grabe,
beide umarmen fich und werden fo eins, worauf Jefus
mit Maria noch den ganzen Tag über bei den Jüngern j
verweilt. Wie auch den Heiligen, Maria fo gut wie Jofeph, j
die ganze Todesfurcht in ihrer charakteriftifch ägyptifchen
Form beigelegt wird (die Unterweltsfchilderungen hier
find für die Gefchichte des Synkretismus ganz befonders
intereffant, Robinfon hat fie gut aus dem Todtenbuch
illuftrirt; ebenfo beanfprucht die Schilderung der könig-
lichen Hochzeit, mit der Pvvodius beginnt, entfchieden
culturgefchichtliches Intereffe), fo wird auch von dem
erhöhten Jefus oft merkwürdig menfchlich geredet: weh-
klagend wirft er fich über Maria's Leiche; andererfeits
mufste er zuvor aus dem Haufe gehen, da feine Gegen-
wart den Tod von Maria verfcheuchte; und doch,
während er mit den Jüngern klagend draufsen fafs, über-
gab Maria ihre Seele in feine Hände: die Möglichkeit
hierzu wird ausdrücklich durch eine in diefer Umgebung
fehr merkwürdig anmuthende Ubiquitätslehre begründet.

III. Mors Josephi, zwei Texte ähnlicher Art, über
die wir hier hinweg gehen können, da fie durch Tifchen-
dorf und Stern's Ueberfetzung fchon im allgemeinen
bekannt waren. Das Verhältnifs der drei Relationen
bedarf, wie gefagt, noch der Unterfuchung; vor allem
wichtig ift, ob der Araber, wie Stern will, felbftändig ift;
merkwürdig find bei ihm die vier Zeugen: nämlich neben
Henoch und Elias Schilä und Tabitä, von denen die
kopt. Texte nichts wiffen.

IV. Var. Frg. Sah., 5 Ausfchnitte aus fahidifchen
Predigten, bei denen man manchmal zweifeln kann, wie
weit fie auf fchriftliche apokryphe Quellen zurückgehen.
Als freie Umfchreibungen der kanonifchen Texte er-
gänzen fie vielfach die Lücken unferer Kenntnifs des
fahidifchen Evangelientextes (Robinfon hat alle diefe
Stellen mit * notirt). Frag. I handelt von Johannis Ge-
burt und Jugend und von dem Stern bei Jefu Geburt,
der radförmig mit dem Typos des Kreuzes dargeftellt
wird, vgl. das Apogryphon Sethi im Op. imperf. in Matth
hom. II (Chrys. opp. ed. Montf. V/p. XXVIIIA) und nach
Brunn, Ev. Nie. 1794 S. 81, auch tittdum gloriae in caelo,
Acta Pil. c. 24. Der Redner macht fich felbft den Einwand:
vielleicht wird jemand mir fagen, du machft da einen Zu-

fatz {nqoa^rfAt^ zum Evangelium'. Leider erfahren wir
nicht, worauf er fich demgegenüber zu berufen hat, da
das Frag, hier abbricht. Frag. II ftellt die Hochzeit zu
Kana fo dar, dafs die Eltern des Bräutigams felbft durch
Maria's Vermittlung um die Hilfe des Wunders bitten;
der Erzähler erfcheint als Augenzeuge, u. zw. einer der
Diener. Frag. III und IV (nach Guidi) zufammengehörig
erzählen die Speifung nach Jo. 6, wobei Judas eine be-
fondere Rolle fpielt (leider ift der Text hier verdorben,
was um fo mehr zu bedauern, als fich hier eine Parallele
zu der unverftändlichen Gloffe des cod. Mevw zu Jo. 6I2
[vgl. das demnächft erfcheinende Buch von J. H. Ropes,
die Sprüche Jefu] bietet); die Erweckung des Lazarus
mit einer Erzählung desfelben über die durch feine Ab-
berufung im Hades entftandene Bewegung (vgl. Act.
Pil. 20 3, wie denn in diefem Stück fowohl von den ja
auch koptifch vorhandenen Act. Pil., als von der Anaph.
Pil. fleifsig Gebrauch gemacht wird; letztere fcheint IV
fogar direct genannt, denn es ift kein Grund, dem Ver-
faffer eine irrthümliche Identificirung von Anaphora und
Titlos aufzubürden; da manches in Guidi's Text auf
griechifchen Urfprung hinweift, ift damit noch nicht das
Vorhandenfein eines koptifchen Textes der Anaphora
bewiefen); ferner einen ganz wunderlichen Bericht, wo-
nach die Beamten (sgovoiai) des Tiberius, nach Frg. III
ein Carius (= Quirinus?), nach Frg. IV befonders Pilatus,
felbft vorgefchlagen hätten, Chriftus an Herodes' Statt
zum König von Judäa zu machen. Daher die Feindfchaft
zwifchen Pilatus und Herodes, der jenem vorwirft: ,du
bift ein Pontos von Galiläer (Lc. 23 6?), Allophylos (im
A. T. der wegwerfende Name für Philifter), Aegypter
[Act. 22 38, übrigens ägyptifche Herkunft des Stückes
ausfchliefsend), ein Wortfpiel, welches wohl bedeutet,
dafs in ihm wie in einem Meere die fchlechten Eigen-
fchaften aller diefer den Juden verhafsten Völkerfchaften
vereinigt feien. Zu dem Namen des Theophilos, deffen
Gefandte Jefus warnen, ift nachzutragen, dafs er fich in
den apokr. Corintherbriefen findet'). Frg. IV fchliefst
mit einem wunderlichen Wettfifchen in der Wüfte zwifchen
dem Teufel und dem Apoftel Johannes. Frg. V endlich
erzählt von der Bewahrung des Kreuzes und der Nägel
durch Jofeph und Nicodemus in Jefu Grab, vor dem in-
folgedeffen Rufus, der Sohn des Kleopas, hier zum Vetter
der Maria gemacht, erweckt wird. Aus dem Grab kommt
ein Kreuz hervor ähnlich wie in dem Petr.-Ev. 39; über-
haupt berührt fich diefes in vielfacher Beziehung mit
diefen Fragmenten, die fich darin von der fonftigen apo-
kryphen Literatur unterfcheiden, dafs fie wirklich den ka-
nonifchen Evangelien parallel gehen — natürlich gänzlich
i von ihnen abhängig. Ja man könnte auf Grund diefer
Literatur faft Zweifel fchöpfen an der Berechtigung der
Identification des Fragmentes von Akhmim mit dem Petrus-
Evangelium der Alten, die ja wefentlich auf dem ?yiu
v. 36 u. 60 beruht: fehen wir doch hier, wie lange man
noch in Aegypten angeblich von den Apofteln als
Augenzeugen verfafste Berichte in Umlauf gefetzt hat,
und wie diefe ähnlich frei mit der kanonifchen Ueber-
lieferung fchalten, wie es im Petrus-Evangelium ge-
fchehen ift, wodurch fo viel Streit über deffen wahre Be-
deutung hervorgerufen wurde. Dafs fich damit die Pro-
bleme des Petrus-Evangeliums nicht völlig erklären, ift ja
evident; ob man aber in dem vorliegenden Text nicht
vielleicht ältere und jüngere Elemente fcheiden füllte?

Zum Schlufs fei dem Herausgeber diefer Texte
nochmals für feine Arbeit beftens gedankt. Es ift zwar
nur ein Beitrag zu einem grofsen Werk: wie die Texte
meift fragmentarifch vorliegen, läfst fich auf ihnen noch
kein ganzes Gebäude aufrichten. Aber es mufs mehr
und mehr gefammelt, dann erft gefichtet und zufammen-
gefafst werden, bis wir endlich einmal in der Lage fein

1) Sollte etwa der Theophilos diefes Fragmentes mit 'la>0^<p i>
(pliog rov Uii.axov xal xov xvqlov Petr-Ev. 3 zufammenhängen?
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