Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

21.1896

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 21.

fchwierigen Worttrennung fchliefstRobinfon fich im Ganzen
Stern's Methode an. Auch die Ueberfetzung ift, foweit
Ref. das zu controliren vermochte, fehr genau, fodafs fie
dem des Koptifchen nicht Mächtigen das Original einiger-
mafsen erfetzen kann. Freilich follte man zur Text-
kritik fremdfprachliche Materialien nach Ueberfetzungen
zweiter Hand nicht ohne eine gewiffe Kenntnifs der
Sprachprincipien und Händige Controlle eines Kenners
der betreffenden Sprache verwerthen. Bei Robinfon's
Ueberfetzung ift nur zu bedauern, dafs die äufserft zahl-
reichen griechifchen Lehnwörter als folche nicht kennt-
lich gemacht find. Bei der vor allem wichtigen Frage,
ob diefe Literatur urfprünglich in griechifcher Sprache
abgefafst war, oder ob, wenn ja die vorliegenden Texte
koptifch concipirt find, ältere griechifche Quellen nach-
wirken, find diefe von entfcheidender Bedeutung. Ein
Wort wie nPOCOTOGIUJ für ngnoxaignc Various sah.
Fragm. IV, 4 (Guidi) kann durch die Bibelüberfetzung
(sah. fehlt an den vier Stellen des N. T.'s) eingebürgert
lein, weift aber jedenfalls auf griechifchen Urfprung.
Die knappen Indices von 50 koptifchen und 45 griechi-
fchen Wörtern, die mehr eine Ergänzung zu Peyron's
Lexikon fein zu follen fcheinen, genügen dafür nicht (um
fo ausgiebiger find die Indices der Bibelftellen und der
Namen und Sachen); dagegen bieten manches hierfür
die trefflichen Noten, die neben fprachlichen Fragen auch
die literarifchen und religionsgefchichtlichen Parallelen
behandeln. Die Einleitung hebt die wichtigften Punkte
gefchickt hervor und bietet eine genaue Befchreibung
der benutzten Manufcripte. Hier hätte man nur über
das Verhältnifs der dargebotenen Recenfionen unterein-
ander und zu der fonft bekannten Literatur von dem
Herausgeber gern etwas mehr erfahren. Woran foll fich
z. B. der theologifche Bearbeiter diefer Literatur halten,
wenn betreffs des Mors Josephi einerfeits Stern behauptet
(Z. f. w. Th. 1883 S. 268 f.), dafs beide koptifche Recen-
fionen unabhängige Ueberfetzungen eines griechifchen
Textes feien, und der arab. Text ebenfo felbftändig aus
diefem durch Vermittlung des fyrifchen genoffen fei,
andererfeits Robinfon fich begnügt, in der Einleitung zu
behaupten (p. XVI): The Boliairic is a translation
of the Sahidic . . . the Arabic version . . . is more
closely connected with the Bohairic than the
Sahidic version, unter Verweifung auf feine Noten,
wo man aber nur einzelnes Wenige findet. Gerade hier,
wo es fich neben den fachlichen Differenzen vor Allem
um fprachliches handelt (Wiedergabe griechifcher Wörter,
Gebrauch der betreffenden Bibelverfion u. A.), wäre ein
eingehenderer philologifcher Beweis erwünfcht gewefen.

Ueberhaupt hat Robinfon mehr Materialien — und
zwar fehr fchätzenswerthe — liefern wollen, als durchge-
arbeitete fertige Recenfionen: manches lieft man faft
wörtlich in mehreren Parallelverfionen. Dies Verfahren
ift hier auch völlig berechtigt; bedeutet doch bei der
apokryphen Literatur meift jede Handfchrift eine eigene
Bearbeitung. Darum ift eine getrennte Publication trotz
ihrer Umftändlichkeit dem gegentheiligen, möglichft zu-
fammenfaffenden Verfahren, wie es z. B. Tifchendorf
geübt hat, weit vorzuziehen, da bei diefem oft unglaub-
liche Mifchtexte zu Stande kommen.

Robinfon felbft theilt den dargebotenen Stoff in vier
Gruppen.

I. The Life of the Virgin (kürzer mit lateinifchem
Titel Vita Virg. zu bezeichnen), 4 Fragmente, in den
Erzählungskreis des Protcv. Jacobi, Ps.-Matth. u. f. w.
hineingehörig und trotz der relativen Selbftändigkeit
mehrfach zur Quellenkritik jener compilirten Texte
brauchbar; befonders kommt hier das p. 196 überfetzte
Fragment aus einem Crawford-MS. in Betracht. Freilich
Hellt fich auch oft die kürzere Form als bis zur Unver-
ftändlichkeit führende Verftümmelung des urfprünglichen
Textes heraus (z. B. II b. 27 p. 21 = Pr.-E. Jac. 17 2).
Welch ein Geift der Confufion hier herrfcht, zeigen

I beifpielsweife die Identificirung von Joachim undKleophas,
die Unterfcheidung dreier Namen für Simon — Petrus —
Kephas (intereffant, da die Unterfcheidung des Kephas
Gal. 2 von Petrus gerade für Aegypten in frühefter Zeit
bei Clemens Alex, bezeugt ift). Ob wirklich aus »; ogeivq
Lc. I 3n (TOPIHH) ein Stadtname Torine gemacht ift?
Jedenfalls kann I 21, 23, wo man Jerufalem erwartete,
auch wirklich vom Verfaffer Bethlehem gemeint fein.
Für Jo. 6 4 ift intereffant, dafs I 22 Paffa und Laubhütten
direct identificirt werden. Das Wichtigfte ift aber wohl
die Polemik, die uns hier wie bei den anderen Stücken
als Einleitung begegnet und wie gewöhnlich in diefer
Literatur nicht mit Gründen, fondern durch polterndes
Schelten den Gegner ad absurdum zu führen fucht.
Genannt find meift die ,gottlofen Juden', zuweilen auch
,böfe Menfchen'; gedacht ift bei jenen ficherlich auch an
Neftorianer, vielleicht felbft an Melchiten.

Nach zwei Seiten wird Maria's Stellung gefchützt,
gegen Verkleinerung und gegen Ueberfchätzung. Die
Abweifung des Vorwurfes ehelichen Umganges zwifchen
Maria und Jofeph vor Jefu Geburt hätte nach Robinfon
acute Bedeutung gehabt gegenüber einer als Platoniften
bezeichneten Secte, welche die übernatürliche Geburt
Jefu leugnete. Nach I 46 fcheint Maria's eigene Geburt
in übles Licht gerückt worden zu fein, etwa nach Art
der jüdifchen Behauptung über Jefu Urfprung, wie
denn überhaupt in diefer Marienliteratur die Tendenz,
herrfcht, Züge von Jefus auf deffen Mutter zu über-
tragen (vgl. bef. die ägyptifchen Gefchichten in Frg. III,
Maria zerftört das Reich des Teufels, die Feldzeichen
beugen fich vor ihr cf. Act. Pil. I5). Das I 10fg auf that
Joseph had intercoursc with the Virgin before
she conceived Christ folgende than again after she
bare htm dürfte doch auch gegen die Interpunction der
Handfchrift mit jenen Worten und nicht mit dem fol-
genden Anathem zu verbinden und darin die Abweifung
der helvidianifchen Theorie (Brüder Jefu = Söhne Jofeph's
und der Maria aus nachfolgender Ehe) im Intereffe
dauernder Virginität zu erblicken fein. Andererfeits
wird auch eine überfchwängliche Mariolatrie bekämpft,
welche für Maria's Geburt eine von der gewöhnlicher
Menfchen abweichende Art poftulirt. Haben wir es hier
mit einem Vorläufer der Streitigkeiten über die Imma-
culata conceptio zu thun, an den freilich wohl weder
Sixtus IV noch Pio nono gedacht haben dürfte, oder ift
es vielmehr gnoftifche Speculation über die Sophia als
Mutter Jefu, welche hier hineinfpielt? Letzteres ift wahr-
fcheinlicher nach der Art, wie zugleich eine Vorftellung
von der Assumptio Mariae (ohne vorangehenden leib-
lichen Tod) bekämpft wird (I 8, 11 cf Dorm. Mar. bok.
II 5 20) mit der Begründung: Maria's Tod war nöthig,
fonft würden böfe Leute meinen, Maria fei eine övvcqug
vom Himmel gewefen.

II. Dormitio Mariae, drei Texte, zu denen jedoch das
vierte Fragment der vorigen Reihe gröfstentheils gehört:
die erfte bohairifche Predigt, fchon von Lagarde publi-
cirt, fteht unter dem Namen des ,Abba Euodius, Erz-
bifchof der grofsen Stadt Rom' und bietet einen inter-
effanten Beitrag zur Evodiusfrage (f. Harnack LG. I781 f.),
indem Evodius hier mit Alexander und Rufus als Gehilfe
des Petrus und Andreas bei der Fifcherei gleichzeitig
mit diefem vom Herrn berufen und in die Zahl der 72
aufgenommen wird. Zu diefem Text bringt Robinfon
fahidifcheParallelen.dann gleichfalls neu einen felbftändigen
bohairifchen Text aus jener oben genannten Predigt des
AbbaTheodofios. Mit den bisher bekannten griechifchen,
lateinifchen, fyrifchen und arabifchen Texten fcheinen
diefe koptifchen allerdings auf eine gemeinfame Wurzel
zurückzugehen; das zeigen fo manche Berührungen im
einzelnen. Andererfeits unterfcheiden fie fich von ihnen
in charakteriftifcher Weife, befonders dadurch, dafs die
Apoftel zur Zeit des Todes der Maria als n o ch in Jerufalem
anwefend erfcheinen. Da nun aber auch die koptifche
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