Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

20.1895

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 25.

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Dem Verfaffer id die Hauptfrage die nach ,Mafs und
Art der Abhängigkeit Jefu von den Zeitvorftellungen
des damaligen Judenthums'. Auf diefe Frageftellung habe
ich mich in meiner Schrift nicht eingelaffen, fondern erft
Bouffet hat die Erörterung in dies Fahrwaffer gelenkt.
Ich bin nämlich der Meinung, dafs, fo wichtig das Stu-
dium des Judenthums für die Evangelien ift, doch eine
derartige Vergleichung Jefu mit dem Geifte feiner Um-
gebung einftweilen unmöglich ift. Denn bis jetzt ift ,das
Judenthum' für uns keine fafsbare und ganz deutliche
gefchichtliche Gröfse. Um es gerade heraus zu fagen:
es ift eine wächferne Nafe, die Jeder fich für feinen Zweck
zurecht m acht. Die mehr oder weniger genialen Skizzen
und Gefammtcharakteriitiken, die wir befitzen, gehen —
je nach Bedürfnis ■— von der einen oder von der anderen
Seite aus. Der Eine malt grau in grau und denkt b-e-
fonders an die troftlofe rechnende Apokalyptik, der
Andere ftützt fich auf den Talmud und den Pharifäismus,
den wir durch Paulus kennen. Der Dritte findet im
Pfalter und den Salomonifchen Pfalmen Züge wahrer Re-
ligion, die dem Empfinden Jefu verwandt ift, noch Andere
denken an die Spruchweisheit oder an den Prophetis-
mus — kurz es befteht keine Einigkeit darüber, mit
welcher Seite des Judenthums man Jefus vergleichen Poll,
und fo fällt denn die Beantwortung jener Frage fehr ver-
fchieden aus. Dann aber: immer wenn jene Vergleich-
ung angeheilt wird, drängt fich die Unterfuchung vor,
was denn in Jefu Gedanken neu und original fei. Und
diefe Frage kommt heute noch zu früh. Vielleicht wird
man ja fpäter auf fie antworten können, wenn wir den
Mutterboden beffer kennen. Wie es mit der Frageftel-
lung fich verhalte — die Antwort Haupt's, dafs Jefus fich
zwar in der Form den altteftamentlichen und jüdifchen
Vorftellungen angefchloffen habe, aber ihren Inhalt ver-
ändert habe, enthält, fo weit fie richtig ift, eine Selbft-
verftändlichkeit. Jede originale Perfönlichkeit affimilirt
fich die ihr überlieferten Ideen. Aber wie weit nun Jefus
diefem traditionellen Stoff einen anderen Sinn gegeben
hat — das ift eben die Frage. Und da halte ich es von
vorn herein für vorfichtiger, einfach aus den Evangelien
pofitiv zu entnehmen, was er meint, als durch den
beftändigen Seitenblick auf das Judenthum fich irgendwie
beeinfluffen zu laffen.

Aber diefe pofitive Darftellung foll nun nach Haupt
noch viel mehr mit der Thatfache rechnen, dafs Jefus
in Bildern geredet habe. Hiermit rührt H. ein Problem
an, welches, wie ich geliehen mufs, noch nicht genügend
durchdacht ift. Sehen wir von den Gleichnifsen ab, für
die wir ja wohl jetzt eine fichere Methode des Verftänd-
nifses haben, fo fehlt es noch an einer Klarheit über
andere Formen der bildlichen Rede Jefu. Nach meiner
Meinung hat H. hier zwei verfchiedene Arten nicht ge-
nügend unterfchieden, die Metaphern im gewöhnlichen
Sinne und die, wie er fie nennt, .plaftifch-emblematifche'
Redeweife. Metaphern find ,uneigentlich' gemeint, fie
fetzen einfach das, womit verglichen wird, an die Stelle
des Verglichenen. Wenn Jefus vom Sauerteig der Phari-
fäer fpricht, fo meint er etwas anderes; er fagt: ,Schätze
im Himmel' und meint ,Lohn'; er fagt ,Splitter und Bal-
ken' und meint ,kleine und grofse Sunden-. Das fühlt
Jeder; denn einen Balken kann man nicht im Auge
haben. Etwas anderes ift es aber um Worte wie die
vom Ausreifsen des rechten Auges, vom Darbieten auch
der rechten Backe, etwas anderes um das Wort vom
Glauben, der Berge verfetzt, und vom Kameel, das durch
ein Nadelöhr geht. Diefe ,plaftifch-emblematifche' Rede-
weife beruht darauf, dafs an Stelle des allgemeinen und
abftracten Ausdruckes der einzelne, concrete Gegenftand
tritt. Man fagt .Fleifch und Blut' und meint ,das Wefen
des Menfchen', man fagt Jota und Keraia' und meint:
Kein einzelnes Gebot, auch nicht das Geringfte. Das
letzte Beifpiel zeigt, dafs diefe Redeform, welche nicht
,bildlich', nicht ,uneigentlich', fondern nur concret ift,

gerne folche Einzelfälle zur Darfteilung bringt, die be-
: fonders anfchaulich, befonders ftark und packend find.
Es wird mit Vorliebe der äufserfte Fall gewählt. Dem
Glauben wird gefagt, er werde Berge verfetzen, alfo
das Aeufserfte werde ihm gelingen. Wie weit find nun
folche Auslagen buchfläblich gemeint? Auf die Beant-
wortung diefer Frage kommt unermefslich viel an. Haupt
fagt, man dürfe fie nicht preffen, fie feien Darftellungen
einer Idee und nicht buchfläblich zu faffen. Gewifs lind
fie Darfteilungen einer Idee, indem fie den Gedanken
| gewiffermafsen in einem Falle auf die Spitze treiben.
| Sind fie aber darum nicht buchfläblich gemeint? Ver-
gegenwärtigen wir uns einen harmlofen Fall. ,Gehe in
\ Dein Kämmerlein' — was heifst das? Nach H. nur:
bete in der Einfamkeit. Ich meine aber, wenn Jefus
| diefen allgemeinen Gedanken in jener concreten Form
I ausdrückt, fo fchwebt ihm wirklich diefe plaftifche Vor-
ftellung des zafuelov vor, ohne dafs er damit andere
einfame Stätten ausfchliefsen würde. Er nennt eben den
hervortretendften Fall. Ob folche concreten Redeweifen
buchfläblich zu verliehen find, hängt dann lediglich da-
von ab, ob ihre Ausführung empirifch möglich und denk-
bar ift. Dafs ein Kameel durchs Nadelöhr gehe, ift un-
ausführbar; es ift ja auch nur ein Bild für die Unmög-
lichkeit. Berge verfetzen kann man nicht: jenes Wort
1 ift darum nur eine kühne phantafievolle Vergegenwärtig-
ung eines Wunders, wie der Glaube derartige Wunder
wirkt. Sowie aber der Fall im Bereiche der Möglichkeit
liegt, wird die Sache anders. Das Hinhalten der anderen
Backe ift gemeint als äufserfter Fall des Verzichtes auf
j Recht und Ehre. Tritt aber nun die Gelegenheit ein,
I fo ift durchaus nicht zu bezweifeln, dafs Jefus wirklich
das Hinhalten der Backe verlangen würde. Ich mufs
tllo darauf beliehen, dafs jene plaftifch-concreten Aus-
lagen keine bildlichen, uneigenthchen Redeformen find.
Um die Tragweite jener Worte kommt man ja doch in
keinem Fall herum: Jefus hätte das Wort vom Ausreifsen
des rechten Auges u. a. doch eben nicht fo fchroff for-
mulirt, wenn er nicht eben das Alleräufserfte damit hätte
ausdrücken wollen. Die zu Grunde liegende Simmung
ift unter keinen Umftänden auszulöfchen. — Aber Haupt
geht noch weiter in der bildlichen P'affung der Reden
Jefu. Gerade bei den eschatologifchen Worten fei Vieles
nicht buchfläblich gemeint. Das ,El'fen und Trinken'
I und ,zu Tifche liegen' im Reiche Gottes fei bildlich zu
verliehen und nur ein Ausdruck für die vollendete Got-
tesgemeinfchaft. ,Will man Jefum wirklich Tifche und
Polfter im Himmelreich annehmen Jaden?' ,Meint man
wirklich, Jefus habe auch im Himmelreich Lämmer exi-
ftiren und fchlachten gefehen?' Bei diefen Fragen liegt
die Plattheit nicht auf Seiten der Gegner Haupt's. Er
wird fich eben darein finden müffen, dafs Jefus die voll-
endete Gottesgemeinfchaft fich nicht in theologifchen
Gefprächen, oder in beftändigem München, fontlern in
echt antiker Weife in einem Freudenmahl concret ver-
anfchaulicht hat. Auf Haupt's inquifitorifche Fragen nach
den Tifchen und Poldern und Lämmern wäre er allerdings
wohl nicht gefafst gewefen. Aber es id doch Thatfache, dafs
er ganz naiv vom Weingenufs im Gottesreich geredet hat.
Jrdifch-finnlich' id das Alles nicht. Es id nicht erd
Haupt's Entdeckung, fondern von uns Allen anerkannt,
dafs das Reich Gottes, eben weil es den alu)v ovxog bei
feinem Kommen erd verdrängen mufs, die Formen des
menfchlichen Dafeins, ohne welche eben jene Dinge auch
von Jefus nicht vorgedellt werden, auf einer höheren
pneumatifchen Stufe wiederholt. Pneumatifche Ehen
giebt es allerdings nicht, wohl aber kann man noch ,Brot
im Reiche Gottes effen'. — Was aber foll man fagen,
wenn H. nun fogar folche Ausdrücke, wie das Sitzen
zur Rechten Gottes und das Kommen auf den Wolken
des Himmels für ,bildlich' erklärt. Er heftet fich an den
Wortlaut der Ausfage Jefu vor dem Hohenprieder Mtth.
26, 64: an agxi öiptoOs %. nbv x. avirgomov xaisr'if.ievov ex
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