Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

20.1895

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 25.

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welches in der Gemeinfchaft mit demfelben Erlöfer lebt,
deffen gnadenvolle Gegenwart fie felbft fortwährend
erfahrt, und das genügt ihr, um folchen Verdacht von
der Entflehung diefer Schriften fern zu halten'.

Aber wozu dann die Wifienfchaft der Einleitung,
die .kritifche Unterfuchung' durch die Gelehrten? G. fleht
nicht an, deren Bedürfnis vor allem aus der Exiftenz der
Antilegomenen herzuleiten. Dann aber bedarf die Kirche
gegenüber der nun einmal vorhandenen Kritik mit .natura-
liflifcher Voreingenommenheit' ,der Gelehrten, die mit
ebenbürtigen Waffen die zu bekämpfen vermögen, welche
die Grundlagen ihrer Exiftenz angreifen'. So ungefähr
fprach jüngft Leo XIII. auch. Diefe Verwandfchaft fpürt
G. Dennoch verlangt er gut proteftantifch, aber wie mich
dünkt, doch nur fcheinbar confequent, dafs ,die Kirche
die kritifche Forfchung ihren Weg gehen laffen foll',
,im Glauben an einen unfichtbaren Richter, der über ihr
wacht und unabläffig ftillfchweigend feine ftrafende Macht
übt'. Und ,eine Zucht, unfehlbarer als die Bannflüche
des Vaticans und die Martern der Inquifition' liegt nach
G. darin, dafs ,wer fich eigenwillig und leichtfinnig einer
der Lebensquellen beraubt, welche Gott für feine Kirche
in dem apoftolifchen Wort hat hervorfprudeln laffen,
fich felbft verurtheilt zu einer Schwächung des Lebens,
welches der Geift durch diefes Wort in die Herzen aus-
giefst'. Gegen die Ueberfetzung ins Concrete, dafs, wenn
einer den 1. Petrus- oder den Epheferbrief oder das Jo-
hannesevangelium nicht den Apofteln Petrus, Paulus,
Johannes zufchreibt, er unter das Gericht fällt, fchützt
fich G. durch die Einfchränkung ,eigenwillig und leicht-
finnig'. Aber glaubt er denn wirklich, dafs auch nur ein
einziger der Kritiker, mit denen die Wiffenfchaft und er
rechnet, ,eigenwillig und leichtfinnig' zu jenem Urtheil
kommt, und nicht vielmehr auf Grund ernftefter Prüfung,
überwunden durch die Macht der Indicien? Es wird
fchwer, bei einem Mann wie G. an einen blofsen Fechter-
flreich in die Luft, es wird noch fchwerer, an eine Ver-
dächtigung des wiffenfchaftlichen Gegners zu glauben.
Und doch ift kaum ein anderer Ausweg übrig.

Ebenfo fchmerzlich berührt es, wenn G. die wiffen-
fchaftliche Objectivität der Gegner verdächtigt, indem
er ohne viel Auswahl den Kritikern, die zu anderen Er»
gebnifsen gelangen, als ,die Kirche', zufchiebt, fie feien
dabei beftimmt von dem .Axiom' der .Unmöglichkeit
des Uebernatürlichen'. Er wagt die Kritiker des N. T.
in vier Gruppen zu theilen, eine Linke, deren Vertreter
in ihrer Ablehnung des Uebernatürlichen von dem mo-
niftifchen Standpunkt ausgehen', ein linkes Centrum,
deffen Vertreter ,fich mehr zu dem Syftem Kants halten',
ein rechtes Centrum und eine Rechte, ,deren Vertreter
alle von einem offen theiftifchen Gefichtspunkt ausgehen'.
Bei dem kühnen Unternehmen, die einzelnen Forfcher
nun, wie der Herzenskündiger, zur Rechten und zur
Linken zu ftellen, will ich G. nicht controliren. Ich würde
dabei zittern. Aber giebt die Art, wie feit Decennien
die Probleme der urchriftlichen Literatur von allen mafs-
gebenden Forfchern behandelt werden, G. ein Recht,
folche rein dogmatifche Beeinfluffung zu argwöhnen?
Wie es G. von fich erklärt, fo ift es allgemeiner Grund-
fatz, bei den Unterfuchungen der fpeciellen Einleitung
auf jedes von einem dogmatifchen Standpunkt herge-
nommene Beweismittel zu verzichten. Es liegt im Intereffe
der gemeinfamen Arbeit und ihres Erfolgs, dafs auf allen
Seiten dies anerkannt wird. Wenn trotz deffen die Re-
fultate, zu denen die verfchiedenen Forfcher gelangen,
fo weit auseinandergehen, fo wirken dabei mit das ver-
fchiedene Gewicht, welches fie den fprachlichen und dog-
matifchen Differenzen zuerkennen, die verfchiedene Ab-
grenzung hiftorifcher und pfychologifcher Möglichkeiten,
z. B. wie weit die Flexibilität des Paulus ging, ob ein
Autopte des Lebens Jefu das Bild des 4. Evangeliums
zeichnen kann, ob ein antiker Schriftfteller, wie er feinen
Helden felbftcomponirte Reden in den Mund legt, auch

im Namen Verdorbener Briefe fchreiben und wie weit er
hierbei die Fiction treiben konnte, ohne dafs für die Zeit-
anfchauungen ein .Betrug' vorlag, wie weit die Fixirung
! und Sammlung der fynoptifchen Stoffe von hiftorifchen,
wie weit von anderen, nicht minder lauteren, im Urtheil
der Zeit vielleicht noch berechtigteren Intereffen geleitet
war und wie viel Freiheit hiebei das hiftorifche Gewiffen
geftattete. Gewifs find diefe Fragen noch nicht genügend
durchgearbeitet, fo dafs die Stellungnahme des einzelnen
Gelehrten hin und her den Eindruck fubjectiver Willkür
und mangelnder Pietät machen kann. Noch ficherer
Sache ffibjectiven Vermögens ift es oft, wie weit ein
Forfcher im Stande, ift fich davon loszufagen, die lite-
rarifche Production des Urchriftenthums nach den lite-
rarifchen Mafsftäben der Gegenwart zu beurtheilen, wie
weit fich objectiv in das Empfinden jener Zeiten zu ver-
fetzen, auch wenn es mit dem eigenen contraftirt und
darum feine Anerkennung zu allerhand Schwierigkeiten
führt. Endlich wirkt als ein in noch höherem Grade
fubjectives Moment ein, von welchem Gewicht für jeden
unter uns die kirchliche Ueberlieferung ift. Das find
aber lauter Entfcheidungsmomente, die mit Monismus
und Theismus, Naturalismus und Supranaturalismus nichts
zu thun haben. So fchmerzlich es ift, dafs ein Buch,
das weitefter Verbreitung ficher und auch werth ift,
diefe, wie man hoffen dürfte, auf dem Ringplatz ernfter
Wiffenfchaft endlich verpönten Waffen den zu fachlicher
Debatte Unfähigen aufs Neue in die Hand giebt, fo
hoffnungsmuthig macht die das Buch auszeichnende, rein
fachliche Polemik auf Grund der Anerkennung der Noth-
wendigkeit der Kritik und der für fie allein mafsgcben-
den Entfcheidungsmomente, der äufseren Zeugnifse und
des Selbftzeugnifses der zu unterfuchenden Schrift.

Berlin. von Soden.

Haupt, D. Erich, Die eschatologischen Aussagen Jesu in den
synoptischen Evangelien. Berlin, Reuther & Reichard,
1895. (VIII, 167 S. gr. 8.) M. 3.60

Diefe Schrift ift zuerft als ein Theil der .Feftfchrif-
ten der 4 Facultäten' von Halle-Wittenberg bei Gelegen-
heit des Jubiläums gedruckt und dann ,in Einzelheiten
verbeffert und befonders gegen den Schlufs hin erweitert'
1 im Buchhandel erfchienen.

Sie ift beftimmt, in die Bewegung einzugreifen, welche
i feit Baldensperger's Buch unter den Erforfchern der
evangelifchen Gefchichte im Gange ift. Ich ergreife die
Gelegenheit, um darauf aufmerkfam zu machen, dafs
fchon im Jahre 1878 A. Wabnitz in einer These von
• Montauban: iideal messianique de Jesusdm wefentlichen
! ganz diefelben Anfchauungen vertreten hat, oft fogar in
j wörtlich übereinftimmender Form, wie ich in meiner
Schrift über das Reich Gottes. Zu meinem lebhaften
Bedauern habe ich die intereffante und feinfinnige Schrift
erft nach Abfaffung der meinigen kennen gelernt und es
ift mir ein Bedürfnifs, auf diefen Vorgänger mit Nach-
druck hinzuweifen. — Haupt befchäftigt fich wefentlich
mit Baldensperger und mir. Den trefflichen, leider in-
zwifchen verdorbenen Schmoller nennt er nur kurz,
Bouffier, mit dem er doch fo viele Berührungspunkte hat]
t erwähnt er überhaupt nicht. Und felbft Baldensperger
I wird — fehr zum Schaden der Sache — nur am Än-
| fang geftreift. Mir dagegen wird die Ehre einer häufigen
I Erwähnung zu Theil und zwar nach bewährter Methode
in der Art, dafs zwar die Punkte, in welchen ich Unrecht
habe, alle angeführt werden, dafs aber bei der unge-
I heueren Fülle von Dingen, in denen wir übereinftimmen,
mein Name nur feiten genannt wird. So habe ich wohl
; ein Intereffe daran, mich zu äufsern über ein Buch, das
| den Kampf aufnimmt gegen ,die exegetifche Zuchtlofig-
keit, welche auf dem Gebiete der' Efchatologie ihre
Hexensabbate feiert'.

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