Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

19.1894

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 9.

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klärung des Neuen Teft. heranzuziehen. Ausdrücklich
fei hier noch aufmerkfam gemacht auf die intereffanten
Parallelen von Cap. 12 mit dem Leto-Python-Apollo-
Mythus (Völter 168 ff. nach Dieterich, Abraxas etc.).
Ich kann ferner mit V. nicht anerkennen, dafs es un-
möglich fei, dafs die in Cap. 11 ausgefprochene Hoff-
nung von der Erhaltung des Tempels chriftlich fein
könnte, wie ich umgekehrt allerdings V.'s Schlufsfolge-
rung aus diefer Stelle mich nicht anfchliefsen kann, dafs
Jefu Weisfagung von der Zerftörung des Tempels nicht
echt fei. Nicht in allen Kreifen des Chriftenthums
waren jeder Zeit alle Worte Jefu gegenwärtig. Sehr fein
ift die Bemerkung V.'s, dafs gerade, wenn die beiden
Zeugen Cap. 11 jüdifchen Urfprungs feien, fie in eine
beftimmte Beziehung zum Meffias gefetzt wären. 11,18
kann meiner Meinung nach alle Schwierigkeit befeitigt
werden durch Weglaffung eines /.ort (rotg aytoq roig
(foßoi fttvoig rn ovofid aov). Will man das nicht,, fo find
mit V. hier Juden- und Heiden-Chriften zu finden. Cap. 17
ift es doch das allernächftliegende, die Hure, die trunken
ift vom Blut der Heiligen, auf Rom nach der erften
Chriftenverfolgung zu beziehen. Was es heifsen foll,
dafs Rom am Blut der ,altteftamentlichen' Propheten
fchuldig fei (18, 24), ift mir immer unklar geblieben. Wes-
halb endlich foll die Erfcheinung des Meffias 19, ioff.
jüdifch fein? Auch die Chriftenheit fah hier doch ficher
ihren Meffias, wenn fie fich auch das Stück angeeignet
hätte — allegorifche Deutung ift hier ausgefchloffen —
und erbaute fich an diefen Vorftellungen. Dafs es end-
lich himmelfchreiende Willkür ift, aus Cap. 4—6 die
chriftlichen Anfätze zu ftreichen, hat nicht nur Völter
behauptet (vgl. Spitta, Erbes). Zweifelhaft könnte man
bei dem Stück 7, I—8 fein. Es hängen diefe Behaup-
tungen von dem jüdifchen Urfprung grofser Partien in
der Apokalypfe mit dem ebenfalls irrthümlichen Ver-
fuch zufammen, den Einflufs des Judenchriftenthums um
jeden Preis von der Entwickelung der Kirche auszu-
fchliefsen. Ganz wird das nie gelingen.

So unbedingt ich hier V. zuftimmen kann, fo kann
ich es nicht in der Beftreitung der Compilationshypo-
thefe. Ich möchte diefelbe nicht in der unhaltbaren
Eaffung Spitta's (Weyland's) vertheidigen, fondern in
derjenigen Weizfäcker's: In der Apokalypfe liegt ein
einheitlich planvolles Werk vor, deffen Verfaffer jedoch
eine Reihe fremder Stoffe kunftvoll in feine Arbeit ver-
woben hat. — V. fchält dagegen eine Urapokalypfe
heraus (im wefentlichen 1, 1—4. 4—6. 7, 1 — 8. 8—9.
11, 14—19- 14, i—3- 6—7- 14—20. 19, 1 —10a. Dazu
ein Nachtrag 10, I — 11. 13, 17—18), aus dem durch all-
mähliche (dreifache!) Ueberarbeitung unfer corpus apoca-
lypticum entftanden ift. Es erheben fich wefentliche Be-
denken gegen eine folche Urapokalypfe. Zunächft zeigt
auch dies gereinigte Werk noch Unebenheiten. Ich halte
es mit Spitta für eine der ficherften Beobachtungen,
dafs mit Cap. 6 einmal eine Apokalypfe zu Ende ging.
Was V. 72 ff. gegen Spitta bemerkt, hat mich nicht über-
zeugt. Aber das fchwerfte Bedenken, das fich gegen
diefe Urapokalypfe erhebt, ift das, dafs ihr alle eigent-
liche Individualität fehlt. In langer Reihe häufen fich
Zeichen auf Zeichen, alle faft von ganz allgemeinem
Charakter, fchliefslich erfolgt ein magerer Schlufs, ein
wirklich beherrfchender Mittelpunkt ift nicht vorhanden.
Wenn V. von den Capiteln individuellen Inhalts 11. 12.
13. 17. 18. 20. 21. behauptet, dafs diefe nie für fich allein
exiftirt haben, fo ift m. E. mit weitaus gröfserer Wahr-
fcheinlichkeit zu fagen, dafs jenes Gerippe einer Apoka-
lypfe niemals für fich exiftirte, fondern, wenigftens zum
gröfseren Theil, erfunden wurde, um den Rahmen für
jene individuellen Stücke abzugeben. Für diefe Auf-
faffung fpricht vor allem auch der Thatbeftand, dafs
Cap. 12, 1—10. 13. 19 und Theile von 20, welche Völter
allerdings an zwei Ueberarbeiter ziemlich grundlos ver-
theilt, fo zufammengezogen einen wohlgeordneten Zu-

fammenhang bieten. Das fpricht doch mehr für die Hy-
pothefe der Quellenbenutzung als der Ueberarbeitung.

Ich gehe noch auf einige Einzelheiten ein. Zunächft
die Einheitlichkeit von Cap. 4—9 (vgl. das oben bemerkte).
Zu leicht geht V. hier auch über die Beobachtung von
Spitta hinweg, dafs von Cap. 8 an ein Tempel im Himmel
gedacht fei, der in die Scenerie von 4—6 nicht paffe.
Der Verweis auf 6, 9 hilft nicht, weil hier das unver-
mittelte xov d-voiaoxriQinv felbft räthfelhaft ift. In der
Annahme, dafs die zweite Hälfte von 7 eine Correctur
der erften fei, ift V. unbedingt Recht zu geben. 7, 9—17
zeigt die charakteriftifche Sprache des Schriftftellers, der
die Apk. zufammengearbeitet hat. Ueber Cap. 10
wage ich noch kein beftimmtes Urtheil. Ob man für
II mit V. die Zeit unmittelbar vor Zerftörung Jerufalems
anfetzen foll, oder ein paar Jahre früher, ift zweifelhaft.
Mit 12 beginnen die kritifchen Fragen fich hoffnungslos
zu verwirren. Dafs die zweite Hälfte von 12 Nachtrag
zur erften ift, hat V. wahrfcheinlich gemacht. Mit Un-
recht löft er jedoch die Verbindung von 12, 1—10. 12
und 13. Der Drache, der im Himmel befiegt ift (12, 1 —10),
tritt (13) feine letzte Schreckensherrfchaft auf Erden an
— es kann keinen überzeugenderen und befferen Ge-
dankenzufammenhang geben. In Cap. 13 nimmt V. es
etwas zu leicht mit den Gründen Spitta's für die An-
nahme einer Kaligulaapokalypfe. Darin hat V. Recht:
fo, wie das Capitel vorliegt, weift es in eine fpätere Zeit
allgemeiner Chriftenverfolgung und ift fpäter als Cap. 17.
Die erfte Hälfte von Cap. 14 ift in hoffnungslofer Ver-
wirrung. 14, 14—20 ift mit V. und faft fämmtlichen Kii-
tikern der Abfchlufs einer Apokalypfe. 15—16 ift nicht
eine erft hinzugekommene Ueberarbeitung, fondern Dis-
pofitionsmaterial des Apokalyptikers letzter Hand. Doch
find diefem hier die Gedanken ausgegangen und er wie-
derholt fich (vgl. 8—9). In Cap. 17 ift V. befonders
glücklich. Es fpiegeln fich hier zwei Auffaffungen des
Nero redhrivus wieder, nach der einen kehrt Nero mit
den Parthern zur Zerftörung Roms wieder, nach der
anderen ift er der Antichrift, der zum Kampf wider
Chriftus auszieht. Die erftere Anfchauung ift die ur-
fprüngliche, die letztere eingetragen. Hinfichtlich der
Zeit des Capitels kann man zwifchen Galba (fo V.) und
Titus fchwanken. Mit Cap. 17 gehört Cap. 18 untrenn-
bar zufammen. Ueber 19, 1 —10 läfst fich kaum ein
ficheres Urtheil gewinnen. Cap. 19, 11 ff. zieht V. richtig
mit Cap. 12 zufammen (erfte Ueberarbeitung), mufs je-
doch, weil er Cap. 13 aus dem Zufammenhang entfernt
hat, 19, 20 den Pfeudopropheten — ohne Grund —
ftreichen. Cap. 20 gehört nach V. ebenfalls im wefent-
lichen ganz zu Cap. 12. 19, 10 ff. Dafs die erhabene
Schilderung des Weltgerichts 19, uff. urfprünglich in
diefen Zufammenhang gehörte, bezweifle ich. 21, 1—8.
21,9 — 22,5 fieht V. zwei parallel laufende Einarbeitun-
gen desfelben Themas. Ich kann 21, 1—8 nur eine
Ueberleitung des Redactors letzter Hand fehen. Mit
welchen Beftandtheilen des Buches das Gefleht vom neuen
Jerufalem zufammenhängt, wird kaum mehr zu fagen
fein. Als letzte Ueberarbeitung nimmt V. endlich die
Einarbeitung von Cap. 1, 1—3. 7. 8. 1, 9—3, 22 an. Ich
mufs bekennen, dafs für mich hier Spitta's Anfchauung
von der Zufammengehörigkeit des Schreibens an die 7
Gemeinden mit 4—6 gröfsere Ueberzeugungskraft hat
Das Ganze würde ich freilich auf keinen Fall in einer
fo frühen Zeit anfetzen, wie Sp. dies thut. Sicher zu ent-
fcheiden wage ich auch hier nicht.

Zum Schlufs giebt V. eine kurze Charakteriftik der
einzelnen von ihm angenommenen Ueberarbeitungen.
Ich finde, dafs hier nirgends durchfchlagendes in leben-
diger eindringender Erkenntnifs zur Charakteriftik unferer
Apk. geleiftet ift. Und doch hat die Apk. als ganzes
betrachtet ein fo durchaus lebendiges, charakteriftifch.es,
in eine beftimmte gefchichtliche Situation weifendes Ge-
präge. Die eine Anmerkung, die Mommfen in feinem
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