Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

19.1894

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 8.

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der Anderen gefordert. Aber in der natürlichen Moral
giebt es keine beflimmte Antwort auf die Frage, in
welchem Grade altruiftifches Verhalten erforderlich ift
Soweit der Gemeinfinn oder das Wohlwollen gegen Ein-
zelne aus uneigennütziger Liebe hervorgeht, ift der Grad,
der als gefordert gilt, ein mäfsiger. Sofern die Gemein-
fchaft als Austaufch von Dienftleiftungen betrachtet
wird, reicht die Pflicht der Hingabe an fie nicht weiter,
als eine folche von Allen erwartet werden kann. Gänz-
liche Hingabe an ihr Wohl ift jedenfalls nicht Pflicht.
Einzelnen gegenüber gilt objectiv nur die Regel: thue
Anderen, wovon du erwarten kannft, dafs Andere dir es
thun. Es ift Sache des Einzelnen zu entfcheiden, ob die
Regel: Liebe deinen Nächften als dich felbft, d. h. thue
Anderen, was du wünfchen kannft oder für natürlich
hältft, dafs Andere dir thun, ihn verpflichtet oder nicht,
und auch wenn dies bejahend beantwortet wird, kann
fowohl ein fehr niedriger als auch ein hoher Grad der
Liebe die Folge fein. Zu den beiden Principien, die ein
beftimmtes Verhalten als objectiv natürlich beftimmen,
kommen zwei, die ein folches als fubjectiv natürlich
fordern, indem fie es lediglich mit der für das Individuum
paffenden Befriedigung von Wünfchen zu thun haben:
der constraint of harmony fordert das für das Ganze des
individuellen Lebens angemeffene Verhältnifs in der Be-
friedigung der vorhandenen einzelnen Wünfche; der des
Ideals fordert, durch eine von der bisherigen abweichende
gröfsere oder geringere Befriedigung einzelner Wünfche
neue und vollere Beziehungen der Harmonie herzuftellen.
Obwohl in befchränktem Umfang hat der Wille doch
ein Mafs von Freiheit gegenüber den conslraints und de-
sires. Gehorcht er nun den constraints nicht, fo ift die
Unordnung im Menfchen und aufserhalb feiner die Folge,
für die in der Natur keine Heilung vorgefehen ift, und
die deshalb den Fortfehritt zur Vervollkommenheit un-
möglich macht.

Eine höhere Stufe des fittlichen Lebens, fowohl in
Hinficht der fittlichen Forderung als in Hinficht der
Heilmittel gegen die Folgen der Sünde ftellt die jüdifche
Moral dar. Sie ift ein Typus für die Stufe, auf welcher
Gott als Schöpfer und fittlicher Leiter anerkannt wird,
während ein Gottesglaube, für den Gott nur der Herr-
fcher der Natur ift, keine anderen Motive entwickelt,
als die auf dem Boden der natürlichen Moral auch fchon
wirkfam find. Als ein charakteriftifches Neues tritt hier
der constraint of right ein, das Bewufstfein der Ver-
pflichtung zu unbedingtem Gehorfam, ohne nach Zweck
und Grund weiter zu fragen, wo Gott feinen Willen aus-
drücklich kundgethan hat. Er macht fleh mit viel inten-
fiverer Auctontät geltend als die natürlichen constraints.
Aber es ift zweierlei zu beachten. Einmal, dafs er nicht
das Ganze des menfehlichen Lebens umfafst und des-
halb neben fleh den natürlichen constraints des Glücks
und der Ordnung Raum läfst. Sodann, dafs er nicht die
Forderung eines rein willkürlichen Machtwillens bedeutet.
Gottes geoffenbarte Gebote können nur dann das Ge-
fühl der fittlichen Verpflichtung hervorrufen, wenn fie
weder unter dem Niveau des natürlichen fittlichen Ur-
theils bleiben, noch fleh zu weit darüber erheben. Aus
der nothwendigen Anpaffung an die fittliche Entwicklung
erklärt fleh Manches in den ATlichen Geboten Gottes.
Aber zugleich ift fo der Fortfehritt ermöglicht, den die
jüdifche Moral über die natürliche hinaus auch dem
Inhalt nach darfteilt, infofern die dort der Entfcheidung
des Individuums überlaffene Regel der Liebe zum Näch-
ften wie zu uns felbft jetzt zu einer objectiven erhoben wird.
Mittel des Fortfehritts ift die Sanction des Gefetzes
durch Lohn und Strafe.

Die jüdifche Moral bedeutet aber eine höhere Stufe
auch dadurch, dafs fie Veranftaltungen zur Heilung der
Folgen der Sünde enthält. Solcher Folgen giebt es
fünf: Trennung von Gott, der Quelle des Lebens, per-
fönliche Beleidigung Gottes, Straf leiden, doch nicht zum

Zweck der Genugthuung an Gott — diefe Vorftellung
ift eine aus Mifsverftändnifs des Charakters Gottes ent-
fpringende Illufion — fondern der prevention und der
reparation, Unordnung in der moralifchen Conftitution
des Sünders, Unordnung in der Welt aufser ihm. Die
Zucht des Gefetzes zielt nun aufser auf den fittlichen
Fortfehritt auch darauf ab, den Sünder durch Erfahrung
feiner Ohnmacht und feines Elends aufser Gott zur Reue
zu bringen. Ift fie erzielt, fo werden die beiden erften
Folgen der Sünde vollftändig aufgehoben. Was Chriftus
über die Bereitfchaft Gottes, dem reuigen Sünder zu
vergeben, lehrt, ift nicht fpeeififeh chriftlich. Dagegen
werden die drei letzten in der jüdifchen Moral nur
theilweife aufgehoben. Das Leiden als natürliche Folge
der Sünden bleibt, wird aber durch Ergebung in es als
heilfame Strafe gemildert. Das pofitive Strafleiden kann
gemildert werden, foweit durch die Reue fein Zweck
erreicht ift, bleibt aber z. Th. feiner heilfamen Folgen
wegen; die innere Unordnung wird gemindert durch Zu-
führung neuer fittlicher Kräfte von Gott. Aber die
Schrift lehrt, dafs es im Judenthum keine völlige Rei-
nigung giebt. Ebenfo ftellt Gott die durch die Sünde
angerichtete Unordnung in der Welt aufser uns z. Th.
wieder her, theils von felbft, theils auf Gebet hin. Aber
die Analogie der Folgen der Sünde Adam's zeigt, dafs
dies nicht völlig der Fall ift.

Hier bringt erft die chriftliche Moral volle Hülfe. Ihre
Bafis ift eine neue Schöpfung. Obwohl eine freie Gabe
Gottes ift diefe nach Gottes Willen doch, ebenfo wie
etwa die Verleihung guter Gaben an das Gebet, an den
Tod Chrifti geknüpft, fofern diefer als ein Act höchfter
Hingabe an Gottes Willen von Gott etwas erlangt, was
fonft nicht eingetreten wäre. Durch die Auferftehung
Chrifti ift fie bedingt, weil fie in organifcher Gemein-
fchaft mit dem verklärten Leibe Chrifti befteht. Ver-
mittelt wird fie dem Einzelnen durch die von der
apoftolifchen Kirche, deren Haupt Chriftus ift, voll-
zogene Taufe, durch welche ihm der Keim einer neuen
moralifchen Conftitution eingefenkt wird. Die Neu-
fchöpfung führt nun die vollftändige Aufhebung der
drei auf der jüdifchen Stufe nur geminderten Folgen
der Sünde nach fich, der inneren Unordnung, weil die
Flinigung mit Chriftus die Fähigkeit begründet, allmählich
in fein fittliches Bild verklärt zu werden, der äufseren
Unordnung, weil die mit Chriftus Geeinten die Ver-
heifsung unbedingter Gebetserhörung, alfo die Bürgfchaft
haben, dafs Gott wiederherftellt, was fie felbft nicht
wiederherftellen können, des Strafleidens, weil feine beiden
Zwecke prevention und reparation durch fie und ihre
Folgen fchon nach dem eben Gefagten erfüllt werden.
Und noch dazu kommt, dafs Chrifti Leiden als Leiden
ein Beweis der Liebe Gottes ift, der den menfehlichen
Willen für den Gottes gewinnt. Eine weitere Folge der
neuen Geburt ift die Flinwohnung des h. Geiftes d. h.
der Kraft durch Gebet oder unmittelbar in jedem Fall
den dem Einzelnen gerade geltenden Willen Gottes zu
erkennen und zu erfüllen. Erft diefe Gabe Gottes im
Chriften ift, was man fälfehlich dem Gewiffen als einem
menfehlichen Vermögen zugefchrieben, eine abfolut auto-
ritäre und jederzeit leitende Inftanz.

Auf die neue Schöpfung gründet fich aber auch
eine fpeeififeh neue Moralität, der constraint of confortnity
mit dem Leben Chrifti und der Unterwerfung unter feine
Vorfchriften. Was er vorlebt und vorfchreibt, ift aber
das vollkommene Verhalten, das fchöpfungsmäfsige Ziel
der menfehlichen Entwicklung, weil Chriftus als Sohn
des Menfchen die menfehliche Natur in ihrer fchliefs-
lichen und vollftändigen Entfaltung befafs und als Gott
das Urbild ift, nach dem der Menfch gefchaffen. Voll-
kommenes chriftliches Verhalten ift nun gänzliche, auf
eignes Glück d. h. Geltendmachung individuellen und
unabhängigen Willens verzichtende Hingabe an das Ge-
meinwohl des Leibes Chrifti. Daraus folgt die Regel
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