Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

19.1894

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 1.

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lieh den Vorwurf zu gewärtigen, dafs er in befonders
extremer Weife die Gefchichte unter den Weisfagungs-
beweis ftellt und durch ihn corrigirt. Dafs er aber die
Rückficht auf die Weisfagung pfiffig in feine Erzählung
verfteckt hat, ift auch nicht wahrfcheinlich. Ich vermag
das Recht, zu v. 2 Pf. 2, 2, zu v. 3 Pf. 1, 1, zu v. 6 Pf.
118 etc. hinzuzuftellen, um damit irgend etwas zu (er-
klären', nicht einzufehen. Einige ATliche Stellen find
gewifs herbeizuziehen, aber es fteht hier, foviel ich fehe,
um nichts anders als in den kanonifchen Evangelien.
Ebenfo mufs ich über andere ,Tendenzen' urtheilen:
S. 3 fchreibt der Verf. (zu v. 2): ,Die Darftellung erfcheint
noch ungünftiger für die Juden dadurch, dafs fie fich
nicht wafchen konnten, obgleich fie es wollten. Sie
erfcheinen dadurch als die von Gott bereits Verurtheilten'.
S. 7 (v. 3) der Lefer mufs fchliefsen, dafs Pilatus im
Herzen Jünger war. S. 24 (v. 10) werden gegen das
iaiwTta die heben Worte am Kreuz aufgeboten; aber
— wenn PE unfere vier Ew. gekannt hat — wer bringt
denn das gefchichtlich Zuverläffigere? Ift es in den heben
Worten zu fuchen oder in dem saiwna und dem einen
Wort? Das eouona behandelt der Verf. in gefteigerter
Ausführung faft fo, als ftünde v. 19 gar nicht im Texte.
Dagegen (S. 26): ,Die herrliche Scene, die fich nun bei
Johannes zwifchen der Mutter, dem Heilandsfohne und
dem Jünger, den er lieb hatte, abfpielt, fehlt:, avxbg de
eaudna. Wie diefe Züge fchöner Menfchlichkeit, die einen
Blick thun laffen in die zarten Empfindungen Jefu für
feine Liebften und Nächften und bei aller inneren Hoheit
den Xgioxbv ev oagxi documentiren, fo wird auch die
dem Luc. eigene Bitte um Vergebung für die, die ihn
gekreuzigt, vermifst, ov ydg ol'daoiv xL noiovaiv — das
dient zur Entfchuldigung. Aber unfer Ev. war nicht
darauf aus, jene zu entfchuldigen, fondern vielmehr mög-
lichft fchwarz anzuftreichen, ihre Schuld möglich!! unzwei-
deutig erfcheinen zu laffen'. Ift das bei den kanonifchen
Ew. etwa anders? und ift diefe ganze Ausführung nicht
mehr gemüthvoll als hiftorifch? Das Recht, dem PE aus
dem, was es nicht bietet, einen Strick drehen zu dürfen,
hat der Verf. nicht erwiefen; er mifst auch fortgehends
diefes Ev. mit einem anderen Mafse als die kanonifchen
unter einander. Er felbft mufs zugeftehen, dafs die empö-
rendfte Hohnrede der Juden: .Andern hat er geholfen,
fich felbft kann er nicht helfen' im PE fehlt. ,Das Motiv
könnte darin gefunden werden, dafs er vermeiden wollte,
den Lefer mit den Zweifelsgedanken bekannt zu machen,
die die fchneidende Differenz zwifchen dem Anfpruch
auf die Gottesfohnfchaft und der körperlichen Ohnmacht
des am Kreuze Hängenden hervorrufen mufste'. Seltfam;
der Verf. erlaubt fich fo tief in das Herz feines Autors
zu blicken — aber derfelbe Chriftus bekennt doch
im PE, dafs ihn feine Kraft verlaffen habe. S. 27 be-
kommt das PE einen fcharfen Tadel wegen des Ausdrucks
im Munde des Schächers: öuixrjg yevöiievng %üv ävÜ-gojmov,
er beweife eine arge Ungefchicklichkeit des Verf.'s, auch
in Bezug auf Pfychologie und Logik. Aber damit noch
nicht genug: ,Das ungefchickt Outrirte diefer dicken
Auftragung (1) führt darauf, dafs der Verf. von der ftar-
ken Abficht geleitet war, dem ßaoilevg xov 'iogai'jl feine
Bedeutung für die ganze Heidenwelt zu fichern ... Es
wird auch beachtet werden müffen, dafs der Ausdruck
(Huzr'iQ bei den Gnoftikern infonderheit der terminus für
den Aeon Chriftus war. Darf man das yevnitevng .ge-
worden' ftatt wv premiren, fo kann man eine Beftätigung
darin finden. Nicht erft das Kreuzesleiden macht die
Erlöfung fertig, durch Lehre und Wunderwerk ift er vor-
her der owxrtg geworden, das Leiden, das ja eigentlich
keins ift, kommt nicht in Betracht'. So weit wären wir
alfo: derfelbe Verf., der fich mehr Mühe gegeben haben
foll, als die anderen Evangeliften, das Leiden in allen
Zügen als geweisfagt darzuthun, foll eben diefes Leiden
escamotiren; es ift kein Leiden und kommt daher nicht in
Betracht! Der Verf. hat m. E. hier eine höchft verderb-

liche Methode angewandt; diefer Scharffinn verzerrt
unfere Quellen, und nun das oioxr^g uv9-giü7uov\ Es ift
eine Trivialität, zu bemerken, dafs es ungefchichtlich ift
— aber was bedeutet diefe Ungefchichtlichkeit gegen
Joh. 1, 29! wie kann man fich bei einem folchen Worte
überhaupt aufhalten! Wird man fo nicht fchon im apofto-
lifchen Zeitalter Zeitgenoffen Jefu haben fprechen laffen?
V. 17 foll nur aus dem Joh.-Ev. verftändlich fein; aber
ich fehe nicht ein, wie Jemand bei dem Verfe ftutzig
werden follte. Joh. hat einen ähnlichen Gedanken nur
künftlerifcher motivirt. Auch die Sonnenfinfternifs foll
in PE eigentlich unmotivirt fein. ,Bei den Synoptikern
war die Verfinfterung der äufseren Welt ein Abbild des
letzten inneren Kampfes Jefu. Da das Leiden hier
getilgt ift, fällt diefe Bedeutung weg'. Ich kann nur
wiederum bemerken, dafs ich keine ,Tilgung' des Leidens
in PE finde •).

M. E. hat der Verf. feine Hypothefe, dafs die erften
19 Verfe nichts anderes als ein tendenziöses, z. Th. plump
entftelltes Excerpt aus den kanonifchen Ew. find, nur
mit den gröfsten Gewaltfamkeiten durchführen können.
Hat er darin Recht, dafs diefe Verfe nicht ohne Kennt-
nifs jener Ew. gefchrieben find, fo find eben nur Remi-
niscenzen verwerthet. Ihr Aufbau hängt weder von allen
vieren ab, noch von einem einzelnen. Die literär- und
kanonsgefchichtliche Frage erhebt fich alfo trotz feines
Verfuches mit aller Wucht, wie ift die Entftehung einer
folchen Darfteilung denkbar in einer Zeit, wo unfere vier
Ew. fchon exiftirten? Gewifs ift die leichterte, vielleicht
die einzig mögliche Antwort die, dafs wir den Verf. in
einem Kreife zu fuchen haben, der von der grofsen
Kirche feitab ftand, wenn er fich auch dogmatifch nicht
durchgreifend von ihr unterfchied.

Was die vv. 20—57 anlangt, fo kann ich mich kürzer
faffen. Auch hier freilich kann ich das Recht, den Cha-
rakter des PE nach den ,Auslaffungen' zu beftimmen
(z. B. nach dem fortgelaffencn Lanzenftich) und Sylben
zu ftechen (f. z. B. das was v. 24 über elovoe allerdings
hypothetifch vorgetragen wird oder die Ausdeutung des
efingfjOai v. 26), nicht anerkennen2); aber die Abhängig-
keit von unferen Ew. tritt hier allerdings deutlicher
hervor3), die ganze Erzählungsweife ift eine andere.
Dennoch bleibt auch hier beliehen, dafs man in Klein-
meifterei und Gewaltfamkeit geräth, wenn man die Dar-
fteilung überall aus den kanonifchen Ew. zu verliehen
fucht. Es bleiben die drei Schlufsverfe 58—60. Der Verf.
hat fich mit höchfter Energie um fie bemühen müffen,
um zu zeigen, dafs das fchimmernde Gold diefer Verfe
Tomback ift. Die Erklärung der xeltvcala flieget, dafs fie
die xvgiaxrl felber fei, lehnt er ab; er findet aber in dem
01 dtodexa fowohl wie in dem eig or/.ov avxov eine Un-
klarheit (die er jedoch felbft dann befriedigend auflöft).
Das ganze Stück foll in dem Engelhinweis Marc. 16, 7
auf in Galiläa zu erwartende Erfcheinungen vor den
Jüngern und fpec. vor Petrus fein Leitmotiv haben (aber
eben diefer Hinweis fehlt im PE). Unklar fei auch die
Zeit; unklar auch das ,Meer', nur auf Grund der kano-
nifchen Berichte erkenne man es als den See Genezareth;
die Colorirung des Stücks fei aus Luc. genommen; ,dafs
v. 60 Levi als Sohn des Alphäus nach Mrc. 2 eingeführt
ift, fällt nicht ins Gewicht'; dagegen habe man bei v. 60
den unvertilglichen Eindruck, dafs Joh. 21 zu Grunde
liege, aufserdem werde man an die Situation der erften
Jüngerberufung erinnert; ,der Vergleich zeigt, dafs die
Abweichungen unferes Textes von Joh. 21 zugleich eine
noch gröfsere Annäherung an die Erzählung von der erften

1) S. 46 fcheint der Verf. die kirchliche Pracdicaüo Pttri mit einer
judenchriftlichen zu verwechfeln.

2) V. 25 kreuzt übrigens den angeblich exorbitanten Antijudaismus
des PE.

3) Die Annahme, dafs PE in einigen Verfen Seitenblicke auf frü-
here Stellen in den Ew. wirft, z. B. v, 28 auf Joh. 7, 31 S. 85, befon-
ders kühn S. 126 f., hat mir nicht eingeleuchtet.
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