Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

19.1894

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 1.

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wieder in die alte Unficherheit zurückgeworfen. Der Verf.
ift hierauf nicht näher eingegangen. Er hat auch gut
daran gethan; denn z. Z. ift der evangelifche Inhalt vor-
juftinifcher Pilatusacten eine fehr dunkle Gröfse, um
nicht mehr zu fagen. Den Werth der trefflichen Beob-
achtungen, die der Verf. S. 170—195 angeftellt hat, um
die Verwandtfchaft des PE mit der apokryphen Lite-
ratur zu erweifen, leugne ich nicht — man kann hier
noch Manches hinzuziehen, z. B. den Bericht des Photius
cod. 114 über die Pigdl-eig Lltzgov, hodvvov, Ldvögeov yzX.,
wo es heifst: TtoXXd noXXd/ig xpavqvai {zov Xgzozbv) zolg
iiad-zrcaig, vtov xpti rcgeoßvzgv ndXiv, xal ndXiv nalöa
■/.al uetCova xal eXdzzova xal iiiyiozov uloze t^v zo-
gvzpx]v öit]xeiv eoi)? dze fieXQlg ovgavov- noXXug
de xal negi zov ozavgov xevoXoytag xai dzonlag dva-
nXdzzei {seil. Charinus), oder auch Acta Pionii 13:
,dicunt dominum Jesum Christum cum cruce ad
superos facta umbrarum excitatione remeasse' —,
aber was hier das Aeltere, was das Jüngere ift, das ift
die Frage. Der Verf. felbft wird fchwerlich in Abrede
Hellen, dafs das PE, wo es fich mit der apokryphen
fog. .gnoftifchen' Literatur berührt, ftets relativ reiner
und einfacher ift, und dafs diefe Literatur fehr frühe
(wie früh, wiffen wir nicht; aber doketifche Anfätze find
doch auch den kanonifchen Ew. nicht fremd) begonnen hat.
Es ift aber ferner — vorjuftinifche Pilatusacten einmal
zugeftanden — viel unwahrfcheinlicher, dafs eine Schrift,
welche, wie wir wiffen, ein umfaffendes Evangelium ge-
wefen ift, eine particulare Schrift wie die fupponirten
Acten benutzt hat, als umgekehrt. Findet man nun bei
Juftin eine Stelle, die, wenn man nicht mit v.Schubert
(S. 1791.) eine tendenziöfe Correctur annehmen will, ein
Petrusev. bezeugt, und lieft man bei demfelben Autor:
biaovgovzeg avzbv exd&ioav eni ßrjiiazog xal emov
xglvov r)uiv, im Petrusfragment: i'Xeynv' ovgwuev1) zbv
t ibv zov xhtov . . . xai exdOioav avzbv «Vit xad-eögav
y.gioewg Xeyovzeg' öixakog xglve, ßaoiXev zov 'iogarjX, fo
fieht man nicht ein, warum es ,unzuläffig fein foll, nicht
fofort die Möglichkeit einer gemeinfamen Quelle offen
zu laffen'. Solche Möglichkeiten läfst man doch nur
offen, wenn man mit den Thatfachen anders nicht aus-
kommt. Dafs PE den Juftin benutzt hat, wäre ja auch
eine ,Möglichkeit', und fo könnte man noch Manches
nennen. Dem gegenüber habe ich mit dem Nächft-
liegenden auszukommen geglaubt, und das um fo mehr,
als ich S. 42 f. der 2. Ausgabe gezeigt habe, dafs auch

1) Der Verf. erkennt an, dafs das ovgiouev des PE nach dem 61a-
aigeiv Juftin's zu verftehen ift, aber er meint, es hier wieder mit einer
(Jedankenlofigkeit des PE zu thun zu haben. ,Die Löfung ift darin zu
finden, dafs Juftin den Ausdruck feiner Quelle treu wiedergiebt, PE aber,
verführt durch den ihm geläufigen, in den Apokr. zu bele-
genden Sprachgebrauch und die ihm ebenfalls geläufige, in
dem verwandten Apokryphenkreis regelmäfsig wiederkeh-
rende Vorftellung vom Strafact des Schleifens, das Compof.
als Simpl. verftanden und fo aus dem Verfpotten ein Schleifen ge-
macht hat'. Allein mit Recht bemerkt Zahn, dafs die Selbftaufforderung:
,Lafst ihn uns fchleppen' nach dem td&ovv xxX. nicht mehr pafst. Mit
v. Gebhardt, der dem beiftimmt, ovQOLiev zu lefen, hält mich das
xiiixiatOfiev v. 9 ab. Nun hat aber v. Schubert S. 16 felbft nachge-
wiefen, dafs ovqciv und öiaavgeiv in nicht übertragener Bedeutung Act.
Andr. et Matth. 25—28 völlig promiscue gebraucht werden. Ich halte
daher die Annahme, dafs Tie auch in übertragener Bedeutung hie und da
gleich gebraucht worden find, noch immer für den einfachften Ausweg
aus der vorliegenden Schwierigkeit. Eine Beweisftelle dafür habe ich
freilich noch nicht gefunden; aber die Annahme an fich fcheint mir
nicht fchwierig (vgl. unfer ,zerren'), das Folgende fordert fie geradezu
(denn es wird wirklich die Verfpottung gefchildert), und fie ift auch des-
halb nahe gelegt, weil das Bild der Schleifung eines Gegners als Aus-
druck der vollkommenen fchmählichen Vernichtung — wo es fich doch
nur um eine geiftige Vernichtung handelt, geläufig war; f. Efiphan. h.
31, 35 von Irenäus' Ueberwindung der Gnoftiker: 'Axgöxaxa de avxovq
iv zw e^rjg ötvxegw avzov Xöya> xal zolg äXXotg öirjfeyq'e, negzxxo-
xtgaiq ßovXöfxevöq'niuq xbv yaual giipevxa xal elq rrxxay xganevxa
avgai xal iva'miov ndvzatv &Qiagßevoai xe xal (paigäoai xryv iv
uvxcö x<3 Qupivxi dvaioxvvxöv xe xal ao9evij tiqovxXijoiv fzaxato-
ipgdovvrjq. Irenäus hat in der That die Gnoftiker nicht nur widerlegt,
fondern auch verfpottet.

andere nicht-kanonifche Evangeliencitate bei Juftin höchft-
wahrfcheinlich aus dem PE flammen, weil fie auch in
der Didascalia flehen. Ein ftricter Beweis ift allerdings
bei dem fchmalen Materiale nicht zu liefern; das Ver-
wandtfchaftsverhältnifs kann viel complicirter fein. In-
deffen einen durchfchlagenden Grund dafür habe ich bei
dem Verf. nicht gefunden; denn uralte Pilatusacten als
Quellen eines Evangeliums anzuerkennen trage ich, wie
oben bemerkt, Bedenken, und auch der Satz S. 180 er-
fchüttert mich nicht: ,Abgefehen von der Schwierigkeit
der Vorftellung, dafs Juftin, der vielleicht noch die Logia,
jedenfalls Mtth. und Luc. befafs, weder an den plumpen
Erfindungen noch am doketifchen Charakter des PE
Anftofs nahm, bleibt unerklärlich, dafs er die fo theuer
erkaufte Anerkennung von PE gar nicht ausnutzt, nament-
lich im jüdifchen Kampfe, wozu es fo reichlich die Waffen
reichte'. Ich wünfehte, der Verf. hätte diefen Satz fort-
gelaffen; denn er ift mehr aus dem 19. als aus dem
2. Jahrhundert heraus gefchrieben, und er läfst fich tiefer
in die Materie ein, als die Natur der Quellen es verträgt.
Was ift nicht alles unerklärlich im 2. Jahrh. im Allge-
meinen und bei Juftin im Befonderen, wenn wir uns bei
der ,Unerklärlichkeit', die der Verf. herausgreift, auf-
halten follen (um die Juden zu widerlegen, hatte Juftin
doch am A.T. eine einzigartige, unerfchöpfliche Urkunde),
und wenn v. Schubert bei einem Schriftftück wie PE
von plumpen Erfindungen und doketifchem Charakter
fpricht, an dem ein Juftin hätte Anftofs nehmen müffen
— welch' eine Reinigung der älteften Literatur mufste
er da vornehmen! Zum Doketifchen noch ein Wort.
Man betont es jetzt fehr ftark im PE. Ich will nun keines-
wegs fo weit gehen, wie McGiffert, der es überhaupt
nicht erblicken zu können erklärt; aber wenn v.Schubert
in derfelben Satzgruppe, in der er die Superlative des
PE tadelt, feinerfeits ausruft: ,Ueber der ganzen Ge-
fchichte fchwebt nicht die Geftalt des Menfchenfohns
Jefu von Nazareth, fondern in magifcher Beleuchtung
fchon wie ein „dogmatifches Gefpenft" b xvgiog1, wenn er
bei v. 10 (10g urjdiv novov exiov) Herz und Nieren des
Verfaffers prüft und vom ftoifchen Virtuofen der Apathie
redet, wenn er Verfchiedenes, was in PE fehlt (z. B. das
,mich dürftet'), auf die doketifche Tendenz zurückführt:
,der Chriftus des Verf.'s darf feine Leiden nicht verrathen
und dadurch das Mitleid und den Hohn der Wächter
herausfordern', wenn er endlich, nachdem ihm zweifel-
los' geworden, dafs der Verf. von einem leidenden
Chriftus nichts wiffen wollte, aus v. 19 eine fehr com-
plicirte Vorftellung herausfpinnt, fo fcheinen mir nicht
nur feine Superlative fragwürdig, fondern die ganze
dogmengefchichtliche Methode bedenklich. Was ich oben
bereits bemerkt habe, begegnet auch hier wieder und
zieht fich überhaupt durch die ganze Unterfuchung: der
Verf. läfst fich tiefer in die Materie ein, als die Natur
der Quelle es verträgt. Man wirft mir hin und her vor,
dafs ich nicht genau genug zufähe. Ich laffe diefen Vor-
wurf ruhig auf mir fitzen; das, was die Anderen mit
leichter Mühe oder mit fchulmäfsiger Scheidekunft fehen,
fehe ich in der Regel wohl auch; aber wenn ich das
Mafs diefer Objecte nicht kenne, nehme ich fie nicht in
meinen hiftorifchen Anfatz auf. Man erzählt, dafs Jemand
kein Waffer mehr trinken wollte, nachdem er durch's
Mikrofkop gefchaut hatte. Nun, mit einem mikrofkopifch
betrachteten PEift Jedermann zufrieden; aber man mikro-
fkopire doch in der gleichen Weife die kanonifchen
Evangelien! Die Ungethüme, die fich da zeigen werden,
werden nicht minder fchreckhaft fein! Was läfst die
lucanifche Leidensgefchichte an dem Plus und Minus,
das fie gegenüber Mtth. und Marc, hat, nicht alles er-
blicken, wenn nur der rechte Mann die Sache in die
Hand nimmt! welch' eine complicirte Chriftologie fteckt
in Luc. 23, 43 vgl. mit 23, 46! was wird aus der pauli-
nifchen Theologie, wenn man aus jeder Wendung der
Briefe einen gewichtigen dogmatifchen locus macht! u.f. w.
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