Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

15.1890

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paart. Aber auch derjenige, der diefes Grauen nicht
kennt, fährt m. E. nicht fchlecht, wenn er fich W. als
Kührer in das Syftem der Philofophie wählt. W. füllt
in vielen Beziehungen die durch Lotze's Hingang leer-
gewordene Stelle aus, fo verfchieden auch übrigens die
geiftige Art beider Philofophen ift; denn während Lotze
beim Befteigen des Berggipfels als ein unermüdlicher
Wanderer keinen Seitenweg fcheute, der ihm einen Er-
trag verfprach, jeder befonderen Bildung feinen fpüren-
den Scharffinn zuwandte und bei der Blume am Hang
flehen blieb, um lieh in ihre Eigenart zu verfenken, er-
reicht Wundt mit vornehmer Sicherheit denfelben Gipfel
auf der kunftvollen Bergbahn logifcher Syftematik.

Der idealiftifche Standpunkt W.'s erhellt fofort aus
feiner Zweckbeftimmung der Philofophie, die er unter
Berufung auf die gefammte Gefchichte der Philofophie
darein fetzt: dafs die Philofophie überall beftehe in
der Zufammenfaffung der Einzelerkenntni fse zu
einer die Forderungen des Verftandes und die
Bedürfnifse des Gemüthes befriedigenden Welt-
und Lebensanfchauung. In Verfolgung diefes
Zweckes trifft die Philofophie zunächft auf die Religion,
die als eine fertige Weltanfchauung bereits vorhanden
ift, und ferner auf die aus dem Bereich der Philofophie
allmählich ausgelöften und felbftändig gewordenen Ein-
zelwiffenfchaften. Welche Stellung nimmt nun die Philo-
fophie gegenüber der Weltanfchauung der Religion ein?
W. erklärt, dafs die Philofophie die Religion nicht zu
erfetzen vermöge, dafs fie nicht felbft religiöfe Vorftel-
lungen zu erzeugen vermöge, fondern dafs fie lediglich
die Religion begreifen folle, einmal durch Nachweifung
des Urfprungs religiöfer Gefühle und Vorftellungen und
zweitens durch Einordnung der religiöfen Elemente in eine
die gefammten Beftandtheile des menfehlichen Denkens
enthaltende allgemeine Weltanfchauung. Hieraus ergiebt
fich nun freilich doch eine — wenn auch indirecte —
praktifche Beeinfluffung der Religion durch die Philo-
fophie, denn bei der erften der obengenannten Aufgaben
mufs die Philofophie die religiöfen Elemente in Bezug
auf ihre Allgemeingültigkeit, bei der zweiten in Bezug
auf ihre Uebereinftimmung mit den übrigen Beftand-
theilen unferer Welt- und Selbfterkenntnifs prüfen. Trotz-
dem erklärt W. die Philofophie für eine rein theoretifche
Weltbetrachtung ohne praktifchen Zweck. Ihr einziger
Zweck fei, der Erkenntnifs zu dienen (S. n). Wenn
fie dabei doch zu einem practifchen Lebenszweck mit-
wirke, fo erhöhe fie damit ficherlich ihren allgemein
menfehlichen Werth, ja vielleicht könnte fie ohne
folche Erfolge gar nicht beftehen, trotzdem feien
es nur Nebenerfolge, die aufserhalb des Zweckes der
Philofophie lägen. Ein merkwürdiges Geftändnifs, dafs
die Philofophie ohne Erreichung von Zwecken, die aufser-
halb ihres Zweckes liegen, vielleicht nicht beftehen könne.
Ebenfo merkwürdig, wie die Verbindung der Zweckbe-
ftimmung der Philofophie, wonach fie eine die Forder-
ungen des Verftandes und die Bedürfnifse des Gemüthes
befriedigende Welt- und Lebensanfchauung darbieten
foll, mit der Behauptung, dafs ihr Zweck ein rein theo-
retifcher und kein praktifcher fei. Dafs die Mittel philofo-
phifcher Unterfuchung rein theoretifcher Art find, liegt ja
freilich auf der Hand; aber dafs die Wahrheit, die fie er-
reichen will, Bedürfnifse des Gemüthes befriedigen foll und
doch nur theoretifcher Art fei, ift fchwer zu verftehen.
W. fucht den Widerfpruch dadurch zu löfen, dafs er der
Philofophie die einzelnen Wiffens- und Lebensgebiete
nicht unmittelbar zum Object der Unterfuchung zuweift,
fondern erft durch Vermittelung der Einzelwiffenfchaften.
Nun aber würden in den Einzelwiffenfchaften der Theo-
logie, der Ethik die Gemüthsbedürfnifse und ihre Be-
thätigungen bereits in intellectuelle Probleme verwandelt;
die Philofophie habe die Arbeit diefer Einzelwiffenfchaf-
ten lediglich aufzunehmen und fortzufetzen, darum könne
fie zwar Bedürfnifse des Gemüthes befriedigen, obgleich

ihr Zweck ein rein theoretifcher bleibe. Gegen diefe
Darlegung erheben fich aber doch gewichtige Bedenken.
Erftlich ift die Thätigkeit des Philofophen ein Beruf, der
irgendwie fich einreihen' laffen mufs in die fittlichen Be-
ftrebungen zur Erreichung des Humanitätsideals oder wie
man das höchfte fittliche Ziel der Menfchheit fonft nennen
mag. Damit wäre eine fubjectiv-praktifche Motivirung der
Thätigkeit des Philofophen gegeben, die W. nach feiner
Weltanfchauung (vgl. z. B. S. 636) felbft anerkennen würde.
Zweitens aber kann die Philofophie die Arbeit der Ein-
zelwiffenfchaften doch nur in dem Sinne aufnehmen und
fortfetzen, den die Natur der Objecte der Einzelwiffen-
fchaften an die Hand giebt. Nun bringt es aber die
Religion und Sittlichkeit mit fich, dafs der Menfch ihre
Objecte nur begreifen kann, wenn er eine praktifche
Willensftellung zu ihnen oder in ihnen einnimmt, während
eine folche innere Stellungnahme zum Betrieb der Natur-
wiffenfehaften nicht erforderlich ift. Um die Religion
zu begreifen, mufs man felbft religiös fein, fowie man
das Wefen eines Staates nur verftehen kann, wenn man
felbft ein lebendiges Verhältnifs zu ihm gepflegt hat.
Demgemäfs kann der Philofoph die Religion und Sitt-
lichkeit nicht rein theoretifch behandeln. Wenn er es
trotzdem thut — ich darf hinzufügen, dafs W. es nicht
thut ■— fo zwängt er diefelben unter einen Mafsftab, der
der naturwiffenfehaftlichen Weltanfchauung entnommen
ift und nur in ihr zu Recht befteht. Läfst er aber die
durch die Natur der Objecte geforderte Eigenart gelten,
fo vermag er die Aufgabe zu erfüllen, die W. der Philo-
fophie vorfchreibt, nämlich zwifchenden ethifchen Wifft n-
fchaften und den reinen Verftandeswiffenfchaften eine Ver-
bindung herzuftellen, bei der die Zwecke beider ungeftört
bleiben. Dann dient aber die Philofophie, obfehon fie
eine theoretifche Wiffenfchaft in ihren Mitteln bleibt,
nicht allein der Theorie, fondern die Theorie dient dem
praktifchen Zwecke einer die Forderungen des Verftan-
des und die Bedürfnifse des Gemüthes befriedigenden
Welt- und Lebensanfchauung. Wie nun durch einen
folchen praktifchen Zweck, der der höchften Idee der
Menfchheit entnommen ift, ,die Unabhängigkeit und der
Wahrheitserfolg der Wiffenfchaft gefchädigt' werden
könnte, entzieht fich meinem Verltändnifs.

In der That meine ich, dafs es W.'s Werk an Wahr-
heitserfolg nicht fehlen wird, und dafs es ein folider
Bauftein ift am höchften Ziele der Menfchheit. Insbe-
fondere glaube ich, dafs wir Theologen nicht allein von
der Klarheit und befonnenen Umfichtigkeit des W.'fchen
Denkens lernen, fondern auch neuen Denkmuth aus den
Refultaten desfelben fchöpfen werden. — Können wir
auch hier nicht den ganzen Weg mit ihm gehen, fo
mag doch ein Blick auf das Ziel geworfen werden.

Von der Bearbeitung des empirifchen Thatbeftandes
durch die Verftandesbegriffe in den Einzelwiffenfchaften
fteigt W., gedrängt durch das Einheitsverlangen der Ver-
nunft, auf zu den tranfeendenten Ideen. Im Lichte der
I Vernunft wird fchliefslich die Realität der Dinge in der
Form von individuellen Willenseinheiten gedacht und
zwar von Willenseinheiten, die nicht thätige Subftanzen,
wie bei Leibniz, Herbart und Lotze (S. 427.429), fondern
fubftanzerzeugende Thätigkeiten find. Die Gefammtheit
diefer Willenseinheiten fleht durch Vermittelung der
Vorftellungen in Wechfelbeziehung mit einander und
ordnet fich mit Hülfe der Vorftellungen in eine Ent-
wicklungsreihe von Willensthätigkeiten verfchiedenen Um-
fangs (S. 421). So verbinden fich die Willenselemente
zu höheren Einheiten und fchliefslich zur Erreichung der
höchften Einheit des fittlichen Ideals. Diefes Menfch-
heitsideal, dem alle Entwickelung in der Gefchichte zu-
ftrebt, zeigt die letzte Folge auf, in welcher die tran-
feendente Ergänzung des empirifchen Weltverlaufs gipfelt.
Zu diefer Folge aber mufs ein adäquater Grund vor-
ausgefetzt werden und auf diefe Weife entlieht die reli-
giöfe Idee als die Ergänzung des fittlichen Ideals oder
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