Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

15.1890

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597 Theologifche Literaturzeitung. 1890. Nr. 24.

und Sorglofigkeit der Proteitanten in die Schuhe fchiebt.
Von den 11 Provinzen find Nord-Brabant und Limburg
überwiegend katholifch; aber die Römifche Kirche fucht
auch in den 9 überwiegend proteftantifchen Provinzen
und namentlich in den grofsen Städten, Amfterdam,
Rotterdam u. A. fich feftzufetzen und auszubreiten, —
ganz wie bei uns. Der Verf. erklärt die Fortfehritte
Roms vor Allem aus feiner gefchloffenen, planvollen
Organifation und aus der troftlofen Oede des modernen
Unglaubens, der in weiten Kreifen des Proteftantismus
leider herrfcht und tiefer angelegte Gemüther unbefriedigt
lafst, die, wenn ihnen nicht das Evangelium frifch und
kräftig dargeboten wird, in den Zauberbann Roms ge-
trieben werden. Deswegen fieht aber G. den Nieder-
ländifchen Proteftantismus nicht als verlorenen Porten an.
Frei von allem Pcffimismus zeigt er feine Fehler und
Verfäumniffe, er hebt aber auch die mancherlei Lichtfeiten
und Lebens- und Kraftmomente in der proteftantifchen
Welt hervor. Er glaubt an die fortwirkende Macht der
evangelifchen Wahrheit und an ihren endlichen Sieg über
alle Finfternifs; darum verzagt er auch in der vielfach
traurigen Gegenwart nicht. Die fo fcheinbar unerträg-
lichen Zurtände im kirchlichen Leben dort erklärt er als
die nothwendigen Folgen der völligen Freiheit auf reli-
giöfem Gebiete, auf welchem ein offener, frifcher Kampf
eher zu einem gefunden Leben fülire als die Stagnation.
Der genetifch-hirtorifchen Methode folgend, befchreibt
der Verf. auf 53 Seiten 1) die grofse nationale ,nieder-
ländifch-reformirte' Kirche, der er felber mit warmem
Herzen angehört, mit ihrer durch die Decrete Wilhelm's I.
von 1816 erfolgten Organifation, welche 1852 abge-
fchloffen wurde. Die Herrfchaft einer aus 19 Bevoll-
mächtigten gebildeten Synode ift der Gegenftand heftiger
Anfeindung von vielen Seiten und will uns wie eine
Ochlokratie in der Kirche erfcheinen, zumal jetzt in der-
felben die .Modernen', d. h. die in religiöfer Hinficht weit
fortgefchrittenen Liberalen das Uebergewicht haben.
Aber der Verf. weift auf den allmählichen Umfchwung
hin, der (ich im Innern der Nationalkirche zu Gunrten
des lebendigen Chriftusglaubens vorbereitet, da die Zahl
der pofitiv-gläubigen Prediger fichtlich zunimmt, und er
betont es, dafs in der Verfaffung felbft die Mittel und
Wege gegeben find, um diefelbe zu verbeffern oder auch j
ganz zu ändern. Traurig ift es freilich, dafs von 1349
Gemeinden 376 vor 2 Jahren noch ohne Prediger waren!
Es wäre dringend zu wünfehen, dafs mehr fähige und
ernfte Jünglinge fich in Holland dem geiftlichen Beruf
zuwendeten! Mit treffenden, fcharfen Zügen zeichnet G.
die theologifchen Hauptrichtungen feiner vaterländifchen
Kirche, deren relative Berechtigung ihm ebenfo gewifs
ift, als ihre Einfeitigkeit.

Auf den folgenden 91 Seiten befpricht G. noch —
2) die Kirchen fremder Nationalitäten, welche in Holland
Gaftrecht geniefsen (die Wallonifche, die Schottifche, die
Deutfche evangel. Gemeinde u. f. w.); fodann: 3) die
.chriftlich-reformirte Kirche' (die 1834 fich von der natio-
nalen Kirche trennte, es find die Altgläubigen in Be-
kenntnifs, Zucht und Verfaffung — 380 Gemeinden, fchon
150 000 Mitglieder zählend); 4) die ,doleerenden'
Kirchen, d. h. die Klage führenden, die fich unter dem
gtiftig bedeutenden und dabei ehrgeizigen Dr. Kuyper
zu einer Gemeinfchaft vereinigt haben, welche vorgiebt.
die eigentliche, echte reformirte Kirche zu fein, die auf
die unter ihnen geltende Autorität des Bekenntniffes und
der Kirchenordnung pocht und die Kirchengüter recht-
haberifch beanfprucht; 5) die Brüderfchaft der ,Re-
monftranten', welche einft auf der Dordrechter Synode
gegen das ftreng reformirte Bekenntnifs Verwahrung ein-
legten und Jahrhunderte hindurch bedeutende Theologen
aus ihrer Mitte hervorgehen fahen; 6) die lutherifche
Kirche, welche fich auch in zwei Theile gefpalten hat
und in ganz Niederland nur 75 000 Seelen zählt; 7) die
Taufgeunnten Gemeinden, früher Mennoniten, welche

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nur Erwachfene taufen, im übrigen aber von der früheren
Strenge in Glauben und Sitte nachgelaffen haben;

8) die evangel. Brüdergemeinde (die Herrnhuter);

9) die fogenannte .apoftolifche Kirche, (Irvingiten);

10) die aus diefer hervorgegangene .apoftolifche Miffion',
welche von jener fich abfonderte; n) die Darbyften;
12) die altreformirten Gemeinden, die in der Repri-
ftination des alten Bekenntniffes und der alten Zucht am
weiteften gehen und alles Gute unferer Zeit als Neuerung
verwerfen; 13) die freie evangel. Gemeinde — Inde-
pendenten pofitiver Richtung; 14) die evangel. freie
Gemeinde in Amfterdam und Haag — auch pofitiv, ver-
fchieden aber von 13) durch die Forderung, dafs nur
Erwachfene, die gläubig find, durch Untertauchen getauft
werden, und dafs auch die Frauen hier Wahlrecht haben;
15) die freie Gemeinde von dem bekannten Schrift -
fteller und Philanthropen de Liefde; 16) die niederländ.-
ref. Miffionsgemeinde zu Do.etinchen von van Dyk, die
fich in grofsartigen Liebeswerken, namentlich Schulen,
der Noth der Landeskirche annimmt; 17) die Miffions-
gemeinde zu Ermelo; 18) die Baptiften; 19) die Sieben-
tagsbaptiften oder Sabbatharier; 20) die freie Gemeinde
in Amfterdam, welche leider alles fpeeififeh Chriftliche,
auch Taufe und Abendmahl, abgefchafft hat, und in deren
Mitte ein jüdifcher Rabbi fich ganz wie zu Haufe fühlen
konnte.

Wahrlich eine Mufterkarte von Denominationen, und
es find noch nicht alle darin aufgeführt. In einem ,zu-
fammenfaffenden Ueberblick' charakterifirt G. noch in
feiner Gewiffenhaftigkeit fchliefslich die unabfichtlich
überfehenen bedeutenderen Kirchenlehrer und fafst fein
Urtheil dahin zufammen, dafs es in Niederland bei den
Proteftanten wohl viel Schatten, aber auch noch viel
Licht gebe, überall ein Streben nach Befierung fich kund
thue, um Gottes Reich aufzubauen. Unglaube, Socialis-
mus, ja Atheismus erheben fich an vielen Orten, und Tau-
fende von Kindern bleiben ungetauft. Namentlich ftellt
Verf. den vermögenden Bürgerftand als chriftlich fehr
gefährdet dar. Die höheren Stände und der kleine
Bürgerftand zeige noch das meilte Intereffe für die Re-
ligion. Trotz alledem fei doch das Niederländifche Volk
noch das auserwählte in Bezug auf die praktifche, po-
puläre theologifche Literatur; und nirgends werde die
Bibel in weiteren Kreifen gelefen als dort. Für befondere
.chriftliche Schulen' bringen die Proteftanten Niederlands
allein 2 Millionen Gulden jährlich auf. Es beftehen 16
Gefellfchaften in dem kleinen Lande für Miffion unter
Juden und Heiden. So ift noch viel Lebenskraft im
Niederländ. Volke.

Es fpricht für die günftige Aufnahme, die das Buch
gefunden, dafs jetzt bereits eine 2. Auflage deffelben
vorbereitet wird.

Bonn a. Rh. P. em. C. Axenfeld.

Wundt, Wilh., System der Philosophie. Leipzig, Engel-
mann, 1889. (VIII, 669 S. gr. 8.) M. 12. —, geb.
M. 14. —

Von naturwiffenfehaftlichen Studien ausgehend, hat
Wundt Schritt für Schritt die philofophifchen Disci-
plinen in den Bereich feines Nachdenkens gezogen und
ift durch Pfychologie und Ethik hindurch zur Metaphy-
fik aufgeftiegen, um nun die Refultate feiner Einzel-
forfchungen in einem Syftem der Philofophie darzubieten.
Heutzutage ift es für einen Philofophen idealiftifcher
Richtung von grofsem Belang, wenn er naturwiffen-
fchaftliche Schulung in die Wagfchale feines philofo-
phifchen Anfehens zu werfen vermag. Denn zu ihm
blickt die grofse Schaar derjenigen mit befonderem Ver-
trauen auf, bei denen fich die Sehnfucht nach einer idea-
liftifchen Weltanfchauung mit dem unbeftimmten Grauen
vor der alles zermalmenden Macht der Naturwiffenfchaft
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