Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

14.1889

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Material fleckt ficherlich in verborgenen Winkeln da und
dort, bleibt aber unbeachtet, weil es den Betreffenden
an dem Verftändnifs für den Werth des betreffenden
Schriftftückes fehlt. So ift mir z. B. vor einigen Jahren
von Herrn Stadtpfarrer Bauer in Isny, der bekannten
ehemaligen (proteft.) Reichsftadt ein in wunderfchöner
Neumen-Schrift notirtes Graduale und Antiphonar mit
(wenn mich die Erinnerung nicht täufcht) angefügtem
Evangeliarium gezeigt worden, welches auf der Bücherei
der dortigen evangelifchen Kirche lagert und eine Zierde
jeder Bibliothek fein würde. Die obige Schrift giebt auch
dem Laien Fingerzeig zur Erkennung und Beftimmung von
liturgifchen Handfchriften. Möchte fie in diefem Sinne
fleifsig gebraucht und möchten dadurch bisher verborgen
gebliebene Schätze gehoben werden. Möchten alle Biblio-
theken, welche über liturgifche Urkunden verfügen, dem
rühmlichen Vorgang des verdienftvollen Herausgebers
folgen. — Das zweite der angezeigten Bücher giebt auf
engem Räume ein Bild von der liturgifchen Entwicklung
der lutherifchen Kirche in Schleswig-Holftein von der
Schleswig-HolfteinifchenKirchenordnungvon 1542 (Bugen-
hagen) an bis zum Jahre 1797, in welchem die Schleswig-
Holfteinifche Kirchenagende des General-Superintendenten
Adler zur Einführung befohlen wurde (Patent vom
6. Mai 1797). Die Einführung der letzteren felbft ift
nicht mehr behandelt, wohl einer befonderen Darftellung
vorbehalten. Blättert man die alten Ordnungen durch,
deren fich das kirchliche Leben der Herzogthümer bis
an die Neige diefes Jahrhunderts erfreut hat, fo verfteht
man die wehmüthige Stimmung, mit welcher der Verf.
auf die Zeit, da fie im gefegneten Gebrauch geftanden
haben, zurückblickt, verfteht auch das Schlufsbekenntnifs,
dafs wir ,es unferen Gemeinden fchuldig find, dasjenige,
was einft rituale und liturgifche Ordnung unter uns war,
mit einfichtiger Hand aus dem Schutt der Verwüftung
hervorzuziehen und wieder aufzurichten und in Gebrauch
und Uebung zu nehmen, foviel fich davon erretten und
erhalten läfst'. Nur darf unferes Erachtens die liturgifche
Reftauration, ob fie gleich fo viel als möglich an das
Erbe der Gefchichte anzuknüpfen hat, nicht blofse Wieder-
herftellung des einft Abgefchafften fein, fondern fie foll
von diefem das erhalten, was fich mit dem evangelifchen
Bewufstfein der heutigen Gemeinde verträgt, das aber,
was zwar die Pietät gerne hochhält, der in vielen Dingen
geläuterte Gefchmack aber nicht mehr verträgt, zu dem
fchätzbaren Material der Vorzeit legen. Die Reftauration,
ob fie noch fo erwünfcht und berechtigt ift, darf nun
nicht in denfelben Fehler verfallen, welchen die Vor-
kämpfer der Adler'fchen Agende gemacht haben; fie
mufs als eine echt kirchliche, echt chriftliche fich dadurch
crvvcifen, dafs fie die Gefühle achtet, die Motive prüft,
aus welchen eine grofse Anzahl von guten Kirchgängern
fich vielleicht an das feit hundert Jahren Gewordene mit
derfelben Zähigkeit anklammert, mit welcher fich einft
ihre Väter an das Alte, von der Adler'fchen Agende
Verdrängte, angeklammert haben. Damit aber die Freunde
des Jetztbeftehenden mit denjenigen der viel reicheren
Vergangenheit fich in Liebe verftändigen können, ift
Kenntnifs der verfchütteten Schätze dringend erforder-
lich: darum möge das obige Buch namentlich auch von
den kirchlichen Laien gründlich ftudirt werden. Dies
wird am meinen zum Verftändnifs beitragen und das
Urtheil der betheiligten Kreife fchärfen. Dafs das Büch-
lein auch für den Liturgen aufserhalb Schleswig-Holfteins
eine werthvolle Handreichung ift, bedarf keiner befonderen
Erörterung. — Die dritte der angezeigten Schriften ift
für den praktifchen Gebrauch beftimmt. Sie giebt eine
Zufammenftellung von kürzeren Doxologien, doxologi-
fchen Lectionen und Parallelfprüchen für die Fefte der
evangelifchen Kirche. Die erfteren können da, wo eine
ausgeführte Liturgie nicht eingebürgert ift, etwa als
Ehngangsvoten Verwendung finden, die Parallelfprüche
eignen fich zu Introiten da, wo Wechfelrede oder Wechfel-

gefang Sitte ift, die doxologifchen Lectionen können als
Altarlefung gebraucht werden — kurz, das gebotene
Material läfst fich, je nach der Gottesdienftordnung, wel-
cher man zu folgen hat, gebrauchen. Die Auswahl und
Zufammenftellung ift mit Gefchmack getroffen. Nur ein-
zelne Wendungen widerftreben dem an der Einfalt und
Würde der Bibelfprache gefchärften Gefchmacke wie
z. B. die Doxologie: ,Lob fei deinem allerverehrungs-
würdigften Priefterthum, du Lamm Gottes, Märtyrer
für uns'. In welchem Sinne Chriftus ,Märtyrer für uns'
fein foll, ift dem evangelifchen Gefühle unverftändlich;
auch das angeredete Abftractum mundet nicht. — Die
letzte der angezeigten Schriften dient gleichfalls dem
praktifchen Bedürfnifs. Sie will für alle vorkommenden
Fälle der geiftlichen Wirkfamkeit das liturgifche Material
in ausgeführten Formularen und zwar Parallelformularen
bieten und den Geiftlichen mit detaillirter Anweifung für
feine Thätigkeit als Liturg und Seelforger verfehen, ohne
dadurch an Handlichkeit zu verlieren. Der Herausgeber
bietet uns fomit ein evangelifchcs Rituale, das insbe-
fondere auch für folche Fälle und Seiten der Amtsthätig-
keit helfend eintritt, für welche uns die Agenden häufig
im Stich laffen, z. B. für Weihehandlungen, welche eben
erft in neuerer Zeit Sitte geworden find. Wer die Ver-
legenheit kennt, in welche junge Amtsbrüder bei folchen
Gelegenheiten kommen können, wer fchon beobachtet
hat, mit welchem Ungefchick fich der Eine und Andere
in feiner Rathlofigkeit und Unerfahrenheit aus der Affaire
gezogen hat, der wird es dem Verf. danken, dafs er mit
feinem umfichtig und forgfältig zufammengeftellten Hand-
büchlein dem Rathlofen beifpringt, der Gefchmacklofig-
keit und Willkür fteuert durch Darbietung geordneter
Formulare, ohne doch eng-gefetzlich daran zu binden.
Wer — nach der in feiner Gemeinde herrfchenden litur-
gifchen Ordnung — das Buch nicht direct als Agende
gebrauchen kann, der mag dasfelbe als Regulator und
als Ergänzung benützen da, wo die Agende ihn rathlos
läfst und er felber in Liturgie zu machen gezwungen ift
(z. B. Weihe einer Schule, eines fonftigen öffentlichen
Gebäudes, Wohnhaufes, Denkmals, einer Fahne, eines
Schiffes etc.). In vier Rubriken — 1. die Darftellung der
Heiligung in äufserlichem Symbol (liturgifche Zeiten, die
Geftaltung des liturgifchen Raumes, die gottesdienftlichen
Perfonen); 2. die Heiligung leblofer Dinge (Einweihungs-
acte); 3. die Heiligung der liturgifchen Perfonen (Ordi-
nation, Inftitution, Jubiläum, Ausfendung eines Miffionars,
Diakoniffen-Einfegnung u. f. f.); 4. die Heiligung der
Gemeinde (Taufe, Confirmation, Beichte, Abendmahl —
cafuelle Gebete — Trauung, Begräbnifs u. f. w.) giebt
der Verf. fehr reiches Material; unter 4. nicht nur kurze
Winke für die fpecielle Seelforge, fondern auch Gebete
dazu. Ein Anhang giebt eine Auswahl von Texten. In
das Einzelne kritifch einzugehen verbietet der Raum;
ohnedies wird der Geiftliche ja gut thun, namentlich,
wenn es fich um die öffentlichen Handlungen handelt,
das Formular mit den Ordnungen feiner Gemeinde
in genaue Uebereinftimmung zu bringen, ehe er es
in unmittelbaren Gebrauch nimmt. Der Verf. will auch
keineswegs mit feiner verdienftvollen Arbeit einer künf-
tigen, alles regelnden Agende vorgreifen, wohl aber für
die Frift, während welcher der Willkür und Gefchmack -
lofigkeit in vielen Dingen noch Thür und Thor offen
fleht, Orientirung und Handleitung gewähren. In diefem
Sinn, als Manuale, als praktifche Liturgik fei das Buch
warm empfohlen.

Friedberg. H. A. Köftlin.
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