Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

12.1887

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2Q7 Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 13. 298

die Einzelheiten zu verfolgen, fich aber doch für grofse Denkens und Redens entgegenftehen. Daneben aber hat
gefchichtliche Fragen intereffiren, wenn fie in grofsem C. volles Verftändnifs für das befondere Temperament
Stil behandelt werden. Bei allem moralifchen Refpect , und zarte Gemüth des Apoflels. — Aus diefem, den über-
vor den Gegnern fleht C. auf Seiten der freien Willen- reichen Stoff in gedrängter, die Sache zum Theil beein-
fchaft; als hervorragende Vertreter derfelben nennt er trächtigender Kürze behandelnden Abfchnitt kann nur

ausdrücklich Reufs, Renan, Havet, Schoelcher und Sa-
batier. Die Refultate der Forfchungen diefer Männer
auf dem Gebiete des Paulinismus werden vom Verf. in
der Weife dargelegt, wie auch er fie fich im Wefent-

Einzelnes noch hervorgehoben werden. Der Verfuch,
die Genefis des paulinifchen Ev. zu erklären, bei dem C.
der Annahme von Wunder oder aufsergewöhnlicher
Genialität entrathen zu können glaubt, bewegt fich in

liehen aneignen zu können fcheint. Nur ganz feiten tritt I ziemlich allgemeinen Redensarten und verräth nebenbei
die eigene Perfon des Verf.'s hervor, in der Regel ifl er j Unbekanntfchaft des Verf.'s mit den neueren Forfchungen
nur Referent. Dabei unterläfst er aber gewöhnlich zu über die Pharifäer und Sadducäer. So wird noch wieder
fagen, von wem die betreffende von ihm vertretene An- die irrthümliche Behauptung wiederholt, die Sadd. hätten
fchauung flammt, was um fo mifslicher ifl, als Männer nur den Pentateuch anerkannt, die Propheten dagegen
wie Renan und Havet doch recht beträchtlich von einem verworfen. — Dafs Paulus mit feinem Ev. von den Ur-
Reufs und Sabatier in der Art ihrer wiffenfehaftlichen apofleln unabhängig ifl, wird richtig betont und gegen
Behandlung und in ihren Refultaten abweichen. C. zer- Havet die Möglichkeit des Verfländnifses diefes Ev. auch
gliedert feine Erörterungen in 4 Hauptabfchnitte. Im ; von Seiten der Heiden dargelegt. — Mit Grund Hellt C.
erften derfelben (S. 3—51) werden die Quellen des Pau- j in den Mittelpunkt der paulinifchen Dogmatik die Chrifto-
linismus auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft und zwar zu- ' logie. Bei Darlegung derfelben bekämpft er mit Eifer
nächll die AG. Aus inneren wie äufseren Gründen ifl < und Umfländlichkeit die Behauptung, fchon bei Paulus
nicht nur die in der katholifchen Kirche herrfchend ge- [ finde fich eine Trinitätslehre. 2 Cor. 13, 13 ifl wahr-
wordene Annahme der Abfaffung der AG. vor 63 zu fcheinlich eine Interpolation — allerdings eine einfache
verwerfen, fondern überhaupt ihre Glaubwürdigkeit fehr Befeitigung der dort liegenden Schwierigkeiten. Doch
gering anzufchlagen. Zum Beweife für diefe Behauptung ; Paulus hat der Kirche den Weg zur Vergottung Jefu ge-
dienen dem Verf. einerfeits die bekannten hiflorifchen j wiefen. Im Anfange diefes chriftologifchen Proceffes
befonders chronologifchen Irrthümer oder Ungenauig- i flehen wir beim 1. Theff.-Br. Die gefleigertfle Vorflellung
keiten, andererfeits und vor Allem die zahlreichen Wider- von Chriftus hat nach C. nicht etwa der Col.-, fondern
fprüche mit den Angaben der echten paulinifchen Briefe ! der Phil.-Br. wegen — des Fehlens des Artikels (!) bei
und die Auslaffungen der wichtigften Begebenheiten. I sv /(opr/n) &eov und ro ilvat loa fretfi Phil. 2, 6. Auffallender
So gelangt C. zu dem Refultat, dafs von Infpiration der j Weife fchliefst der Verf. anknüpfend an den Kreuzestod
AG. keine Rede fein kann, fie vielmehr als einfaches Chrifli an die Chriftologie gleich die Eschatologie an,
Gefchichtsbuch, fehlbar wie jedes andere, aufzufaffen ifl. [ auf die er fpäter in anderem Zufammenhange doch wieder
Ihre Angaben find mit Vorficht zu prüfen und nur da | eingehen mufs. Wie aufserordentlich fchwierig es ifl, aus
für glaubwürdig zu halten, wo fie mit denen der pau- den verfchiedenen eschatologifchen Ausfprüchen des
linifchen Briefe übereinflimmen. Im Uebrigen mag fich j Paulus ein nur einigermafsen zufammenftimmendes Bild
der Verf. auf eine Unterfuchung über die Quellen der zu gewinnen, hat C. wenigflens angedeutet. Es wäre
AG. und die Art ihrer Bearbeitung nicht einlaffen und | wirklich an der Zeit, dafs diefem Punkte eine ernflere
hält die AG. für eine Darftellung des Lebens des Paulus j Aufmerkfamkeit zugewendet würde. — Im Uebrigen
mit einer die erften 9 Capitel umfaffenden Vorrede. — : werden in diefem Capitel wichtige Begriffe gar nicht

Von ganz anderem Gewicht als Quelle find die pau
linifchen Briefe. Aber auch die unter Paulus' Namen
uberlieferten Schreiben find erft auf ihre Echtheit zu

oder nur fehr mangelhaft erörtert, fo di/.atoavrrj tteoi,
f/aoS, /irtttta, filmte. — Paulus war aber nicht nur
Dogmatiker, fondern trotz feines grundfätzlichen Stand-

prüfen, weil fie fpät gefammelt worden find, und neben punktes, dafs Gott Alles in Allen wirke, inconfequent

den echten unechte in Umlauf waren. Für heut zu Tage
unangezweifelt hält C. die 4 Hauptbriefe. Wie Havet
fcheint er die Forfchungen von Loman u. A. nicht zu

genug, auch denen, in welchen eigentlich der Geilt Gottes
Alles auszurichten hätte, fittliche Vorfchriften zu geben.
Sogar auf die politifche und focialc Zukunft des Chriften-

kennen. Jedoch findet er felbft fchon im Römerbrief, thums hat er mafsgebenden Einflufs geübt. Die ethi-
bei dem er fich über die Adreffe von C. 16 kein Urtheil , fchen Anfchauungen des Paulus erörtert daher der Verf.
erlauben will, und vor Allem im II. Cor.-Br. Verdäch- j in einem 3. Abfchnitt (S. 124—141). Nur zu billigen ift
tiges. In letzterer Beziehung erblickt er Widerfprüche hier die ftarke und wiederholte Betonung der lebhaften

zwifchen II Cor. 1 , 23 u. 13, I; I Cor. 16, 24 u. II Cor.
1, IS; 1 Cor. 9, 8—18 u. II Cor. 11, 7—9. Wer der
Meinung ift, dafs fich der II. Cor.-Br. nicht ohne Weiteres
an den erften anknüpfen läfst, fondern dafs zwifchen
beiden Briefen ein lebhafter Verkehr zwifchen Paulus
und der Gemeinde ftattgefunden hat, wird diefe Bedenken,
die auch fonft unmöglich die Echtheit des Briefes er-
fchüttern können, für nicht erheblich halten. Von den
übrigen paulinifchen Briefen werden ITheff., Philipp., Col.,
Philem. und mit einem gewiffen Schwanken II The ff.
(vgl. S. 38 f. mit S. 51) als echt, die übrigen als unecht
bezeichnet. Doch werden auch die letzteren bei der
nachfolgenden Darfteilung der paulinifchen Lehre als
von Paulinern flammend mitverwerthet. — Nach diefer
Quellenmufterung gelangt der Verf. im 2. Hauptabfchnitt
51—!24) zur Darlegung der dogmatifchen An-
fchauungen des Paulus. Mit Recht — wenn auch zum
Theil in etwas übertriebenen Ausdrücken — hebt hier
der Verf. zunächfl die grofsen Schwierigkeiten hervor,
die dem Verftändnifse paulinifcher Gedankengänge in
Folge dereigenthümlich dunklen, verwickelten, tieffinnigen,
vielfach Wörterbuch und Syntax ignorirenden Art des

Erwartung der Parufie bei Paulus, welcher fich an folche
Lefer mit feinen Ermahnungen wendet, denen er nur
noch eine kurze Lebensfrift zumafs. Von diefem Gefichts-
punkte aus allein werden die paulinifchen Anfchauungen
von der Ehe, von der Obrigkeit, von der Sklaverei erft
ganz verftändlich. Bemerkenswerth ift noch, dafs C. nach
alteren Vorgängen wieder mit Renan für wahrfcheinlich
hält, dafs Paulus verheirathet war. Hauptgründe, aller-
dings recht unzulängliche, find ihm die bekannte Notiz
in dem Briefe des Pfeudo-Ignatius an die Philadelphier
und Phil. 4, 3. Mit katholifchem Mafsflab gemeffen
müffen ferner die Anfchauungen des Apoflels über die
Zulaffung der Ehefcheidung zwifchen Chriften und Nicht-
chriften und des Heirathens in allen möglichen Ver-
wandtfehaftsgraden (vgl. 1 Cor. 7, 39 uovov iv xip/e/)
dem Verf. als ,assez /arges' erfcheinen. Mit einem ge-
wiffen Schein von Recht macht C. auch den Apoftel für
die fpäter im Mittelalter erft ganz zum Ausdruck ge-
langte Geringfehätzung des Weibes als imperfectus liomo,
als mala lierba, quac cito ercseit, verantwortlich. Bei Xeno-
phon, Sophokles, Euripides, Virgil findet er ftellenweife
ebenfo hohe oder gar geläutertere fittliche Grundfätze
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