Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

12.1887

Zitierlink

101

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 5. 102

wiefen ift, welche dasfelbe enthält {Revue de theologie et
de Philosophie, Lausanne 1885, p. 414 sqq.). — Bei Cha-
rakterifirung der jüdifch-meffianifchen Hoffnung zur Zeit
Jefu Chrifti werden namentlich folgende Punkte hervor-
gehoben. Das damalige Judenthum, wie auch das Alte
Tedament, kennt noch nicht die Idee eines leidenden
und durch fein Leiden die Sünde des Volkes fühnenden
Meffias (S. 122—125) Der Meffias wird nicht als Prophet
oder gottgefandter Lehrer aufgefafst (S. 126—128), auch
nicht als Priefter (S. 128 f.). Die Vorftellung von einer Prä-

dafs der Meffias nach chridlicher Anfchauung nicht nur
König, fondern auch Prophet und Priefter ift. Cap. 2
giebt eine Detail-Vergleichung der jüdifchen und der
chriftlichen Efchatologie. Cap. 3 wendet fich gegen die
Behauptung, dafs die evangelifche Gefchichte im Ganzen
und Einzelnen das Product einer Mythenbildung fei auf
Grund altteftamentlicher Sprüche und Vorbilder. Es
wird gezeigt, dafs diefe Hypothefe höchftens in Betreff
einzelner nebenfächlicher Punkte, nicht aber in Betreff
der grofsen Hauptfachen durchführbar fei.
exiftenz desfelben im Himmel ift nur angebahnt^ noch nicht Das Buch ift im Ganzen jedenfalls eine erfreuliche

beftimmt vollzogen (S. 129—133). Auch im vierten Buch : Erfcheinung. Der Weg, den der Verf. betritt, um den
Efra und in der Apokalypfe des Baruch findet Stanton fpecififchen Werth der chriftlichen Offenbarung feftzu-
nur die Anfchauung von einer idealen Präexiftenz im j ftellen, nämlich eine Vergleichung der chriftlichen Ideen
göttlichen Rathfchlufs (S. 132), während er die Bilder- ! mit den jüdifchen, ift ohne Zweifel der richtige und
reden Henoch's für chriftlich hält (S. 62). — Auf die allein zum Ziele führende. Und der Verfaffer ift zur
Darftellung der jüdifch-meffianifchen Erwartung folgt, LÖfung feiner Aufgabe wohl ausgerüftet durch unbe-
ebenfalls noch in dem einleitenden Theil (S. 146 — 175), fangene hiftorifche Anfchauung und gründliche Kennt-
eine allgemeine Charakterifirung der chriftlichen Um- nifs des Materiales. So wird man ihm denn auch im
bildung der meffianifchen Idee, und fodann als eine | Detail gern folgen und feinen Ausführungen in allen
Art Anhang (S. 176—200) eine Unterfuchung über den \ Hauptpunkten zuftimmen. Aber es kann freilich nicht
Gebrauch des Alten Tedamentes in der alten Kirche. , verfchwiegen werden, dafs zu einer Löfung der gedeihen
Die chridliche Umbildung der meffianifchen Idee wird j Aufgabe doch noch weit mehr gehört, als was hier ge-
S. 149—150 folgendermafsen charakterifirt: ,Neue Ele- ! leidet wird. Die Vergleichungen befchränken fich auf
mente wurden in die Anfchauung vom Meffias einge- : das Nächdliegende und am därkden in die Augen Fal-
fuhrt; oder Züge feines Charakters, die vorher kaum ' lende, und gehen nicht genug in die Tiefe. Um den
bemerkt waren, wurden nun unter den Chriden allge- ganzen Contrad der jüdifchen und chridlichen Meffias-
mein anerkannt. Stellen, welche von den Leiden und 1 Idee zu deutlicher Anfchauung zu bringen, hätte nament-
der Sanftmuth des Meffias fprachen, wurden nun zum , lieh eine Frage viel energifcher in's Auge gefafst werden
erden male in den Propheten entdeckt. Die ganze I müffen, nämlich: inwiefern und wodurch der Mef-
Idee feines Werkes erfuhr einen Vergeidigungs-Procefs. j fias Mittler des Heiles id? Der Verf. fagt fehr rich-
Es kann vielleicht keine fchlagendere Illudration hiefür 1 tig: ein fundamentaler Unterfchied fei die verfchiedene
gewählt werden als der Wechfel in der Bedeutung des j Auffaffung vom Wefen des Heiles. Damit hängt aber
Wortes ,Heil' {salvation); und es id zugleich befonders ! aufs engde zufammen, dafs es auch ganz verfchiedene
geeignet, uns einen Eindruck davon zu geben, wie j Functionen find, durchweiche auf der einen und auf der
weit verzweigt doch die Beziehung zwifchen chridlicher I andern Seite der Meffias das Heil vermittelt. Nach
Theologie und meffianifcher Doctrin id. So verfchieden j jüdifcher Anfchauung id er der mächtige, weife und ge-
fcheint die von den Propheten gezeichnete Idee des | rechte König, der eben durch diefe feine Eigenfchaften
Heils von der durch die Apodel Jefu und in jeder wahr- j für Ifrael eine Zeit vollkommener Glückfeligkeit herbei-
haft evangelifchen Predigt verkündigten zu fein, dafs führt. Dabei verdeht es fich von felbd, dafs an feinem
wir in unfern Gedanken wohl feiten die eine mit der Reiche nur die Gerechten Antheil haben. Zu diefer
andern verbinden. Statt nationaler Befreiung von Anar- j Gerechtigkeit gelangt aber jeder durch eigenes Thun
chie und Unterdrückung haben wir eine Befreiung, welche j und durch die ihm zur Verfugung dehenden Sühnmittel,
von Individuen einzeln in lediglich moralifcher und geidi- Der Gedanke, dafs der Meffias vor allem die Sünde im
ger Weife ergriffen, und bei der Auferdehung vollendet Inneren des Menfchen überwindet und ihn von diefer
werden foll. Trotzdem id die eine Vordellung unzwei- Knechtfchaft befreit, id der populären jüdifchen Vor-
felhaft die Umbildung der anderen. Noch eines: der dellung völlig fremd. Nach chridlicher Anfchauung id
Glaube an die allgemeine Herrfchaft Zion's liefs nun die gerade dies in erder Linie der Beruf und das Werk des
kühnde und geidigde Form, in welcher er bisher je ge- 1 Meffias. Angedeutet id diefe Anfchauung fchon in der
fafst worden war, weit hinter*fich und lief aus in die ! Verkündigung Jefu felbd; dogmatifch formulirt und aus-

Lehre von der katholifchen Kirche, zu welcher zugelaffen
zu werden die Heiden das gleiche Recht hatten wie die
Juden'.

Die hier gezeichneten Umriffe werden nun in den
beiden folgenden Haupttheilen näher ausgeführt. Theil
II behandelt das Selbdzeugnifs Jefu Chridi (S. 201—282),
Theil III die Lehre der Apodel und der alten Kirche
:S. 283—386). Da die Grundanfchauung des Verf.'s aus
den mitgetheilten Proben hinreichend erhellt, fo möge
es genügen, den Inhalt beider Theile kurz anzugeben.
Bei dem Selbdzeugnifs Jefu werden drei Hauptpunkte

gebildet aber id fie namentlich bei Paulus. Und zwar
kommt hier nicht nur die Idee der Sühnung der Sünde
durch Chridi Tod in Betracht, fondern namentlich auch
die ganze Gedankenreihe, welche im 6. und 8. Capitel
des Römerbriefes ihren claffifchen Ausdruck gefunden
hat: der durch den Glauben in perfönliche Gemeinfchaft
mit dem Meffias Tretende wird eben dadurch feines,
d. h. des heiligen, göttlichen Geides theilhaftig und hier-
durch zur Ueberwindung der Sünde befähigt. Es id
alfo gerade der Meffias felbd, feine Perfon, durch welche
für jeden Einzelnen das ,Heil' in diefem Sinn, nämlich

in's Auge gefafst: 1) die Idee des Reiches oder viel- j. Befreiung von der Macht der Sünde, vermittelt id.
mehr des ,Königthums' Gottes, 2) die Selbdbczeichnung J Diefe Conception id gegenüber der populären jüdifchen
Jefu als ,des Menfchen Sohn', 3) der Anfpruch Jefu, der Vordellung ebenfo neu, wie die Idee der Sühnung der
Meffias zu fein. Auch die Dardellung der apodolifchen \ Sünde durch den Tod des Meffias, wiewohl auch fie ihre
und altkirchlichen Lehre zerfällt in drei Capitel: 1) Die I Anknüpfungspunkte im Alten Tedamente hat (Geides-
Lehre vom Amte Chridi in der alten Kirche, wo die j mittheilung in der meffianifchen Zeit). — Hierauf hätte
richtige, aber freilich das Problem nicht erfchöpfende t alj"° vor allem, wie mir fcheint, bedimmter und energi-
Bemerkung gemacht wird, dafs ,die chridliche Anfchau- j icher, als es gefchieht, hingewiefen werden müffen. Und
ung von dem himmlifchen Stande und Berufe des Mef- 1 aucn ">hft noch hätte diefes und jenes genauer ausge-
fias gebildet wurde aus den Erklärungen und dem Cha- | führt werden können. Was der Verfaffer giebt, id eben
rakter Jefu in Verbindung mit alttedamentlichen Aus- nur ein Anfang zur Löfung des gedeihen Problemes.
fprüchen', und wo dann namentlich hervorgehoben wird, Giefsen. E. Schürcr.
loading ...