Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

11.1886

Zitierlink

459

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 20.

460

1883 erfchienene 5. Ausgabe in kleinem Format anfchliefst,
bietet fich die 7. Ausgabe als die Frucht einer durch-
greifenden Revifion des gefammten Textes, von welcher
der Herausgeber wohl fagen durfte, dafs ,unfäglicher
Fleifs der Nacharbeit auf lie verwendet worden fei, um
in Angemeffenheit an den Grundtext, Verftändlichkeit,
Sprachrichtigkeit das Aeufserfte zu erreichen'. Da Refe-
rent bereits 1883 in Nr. 24 der Theologifchen Litera-
turzeitung die nöthigften Notizen zur Gefchichte diefer
Ueberfetzung gebracht hat (die erfte Probe erfchien 1838,
der Römerbrief 1870, die erfte Gefammtausgabe 1877),
fo mag hier die Bemerkung genügen, dafs auch diefe
7. Ausgabe auf Koften der Britifchen und ausländifchen
Bibelgefellfchaft und zwar bei Trowitzfch und Sohn in
Berlin mit überaus fchönen, grofsen Typen gedruckt ift.
Wie in den kleinen Ausgaben ift auch hier der Textus
receptus von 1624 zu Grunde gelegt, jedoch mit Rück-
fichtnahme auf folche Varianten, welche eine Verfchieden-
heit des Sinnes einfchliefsen. Wo folche vorliegen, find
durch verfchiedene Arten von Klammern fowohl die Zu-
thaten des textus receptus, wie die mehr oder weniger be-
zeugten abweichenden Lesarten der älteften Handfchriften
kenntlich gemacht.

Die an zweiter Stelle genannte Ueberfetzung ift das
Werk eines Profelyten, Ifaak Salkinfon, geft. 5. Juni 1883
als Miffionar im Dienft der englifchen Judenmiffion.
Nachdem derfelbe bereits durch Ueberfetzungen von
Werken wie Milton's verlornes Paradies und Tiedge's
Urania den Ruf eines ausgezeichneten hebräifchen Sti-
liften erlangt hatte, ging er an die Ueberfetzung des
Neuen Teftaments in möglichft klafüfches und elegantes
Hebräifch. Er ftarb, ohne diefer Uebertragung, die er
als das Werk feines Lebens betrachtet und mit grofser
Hingebung gepflegt hatte, die letzteFeilegebenzukönnen.
Leider habe ich weder in dem Buche, noch irgendwo
fonft eine Notiz gefunden, welchen Antheil der auf dem
Titel genannte Herausgeber Chriftian Ginsburg an der
endgiltigen Feftftellung des Textes gehabt hat. Gedruckt
ift die Ueberfetzung, und zwar trotz des kleinen For-
mats gleichfalls in fchönen, deutlichen Typen, in der
k. k. Hofbuchdruckerei von Carl Fromme in Wien, auf
Koften der Trinity Bible Society. Diefe Gefellfchaft fteht,
wie ich höre, in fo fern in einem gewiffen Gegenfatz zu
der berühmten alten britifchen Bibelgefellfchaft, als fie
bei der letzteren eine Garantie dafür vermifst, dafs die
Beiträge nur von correcten Anhängern des Trinitäts-
dogmas und nicht etwa auch von Unitariern herrühren.
Ob diefer Standpunkt der Trinity B. S. etwas zu thun
hat mit der hebr. Ueberfetzung des N. Teft., weifs ich
nicht; Thatfache ift jedenfalls, dafs fich die genannte
Gefellfchaft eben den Vertrieb von Salkinfon's N. Teft.
mit grofsem Eifer angelegen fein läfst. Erwägt man |
nun, dafs die Ueberfetzung von Delitzfch, das Werk einer I
nahezu fünfzigjährigen Bemühung auf diefem Felde, feit
1877 fertig vorlag, feitdem in 38,000 Exemplaren aus-
gegangen ift und notorifch, befonders unter den Juden
des Oftens, bereits eine grofsartige Miffion erfüllt hat,
dann ift wohl die Frage berechtigt: was bezweckt die
jüngere englifche Bibelgefellfchaft, wenn fie mit Igno-
rirung diefer grofsartigen Erfolge eine andere Ueber-
fetzung vertreibt? Natürlich müffen es gewichtige Gründe
fein, da fie ohnedies doch fchwerlich die Verwirrung auf
dem Miffionsgebiet, die bei diefer Sachlage unausbleib-
lich ift, würde verantworten wollen.

Ein zuverläffiges Urtheil über die Vorzüge oder
Mängel beider Ueberfetzungen ift natürlich durch ein
ungefähres Herumlefen in beiden, etwa nur mit Berück-
fichtigung dogmatifch wichtiger Stellen, nicht zu gewin-
nen. Referent hat daher einen anderen, freilich etwas
mühfameren Weg eingefchlagen, indem er von 27 voll-
ftändigen Capiteln eine fchriftliche Collation zum Behuf
einer genauen Vergleichung des Wortlauts beider Ueber-
fetzungen veranftaltet hat. Auf Grund derfelben glaubt

er nun allerdings in der Lage zu fein, ein vergleichendes
Urtheil zu fällen und auch dem Lefer ein folches zu er-
möglichen. Zuvor möge nochmals daran erinnert fein,
dafs, während Salkinfon auf klaffifches Hebräifch aus-
geht, Delitzfch fo zu überfetzen fucht, wie die neutefta-
mentl. Schriftfteller das griechifch Gefchriebene hebräifch
gedacht oder doch hebräifch ausgedrückt haben würden,
und dafs er demgemäfs nachbiblifch hebräifche Aus-
drücke, die der Sprachzeit der erften chriftlichen Jahr-
hunderte angehören, nicht verfchmäht, fondern fogar
abfichtlich verwendet.

Beginnen wir mit dem Aeufserlichen, der Gorrect-
heit des Druckes, fo habe ich in den erwähnten 27 Ca-
piteln bei Delitzfch nur folgende Druckfehler zu ent-
decken vermocht: WJ*D*j Act. 6, 9 für 'p*l; Joh. 17, 10 1.
Orth für DrtD; Chireq fehlt in ÖHwWWJ Tit. 3, 12; bei Sal-
kinfon dagegen eine ziemliche Reihe folcher (die natür-
lich nicht ihm, fondern dem Herausgeber, refp. dem Cor-
rector zur Laft fallen): Matth. 5, 12 IND nSArt für rtpprt;
5, 19 =p:Nb für 'Nb; Marc. 2, 26 TpbNb für 'Nb; Luk.
15, 7 N'üh für KDrt (oder ift erfteres wegen der einen
Stelle (Joh. 8, 12 mit Abficht gewählt?); Joh. 17, 6 DPinp
für Dnn?; 17, 11 am Ende "OiM für WIM (kaum noch
Druckfehler, jedenfalls eine ganz fatale Verkehrung des
Sinnes); 17, 24 fteht jetzt am Ende p"lN rtlQ'rt Bpü; ohne
Zweifel meinte Salk. JHKrt "TOJrt, wobei auf fich beruhen
mag, ob der Infin. Niph. nach tTjU durch Hagg. 2, 15
genügend geftützt ift; Act. 6, 11 Trt~yrt für 'yrt; Rom. 5,

16 T^u1?^ fur F;1"!?""!; ibid- "1flt?^3 fur "^b, denn inu hat
im Pi'el conftant kurzen Vocal vor n; Eph. 3, 11 und
überall fonft »IflJrtK; das A. Teft. hat diefe Form nur 1
Sam. 16, 16, fonft überall WiN; 3, iß TffNftrtb für iTNnnb;
Phil. 3, 13 prtND für "nriND; 3, 18 "OIN für iprtK.'; Kol.
4, 13 fteht NTpb'nb, v. 15 wie bei Delitzfch (deffen Tran-
feription der lügennamen überhaupt faft überall zu Rathe
gezogen ift) NpTlb; Philem. 10 133 für ipa; V. 12 13HBJ3
für irra (vergl.'auch I Theff. 1, 10 bW<J5rYfür'prt); V. 21
ppjn für Sp&itl; Hebr. 8, 2 pparjl (im' Stat. constr.) für
J?©MJ1; 1 Petr. 5, 10 DrVjy für ptjrij». wegen des An-
klangs an «Tay ein recht fataler Druckfehler; 2 Petr. 3,
10 JiSUi für '"fii; 1 Joh. 1, 6 ^bnnD für Trjrtn:; Juda 10
TB"irji"(Picel!) für TP.

Laffen wir alle die angeführten Incorrectheiten noch
als .Druckfehler' gelten, fo handelt es fich dagegen in
folgenden Fällen um zweifellofe Sprachfehler: Tit. 3, 9
fteht nbp'bnp für nbpbnp; Philem. 15 T1E3 für T1BD; ibid.
v. 20 die Partikel N3 an der Spitze des Satzes; ibid. v.
22 Qpri>Br? für "itiisBFl. Das Befremden über diefes merk-
würdige Hebräifch wächft noch, wenn wir auch Jak. 4,

2 lefen D^ljl für und ibid. V. 3 BSrtbKJfil wohl für
apiniNP, obfehon das A. Teft. keinen Plural von mNP
kennt. Soll es aber Sing, fein, fo reiht fich ihm würdig
an Opppi» 2 Joh. 8 für DpppiB. Der Urheber diefer Punk-
tationen fcheint alles Ernftes ekhem für eine Paufalform
des Singulars gehalten zu haben! Juda 12 fcheint rYjÄ
als Stat. constr. gebraucht; 1 Joh. 1, 7 ift nach Jer. 18',

3 (wo aber bereits die Mafora Anftofs nimmt) 'rtrrt für
irrt gefetzt.

Von mehr oder weniger fehlerhaften Wendungen
und Conftructionen finden wir bei Salkinfon: Matth. 5, 2
onb rn'ri für Dyi»3 oder enit "iVfj (Del. beffer nniN Tab73);
5»'s f"!» Ufr?* (°b wegen Jef. 14, 21? Del. yPNrt); 5, 11
Wff; DK IB-irt'"' DK (Del. :-\ 'ftp DK); 5, 18 B5DK jrt, wah-
rend im A. Teft. D3DK n"<" in Verbindung mit dem He
interrog. (Del. JDK); 5, 19 n2N rtirup nisaa (Del. drei-
mal mit Art.); 5^ 23 a. Anfang: N'BN Jp-by (Del.
DK pb); diefer eigenthümliche Gebrauch von NiBN öfter
auch anderwärts; 5, 45 CppirbN Cp (Del. QppNb);
Mark. 2, 10 TN nDN (Del. TONT); 2, 13 -pN >N3 Qyrt"b3"
loading ...