Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

11.1886

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- Theologische Literaturzeitung. 1886. Nr. 7.

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der Päpfle Gewalt feilgehalten und auch in Bezug auf [
die Heiligenverehrung erft in diefer Zeit und zwar von
Erasmus den entfcheidenden Anftofs zu deren Verwer-
fung empfangen zu haben (43. 39); an der letzteren Stelle
heifst es ausdrücklich: ,üa habe ich angefangen auf
die biblifchen und der Väter Schrift zu fehen, ob ich von
diefer über die Fürbitte der Seligen gewifs möchte be-
richtet werden' (1. 298). Das war doch mehr als blofs
ein ,Anfchlagen der gleichen Saite, die fchon in Bafel
berührt worden war' (39 vgl. 57) und deutet auf einen
entfcheidenden Wendepunkt in der religiöfen Entwick-
lung, der ja auch in der S. 38 mitgetheilten Stelle deut-
lich genug markirt ift und zu deffen Würdigung die Dar-
fteilung Ufteri's auch noch in anderer Weife, als blofs
durch die Beanftandung eines untergeordneten Punktes
S. 39 hätte berückfichtigt werden follen. Im Uebrigen
wird das Verhältnifs zwifchen humaniftifcher Aufklärung
und felbftändiger evangelifcher Glaubensvertiefung dann
wieder fehr gut gefchildert, wie es eben unter diefem
hinzutretenden und immer mächtiger werdenden Einflufs
des Erasmus die Entwicklung Zwingli's in diefen letzten
Jahren zu Glarus und während feines Aufenthaltes in Ein-
fiedeln weiter beftimmte, und ebenfo anderfeits auch der l
tiefgreifende Unterfchicd, durch welchen fchon jetzt die 1
Ziele des weltbürgerlichen Humaniften und diejenigen
der religiöfen und nationalen Reformators auseinander-
treten (40 f.). Doch möchte ich auch hier wünfehen, dafs
die reichhaltigen Mittheilungen, die in den neuerdings I
erfchienenen Arbeiten Ufteri's über diefe Zeit vorliegen,
ausgiebiger benutzt worden wären; jedenfalls hätte
fich der Verf. von dem letzteren davon follen abhalten
laffen, die irrige Notiz des Briefwechfels über die Zeit
der Reformation im Klofter Fahr S. 59 als hiftorifche
Thatfache zu verwerthen (vgl. Ufteri, Zwingli und Etras- j
mus S. 14). Anderfeits fcheint mir neben dem Einflufs
des Erasmus derjenige der Kirchenväter, auf den doch
Zwingli felbft fo viel Gewicht legt, zu fehr in Schatten [
geftellt und namentlich die Bedeutung nicht genug her-
vorgehoben, welche die Voranftellung der vom Platonis-
mus beftimmten Griechen auf die eigenthümliche Geftal- 1
tung feiner Theologie ausübte. Auch hierfür geben
Ufteri's Abhandlungen lehrreiche Fingerzeige.

Als befonders gelungen darf endlich noch die Schil-
derung der allmählichen Einwirkung Luther's, fowie der \
neuen Parteibildung bezeichnet werden, welche durch j
diefes Hervortreten und die damit zufammenhängende
Vertiefung und Erweiterung der reformatorifchen Auf-
gabe auch im Freundeskreife Zwingli's hervorgerufen
wurde und welche für diefen durch feine Verbindung mit
den ihm gleichgefinnten Männern der Kirche und feine
bewufste Uebernahme der Führerfchaft in dem beginnen-
den Kampf zum Abfchlufs gebracht wurde. ,Das Ver- j
hältnifs zu Luther und zu der von ihm hervorgerufenen
gewaltigen Bewegung in Deutfchland war der Punkt, an
welchem die Wege Zwingli's und feiner humaniftifchen
Freunde fleh fchieden' (79). Immerhin mufs ich bezwei-
feln, dafs diefe Trennung fchon in jenen Anfängen von
Zwingli in der principiellen Schärfe, wie es hier darge-
ftellt wird, empfunden worden ift. Seine Briefe an Beatus
Rhenanus aus den Jahren 1519 und 1520 laffen von einer
fo kritifch refervirten Haltung, wie fle S. 80 behauptet
wird, nichts wahrnehmen (vgl. z. B. Suppl. p. 21, 26), und
derjenige an Vadian vom Januar 1520 (VII. 138) fpneht
eine Auffaffung des Chriftenthums aus, welche mit der
von Rhenanus vertretenen (S. 78) doch noch nahe genug
fich berührt. Mehr Gewicht hätte meines Erachtens auf
den Unterfchied gelegt werden follen, welcher zwifchen
derartigen Aeufserungen und den erlten Schriften von
1522 und 1523 befteht. Wenn dort das Kennzeichen des j
wahren Chriften darin gefetzt wird, 11011 ut ethnicum sunt- 1
111 am in multiloquio spein poncre sed in vitae integntate,
quae cum caritate Da primum, deinde et proximi conjuneta
est, und hier dagegen als Grundfatz gilt, dafs das Gefetz

uns von Chrifto gegeben ift, ,damit wir daran unfern
Bretten erkennen und allein zu ihm fliehen, der unfern
Breiten barmherziglich begnadet', dafs ,das Flvangelium
nichts Anderes ift, als die gute Botfchaft der Gnade
Gottes', fo fpricht fich darin auch für diefe Jahre noch
eine fortfehreitende Vertiefung der religiöfen Elrkenntnifs
aus, die, wenn fle auch zunächlt mehr fubjectiver Art
ift, doch auch die objective Seite der Lehre nicht un-
berührt gelaffen hat und kaum anders als aus der, wenn
auch vielleicht unbewufst erfahrenen, Einwirkung Luther's
auf das Verftändnifs der heil. Schrift und insbefondere
des Paulus wird erklärt werden können. Die erwähnten
Unterfuchungen Ufteri's find auch in diefer Beziehung
fehr beachtenswerth. Sie weifen nicht nur im Allge-
meinen auch für diefe fpätere Zeit noch an entfcheiden-
den Punkten eine Weiterentwicklung der Theologie im
Sinne der Luther'fchen Lehre nach, z. B. in der Lehre
von der Rechtfertigung und von der Erwählung, fondern
wiffen diefe Wendung auch in wefentlicher Berichtigung
der früher vom Verfaffer vertretenen Anfchauung bis in
die einzelnen Anmerkungen Zwingli's zu feinem hand-
fchriftlichen Exemplar der paulinifchen Briefe zu ver-
folgen, indem durch eine fcharffinnige Vergleichung der
nach der Ankunft in Zürich etwas veränderten Schrift-
züge gezeigt wird, dafs in diefen Anmerkungen alle die-
jenigen, in denen das Verftändnifs der fpeeififeh pauli-
nifchen Rechtfertigungslehre zum Ausdruck kommt, erft
nach dem Jahre 1519 gefchrieben fein können.

Es lag in der Natur der Schrift felbft, dafs in der
Befprechung derfelben mehr die Punkte hervortraten,
welche zu einem Widerfpruch veranlafsten, als die, bei
denen der Verf. auf allgemeine Zuftimmung und Aner-
kennung wird rechnen dürfen. Um fo mehr ift es Pflicht,
am Schluffe noch einmal hervorzuheben, wie fehr trotz
den gemachten Einwendungen diefe letzteren die erfteren
überwiegen und wie Vieles fchon in diefem hiftorifchen
Theile zur richtigen Auffaffung fowohl der religiöfen
Entwicklung, wie der Schriften und der Denkweife
Zwingli's geboten wird. Möchte es dem Verf. ver-
gönnt fein, das werthvolle Werk frei von den in der
Vorrede beklagten Hemmungen zu einem baldigen Ab-
fchlufs zu bringen.

Bafel. R. Stähelin.

Maurice, Frederick, Leben von Frederick Denison Maurice.

Nach dem Wortlaute feiner eigenen Briefe erzählt
von feinem Sohne F. M. Autorifirte deutfehe Bear-
beitung von Maria Seil. Darmfiadt, Bergfträfser,
1885. (VIII, 551 S. gr. 8.) M. 8.—; geb. M. 9.—

Der Verf. des vorliegenden Werkes hat fich mit der
Sammlung und Zufammenftellung von Briefen, die zur
Kenntnifs derLebensgefchichte feines Vaters beitragen, be-
gnügt, wenig aus feiner eignen Kenntnifs hinzugefügt und des
perfönlichenUrtheilsfich faft ganz enthalten. Ein Werk, bei
welchem eine folche Befchränkung des Plans mafsgebend
gewefen, kann, wie reichhaltig auch immer das in ihm
dargebotene Material fein mag, der Aufgabe einer eigent-
lichen biographifchen Darftellung nicht genügen. Es
fetzt zum minderten Lefer voraus, die dem Helden der
Erzählung entweder perfönlich nahe gertanden oder ihn
bereits aus feinen Schriften fchätzen und verehren ge-
lernthaben. Somufs es als fehr gewagt erfcheinen, dasfelbe
in deutfeher Bearbeitung einem Leferkreis darzubieten,
bei welchem dies der Natur der Sache nach nicht wohl
vorausgefetzt werden kann. Dabei hat die Bearbeiterin
fich, wie es fcheint, mit einigen Kürzungen begnügt, aber
weder für nöthig erachtet, zur Einführung des Werkes
in Deutfchland ein orientirendes Vorwort vorauszufchicken,
noch mit den fpärlichen Anmerkungen, die fie giebt,
etwas Nennenswerthes dazu beigetragen, Beziehungen,
die in England keiner Erläuterung bedürfen, für deutfehe
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