Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

2.1877

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 15.

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und zu hohem poetifchem Schwung erhebt. Und was den I
Verf. insbefondere befähigt, gerade das Thema feiner j
Schrift zu behandeln, ift die liebenswürdige Gabe des
Verf.'s, auf die Kigenthümlichkeit eines jeden irgendwie '
berechtigten Standpunktes einzugehen und ihn aus fich
felbft heraus in feiner pofitiven Wahrheit zu verftehen,
an einzelnen Stellen allerdings, wie uns fcheinen will,
auf Korten der nöthigen Schärfe des Urtheils. So z. B.
bei der Charakteriftik Semler's, die den gewifs anzuer-
kennenden Zug perfönlicher Frömmigkeit in S. einfeitig
hervorhebt und die religiöfen Motive in feiner hiftorifch-
kritifchen Arbeit fo betont, dafs das andre, und doch
vorwiegende Element in ihm entfchieden zurücktritt, das
Element nüchterner, philirtröfer Verftändigkeit, die alle
hohe und ideale Anfchauung von Bibel und Kirche
auf ihr plattes Niveau herabdrückt. Das Urtheil, in
welchem der Verf. Semler's Charakteriftik zufammenfafet:
,Semlcr ift der ins Kritifche überfetzte Gottfried Arnold',
kann jedenfalls nur infoweit gelten, als Beiden, Arnold
und Semler, die Religion vorwiegend Sache des Subjects
ift, aber doch von fehr entgegengefetztem Standpunkte
aus. Und wenn der Verf. in S. Vorandeutungen zu allen
den Männern findet, die in den neueren und neueften
Gang der Theologie beftimmend eingegriffen haben, zu
Kant, zu Schleiermacher, zu Baur und Rothe, fo ift ja
gewifs Semler, an einen Wendepunkt in der Gefchichte
der neueren Theologie hingeftellt, eine typifche Perfön-
lichkeit, in der fpätere Entwicklungen vorgebildet find,
und diefe Bemerkung des Verf. ift ein Zeugnifs für feinen
feinen, die verfchiedenften Erfcheinungen über- und zu-
fammcnfchauenden Blick, aber fie fpricht doch nur eine
relative Wahrheit aus, und will fehr cum grano salis ver-
ftanden fein; denn finden fich auch diefelben Aufhellun-
gen und Behauptungen bei Semler und bei den Genann-
ten, fo haben fie doch bei den Einzelnen fehr verfchie-
dene Wurzeln.

Sollen wir aus der reichen Fülle der gelungenen
Charakteriftiken und feffelnden Schilderungen aufser den
bereits erwähnten noch eine oder die andere hervor-
heben, fo ift es die Darfteilung der Gegenwirkungen, die
von der neueren Literatur und Philofophie gegen den
Rationalismus und Supranaturalismus ausgegangen find.
Unter diefer Rubrik werden mit ebenfo warmer und in-
niger Empfindung, als finniger Vertiefung ein Hamann,
diefer ,fibyllinifche' Menfch mit feiner ,wunderfamen
Grofsheit'(nach Goethe's Ausdruck), einLavater, deffen
Genie, wie der Verf. überaus treffend fagt, in feinem
Herzen lag, ein Claudius, ,der liebe, klare, einfältige,
in feiner Einfalt fo tiefe Wandsbecker Bote', ein Jung
Stilling, diefer Stille im Lande, mit feiner anziehen-
den Unfchuld und Unmittelbarkeit, in frifchen, lebens-
vollen Farben gezeichnet. Den Schlufs diefes Abfchnit-
tes bildet eine fehr gerechte und treffende Würdigung
der bald vergötterten, bald verunglimpften, neuerdings
faft ganz vergeffenen ,romantifch en Schule', mit
einem feinen und liebenswürdigen Bilde des wunder-
baren Dichterjünglings Novalis mit der Weihe der Ewig-
keit, der er frühe ahnungsvoll entgegengereift.

So intereffant und genufsreich der Weg ift, den der
Verf. auf weiter Bahn verfolgt, und fo gern man dem
kundigen und fichern Führer auch zu den entlegenen
Pfaden folgt, die rechts und links abzweigen, fo fraglich
kann Einem am Ziele des Wegs das Schlufsergebnifs
fein, das der Verf. aus dem Ganzen zieht. Die höhere
Einigung und Verföhnung des Chriftenthums und der
modernen Weltanfchauung, der Kirche und der Cultur
findet der Verf. in dem Begriff des Reiches Gottes,
der das letzte Geheimnifs der Weltgefchichte felbft, das
Ideal aller grofsen Denker und Dichter, das hinter Plato's 1
Republik und hinter Dante's chriftlicher Monarchie fleht,
die Wahrheit in den wirren Träumen der Socialiften von
einem irdifchen Paradies, insbefondere unfern Literatur-
heroen vorgefchwebt in ihrem Ideal eines univerfalen

Reichs der Humanität, das ,mit dem Tag der Edlen'
anheben foll, und der ebenfo von der neueren Theologie
in ihren verfchiedenen Richtungen, vornämlich in der
biblifchen Richtung von Bengel bis Beck, immer be-
wufster und entfehiedener in den Mittelpunkt geftellt wor-
den ift; vor Allem ift es nach dem Verf. das grofse Verdienft
Rothe's und der bleibende Gewinn feiner theologifchen
Lebensarbeit, gegen deren Refultate im Uebrigen der Verf.
mehrfache Bedenken erhebt, dafs er die Idee des Reiches
Gottes im tiefften und umfaffendften Sinne entwickelt und
mit der an fich einfachen Wahrheit, von der man aber
die Confequenzen bisher nicht genügend gezogen, vollen
und entfehiedenen Ernft gemacht hat, dafs Chriftenthum
mehr fei, als nur Religion, dafs es Kirche und Wiffen-
fchaft, bürgerliches und ftaatliches Leben in fich fchliefse.
Vermöge der univerfalen Natur Rothe's, in welchem das
kirchliche, biblifche und philofophifche Element fich
organifch verbinden, war er vor Andern dazu berufen,
diefe Idee als eine centrale geltend zu machen.

Gewifs ift es ein wefentlicher Fortfehritt der neueren
Theologie, dafs ihr die umfaffende Bedeutung der Idee
des Reiches Gottes im Zufammenhang mit dem allge-
meinen Weltleben mehr aufgegangen ift, als einer früheren
Zeit; es liegt darin nur eine Fortbildung der von Luther
mit fo wunderbarer Klarheit und religiöfer Genialität
ergriffenen Anfchauung von dem Verhältnifs zwifchen
Kirche und Welt, zwifchen Heiligem und Profanem,
zwifchen den höheren und den natürlichen Gottesord-
nungen, und das Reich Gottes ift die verftandene
und unverftandene Ahnung, die höchfte und heiligfte
Hoffnung der Menfchheit, die in ihm die Befriedigung
ihres verborgenen Sehnens und ihrer tiefften Bedürfnifse
findet — auch liegt diefe Idee infofern auf der Bahn des
modernen Denkens, als durch unfre Zeit ein Zug zum Uni-
verfellen, zu einem Zufammenfchlufs der verfchiedenen
geiftigen Beftrebungen der Menfchheit, zu einem geiftigen
Weltaustaufch hindurchgeht. Aber der blofse formale
Begriff des Reiches Gottes als eines geiftigen Univer-
fums, als einer Zufammenfaffung aller der verfchiedenen
Potenzen des höheren Geifteslebens giebt keine genügende
Bafis der Verftändigung über die grofse Differenz, um
die es fich handelt; er löft fie nicht, fondern verhüllt fie
nur; denn es handelt fich eben nicht blofs um eine ab-
ftracte Einheit, nicht blofs um ein allgemeines Menfch-
heitsreich, fondern um Gottes Reich, und fehr treffend
hat fchon Martenfen der Rothe'fchen Auffaffung gegen-
über bei aller Anerkennung ihrer relativen Wahrheit
daran erinnert, dafs das Reich Gottes nicht blofs Sauer-
teig ift, und als folches das in fich fittlich beftimmte
Weltleben anerkennt, als deffen verborgene Lebenskraft
es fich bewähren foll, fondern auch Perle, nach feiner
rein und urfprünglich religiöfen Sphäre, für die es feiner-
feits von der Welt eine unbedingte Anerkennung und Hin-
gabe fordert. Sofern das Reich Gottes, von dem der
Verf. einen beftimmten Begriff nicht aufftellt, die Zu-
fammenfaffung aller Potenzen und Mächte .des höheren
Geiftesleben unter dem Alles befeelenden undbe-
herrfchenden religiöfen Princip ift, um es ganz
allgemein zu faffen, fo ift eine Verföhnung zwifchen
dem Chriftenthum und derjenigen Richtung der mo-
dernen Weltanfchauung, welche mehr oder weniger be-
wufst das allgemeine menfehliche Geiftesleben in Fami-
lie, Staat, Kunft und Wiffenfchaft auf fich felber, auf
feine rein kosmifche Bafis ftellt, Humanität ohne Divini-
tät anftrebt und die natürlichen Geiftesmächte für einen
hinreichenden Erfatz der Religion anfleht, fo gewifs u n-
möglich, als die Welt, von der religiöfen Sphäre
abgelöft, aufhört, ein indifferenter Begriff zu fein,
und in die fem Sinne Welt und Gott, Weltreich und
Gottesreich der Natur der Sache nach allezeit gefchieden
find und gefchieden bleiben müffen. Der Verf. erkennt
diefen Widerfpruch felbft bis zu einem gewiffen Grade
im Schlufsfatz feiner Schrift an, indem er denfelben mit
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