Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

2.1877

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429 Theologifche Literaturzeitung. 1877. No. 15. 430

Verf., nachdem er im erften Capitel die Weltanfchauung
unfrer Dichterheroen an fich entwickelt, im zweiten, und
nach einer eigenthümlichen, die Ueberficht einigermafsen
beeinträchtigenden Eintheilung auch im dritten Capitel
in anderem Zufammenhang ausfpricht. Im Wefentlichcn
geht feine Anficht dahin — und damit hat unferes Er-
achtens der Verf. die vielbehandelte Frage ebenfo ein-
fach als treffend gel oft — dafs unfere grofsen Dichter,
ebenfo wie die zeitgenöffifchen Philofophen, Kant, Fichte,
Hegel u. f. w. eine zweifeitige Stellung dem Chriften-
thum gegenüber einnehmen, eine fympathifche zu fei-
nen idealen Motiven, eine antipathifche gegen fei-
nen hiftorifchen Charakter, dafs aber insbefondere
Goethe je länger, je mehr dem Chriftcnthum als der
gröfsten fittlichen Macht fich befreundet hat. Im Uebrigen

im Leben und Geilt unfers Volkes ebenfo wie in der
Theologie hervorgebracht haben; an die mächtigen An-
regungen , welche in einzelnen hervorragenden Zeugen
von der Kanzel auf das allgemeine Denken ausgegangen
find, und an den Einflufs, den die Schule in diefer Rich-
tung gehabt hat, wobei man, um beim Anfang diefes
Jahrhunderts flehen zu bleiben, nur einen Namen, wie
Peftalozzi, zu nennen braucht. Von den Predigern, die
wirkfam auf eine Vertiefung des chriftlichen Denkens
der Nation hingearbeitet haben, wird nur Menken aus-
führlich befprochen; Beck, der darauf folgt, ift doch
fpeciell als Vertreter der Wiffenfehaft anzufchen.

Aüch kann man mit dem Verf. rechten über die
einzelnen Vertreter der verfchiedenen theologifchen Rich-
tungen , die er aufgenommen, bezüglich die er wegge-

bemerkt der Verf. fpäterhin, in einem anderen Zufammen- i laffen, und über das Mafs des Einfluffes, das er ihnen

hange zu diefem Punkte treffend, dafs bei der Würdigung
der religiöfen Motive in unfern grofsen Dichtern, mit
welchen fie in einer Periode der Aufklärung vertiefend
und verinnerlichend gegen die herrfchende Trivialität
und fchlaffe Sentimentalität gewirkt haben, nicht auf
einzelne Aeufserungen ein belonderes Gewicht zu legen,

zugefchrieben. Es ift ein befondercs Verdienft des Verf.,
dafs er einzelne, mehr ifolirte Richtungen und Geftalten
in ihrem ftillen und verborgenen, aber mächtigen Einflufs
auf das Geiftes- und Gemüthsleben der Nation mit be-
fonderer Liebe gewürdigt hat. Dahin gehört z. B. die
Geftalt eines Bengel, deffen Charakteriftik zu dem

fondern die grofsc ethifche Gefammtwirkung ihrer ! Beften zählt, was über diefen ,Schriftgelehrten' par excel-
Poefie ins Auge zu faffen ift. ,Während in der Theolo- lence gefchrieben worden ift, und die Reihe von Geftal-
gie auf den Kanzeln und Kathedern jede tiefere Idee, | ten, die unter der Rubrik: ,theofophifche Schule'aneinan

die das Leben bewegt, abhanden kam, und während
hier nichts verlautete von den einfehneidenden fittlichen
Problemen und Conflicten, die das Menfchenherz bedran-
gen, von dem tragifchen Zug, der durch die Weltge-
fchichte geht; während man hier Begriffe, wie Schuld,
Opfer, Gnade, Verföhnung unter die morgenländifchcn

der gefügt find, Oetinger, Wizenmann, Baader,
und der fpätere Sendling, von dem u. A. treffend
bemerkt wird, wie in ihm fich jene zwei Hauptrichtungen
der Literatur berühren, die hier ein Leffing, Goethe,
Schiller, dort ein Lavater, Claudius, Hamann repräfen-
tiren. Auch ift ein halb vergeffener Theolog von mäch-

Bilder und Redensarten verwies, und mit leeren Namen J tigern Tieffinn und hoher Originalität, der wie ein un-

vertaufchte: find es die Geftalten unfrer Dichtung, welche
jene Ideen und Begriffe wieder belebten und ihre ftets
gegenwärtige Macht offenbarten', wie der Verf. an den
einzelnen Dichtungen vortrefflich nachweift.. ,So gewifs',
heifst es an einer anderen Stelle fehr fchön und treffend,
,alles Chriftenthum auf der Vorausfctzung von beidem be-
ruht, von der Höhe, wohin den Menfchen das ihm aner-
fchaffene Gottesbild trägt, und von der Tiefe, wohin das
Verbrechen der Sünde ihn fchleudert, fo gewifs darf eine

verftandenes Orakel dafteht, Karl Daub, trefflich cha-
rakterifirt, und mit Schleiermacher verglichen, eine Pa-
rallele, die auch nach der bekannten meifterhaften von
Straufs ihren Werth hat. Aber, fo verdienftlich es ift,
dafs der Verf. auch verborgene Seiten in dem innern
Gang der deutfehen Theologie und ihrer Wechfelwirkung
mit dem allgemeinen geiftigen Leben ans Licht gezogen
hat, fo fcheint uns doch der Verf. Einzelnen eine zu
grofse Bedeutung in ihrem allgemeinen Einflufs beige-

Poefie als Förderin des Chriftcnthums gelten, diejeneHöhe ! meffen zu haben, in befonders auffälliger Weife bei der
und diefeTiefe enthüllt, vor allem aber eineMittelmäfsig- 1 Charakteriftik der Theologie der Aufklärung, wo Männer,
keit verachtet und vernichtet, die in gleich fchattenhaftem 1 wie Töllner, Teller, und vollends Eberhardt und Stein-
Grau Gutes und Böfcs übermalt, beides feiner Kraft und bart ausführlich befprochen werden, von denen einName
Wefenheit beraubend'. I genügt, um die ganze dürre Species diefer verfchollenen

Was das dritte und umfänglichfte Capitel anlangt, ! Gröfsen zu charakterifiren, deren Theologie im Wefent-
das eine Ueberficht über den Gang der neueren deut- ' liehen auf Moral hinausläuft. Dagegen ift in der Ge-
fchen Theologie von Semler an bis auf Rothe mit fpecieller | fchichte der Vermittlungsverfuche zwifchen Chriftenthum

und moderner Weltanfchauung, wie fie die nachhegel-
fche Periode auf dem Gebiete der Philofophie gebracht
hat, ein näheres Eingehen auf die fog. theiftifchen Phi-

Rückficht auf das Thema der Schrift giebt, nachdem die
gefchichtlichen Bedingungen derfelben in einem Ueber-
blick über die theologifche Entwicklung von der Zeit

der Reformation an erörtert worden, fo würde unferes j lofophen Füchte jun.,"Weifse, Fifcher u. A., die eine po-
Erachtens dies Capitel richtiger die Ueberfchrift tragen:
von der Vermittlung des Gegenfatzes zwifchen Chriften-
thum und moderner Weltanfchauung in der neueren
Theologie, Philofophie und allgemeinen Literatur. Denn
in dem Capitel ift nicht blofs von der Theologie im
engeren Sinne die Rede, fondern von allen den verfchiedenen

fitivere Stellung zum hiftorifchen Chriftenthum anzubah-
nen verfucht haben, zu vermiffen; ebenfo wäre unter
den neueren Theologen unfers Erachtens Martenfen's zu
gedenken gewefen, der gerade nach der Seite der Ver-
mittlung des theologifchen und kirchlichen Denkens mit
dem allgemeinen modernen Bewufstfein fehr glückliche

Mächten undPotenzen, welche zurUeberwindung jenesGe- Blicke gethan, und bedeutfame Winke gegeben, deffen

genfatzes mit der Theologie zufammengewirkt haben, zum
TheildenfelbenMächten, von welchen andrerfeits derGegen-
fatz ausgegangen ift. Unter diefen Mächten kommen vor
Allem die Dichtung und die Philofophie in Betracht.
Wir meinen allerdings, neben der geiftigen Entwicklung
auf den Höhen des Gedankens und der Dichtung wäre
auch auf die realen, praktifchen Mächte, die auf den
ganzen innern Gang des deutfehen Geiftes eingewirkt

Theologie eigenthümlich genug ift, um durch andere
Namen nicht gedeckt zu werden.

Aber läfst fich auch in den angedeuteten Beziehun-
gen mit dem Verf. ftreiten, fo treten doch folche Ein-
wände weit zurück hinter dem Dank, den man ihm fchul-
det für die wefentlicheBereicherung, welche die Gefchichte
des religiöfen und ethifchen Geiftes in der deutfehen
Theologie und Philofophie feit der Mitte des vorigen

haben, und derer nur andeutend gedacht ift, einzugehen \ Jahrhunders durch ihn erfahren hat. Es ift eine Fülle
gewefen. Wir denken z. B. an die Wirkung, die Preus- ' anregender Gedanken, intereffanter und bedeutender
sens Erhebung und das Regiment Friedrich's EL im Gefichtspunkte, treffender Charaktcriftiken, die hier ge-
vorigen Jahrhundert auf das allgemeine geiftige Leben j boten ift in einer edlen und fchönen Sprache, die fich
gehabt hat; an den Umfchwung, den die Freiheitskriege nicht feiten zu einer harmonifchen Vollendung derForm
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