Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

2.1877

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 6.

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des Werkes gekennzeichnet. Es erübrigt mit Uebergeh-
ung deffen, was der Verf. im Einzelnen Unrichtiges vor-
gebracht (vgl. die Angaben über Callixt S. 225 f., über

Werken der chriftlichen Sklaven an den Herren und um-
gekehrt ift hier die Rede.

Das 3. Buch {La liberte chretienne) beginnt mit dem

Hermas S. 285 f., über den Diognetbrief S. 362, über ! Cap. L'eglise et /es affranchissements (S. 321—352). Rieh
den Befchlufs des ConeiRum Epaonensc S. 346 f., über 1 tig wird erkannt, dafs die alte Kirche Freilaffungen zu
die altkirchliche Auffaffung der Ehe S. 360 f., über die j den guten Werken gerechnet hat (unbelegbar S. 321:

Sacramente S. 233, die Bufsdisciplin, die Constit. App.
u. f. w.), in Kürze den reichen Inhalt des 2. und 3. Buches
darzulegen. Er beginnt in einem einleitenden Cap. 'LLeg/ise
primitive et Lesdavage) S. 189—212 mit allgemeinen Erörte

,la premiere et la plus meritoire des bonnes oeuvres'. Aehn-
lich S. 332). Statt aber daraus den einzig möglichen
Schlufs zu ziehen, dafs mithin die Kirche keine prin-
cipielle Kritik an der Inftitution felbft geübt hat, zielt

rungen über die Lage der Sklaven und die Verdienfte Allard damit fo ziemlich auf das Gegentheil ab. Indem

der weltlichen Schriftfteller und alterten Väter um Auf-
hebung der Sklaverei. Die Unkräftigkeit der Philofophie,
die Weisheit und Befonnenheit der Kirche, die den klar
erfafsten Gedanken der Sklaven-Emancipation nur all-
mählich zu verwirklichen fich entfchlofs, wird hier her-
vorgehoben. Hieran fchliefst fich das 2. Cap.: Rang des

er nun fehr ausführlich die Gelegenheiten und die Weife
der Freilaffung befpricht, kann er fich der Anerkennung
der auffallenden Parallelen mit den auch von Heiden
gleichzeitig geübten Werken der Humanität nicht entzie-
hen, giebt aber diefen Eindrücken wiederum keine Folge,
fondern erfindet eine Reihe willkürlicher Unterfcheidun-

esdaves dans la societe chretienne (S. 213—244). Der Verf. gen. Vollftändig mifsverftanden aber hat er die Tcn-

handelt zunächft §. I von der religöfen Gleichheit der
Sklaven, wobei ertüchtig der ,collegia tenuioruiri gedenkt
und ohne Cautele (S. 215—216) das Urtheil fällt: ,entre
la religion de fesc/ave et celle du maitre il y a la meine
difference {seil, bei den Heiden) quentre la condition de
Luit et de Lautre'. Diefer Abfchnitt ift ganz verworren
und unrichtig. Darauf folgen zwei §$. über die kirch-

denzen der Kirche, wo es fich um Beziehungen von
Sklaven zur Hierarchie und zum Mönchsthum in fpäterer
nachconftantinifcher Zeit handelt. Es ift ihm durchaus
entgangen, dafs fchon vor jener Epoche die ecclesia re-
praesentativa aus einer dem Staat gegenüber indifferenten
eine confervative Macht geworden ift und als folche die alten
Verhältnifse, zumal wo fie felbft als Herrin betheiligt war,

liehen Würden, welche Sklaven in vollem Umfang zu- ! gefchützt hat, dafs fie aber den Gegenfatz von Herren und
gänglich waren und über die Gleichheit der chriftlichen I Sklaven fofort aufgehoben, wenn der andere des Clerus
Sklaven, die fich auf den Begräbnifsplätzen und Grab- j und der Laien mit ihm in Spannung trat, und auch die
fteinen ausgefprochen findet, fofern Arme und Reiche ' kaiferliche Gefetzgebung für gewiffe Fälle genöthigt hat,
neben einander begraben werden und die Titel ,scn'usl, j in Conflicten den letzteren als übergeordnet gelten zu
,liöertus' in chriftlichen Infchriften faft gänzlich fehlen , laffen. S. 337 — 349 fteht wohl das Unrichtigfte, was der
(vgl. De Roffi Bull, di arch. crist. 1866 p. 24). In dem Verf. in diefem Werke gefchrieben hat. In dem 2. Cap.
3. Cap. (S. 245 — 267) befpricht der Verf. die uns be- (S. 353—378) fchildert der Verf. unter dem Titel: Les
kannten Martyrien von Sklaven und Sklavinnen ; leider j alumni chretiens die Sorge der Chriften für die Findel-
ohne gründliche Kritik der von ihm benutzten Acten, i kinder und die Beftrebungen der Kirche den Verbrechen
Wohl ift es richtig: das Evangelium hat Sklaven gelehrt, der Kindausfetzung u. f. w. entgegenzutreten. Das 3. Cap.
im Namen Gottes unter den Schrecken des Todes zu (S. 379—408: La rehabilitalion du travail manuel) handelt
proteftiren wider den unerlaubten Willen und die Macht von der Heiligung des Handwerks durch die Kirche und
ihrer Herren und es hat Sklavinnen gelehrt, ihre Keufch- von der neuen Auffaffung der Arbeit, welche diefelbe
heit zu fchützen mehr als das Leben. Die find keine angebahnt habe. Der Verf. fucht zu zeigen, dafs gerade
Sklaven mehr, die alfo handeln; aber folche Thaten die vornehmen Stände durch gutes Beifpiel diefe rivo/u-
brauchen auch nicht die erborgte, tendenziös gefchwärzte \ Hon morale ins Werk gefetzt haben und fchliefst daran
Folie von der ausnahmslofen Unfittlichkeit und Charakter- ! eine Betrachtung über die fociale Bedeutung der chrift-
lofigkcit heidnifcher Sklaven, um als das zu erfcheinen | liehen Sonntagsfeier. Diefes Cap. leitet eigentlich nur
was fie find. Sehr unglücklich ift das 4. Cap. unter der über zu dem umfaffenderen anderen (IV S. 4C9— 473:
Ueberfchrift: Le mariage religieux des esclaves (S. 268— Diminution du nombre des esclaves et progrbs du travail
297) ausgefallen, in welchem (§. 1) nachgewiefen werden ; libre au LV. et au V. siede). Die Abnahme der Sklaven
foll, dafs erft die Kirche dem Sklaven es ermöglicht hat, im 4. und 5. Jahrhundert wird vornehmlich erklärt aus

der principiellen Feindfchaft der Kirche gegen den Luxus,
aus der wirkfamen Predigt der Bifchöfe und Priefter, aus
dem Kampfe der Kirche gegen alle unfittlichen Gewerbe,
wie das der Hiftrionen, Gladiatoren u. f. w. In den zwei

rechtmäfsige Ehen zu fchliefsen und die Sklavinnen fichcr
zu ftellen, §; 2 und $. 3 die Ehen zwifchen einem Freien
und einer Sklavin und zwifchen einer Freien und einem
Sklaven behandelt werden. Der Verf. deutet das Rich-
tige über die römifche Gefetzgebung beiläufig felbft an, 1 vorletzten §§. Hellt der Verf. die neue Lage der arbei

z. B. S. 271; aber fchliefslich geftaltet fich doch alles
hier in maiorem eedesiae gloriam. Wie es aber z. B. im
5. Jahrhundert noch ausfah mit den Verhältnifsen chrift-
icher Herren zu ihren Sklavinnen und wie umgekehrt

tenden Claffen in den Städten und auf dem Lande dar
und fchliefst diefes Capitel mit einer Schilderung des
Verhältnifses des Mönchthums zur Arbeit. In einem
kurzen Nachwort {Resumc et Condusion: S. 474-490; find

auch unter den Heiden treue Ehen zwifchen Perfonen die wichtigften Refultate kurz zufammengefafst. Augen-
verfchiedenen Standes in der Kaiferzeit nicht zu den Sei- fcheinlich hat der Verf. die richtigen Aufftellungen über
tenheiten gehört haben, konnte dem kenntnifsreichen die Gründe der Abnahme der Sklaverei im 4. und 5.
Manne felbft nicht verborgen bleiben. Hier, und das Jahrhundert, die längft vorliegen, gekannt; er weifs es
gilt ebenfo für alle Abfchnitte im folgenden Buche, wäre unftreitig, wie Andere über die fich damals nothwendig
ein Urtheil über den überragenden Einflufs der Kirche machende Zunahme freier Arbeiter auf dem Lande und
nur möglich, wenn man, von den Motiven zu fchweigen, in den Städten gedacht haben; aber er buchte diefe Er-
dic relativen Zahlen wüfste, welche die Häufigkeit fitt- kenntnifse durch Hypothefen zu erfetzen, welche der
licher Lebensordnung der Sklaven, Fimancipation der- Kirche Verdienfte, die fie miffen kann, ohne Noth zu-
felben, des Alumnats u. f. w. für beide Theile conftatir- tragen, zugleich aber mit Stichworten prunken, die erft
ten, und wenn man die Triebfedern der kaiferlichen Ge- wenig Menfchenalter hindurch in Kraft find. Man mufs
fetzgebung erkennen könnte. Da beides nicht möglich j es aufrichtig bedauern, dafs foviel Fleifs und Talent in
ift, find alle Schlüffe durchaus unficher; folche Urtheile diefem Werke an Trugbilder verfchwendet ift.
aber, wie fie der Verf. beliebt, find durch Thatfachen zu Die zweite oben genannte Abhandlung von Over-

widerlegen. Diefes Buch fchliefst mit dem 5. Cap. (S. 298— . beck hat Allard nicht benutzt. Ref. hat fie neben das
318): L'apostolat domestique, ab. Von den miffienirenden | franzöfifche Werk geftellt, um die Lefer diefer Zeitfchrift
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