Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

2.1877

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H5 Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 5. 116

irrungen eines es fo ernft meinenden Mannes lefen. Was ! fchriebene Brochüre nicht, wohl aber ift Tie ein Mutier

die heutige Apologetik von der aken Orthodoxie fcheidet
und fie fo tief unter diefelbe Hellt, die Bevorzugung der
fidcs hutnana vor der f. divina, fteigert fich hier zur
vollftändigen Verzweiflung an der letzteren. Wo alles
darauf ankommt, den ethifchen Eindruck der Perfon
Chrifti zur Geltung bringen, foll durch aus der Gefchichte
genommene Gründe der chridliche Glaube hervorgerufen

unklarer Halbheit.

Ganz anders fleht fich zunächft die 4. Schrift an,
welche in lebendigem Anfchlufs an die Evangelienkritik
das proteftantifche Formalprincip neugeftalten will. In
dithyrambifcher Sprache wird zuerfl Aufgabe und Princip
der Theologie dargelegt. Es fordern fleh gegenfeitig
die empirifche exaetc Erforfchung des Einzelnen und

werden! j die Speculation, welche durch fydematifche Zufammen-

Einen archimedifchen Punkt fucht der Verf. von faffung und Unterordnung des Einzelnen unter die ob-
Nr. 2 als Fundament des theoretifchen und praktifchen ' jectiven Ordnungen der Dinge, die Ideen oder Gattungs-
Lebens des Einzelnen wie der Gemeinfchaft. Er ift vor- 1 begriffe, nach Erkenntnifs des Ganzen ftrebt. Die letzten

handen in der Bibel. In ziemlich matter Darfteilung
wird zu zeigen geflieht, wie das Zeugnifs der Gefchichte
uns die höchfte Achtung für fie abnöthige — ,die von
ihr ausgegangenen Wirkungen find der weltgefchicht

Schickfale der Speculation beweifen, dafs der menfeh-
liche Verftand zur Herftellung einer das ganze Sein
deckenden, abfoluten, fydematifchen, die letzten Fragen
nach Urfprung und Ziel löfenden Erkenntnifs in eigener

liehe Höhepunkt, ihre äufsere Bezeugung macht fie trotz ; Kraft nicht ausreicht; das Chriftenthum behauptet dies

der Kritik zu einer allen Anforderungen entfprechenden
Urkunde' — wie die Schrift felbft thatfächlich darthue,
dafs fie und ihr Inhalt nur durch göttliche Offenbarung

Unerreichbare in der Perfon Chrifti zu haben. Vor
allem ift die Theologie zur Verhöhnung beider Erkennt-
nifsarten berufen: ihr einheitliches Princip ift Chriftus,

zu erklären find: darauf weift hin Paulus, defs Erlebnifs , deffen Geftalt und Lehre durch rückfichtslofe Gefchichts

und Wort die Exiftenz von Wundern verbürgt> darauf
Chriftus, darauf das Volk Ifrael mit der Einzigkeit feiner
Religion, darauf die Einheitlichkeit des göttlichen Heils-
rathfchluffes, zu der fich die Weifsagungen zufammen-
fchliefsen, darauf die erfüllten Vorausfagungen und das
Zeugnifs der Offenbarungsträger u. f. w. ,Nur die Un-
befangenheit eines Geologen ift nöthig, um bei der
Durchbrechung der Schichten des gewöhnlichen Denkens
und Gefchehens die hebende Kraft in einer höheren
Welt zu fliehen'. Trotz alledem kann der Verf. fich der
Einficht nicht verfchliefsen, dafs Glaube der Schrift
gegenüber erft aus ethifch-religiöfer Erfahrung entftehc.
Somit ift das Bisherige überflüfsig und der ,archim.
Punkt' um fo weniger gefunden, als er zugefteht, dafs
die Gotteskindfchaft etwas Centrales ift, wodurch das
Periphcrifchc nur mittelbar, z. Th. nur durch künftliche
Vermittelungen verbürgt wird.

Durch diefen Schlufs unterfcheidet Nr. 2 fich vor-
theilhaft von Nr. 3. Roos will durch eine Kritik Rothe's
fich der alten Infpirationstheorie fo weit annähern, dafs
die Schrift als im Wefentlichen (d. h. geographifche etc.
Verfehen abgerechnet) zuverläffige, irrthumslofe, voll-
ftändige, durchgängige Darftellung der göttlichen Offen-
barung erfcheint, den Wortausdruck eingefchloffen,
während fie nach Rothe, um dies zu fein, erft durch
hiftorifche Kritik und theologifche Forfchung umgeftaltet
werden müffe. Dagegen foll mit Abftreifung des Mecha-
nifchen der alten Theorie die Erkenntnifs der neueren
Theologie feilgehalten werden, dafs die menfehlichen
Werkzeuge des Geiftes fich nicht rein paffiv und unbe-
wufst verhalten, wenn gleich manchmal ein Hinausgehen
des vom Geift in die Worte gelegten Sinnes über das
Verftändnifs der Verfaffer angenommen werden müffe.
Diefen Infpirationsbegriff bezeugt die Schrift felbft lehr-
haft und thatfächlich, er folgt aus ihrem Begriff als
der Offenbarungsurkunde; denn die Lehroffenbarung,
deren Inhalt die Idee des Reiches Gottes, hat ein felb-
ftändiges Recht gegenüber der Manifeftation. Nach
Analogie der Erfahrung des Geiftlichen und der Ent-
ftehung z. B. der Auguftana ift von dem fpeeififchen
Zweck auf eine fpeeififche Geifteswifkung zu fchliefsen,
die Irrthumslofigkeit zur Folge hat; der Begriff ift alfo
pfychologifch möglich und mit ihm ftimmt trotz Rothe die
Wirklichkeit der Schrift. Die hiftorifche Kritik mufs
zwar den Umfang des Kanon erft feflftellen, aber zweite In-
ftanz ift das testimonium Spiritus S.; dies fpricht für alle
BB. des Kanon und die Kritik hat gegen keins entfehei-
dende hiftorifche Gründe. Mythen, Sagen, Lehrdifferen-
zen, Irrthümer find nicht erweisbar (die nahe Erwartung
der Parufie war Privatmeinung, nicht Lehre der Apodel)
u. f. w. Etwas Neues bringt die in ruhigem Ton, flauer
Dialektik, ftellenweife mit naiver Zuverfichtlichkeit ge-

forfchung zu ermitteln, deffen Lehre von der Speculation
kritiklos anzuerkennen und mit dem Organ der fpecula-
tiven Vernunft zu entwickeln ift. Des letzteren Art mufs
dem Verf. fehr bekannt fein; begeiftert fchildert er, wie
fo ein Berufener, ein platonifch begabter Geift, ein
johanneifcher Sinn die unter.dem Schleier der Erfchci-
nungswelt verborgenen Ideen durch Intuition entdeckt.
Gegen alle Gefahren ift er gefichert durch die Schiff-
fahrtszeichen, durch welche die exaete Forfchung das
Fahrwaffer abgefleckt hat, deffen Tiefen er ergründet.
Die Arglofigkeit, mit der der Verf. Religion und Theologie
als geradlinige Fortfetzung der wiffcnfchaftlichcn Welt-
erkenntnifs betrachtet, mit der er von jenem Privilegium
eines befonderen Organs redet und dann doch wieder
Abftraction und Speculation, Ganzes und Allgemeines
verwechfclt, die Unbefangenheit, mit der er von Meta-
phyfik fpricht, ohne Kenntnifs von Herbart und dem
neueren Kantianismus zu verrathen, zeigen, dafs von
Prolegomenis zur Dogmatik hier nicht die Rede fein
kann. Was Dorner's Vorrede rühmt, dafs es dem Verf.
in der Dogmatik auf objective Wahrheit ankomme, ift
ja löblich, aber ein Streben nach objectiver Wahrheit,
die des praktifch-religiöfen Intereffes des Chriftcnthums
mit keinem Worte gedenkt, das die Dogmatik damit
beginnen will, die vermeintlichen Erkenntnifse der exaeten
Naturwiffenfchaft (einheitliche Abdämmung des Menfchen-
gefchlechts, Macht der Vererbung, natürliche Unfreiheit
zum Guten) zu Grunde zu legen, das id denn doch trotz
allen Kokettirens mit der exaeten Wiffenfchaft und
Kritik eine mehr als unerlaubte Uebertreibung des der
Orthodoxie eigenen Intellectualismus Und wenn Dorner
fich der Kraft freut, mit der Refch der Speculation das
Wort redet, fo kann Referent in dem Büchlein nur ein
fich felbd täufchendes Kraftbewu fstfein entdecken.
Dagegen id einzuräumen, dafs in der Neugedaltung des
Formalprincips brauchbare Gedankenanfätze da find, nur
dafs fie durch das Fehlen aller rcligiöfen Gefichtspunkte
verdorben werden. Den alten Infpirationsbegriff preis-
gebend, fucht R. einen neuen zu condruiren, der ohne
die Fehler des alten doch auch eine unfehlbare objective
Norm der Wahrheit gewähren foll. Errefümirt die in einem
bald erfcheinenden Werke zu begründenden Refultatc
feiner Evangelienkritik, wonach Marcus mit Benutzung
der Logia des Matthäus und der petrinifchen Erinnerungen
das H. Ev. verfafst, Lucas beide benutzt, Johannes fie
ergänzt hat, diefe 3 die wahren Synoptiker, während das
I. Ev. eine Ueberarbeitung in judenchridlicher Tendenz
id, die fich mit dem Jacobusbrief und der von Johannes
Presbyter verfafsten Apokalypfc berührt. Jefus war
forrtit nicht in jüdifchen Vorurthcilcn befangen. Seine
fittlichc Vollkommenheit id eine unzweifelhafte Ge-
fchichtsthatfache, fie ermöglicht und garantirt die von
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