Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

1.1876

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i6j Theologifche Literaturzeitung. 1876. Nr. 6. 166

oder auch ohne Berechtigung zu verfchmähen. So hätte
er I, 66 die corrigirte Lesart des Cod. Monac. E. (-
Chrift's N) TQixögvyov ftatt des durch die Handfchrift
nahe gelegten von Canter und Chrift aufgenommenen
igixÖQVlißov nicht vorziehen follen; bei III, 347 konnte
fich Fl. nicht auf die Codd. berufen für ovgavög ax/,11'^,
da fie fämmtlich mit Ausnahme von A (welcher ovq.
ttt&ijQ hat) zu jenen beiden Worten noch ai&av zufetzen,
und es mindeftens fraglich ift, ob letzteres und nicht
vielmehr mit Chrift erfteres zu elidiren ift (wie in F am
Rande gefchieht und worauf A zu führen fcheint); III,
432 hat FL nach Harb.: (pxmf ayviäv (A: ipxiaa yviav,
die andern ä/.rjoct ayviav), dennoch dürften Boiff. Chr.
mit <'>y.t]6a yvav Recht behalten. Auch I, 97 wäre wohl
bei Chrift's (nach A) akawcoioi flehen zu bleiben gewefen.
Auch IV, 218 fehe ich nicht ein, warum FL, welcher für
ytvoftevag noch das Zeugnifs des einen Vatic. beibringt,
diefe durch des yero/ti. der andern Handfchriften nahe
gelegte Lefung Chrift's nicht annimmt, ftatt auf Canter's
yiyvnf.1. zurückzugreifen. Diefe aus einer grofsen Anzahl
der Erörterung bedürftiger herausgegriffenen Stellen follen
übrigens das Verdienft Flach's nicht fchmälern, denn
einmal flehen dem folche gegenüber, in denen Fl. wohl
gegen feinen Vorgänger Recht hat. So nimmt er III,
314 mit Recht die Conjectur Canter's 'IvdaXuct [loväg auf,
auch I, 44 rechtfertigen die I Iandfchr. wohl fein y.ö/cxoi,
IV, 124 hält er mit Recht das eg ytvtxav der Codd. feft,
ebehfp VI. 33 vrgavloynv u. a. m. Sodann regt das von
Fl. beigebrachte bei einer gröfsern Anzahl von Stellen
zweifelhafter Art zu erneuter Unterfuchung an. Jeden-
falls ift hier, wie Fl. am wenigften leugnen wird, noch
viel zu thun. Bei III, 251 (Chrift: 252) genügt wohl das
von FL feftgehaltene handfchriftliche aitov yevopevog
ebenfowenig als Chrift's willkürliche Umftellung: yev.
tuciv od. uUv. Dürfte man nicht ulwv yeyovi'jg emendiren?
An I, 73 find, foviel ich fehe, alle Neueren vorüberge-
gangen, und doch fcheint mir deutlich, dafs hier fchon
der alte Canter richtig vermuthet hat, dafs uvoyyiuoxoig
ftatt — rovg zu lefen fei. Von Druckfehlern notire ich
I, 91 öufQf.lag ft. — ai.g (wenigftens fehlt jede Nach-
weifung), III, 717 tpvyä ftatt rpvyccg, IV, 298 ccvays ft.
avayt. Nicht immer find wir mit der Interpunktion ein-
verftanden; jedenfalls aber ift das Komma hinter IV,
262 zu tilgen. Nicht berückfichtigt hat FL die beiden
gelehrten Programme Thilo's über Hymn. II, 1—24.
Wenn diefe auch für die Textfeftftellung fehr wenig Aus-
beute geben, fo doch einige: namentlich tritt Thilo mit
nicht zu verachtenden Gründen für die Lefung II, 4 U-
taive ein.

Kiel. W. Möller.

Beck, Prof. J. T., Die christliche Lehrwissenschaft nach
den biblifchen Urkunden. Ein Verfuch. i. Theil. Die
Logik der christlichen Lehre. 2. Aufl. Stuttgart 1875,
J. F. Steinkopf. (608 S. gr. 8.) M. 8. —

Es wird selten vorkommen, dafs wie hier ein Theolog,
wenn er nach 34 Jahren ein Hauptwerk wieder ausgehen
läfst, nichts, gar nichts an demfelben zu ändern findet
oder vielmehr nicht von lange her fortgehend an dem-
felben geändert hat, was dann der zweiten Auflage zu
gute gekommen wäre. Dazu gehörte der von allen üb-
rigen theologifchen Richtungen ifolirte Standpunkt Beck's,
dazu fein feftes Vertrauen, nichts anderes zu geben als
die Reproduction der in der heiligen Schrift nach Form
und Inhalt gleich abfolut gegebenen göttlichen Wahrheit.
Ueber den Inhalt des Buchs enthalten wir uns jeder
weiteren Bemerkung. Es ift jä kein neues fondern das-
felbe, wie es fchon feit langem dem theologifchen Pub-
licum vorliegt. Den vielen, welche in Beck ihren aka-
demifchen Lehrer verehren, wird es willkommen fein.
Andere wird es kaum zu überzeugen vermögen. Ebenfo

wenig fleht zu vermuthen, dafs es künftig einen Einflufs
auf die Entwicklung der Theologie ausüben wird. Da
es felbft keine Anknüpfung an die Fragen fucht, welche
heute die Theologie bewegen, fo wird es deren Löfung
auch nicht fördern können.

Bafel. J. Kaftan.

Ebrard, Dr. J. H. A., Apologetik. Wiffenfchaftliche Recht-
fertigg. d. Chriftenthums. 1. u. 2. Tbl Gütersloh 1874
u. 1875, Bertelsmann. (XII, 443 u. XII, 568 S. gr. 8.)
M. 16. 20.

Das Buch will die volle wiffenfchaftliche Berech-
tigung des Chriftenthums vor den Augen der ganzen
Welt erweifen, indem es an feine Wahrheit den Mafsftab
der Natur und des natürlichen Bewufstfeins fowie der
j Gefchichte anlegt, den erfteren an feinen ewigen Wahr-
heitsgehalt, den zweiten an feinen gefchichtlichen Cha-
rakter. Demnach zerfällt das Werk in zwei Theile. Es
I handelt fleh für E. einfach um Wahrheit oder Unwahr-
heit der herkömmlichen chriftlichen Lehre und der für
j chriftlich geltenden Anficht von Natur und Gefchichte;
von einer hiervon verfchiedenen religiöfen Wahrheit weifs
er nichts und erklärt ausdrücklich den Gedanken der
abfoluten Religion für einen fremdartigen. Theil I giebt
j zuerft p. 15—314 eine ,pofitivc Entwicklung', deren L Ab-
1 fchnitt vom ethifchen Gefetz und feinem Urheber han-
I delt. Um die Gültigkeit des Ethifchen zu erweifen,
: unterfucht E. unter den Ueberfchriften: Weltbewufstfein,
Selbftbewufstfein, Gotteserkenntnifs, von zahlreichen ge-
! lehrten und pikanten Digreffionen abgefehen, die wefent-
! lichften Probleme der Pfychologie, Erkenntnifstheorie,
1 Natur- und Religionsphilofophie. Die Metaphyfik ignorirt
er; denn ,eine aprioriftifche Metaphyfik ift feinem Wefen
innerlichft zuwider'. Seine Belefenheit ift grofs; doch
läfst er feine Gegner oft das Gegentheil ihrer wirklichen
I Anficht fagen, weil er fleh nicht die Mühe nimmt, fleh in
ihren Gedankengang zu verfetzen, wie ihm dies z. B. mit
Lotze und Steinthal durchweg widerfährt, und pflegt
ihnen, wenn nicht Schlimmeres, fchülerhafte Trugfchlüffe
' fchuld zu geben; denn die Logik nennt er öfter, als er
ihr folgt. Viele Stellen zeigen, dafs er über das Wefen
des wiffenfehaftlichen Erkennens nicht im Klaren ift;
wenn z. B. Steinthal die complicirten Bedingungen der
Sprachentftehung unterfucht, fo löft E. das Problem,
indem er es umfehreibt, Dunkles durch Dunkleres erklärt,
er fetzt an Stelle der ,zappligen Hypothefe' von St. die
Phrafe ,Genialität der Productionskraft in reflexionslofem
Ahnen'.

Von Empfindung und Wahrnehmung ausgehend,
fragt E. nach der Natur ihres Objects: von den Wir-

| kungen, die wir wahrnehmen, darf man nur auf wirkende
d. i. auf Kräfte und zwar feiende Kräfte fchliefsen. Es
ift nach ihm eine fchwindelhafte Diftinction, dafs die
Kräfte kein Sein hätten, fondern einem blofs feienden
Haubenftocke von Stoff als Accidenzen angehängt feien.
Kant's tranfe. Aefthetik und Analytik erfährt im Vorbei-

I gehen eine durchgreifende Remedur. Subject des der
Erinnerung, Disjunction, Begriffs- und Urtheilsbildung
fähigen Bewufstfeins kann nur eine unkörperliche Monas
fein. Die abfolute Wahlfreiheit ift fehr leicht zu beweifen
und wird bewiefen durch ein empirifches Beifpiel, welches
durchweg die Möglichkeit des Auchanderskönnens zeigen
foll, wäbrend es in Wahrheit befonders deutlich die

j durchgängige zureichende Motivirung veranfehaulicht,
die das Denken a priori überall vorausfetzt. Gegenüber
der ehrenwerthen Mühfeligkeit des bewufsten Denkens
wird die Genialität des unbewufsten hoch gepriefen, das
wie das ,ruhende Wiffen' an die leiblichen Organe nicht
gebunden ift. Von ihnen und überhaupt vom in der Zeit
bewufst reflectirenden .Weltbewufstfein' ift ebenfo unab-
hängig das Selbftbewufstfein, ein ruhendes, zeitlofes, auch
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