Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

617

618

wanden werden, indem man sieh der Schrift zunächst einmal
vom praktisch-erbaulichen Interesse aus nähert. Von ihrem
Ewigkeitsgeist ergriffen wird man dann auch mit den Forde-
rungen der wissenschaftlichen Betrachtungsweise sich ausgleichen
können. Mit Mitteilungen über Durchprobung dieses Grund-
satzes in akademischen Lehrfibungen schliesst Girgensohn seine
Darlegungen ab.

Girgensohn geht überall darauf aus, die Einzelerscheinungen
auf ihre letzten und allgemeinen Gründe zurückzuführen. So
notwendig das ist, so drängt sich aber dem Leser doch die
Frage auf, ob das nicht zu sehr geschieht. Ein grosser Teil
der Erörterungen betrifft eigentlich mehr das Verhältnis von
Glauben und Wissen als das von Bibelautorität und Bibelkritik.
Letzteres liegt gewiss mit innerhalb des ersteren, bildet aber
doch einen Spezialfall, der unter besonderen Bedingungen steht.
Da dem nicht erschöpfend Rechnung getragen ist, so tritt in-
sonderheit der durch den Titel der Schrift aufgestellte Gesichts-
punkt vielfach recht zurück. Doch wird immerhin auch in
dieser Hinsicht am Schluss ein Ergebnis ausgesprochen, das
gewiss viel Zutreffendes in sich hat: „Der heutige Schriftbeweis
kann sich nicht auf historische Details und auf Einzelworte
stützen, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern auf
den . . . Geist des Ganzen." Baohmann.

Haering, Dr. Th. (Professor in Tübingen), Das christliohe
Leben. Ethik. Dritte, vermehrte und verbesserte Auf-
lage. Calw u. Stuttgart 1914, Verlag der Vereinsbuoh-
handlung (552 S. gr. 8). Brosch. 7 Mk.
Eine in verhältnismässig kurzer Frist dreimal aufgelegte
Ethik hat schon dadurch erwiesen, dass sie dem Interesse und
Bedürfnis weiterer Kreise entgegenkommt. Zu diesen werden
gerade bei der Haeringschen Ethik auch gebildete Laien ge-
hören. Wenigstens hat der Referent einmal mit gutem Erfolge
die sozialethischen Partien dieser Schrift der Besprechung in
einer grösseren, nicht theologischen Gemeinschaft zugrunde ge-
legt. Haering versteht es — wie schon der Haupttitel andeutet —,
aus dem Leben für das Leben zu schreiben. Infolgedessen
sind besonders die sozialethischen Einzelausführungen (S. 361
bis 533) gelungen und ertragreich. Die letzten und schwierig-
sten prinzipiellen Probleme sind bei der Sozialethik wie bei
Hauptproblemen der Individualethik stärker zurückgedrängt und
nicht immer einer intellektuell befriedigenden Formulierung oder
Lösung entgegengeführt (z.B. S. 364ff. u. S. 115ff.). Zeitgemäss
ist die Darstellung und Kritik der Gegner der christlichen
Sittenlehre und die häufige apologetische Rücksichtnahme auf
die wider die christliche Ethik erhobenen Einreden. Ueberden be-
sonderen Charakter der dritten Auflage des Werkes, dessen Bekannt-
schaft überhaupt wir in unserem Leserkreise voraussetzen dürfen,
äussert sich der Herr Verf. selbst dahin: „Wenn die Grund-
auffassung naturgemäss dieselbe geblieben ist, so ist doch fast
keine Seite ohne Verbesserung. Oft in der Form, namentlich
durch Kürzung der Sätze; aber auch im Inhalt, indem ich,
ohne dass es ausdrücklich gesagt ist, wertvollen Einwänden
meiner Kritiker gerne Gehör gab oder mir selbst die frühere
Darstellung nicht genügte." Als Anhang ist jetzt ein gut orien-
tierendes Literaturverzeichnis angefügt.

R. H. Grützmacher-Erlangen.

Schian, D. Martin (Prof. d. prakfc. Theol. in Giessen), Der
evangelische Pfarrer der Gegenwart, wie er sein
soll. Leipzig 1914, J. C. Hinrichs (165 S. gr. 8). 3 Mk.
Schian will das Idealbild eines Pfarrers geben, wie es
ihm selbst vorschwebt, und zwar eines Pfarrers der Gegen-
wart. So schildert er die Grösse und Herrlichkeit des Pfarrer-
bernfes als eines Berufes „von wunderbarem inneren Gehalt"
(S. 165), der die Aufgabe habe, „die Menschheit hinzuführen
zum lebendigen Gott" (S. 13). Auf Grund dessen fordert er,
dass der Pfarrer der Gegenwart Amtsbewusstsein habe, d. h.
„ein Bewusstsein von seines Amtes Notwendigkeit und Herrlich-
keit" (S. 5). In den übrigen Abschnitten geht Schian besonders
auf die Bedenken ein, die aus der Stimmung der Gegenwart
sich gegen den Pfarrerberuf erheben, verteidigt ihn vor allem
gegenüber den Persönlichkeitsfauatikern von links und von
rechts, die daran Anstoss nehmen, dass der Pfarrer notwendiger-
weise fromm und kirchlich, eng und unmodern, notwendiger-
weise Theolog und Beamter sein müsse und nie ganz Privat-
mann sein dürfe. Auch auf andere, für jeden Pfarrer der
Gegenwart brennende Fragen kommt Schian zu sprechen, z. B.
auf die Frage der Lehr Verpflichtung und der persönlichen Wahr-
haftigkeit, auf die Stellung zur sozialen Frage und zur Kultur
überhaupt.

Die Schrift ist anregend und leichtflüssig geschrieben, ohne
doch dadurch oberflächlich zu werden. Fast überall kann man
dem gesunden und massvollen Urteil zustimmen, das auch dem
Gegner verständnisvoll gerecht zu werden sich mit Erfolg be-
müht. Man spürt es dem Verf. ab, dass er selbst als ein
moderner Mensch mit den Problemen gerungen hat, die er
bespricht. Freilich so richtig er die Ueberspannung der Persön-
lichkeitskultur zurückweist, die z. B. von jedem schlichten
Pfarrer fordert, dass er ein „Prophet" sein Boll, so bleibt
meines Erachtens auch Schian noch im Bann dieser ganzen
Bewegung, wenn er die Forderung festhält: „Du sollst eine
Persönlichkeit sein" — eine meiner Meinung nach völlig irre-
führende Losung, da sie das zum Ziel des Handelns macht,
was nie Ziel des Handelns sein kann — kerne „Persönlich-
keit" der Geschichte ist es dadurch geworden, dass sie es
darauf anlegte! — Bedeutsam ist auch, dass Schian durch die
ihm sehr schmerzlichen Erfahrungen der letzten Vergangenheit
sich davon hat überzeugen müssen, dass die Kirche der Lehr-
wilikür Grenzen setzen muss (S. 89). Aber auoh hier scheint
er mir die notwendigen Konsequenzen nicht zu ziehen, wenn
er (S. 133 ff.) auoh in bezug auf die kirchlichen „Parteien"
verlangt, dass niemand seine Parteiauffassung „für die allein
berechtigte und Gott wohlgefällige" erklärt. Bleibt der Glaube
auch nach Schian immerdar an die Bibel gebunden (S. 45), so
ist in der Kirche Christi allein das biblische Christentum be-
rechtigt; wer dieses vertritt, ist innerhalb der Kirche nie „Partei".
Freilich sagt Schian hier nicht unzweideutig, was er unter Partei
versteht.

Alles in allem aber: ein Buch aus der Praxis für die Praxis!

Hilbert-Rostock.

Jugendpflege-Arbeit. Zweiter Teil. Der Kieler Jugend-
pfleger-Kursus 1913 in Vorträgen und Berichten. Heraus-
gegeben vom Ortsaussohuss für Jugendpflege in der Stadt
Kiel. Leipzig und Berlin 1914, B. G. Teubner (198 S.
gr. 8). 2 Mk.

Es sind nicht weniger als drei solcher Kurse in Aussicht
loading ...