Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Hannovergehen Missionsgeschichte. Da starb der Begründer der
Hermannsbnrger Mission, Louis Harms, und sein Bruder Theodor
Harms wurde sein Nachfolger wie im Pfarramt, so auch in der
Missionsleitung. Es ist die Eigenart des Missionslebens in
Hannover, dass es aufs engste mit der Person von Louis Harms
verbunden ist. Darin liegt in einer Hinsicht seine Stärke.
Denn überall, wo Harms durch Wort und Schrift geistliches
Leben erzeugt hat — und das sind weite Kreise —, ist auch
Missionsliebe geweckt. Die führende Stelle in den Missions-
kreisen behielt auch Theodor Harms. Nun aber blieb die
Mirsion von dem Geschick dieses Mannes nicht unberührt. Harms
glaubte die durch Einführung der Zivilehe für nötig erachtete
Aenderung der Trauordnong nicht annehmen zu dürfen, glaubte,
dass in der Abgrenzung der dem Staate und der der Kirche
zustehenden Rechte die letztere zu Unrecht beschränkt worden
sei, und zog durch seine Stellungnahme Beine Suspension und
seine Absetzung (22. Januar 1878 und 4. Februar 1878) auf
sich. In die nun entstehenden Kämpfe wurde auch die Mission
mit verwickelt. Die Darstellung dieser Zeit der Kämpfe ist
schwierig, weil dazu ein besonders feines Gefühl gehört, das
die verschiedenen in Betracht kommenden Momente — das
persönliche, das politische, das konfessionelle — richtig gegen-
einander abgrenzt und einschätzt, ohne das eine auf Kosten
des anderen hervorzuheben. Man merkt es bei diesem Ab-
schnitt, dass er aus der Feder eines Mannes kommt, der die
Zeit selbst mit erlebt hat, der einen klaren Ueberblick hat und
auch mit der nötigen Objektivität den Ereiguissen gegenüber-
steht. Wie er sich auf den verschlungenen Wegen dieses Ab-
schnittes der hannoverschen Missionsgeschichte als ein kundiger
und sicherer Führer erweist, so ist dasselbe der Fall, wenn er
uns auf die Missionsgebiete (Natal, Snlu- mit Betschuanenland,
Teluguland) führt und auf das, was Hermannsburg in Australien,
Nordamerika und Persien tut. Mit einem Bericht über die neue
Missionsleitung — es wurde dem Nachfolger von Theodor Harms,
seinem Sohne Egmont, ein landeskirchlicher Kondirektor bei-
gegeben, dessen Nachfolger seit 1890 der jetzige Missionsdirektor
Haccius ist — und einer Einführung in die Missionsaastalt unter
der neuen Leitung schliesst das Buch.

Weil die berufliche Stellung den Verf. in den Stand setzt,
überall urkundliches Material zu verwerten, so bekommt das
Buch hohen geschichtlichen Wert. G. Loh mann-Hannover.

von Sydow, Eckart (Dr. phil.), Der Gedanke des Ideal-
reiches in der idealistischen Philosophie von Kant
bis Hegel im Zusammenhange der gesehichtsphilo-
sophischen Entwickelung. Leipzig 1914, Felix Meiner
(VIII u. 130 S. gr. 8). 4.50.
Der Verf., der 1913 bei Niemeyer in Halle einen aus den
Werken der grossen Idealisten zusammengesetzten kritischen
Kantkommentar erscheinen Hees, macht sich mit guter Kenntnis
der Sache und der Literatur an seine grosse und für den Raum
fast übergrosse Aufgabe, darzustellen, was die deutschen Idealisten
von Kant bis Hegel über den Vollendungszustand der Welt
gelehrt haben. Haupteigentümlichkeit der Deutschen ist, dass
sie sich durch das Ideal, welches die Franzosen zur revolutionären
Tat treibt, zur Reflexion bewegen lassen. Durch eine knappe
Dialektik des Problems, die in ihrer Gesamtart vielleicht auch
andere Theologen an die Schlusskapitel der Glaubenslehre des
(nicht berücksichtigten) Schleiermacher erinnern wird, gewinnt
der Verf. ein mehrgüederiges Schema, das er dann an die Be- '

handlung der einzelnen Philosophen heranbringt. Hauptsache
ist überall die Bestimmung des InhaltR des Idealreiches und
die seines Verhältnisses zur vorhergehenden Entwickelung. In
reichhaltiger Untersuchung, die aber nicht immer die Gedanken
der Philosophen nach Haupt- und Nebenmomenten richtig ab-
zustufen scheint, was die Uebersichtlichkeit nicht wenig be-
einträchtigt, gewinnt der Verf. sein Resultat (S. 109): Während
bei Kant daß MenschheitBideal der staatlichen Gebundenheit an-
heimgegeben bleibt, vertritt Fichte kulturelle und religiöse
Tendenzen. Das Kulturideal v»ird von Hegel, wenn auch nicht
konsequent, ausgebaut, während das religiöse Ideal von Schelling
weiter ausgebildet wird. Bei aller Kritik, die man an diesem
Ergebnis üben könnte, indem namentlich Kants Position ver-
kürzt erscheint, wird man anerkennen müssen, dass mit Recht
auf Fichte besonderes Gewicht gelegt ist. Im Anhang wird
noch Schiller, W. v. Humboldt, Baader, Friedr. v. Schlegel,
Krause behandelt, während eine Skizze über Wolff, Lessing,
Herder vorausgeschickt ist. Eine Begründung gerade dieser
Auswahl des Anhangs findet sich nicht. Noch vorher ist Marx
eingeschoben, dessen Zusammenhang mit dem Idealismus gewiss
unleugbar ist. Dass der deutsche Idealismus gerade in seinen
Gedanken vom Idealreich aufs stärkste vom Christentum be-
einflusst ist (Tröltsch!), ist zwar nicht ganz tibersehen (S. 13),
aber doch in einer das Verständnis schwer gefährdenden Weise
zurückgestellt. Diese Tatsache hängt mit der anderen zu-
sammen, dass der Verf. für religiöse Gedanken über den Inhalt
des Idealreiches kein Verständnis, sondern nur eine sarkastische
Verurteilung (religiöse Nebulosität!) hat. Manche scharfsinnige
Beobachtung und feinsinnige Bemerkung ist eingeschoben. Leider
ist oft durch flbergrosse Kürze und dunkle Redeweise das Ver-
ständnis gerade dieser Eigengüter stark beeinträchtigt (z. B.
S. 8). Dass der Scharfsinn des selbstbewussten (S. 3) Verf.s
bisweilen zu gewagten, ja verfehlten Folgerungen führt (z. B.
S. 14), muss ebenfalls behauptet werden. Trotzdem weckt der
Wille zur straffen Systematik, der den Hauptvorzug des Buches
bildet, für die angekündigte Fortsetzung der Arbeit, die sich
mit der Begriffsbildung der deutschen idealistischen Philosophie
beschäftigen soll, zum voraus das Interesse des Lesers.

Lic. Lauerer-Grossgründlach (Bayern).

Girgensohn, D. K. (Prof. in Dorpat), Der Schriftbeweis in
der evangelischen Dogmatik einst und jetzt. Leipzig
1914, A. Deichert (78 S. gr. 8). 2 Mk.
Sich mit den Schwierigkeiten zu befassen, die durch die
historisch-kritische Behandlung der Schrift gerade für die evan-
gelische Kirche mit ihrem Schriftprinzip entstanden sind, ist
eine wichtige und verdienstliche Arbeit der Theologie der
Gegenwart. Mit einer anregenden und inhaltsreichen Studie
greift Girgensohn in sie ein. Er legt dar, dass man jene
Schwierigkeiten nicht dadurch meistern könne, dass man ein-
fach zur altorthodoxen Stellung zur Schrift zurückkehrt; anderer-
seits aber bedeute die Auslieferung der Schrift an das sogen,
moderne wissenschaftliche Denken die volle Zerstörung der
Bibelantorität, weil dieses Denken mit seinen Prinzipien der
Vernunftautonomie, der immanenten, ja mechanisch-kausalen
Erklärung sich im vollen Gegensatz zu den biblischen Grand-
auffassungen befinde. Eine theoretische Lösung des Zwiespalts
zwischen dem Bibelglauben und der historisch kritischen Arbeit
an der Bibel scheint Girgensohn unter diesen Verhältnissen un-
möglich. Aber praktisch könnten die Schwierigkeiten über-
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