Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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ist Schrörs unabhängig von allen anderen Arbeiten aufgegangen;
erst später bemerkte er, dass Haverkamp und Oehler, und mit
zeitlicher Umkehrung der beiden Ausgaben auch Waltzing, einen
ähnlichen Weg als möglich angedeutet haben. Es erscheint
eine veränderte und verbesserte Auflage bei Tertullianschriften
im Hinblick auf die drei Verfasserausgaben von adversus
Marcionem durchaus nicht als etwas so singuläres. Das be-
sondere Näheverhältnis der Lesarten des cod. Fuld. zu Tertullians
Schrift ad nationes erklärt sich dabei dadurch, dass die erste
Ausgabe kurz nach ad. nationes fällt, die zweite Ausgabe
aber erst später. Der Beweis für alle diese Thesen wird von
Schrörs sehr sorgfältig geführt, indem er nacheinander behandelt:
die Modifikation des Sinnes, die besseren Formulierungen der
Gedanken, die Hinzufügungen, die Auslassungen, die stilistischen
Verfeinerungen der zweiten Ausgabe. Für die Textherstellung
von Tertullians Apologetikum würde sich ergeben, dass man den
Text des codex Fuldensis nur soweit benutzt, als er verderbte
Stellen anderer Handschriften heilt; der Apparat muss dann
alle wirklichen Sonderlee arten des codex Fuldensis enthalten.
Diesem Verfahren steht bisher die Oehlersche AuBgabe am
nächsten, sie hat also den bisher besten Text.

Sowohl Schrörs' These selbst wie der von. ihm unternommene
Beweis haben etwas sehr Einleuchtendes; ich bin daher nicht
in der Lage, mich den Argumenten von Schrörs zu entziehen;
der schwache Punkt ist bei solchen Beweisen natürlich immer
die Behauptung, dass eine Redewendung oder ein Gedanke so
echt sei, dass notwendig der Verf. selbst sie geschrieben haben
müsse, also hier die jedesmaligen Besonderheiten der beiden
Haupttypen der Handschriften beide demselben Autor angehören
müssen; das wäre also wohl der Punkt, wo man angriffaweise
gegen Schrörs vorgehen könnte. Aber es ist an einer Reihe
von Stellen ganz sicher, dass die verschiedenen Lesarten wirk-
lich beide als echt tertullianisch angesprochen werden müssen,
und dass bei den Handschriften, abgesehen von dem codex
Fuldensis, die Abweichungen sich als Verbesserungen, Ausheilungen
im Sinne des Tertullian durchaus verstehen lassen. So möchte
ich doch glauben, dass Schrörs recht hat. Und was er sonst
an Einzelbemerkungen beibringt, ist der sorgfältigsten Be-
achtung wert. Hermann Jordan-Erlangen.

Gabriel, Lic. Dr. Paul (Studieninspektor am Predigerseminar
in Wittenberg), Die Theologie W. A. Tellers. (Studien
zur Geschichte des neueren Protestantismus. Heft 10.)
Giessen 1914, Töpelmann (90 S. gr. 8). 2. 80.
Die Anfklärungszeit ist in wachsendem Masse ein Objekt
der Forschung geworden, und die von Hoffmann und Zscharnack
herausgegebenen „Studien zur Geschichte des Neueren Prote-
stantismus", von denen das vorliegende Werk das 10. Heft ist,
bilden dafür, soweit die Theologie in Frage kommt, einen
Sammelplatz. Das Unternehmen ibt verdienstlich; denn es wird
hier noch viel unbeackertes Feld angetroffen, und die oft kon-
statierte Aehnlichkeit der Gegenwart mit jener Periode lässt
diese als ein lehrreiches Paradigma erscheinen, dessen Kenntnis
nicht nur geschichtlichen Wert hat. Die vorliegende Studie hat
sich einen Mann zum Gegenstand genommen, der nicht zu den
überragenden Geistern, auch nicht zu den menschlich besonders
anziehenden Persönlichkeiten gehört, der aber gleichwohl eine
besondere Behandlung verdient, weil er einen weitreichenden
Einfluss ausgeübt hat, und weil seine Theologie Stufen aufweist,
in denen sich die Gesamtentwickelung der zeitgenössischen

Theologie spiegelt. Der Verf. macht drei Teile: I. „Die Ein-
schränkung des theologischen Interesses auf die Bibel und das
praktische Christentum" (S. 3—33), das ist Teller der Neologe
in seiner Holmstedter Periode, mit den Abschnitten: Der neo-
logische Biblizismus, die Angleichung des Christentums an die
Moral, der supranaturale Rest. II. „Die zunehmende Ver-
drängung des Uebernatürlichen im Christentum durch die natür-
liche Religion" (S. 33—61), das ist Teller der Rationalist in
seiner ersten Berliner Periode bis ca. 1790, für den bezeichnend
ist 1. die „fortgesetzte Auflösung des Dogmas" — durch die
natürliche Erklärung des Uebernatürlichen, durch den dogmen-
feindlichen Dienst der Geschichte und durch die Idee des „all-
gemeinen Christentums" —, 2. die „Umdeutung des Bibeltextes",
wie er sie besonders in seinem bekanntesten Werk, dem weit-
verbreiteten Wörterbuch des Neuen Testaments, vorgenommen
hat. III. „Die Verkirchlichung des aufgeklärten Christentums"
(S. 61—78), das ist Teller, der hochgestellte Kirchenmann in
der zweiten Hälfte seiner Berliner Zeit von 1790—1804. Hier
wird unterschieden: der Fortschritt im Christentum (Tellers
Gedanken von seiner Profektibilität), der Rationalismus in der
kirchlichen Praxis, endlich Tellers Verhältnis zum Naturalismus,
dem radikalen Zwillingsbruder des kirchlichen Rationalismus. —
Ein Anhang bespricht das Verhältnis der Begriffe Noologie und
Rationalismus und die Frage, wie es komme, dass Teller von
der Neologie aus, die z. B. auch ein Reinhard teilte, nicht wie
dieser zum Supranaturalismus, sondern zum Rationalismus ge-
führt sei. Als Grund findet der Vei f, dass bei ihm nicht, wie
bei Reinhard, eigene religiöse Erfahrungen, die er an der Bibel
und dem biblischen Christus gemacht, hemmend entgegenwirkten.
So konnte der „Entsupranaturalisierungsprozess", als welcher
seine ganze theologische Entwickelung sich darstellt, ungehindert
fortschreiten, und auch die kirchliche Tätigkeit der letzten Jahre
hat darin wohl Verlangsamung und Verschleierung, aber keine
innere Wandlung gebracht. — Die Studie ist mit rühmenswerter
Akribie gearbeitet. Aus vielen mit Fleiss und Verständnis aus-
gehobenen Mosaikstückchen wird das Bild sorgsam komponiert,
so, dass die entscheidenden Linien hervortreten. Weniger hat
sich der Verf. bemüht, als Rahmen die Gesamtlage und -Ent-
wickelung der zeitgenössischen Theologie zu zeichnen, in die
Teller gehört. Auf den nahverwandten Semler wird zwar
öfters verwiesen und auch auf die englischen Einflüsse, die
Tellers Werdegang beeinflusst haben, sonBt aber wird die zeit
genössische Dogmatik und Philosophie kaum berührt, Wäre
aber z. B. über die Einwirkung Kants, so oberflächlich Teller
sie empfunden haben mag, nicht doch ein Wort zu sagen ge-
wesen? Auch die kirchliche Tätigkeit Tellers wird nicht in
den Zusammenhang der kirchlichen Aufklärungsarbeit des
Rationalismus überhaupt hineingestellt. Durch Vergleichung
mit verwandten Geistern, z. B. mit Spalding, würde das Bild
Tellers vermutlich noch schärfer hervorgetreten sein. Auch die
eigene Beurteilung tritt verhältnismässig sehr zurück. Damit
soll aber der tüchtigen Leistung nichts von ihrem Verdienst ab-
gebrochen sein. Lic. M. Peters-Hannover.

Haccius, D. Georg (Missionsdirektor), Hannoversche Mis-
sionsgeschichte. 3. Teil. 1. Hälfte. Geschichte der
Hermannsburger Mission von 1865 bis zur Gegenwart.
Hermannsburg 1914, Missionsbuchhandlung (IV, 552 S.
gr. 8). 3.60.

Das Jahr 1865 bildet mit Recht einen Abschnitt in der
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