Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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gemeinsame Resultat feststellen, dass Öiadr/XT) niemals im
Neuen Testament = Bund zu fassen ist, sondern sie stets die
Bedeutung einer einseitigen Verfügung hat oder des näheren
im erbrechtlichen Sinne die des Testamentes. Das ist wohl
jetzt ein allgemein geltendes und ein für allemal festgelegtes
Ergebnis der Forschung, an dem nicht mehr gerüttelt werden
kann. Wenn Lohmeyer gegenüber Bebm eher für die zweite
Bedeutung des Testamentes eintritt, wobei er sich bewusst
bleibt, dass sie, in das religiöse Gebiet übernommen, manches
von ihrem streng rechtlichen Charakter abgestreift hat (vgl. den
Rückblick S. 154), so hat er seine guten Gründe dazu. Denn
Behm kann an der anderen Wiedergabe: „einseitige Verfügung"
doch nur mittelst Gewaltsamkeiten festhalten; er muss zugeben,
dass diese Bedeutung im Prof an griechisch nicht nachgewiesen
ist, und er will sie nur als ein notwendiges Glied in der Kette
von feststellbaren Bedeutungen eingeschoben wissen. Es macht
sich dabei die Gefahr bemerkbar, die sich leicht für solche rein
sprachlichen Untersuchungen einstellt, dass eine zu feste und zu
begrenzte, mehr formale Bestimmung gesucht wird. Es geht
eben schwer an, den Inhalt und Sinn eines Begriffes feststellen
zu wollen, ohne nicht die gesamten Anschauungen zu erörtern,
die sich mit ihm verbinden. Gerade für einen solchen Begriff,
wie es OLaöijxT) ist, gilt das im besonderen. Darum bildet die
Abhandlung von Lohmeyer die unbedingt notwendige Er-
gänzung. — Es ist mithin auch kaum so, wie es Behm in
einer Besprechung Lohmeyers ausführt (Theol. Lit.-Bericht 1913,
S. 199), dass es sich nur um das „methodische Prinzip"
handelt, und dass für Lohmeyer der gleichzeitige profane
Sprachgebrauch absoluter Massstab sei für das sprachliche Ver-
ständnis auch des jüdisch-religiösen Terminus. Wäre es so,
wie Behm es dort meint, dass von dem einen Gesichtspunkt
alles abhinge, dass, „wo das Urchristentum Ausdrücke aus der
Terminologie der jüdischen Religion sich angeeignet hat, stets
die grössere Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass auch die
Prägung, die die Ausdrücke im Judentum erhalten haben,
übernommen ist, als dafür, dass profan griechischer Einfluss sie
umgeprägt hat", — wäre es so, so wäre Beinen Darlegungen
unbedingt zuzustimmen, und Rez. wäre der erste, der sie mit
Freuden begrüssen würde, da dies Prinzip mit die entscheidende
Grundlage für seine eigenen Arbeiten bildet. Aber für öiaörjxr]
liegt die Sache doch noch schwieriger und komplizierter. Bei
dem vorher berührten Prinzip müsste es ja schliesslich doch
wieder auf eine Anknüpfung an die Berith im Alten Testament
und an die Bundesvorstellung hinauskommen; und das will
anch Behm selber nicht. Damit, dass die LXX rwz mit
öiaörfxT) wiedergegeben hat, hat sich ja schon wie von selbst
eine Wandlung des Begriffs vollzogen, und es ist nicht zu er-
warten, dass sich das Neue Testament und die neutestament-
liohen Schriftsteller nun sollen durchaus von dem in der LXX
festgelegten Sinn abhängig erweisen. Hat für diese dnrch diese
Art Wiedergabe die Vorstellung nach der einen Seite eine
Umprägung erfahren, so für das Neue Testament entsprechend
den Gedankenkreisen, in denen es lebte, eher nach der anderen
Seite. Auch hat ötafJTjXTj in der LXX gar nicht diese ein-
seitige, festgelegte Bedeutung. Sie ist stets in gewisser Weise
in der Schwebe zu halten, und es ist immer zu beachten,
wie es Lohmeyer auch andeutet, wie es aber noch stärker be-
tont werden muss, dass nicht nur die Wiedergabe durch BiaOrjXT)
auf die Berith Vorstellung eingewirkt hat, sondern anch um-
gekehrt diese mit ihrem ganzen reichen Inhalt in den Begriff
der ota&Yj'xTj hineingeströmt ist und auch ihn natürlich eine

Wandlung hat erleben lassen. Beide haben einander etwas
von sich abgegeben, und es geht eben nicht an, eine bestimmte
Bedeutung fixieren zu wollen. Eine zweiseitige Wiedergabe
„Vertragsordnung, Vertragaverfügung" würden dem Begriff am
ersten in der LXX voll gerecht werden. Auch für das Neue
Testament macht sich dies in der Schwebe bleiben bemerkbar.
So sehr dort die Uebersetzung „Testament" die Grundlage ab-
gibt, so sehr hat sie doch auch im einzelnen ihre Nüancen;
und es lässt sich da eine Beobachtung feststellen, die in den
beiden Abhandlungen nicht genügend berücksichtigt ist, dasa sich
ein Unterschied zeigt, je nachdem ob der betreffende Ausspruch,
in dem sich der Begriff findet, seinem Ursprung und Ausgang
nach der griechischen Sprachwelt entstammt, wie z. B. —
natürlich rein sprachlich beurteilt — bei Paulus und im Hebräer-
brief, oder ob er, wie z. B. in den Abendmahlsworten, einem
aramäischen Hintergrund angehört. Im letzteren Falle wird
Bioher die Berith Vorstellung stärker mit hineinspielen, wenn es
auch nicht auf die Uebersetzung = Bund hinauskommen darf.
Denn das bedeutet oiaf>Y)xrj nun einmal nicht.

Julius Kögel-Eldena bei Greifswald.

Schrörs, Dr. Heinrich (Prof. der katholischen Theologie an
der Universität Bonn), Zur Textgeschichte und Er-
klärung von Tertullians Apologetikum. (Texte und
Untersuchungen, hrsg. von Harnack und Schmidt, 40, 4.)
Leipzig 1914, J. C. Hinrichs (VI, 125 S. gr. 8). 4.50.
Diese Arbeit wollte zunächst ein Beitrag zur Erklärung
schwieriger Stellen von Tertullians Apologetikum sein, zum Teil
verarbeitet auf dem Grunde der Uebungen des kirchenhistorischen
Seminars des Verf.s. Diese Erklärung wird zusammen mit text-
kritischen Bemerkungen als letztes (9.) Kapitel geboten. Aber
diese Bemühungen um die Erklärung führten den Verf. auf ein
wichtiges textkritisches Problem, dem nun der grösste Teil der
Arbeit gewidmet ist. Es handelt sich um den Gegensatz, in
welchem die Lesarten des codex Fuldensis zu denen aller
anderen Handschriften stehen. Wenn auch die kommentatorisohe
Aufgabe durch Ergreifen dieses Problems etwas in den Hinter-
grund getreten ist, so kann man es nicht bedauern, dass
Schrörs das interessante textkritische Problem behandelt hat.
Auch die kommentatorisohen Bemerkungen Schrörs sind sehr
wertvoll und bilden einen von den sich jetzt mehrenden Bau-
steinen zu einem Tertulliankommentar, dem wir zustreben
müssen.

Das textkritische Problem besteht nun einfach in der Frage
der Bedeutung der Sonderlesarten des codex Fuldensis. Dieser
ehemals der Klosterbibliothek in Fulda gehörige codex ist ver-
loren, aber wir haben durch Francisens Modius (f 1597) ein
Verzeichnis seiner Lesarten, das über Kaspar Schoppe zu
Franciscus Junius, Professor der Theologie in LeideD, kam, der
sie 1597 abdruckte. Schrörs weist überzeugend nach, dasa die
hier abgedruckten Lesarten nicht noch aus anderen Codices,
sondern eben aus dem codex Fuldensis stammen. Was soll man
nun mit diesen eigentümlichen Lesarten anfangen? Stellen sie
einen korrigierten oder stark veränderten Text dar? Stellen
sie den besseren Text dar? Sind sie überhaupt stark zur
Textesherstellung zu benutzen? Alle die Möglichkeiten haben
bereits ihre Vertreter gefunden. Schrörs entscheidet sich für
eine andere Lösung: Der codex Fuldensis stellt den Text der
ersten Ausgabe, die anderen Handschriften den der zweiten
Ausgabe, beide von der Hand Tertullians dar. Dieee Erkenntnis
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