Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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eine wissenschaftliche Untersuchung über das religiöse Erlebnis
überhaupt und die Stellung des Christentums innerhalb der
Religionswelt. Alle psychologischen, erkenntnistheoretischen und
religionsgeschichtlichen Fragen, welche die Religionsphilosophie
aufgibt, werden daher auch in einer christlichen Gewissheits-
Iehre untersucht werden müssen. Gerade so wird sich aber
erneut herausstellen, dass die Theologie an der Beziehung des
Glaubens zur Geschichte ihr Grundproblem hat. Was das
Christentum von allen anderen Religionen unterscheidet, ist doch
eben dies, dass es gegenwärtige Gottesgemeinschaft auf Grund
geschichtlicher Offenbarung sein will. Ueber das Recht dieses
Anspruchs kann aber wissenschaftlich nichts ausgemacht werden,
ohne dass es ebenso zu einer „Metaphysik der Geschichte"
wie zu einer einfachen geschichtlichen Untersuchung der den
Glauben tragenden Tatsachen kommt.

Hinsichtlich der Weise aber, wie die angedeutete Aufgabe
zu lösen ist, mag noch festgestellt sein, dass sie nicht bloss im
Sinne einer Abwehr möglicher Angriffe, sondern zugleich im
Sinne eines positiven Aufbaues zu gesohehen hat. Das erste
wird sich ja von dem Standpunkte der christlichen Gewissheit
aus, wie er hier beschrieben wurde, zunächst nahe legen. Ist
die christliche Gewissheit eine in sich selbst beruhende Grösse,
dann kann es scheinen, als ob sie an einer Auseinandersetzung
mit sonstiger Erkenntnis nur in dem Sinne eines Nachweises
Interesse habe, dass diese Erkenntnis ihr nicht mit Grund zu
widersprechen vermöge. In der Tat wird die christliche Ge-
wissheitslehre einen derartigen Nachweis liefern müssen. Sie
muss deutlich machen, dass keine gesicherten Resultate der
sonstigen wissenschaftlichen Erkenntnis der christlichen Ge
wissheit widersprechen, aller Widerspruch vielmehr zuletzt da-
durch entsteht, dass der Widersprechende ausserhalb der christ-
lichen Erfahrung steht. Mit anderen Worten: es wird zu
zeigen sein, dass der Widerspruch vom Standpunkt des anderen
aus ebenso begreiflich ist, wie er für den Christen keine
Durchschlagskraft besitzt.

Aber damit kann die Aufgabe, die wir im Auge haben,
nicht erledigt sein. Das würde bereits dem nicht gerecht,
dass das theoretische Erkennen für die christliche Gewissheit
selbst in der früher angedeuteten Weise doch auch positive
Bedeutung hat. Vollends aber käme das Bedürfnis wissen-
schaftlicher Verständigung nicht zu seinem Rechte. Unter
beiden Gesichtspunkten wird die christliche Gewissheitslehre in
diesem zweiten Teil zugleich den positiven Nachweis versuchen
müssen, dass die sonstige Erkenntnis innerhalb der nun ein.
mal nicht übersteigbaren Schranken für die christliche Gewiss-
heit Zeugnis legt. Dabei ist dann selbstverständlich, dass das
wissenschaftliche Verfahren ganz von der christlichen Gewiss-
heit abzusehen hat und allein versuchen muss, wie weit auf
rein wissenschaftlichem Wege zu kommen ist. Ein solches
Verfahren kann jetzt nicht mehr missverstanden werden, da
über die Schranke, die ihm gezogen ist, grundsätzlich Klarheit
geschafft ist. Andererseits werden gerade so im einzelnen die
Schranken, die das rein wissenschaftliche Beweisverfahren nicht
zu überwinden vermag, heraustreten, und gerade dadurch wird
deutlich werden, wie dieser positive Nachweis selbst im Inter-
esse jener negativen Auseinandersetzung nicht entbehrt werden
kann. Wie soll nämlich verhütet werden, dass diese nicht in
der Abwehr einiger zufällig aufgegriffener Angriffe aufgeht
und darüber vielleicht die eigentlich entscheidenden Punkte ver-
säumt? In methodisch gesicherter Weise kann das nur so ge-
schehen, dass die christliche Gewissheitslehre selbst in jenem

positiven wissenschaftlichen Verfahren zur christlichen Gewiss-
heit heranzuführen versucht und dabei überall die Punkte
scharf herausarbeitet, an denen das wissenschaftlich Erreichbare
seine Grenzen hat und eben darum möglichen Widerspruch
einsetzen kann.

Aus allem dürfte jedenfalls aufs neue deutlich geworden
sein, wie wenig es bei dem Ausgang von der christlichen Er-
fahrung darauf abgesehen ist, die christliche Gewissheit an
einem für die Wissenschaft unkontrollierbaren Punkte unter
Dach zu bringen. Vielmehr handelt es sich im Grunde lediglich
um das andere, über die Schranken, die dem rein wissenschaft-
lichen Verfahren gezogen sind, Klarheit zu schaffen und so
neben der beweisbaren Wirklichkeit für die erlebbare Wirklich-
keit Raum zu schaffen. Ich kann nur einen Satz meines
Buches wiederholen: Wollte darüber niemand anders Klarheit
schaffen, to tue es jedenfalls die Theologie.

Schlögl, Dr. Nivard (Prof. der alttestl. Exegese usw. in Wien),
Die echte Biblisch-hebräische Metrik. (Bibl. Studien
XVII. Band, 1. Heft.) Freiburg i. B. 1912, Herder (X,
109 S. gr. 8). 3. 40.

Zu den Fragen, die in der Gegenwart das grösste aktuelle
Interesse besitzen, gehört die Frage, wie denn eigentlich die
alttestamentlichen Gedichte gelesen werden sollen. Zu einer
brennenden ist diese Frage auch hauptsächlich durch ein Buch
von Niv. Schlögl gemacht worden, das mir erst im Oktober
dieses Jahres zur Besprechung vorgelegt worden ist. Durch
dieses Buch musste die Verhandlung über den althebräischen
Rhythmus vornehmlich aus zwei Gründen von neuem auf die
Tagesordnung gesetzt werden. Interesse erweckte Bchon das
Titelblatt des Buches dadurch, dass es eine biblisch-hebräische
„Metrik" ankündigte. Denn man konnte zwar nicht genau
wissen, ob darin nicht der herkömmliche falsche Sprachgebrauch
sich zeigte, wonach oft Metrum anstatt Rhythmus gesagt wird,
obgleich doch schon Augustin den höchst bemerkenswerten Satz
geschrieben hat: „Non omnis rhythmus etiam metrum" (De
musica III, 1). Indes bei einem Manne, wie Schlögl, durfte
doch schwerlich vorausgesetzt werden, dass er den Ausdruck
,,Melrik" ohne Vorbedacht für den Titel seines Buches gewählt
habe. Dias wurde nun auch durch den Inhalt des Buches be-
stätigt. Er kündigte eine Metrik an, weil er den Standpunkt
einnimmt, dass es ein Metrum in den hebräischen Dichtungen
wirklich gibt. Dies sagt er mit einer Prolepsis in dem Satze
„Das hebräische Metrum beruht zwar in erster Linie auf dem
Akzent, aber nicht auf diesem allein, sondern zugleich auch auf
der Quantität der Silben" (S. 77).

In diesem Satze liegt eigentlich sein ganzes Buch. Dessen
Verf. meint nämlich, in ihm die neueren Studien über die
formelle Beschaffenheit der alttestamentlichen Dichtungen auf
folgendem Wege zu einer höheren Stufe hinanführen zu
können. Das Hauptergebnis der neueren Forschung über die
Form dieser Dichtungen ist doch bekanntlich dieses, dass sie
nicht quantitierenden, sondern akzentuierenden Rhythmus be-
sitzen. Schlögl aber gehört zu denen, die dieses Ergebnis ver-
bessern zu können meinen, indem sie in den Gedichtszeilen mit
akzentuierendem Rhythmus trotzdem die Zahl und Schwere der
Silben eine Rolle spielen lassen wollen. Aus diesem seinem
Bestreben erklären sich die Hauptdarlegungen des jetzt zu be-
sprechenden Buches. S. 1—68 enthalten nämlich „gramma-
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