Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Bohaftlioh, dass er Dämlich in seiner Religionsphilosophie auch
die Geschichte Christi zu idealisieren versucht habe. — Paulsen
und J. Eaftan haben Kant zum Philosophen des Protestantismus
gemacht; Hugo Bund hat ihn ebenso glücklich als Philosophen
des Katholizismus hingestellt. Wir warten des Tages, wo er
als Philosoph des Judentums proklamiert werden wird. Hoffent-
lich wird das dazu beitragen, dass die christliche Theologie
allmählich wieder das richtige Augenmass für den praktischen
Vernunftphilosophen bekommt

Lic. Dr. W. Eiert-Seefeld b. Kolberg.

Häring, Dr. Th. (Prof. in Tübingen), Predigten über das
Vater Unser. Calw u. Stuttgart 1914, Vereinsbuohhand-
lung (132 S. kl. 8). 1 Mk.
Ein kleiner, aber ganzer und echter Häring! Besonders
denen, die einst selber auf der Universität den Verf. nicht nur
als Professor, sondern auch als Prediger schätzen gelernt haben,
werden diese Grüsse aus der alten Tübinger Stiftskirche will-
kommen sein. Sie bilden ein neues Glied in der langen Kette
von Vaterunserpredigten, deren Gang durch die Geschichte der
Predigt und in ihnen den Abdruck der religiösen, theologischen,
kirchlichen Entwickelung zu verfolgen, keine unlohnende Auf-
gabe wäre. Häring möchte das Vaterunser predigen, nicht um
darüber etwas neues zu sagen, sondern um es selber reden und
seinen Dienst tun zu lassen: es soll uns beten lehren. So ist
eine Stimmung des Lauschens und der Versenkung, der kind-
lichen Bitte und Dankbarkeit durch diese Predigten verbreitet,
und jedesmal werden wir zu dem Meister geführt, um an seinem
Bild und Vorbild, aus der Einheit mit seinem Bewusstsein
heraus die Kunst zu lernen, die er uns lehren will. Zu der
Verwendung des Bildes Christi sei eine kleine Bemerkung ge-
stattet. S. 23 f. fragt der Verf , was uns Mut zum Vertrauen
auf den Vatergott gibt, und antwortet: „Nun, dass er uns das
Vaterunser gegeben hat, unser Herr Jesus Christus. Das ist
kein trookener Lehrsatz. Wir sagen nicht, er ist Gottes Sohn,
also kann er Bich nicht täuschen, und was solcher klugen
kalten Gedanken mehr sind." Gewiss kann dieser Schluss
einer kalten Reflexion entspringen, die von lebensvoller Be-
rührung mit Jesus nichts weiss, aber kann ihn sich nicht auch
schlichte Frömmigkeit zueignen, in einem Empfinden, das von
kalten klugen Gedanken tatsächlich weit entfernt ist? — Die
Ingredienzien des Häringschen Wesens zeigen sich auch in dieser
Gabe: seine religiöse Innigkeit, die nicht in hellen Flammen
brennt, aber desto wärmer glüht, die gewinnende seelsorgerliche
Freundlichkeit, die sich nie über, stets zwischen die Hörer stellt,
das aus eigener Erfahrung erwachsene Verständnis für alle
Aeusserungen der Frömmigkeit, auf der anderen Seite die
dialektische Kraft, die Gedanken zu bewegen und fruchtbar
anzuwenden und das gereifte ethische Urteil in seinem Ernst
und seiner verständnisvollen Milde. Der Stil ist nicht immer
leicht und durchsichtig, er fordert ernstes Mitdenken, macht
aber selber Lust dazu. Auf eine „Auslegung" des Vaterunser
hat es der Verf. nicht abgesehen, auch Luthers Erklärung wird
nur gelegentlich herangezogen, aber für das tiefere Verständnis
des Vaterunser bieten diese ganz freien und subjektiven Medi-
tationen viel, und zwar immer etwas, was im direkten Dienst
der praktischen Frömmigkeit steht Eine wertvolle Zugabe ist
die Neujahrspredigt über Jakobs Glaubenskampf. — Das feine
Büchlein wird besinnlichen Leuten besonders wert werden.

Lic. M. Peters-Hannover.

Rumland, A. (Oberpfarrer in Barby), Siehe, dein König
kommt zu dir! Unmoderne Predigten für nachdenkliche
Leute. Gross-Salze 1912, Eugen Strien (V, 142 S. gr. 8).
2. 50.

Die Betonung, dass diese Predigten „unmodern" seien, scheint
mir nicht gerade nötig gewesen zu sein, denn dass man die
Art des Predigens, zu welcher sich der Verf. in Gegensatz
stellt, Bohlechthin „modern" nennen könnte, wird er wohl selbst
kaum meinen. Er sieht die Aufgabe der Predigt in Darlegung
und fruchtbarer Verwendung des im Text Gegebenen, das ihm
Gottgegebenes ist, und erachtet es für nötig und heilsam, dem
Worte Gottes ernstlich nachzudenken, in seine Tiefen ein-
zudringen, das Einzelne im Licht des Ganzen zu verstehen.
Dabei mutet er seinen Hörern ernsthafte, geistige Arbeit zu.
Die so bezeichnete Absicht ist im ganzen glücklich durch-
geführt.

Es sind hier 18 Predigten aus der Advents-, Weihnaohts-
und Epiphaniaszeit zusammengestellt, bei denen sich der Verf.
hinsichtlich der Form der Freiheit bedient, die zurzeit vor-
herrscht, die aber uns älteren Homileten noch immer nicht als
das Bessere erscheinen will gegenüber der uns geläufigen
Forderung eines strengeren Aufbans der Predigt

Von anderen geringfügigeren Bedenken, die des Predigers
Auslegung erwecken kann, absehend, möchte ich nur dies her-
vorheben, dass auf S. 56ff. die Meinung befremdet, nach der
die Erniedrigung der Berge und die Erhöhung der Täler auf
den Ausgleich des ungleich verteilten irdischen Besitzes bezogen
wird. Der Satz, „dadurch vor allem wird dem kommenden
Herrn der Weg bereitet", der hierauf bezogen ist, ist direkt
irreführend. D. Aug. Hardel and-Uslar.

Geesink, Dr. W., De liefelijkheid des Heeren, twaalf
preeken, zwei Hälften. Amsterdam, van Bottenburg
(322 S. gr. 8). 4 Mk.
Ohne Schuld des Rez. verzögerte sich die Besprechung
dieser beiden Predigtbändchen des Professors der Ethik an der
freien Universität zu Amsterdam. Daher richten wir unsere
Aufmerksamkeit vor allem auf die zuletzt erschienene zweite
Hälfte. Während in der ersten Sammlung zwei der sechs
Predigten neutestamentliche Texte behandeln, findet sich in
der zweiten nur ein Text aus dem Neuen Testament (Joh. 14, 27).
Die Behandlung dieser Predigten ist oft etwaB scharf zugespitzt,
und die Textwahl ist zuweilen etwas eigentümlich. In diesem
Punkte sind die Geschmäcke verschieden. Jedoch handelt es
sich hier nicht um dieselbe Predigtart wie z. B. in W. Fabers
„Harten Reden". Ueber Jes. 28, 20 (das Bett, das zu eng,
und die Decke, die zu kurz ist) wird man selten eine Predigt
finden, so wenig wie über Pred. 10, 11 (eine Schlange, die
unbeschworen sticht). Aufmerksame Leser dagegen verdient
die Predigt über 2 Kön. 7, 9: die Uebersohrift lautet: „Die vier
Aussätzigen von Samaria": also keine thematische Predigt. Die
drei Teile, in welche diese Predigt zerfällt, lauten: 1. sie
schwiegen, während sie hätten sprechen sollen (Nachlässigkeit),
2. sie sprachen über ihre Nachlässigkeit (bekannten ihr Ver-
säumnis), 3. sie brachen ihr Schweigen (Bekehrung). Auch
wenn man die thematische Predigtweise vorzieht, kann man den
Ausdruck der Hochschätzung dem sehr persönlichen und eigen-
artigen Charakter dieses Predigers nicht versagen.

Prof. D. A. van Veldhuizen-Gröningen.
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