Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Philosophie und verbindet sich aufs engste mit dem Organismus-
gedanken. Sie bewegt sieh durch alle Gebiete seiner Lebens-
und Weltanschauung und zeigt sich namentlich in seiner Theo-
logie in ihrer schwebenden Doppelseitigkeit als metaphysisches
und historisches Gemeinschaftsprinzip. Eine äusserst knappe
Würdigung und Kritik bildet den Schlussgedanken des Heftes.
Das Wertvollste der Untersuchung dünkt mich dies, dass sie
den Schlüssel gibt, mancherlei Divergierendes bei Schleiermacher
(z. B. Romantik und Kirchlichkeit) in eine Lebens- und Ent-
wiekelungseinheit zusammenzuschauen, während es bisher meist
nur unter dem Gesichtspunkt des inneren Widerspruchs ge-
würdigt wurde. Vor allem dieser Einblick in die Psyche
Schleiermachers lohnt die mühevolle Lektüre des Heftes, das
durch die weitestgehende Konzentrierung der ohnedies sehr
schwierigen Gedankengänge Schleiermachers an die Fassungs-
gabe auch des theologisch gebildeten Publikums sehr hohe, zu
hohe Anforderungen stellt.

Lic. Lauerer- Grossgründlach (Bayern).

Dalke, Paul, Buddhismus als Religion und Moral. Leipzig
1914, Walter Markgraf (454 S. gr. 8). 8 Mk.
Das Buch ist nach der eigenen Angabe des Verf.s ein
Weiterbau auf dem Fundament seines vor zwei Jahren er-
schienenen Werkes „Buddhismus als Weltanschauung". Er be-
klagt, dass in unserer heutigen Kultur Weltanschauung, Religion
und Moral auseinander fallen, und glaubt, dass der Buddhismus
dieser Not unserer Zeit abzuhelfen, den harmonischen Dreiklang
jener geistigen Mächte wiederherzustellen allein imstande sei.
Der überall von ihm bekämpfte Gegner ist die „Glaubens-
religion" in jeder Form, besonders aber in der des Christen-
tums. Ihr Wesen besteht darin, dass sie den Grund alles Lebens
in einem Transzendenten, in einer Ursache, die nicht zugleich
Wirkung ist, in einem „Gott", also in etwas Unwirklichem
sucht. Denn der Charakter des Wirklichen besteht darin, in
ein Netz gegenseitigen Wirkens verflochten zu sein, wo alles,
was nach der einen Seite sich als Ursache darstellt, nach der
anderen zugleich Wirkung ist. Diese Ausrenkung aus dem
Gefüge der Wirklichkeit, in der das Grundwesen der Glaubens-
religion besteht, macht dann allerlei künstliche Hypothesen nötig,
um die Vermittelung mit den Forderungen der Wirklichkeit her-
zustellen, „Dogmen" genannt, das „ungeheuerste" aller Dogmen
die Menschwerdung Christi. Der Buddhismus dagegen ist die
Wirklichkeitsreligion. Er greift, um das Leben zu verstehen,
nicht in irgend eine Transzendenz, in die UnWirklichkeit hinüber,
sondern für ihn ist Leben eine Kraft, die ganz innerhalb des
Weltgeschehens liegt und eine individuelle ist. Der Buddhismus
weiss nichts von einem Gott, ja nicht einmal etwas von einem
Ich oder einer Seele, denn auch diese Begriffe legen den Grund
des Lebens in eine Transzendenz, somit ausserhalb der Wirk-
lichkeit. Leben ist ein Bich fort und fort erzeugender Prozess,
dem nichts Seiendes zugrunde liegt. Von dieser vorgeblich
tiefsten Wahrheit können wir nur sagen, dass sie den Knoten
der Schwierigkeiten, der sich an dieser Stelle für das Denken
auf tut, einfach mit dem Beile zerhaut. Oder, um es in der
Sprache des Verf.s auszudrücken: es ist eine Wahrheit, die nicht
mit den gewöhnlichen Denkmitteln, sondern durch „Intuition" er-
kannt wird, dann aber alle Dunkelheiten mit ihrem Lichte
durchstrahlt. Im Buddhismus soll dann auch der Grund für
t-ine Moral gelegt sein, die vor der Wirklichkeit standhält,
gegenüber der theistischen Glanbensmoral, welche in einem

Transzendenten, also in einem Unwirklichen wurzelt. Hier gibt
es keinen Gott, dessen Wille zu tun wäre, sondern das nüchterne
vernünftige Motiv aller Moral besteht darin, dass jedes Individuum
weiss, es hat die Folgen seines gegenwärtigen Lebens und Tuns
in einem zukünftigen Dasein zu tragen. Da wir uns ausser-
stande sehen, jene vom Verf. geforderte „Intuition" zu voll-
ziehen, so ist es uns unmöglich, zu begreifen, woher denn das
bleibende Subjekt in den verschiedenen, hintereinander folgenden
Daseinsformen unter den gegebenen Voraussetzungen herkommen
soll, das alles, was ich in den tausendmal tausend vergangenen
und zukünftigen Daseinsformen tue und leide, auf sich als
Gleichbleibendes bezieht. Ein Vorzug der buddhistischen Moral
soll es ferner sein, dass sie nicht das Gute zu tun gebietet,
wie das Christentum in seinem überschwenglichen Idealismus,
sondern nur, ganz nüchtern und schlicht, das Schlechte zu lassen
auffordert, dass es nicht Liebe fordert, sondern nur vom Haas
abrät. Auch die Liebe in ihrer idealsten Form ist ja nur ein
Haften an dem, was verlassen werden muss, soll das Nirwana,
das Auslöschen alles Lebens und Leidens, erreicht werden.

Der Verf. ist überzeugter Buddhist, hat lange Zeit in Ceylon
in einem Kloster zugebracht, und es ist höchst interessant, seinen
äusseren und inneren Erlebnissen zu lauschen. Er besitzt eine
fesselnde Darstellungsgabe und hat den Mut der Wahrhaftigkeit,
den Zustand der Versunkenheit im asiatischen Buddhismus, ohne
die sonst bei europäischen Buddhisten übliche Schönfärberei,
offen einzugestehen. Auch hegt er nicht viel Hoffnung, dass
im gegenwärtigen Geschlecht des Okzidents der Buddhismus
offene Ohren finden werde. Aber er will seine Wahrheit ver-
künden, vielleicht dass doch ein Same hafte und in der Zukunft
Frucht trage.

Seine Kenntnis der christlichen Gedankenwelt erscheint oft-
mals kümmerlich, man vergleiche als Beispiel das auf S. 10 f.
hervortretende totale Missverständnis der Schleiermacherschen
Definition von „Religion". Aber es ist anzuerkennen, dass er,
trotz scharfer Gegnerschaft gegen das Christentum, sich vom
Fanatismus frei hält und auch hierin den Spuren seines mensch-
lich liebenswürdigen Meisters folgt.

Prof. Dr. Simon-Münster i. W.

Cohen, Prof. Dr. Hermann (Geh. Regierungsrat), Die religiösen
Bewegungen der Gegenwart. Ein Vortrag. (Schriften
herausgeg. v. d. Gesellschaft zur Förderung der Wissen-
schaft des Judentums.) Leipzig 1914, Gustav Fock,
G. m. b. H. (31 S. 8).
Alle Richtungen des Christentums, sagt Cohen, befinden
sich im Gegensatz zur wahren Sittlichkeit, weil sie rückwärts
schauend das sittliche Ideal in einem Menschen verwirklicht
glauben, und im Gegensatz zur wahren Religion, weil sie einen
Menschen Anteil an Gott haben lassen. Das Judentum allein
vertritt im Sinne der alten, stets vorwärts schauenden Propheten
den echten Monotheismus: Gott, der Einzige, ist der einzig
Heilige. Das Judentum allein ist der Hort gegen den Pantheismus,
den die Romantiker von Spinoza, dem Abtrünnigen, übernommen
und der Gegenwart als unseliges Erbe hinterlassen haben. Das
Judentum hat seine Messiasaufgabe gegenüber den „mystischen
Zweideutigkeiten" des modernen Christentums, als ob es eine
Weltanschauung gebe, als ob man Gott „erleben" könne usw.
Das Judentum allein verträgt sich mit der Wissenschaft —
wobei unter Wissenschaft natürlich die Kantische Philosophie
zu verstehen ist. An Kant ist nach Cohen nur eins unwissen-
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