Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Auflage seiner Reden an. Dieser Sehleiermacher ist erheblieh
mehr, als bisher in der Wissensehaft angenommen wird, ein
Schüler Schöllings, der den Grundgedanken des absoluten
Idealismus, die Identität von Subjekt und Objekt, d. i. das
Sein des Absoluten im Selbstbewusstsein religionspsyehologisch
verwertet und ausbaut, so wie Hegel ihn kosmologisch, zur
Welterklärung, verwertet und ausbaut. Die zweite Auflage der
Reden von 1806 ist deshalb ebenso interessant wie die erste,
weil ihre Veränderungen den üebergang von einer anderen
Struktur des Religionsbegriffs zum Religionsbegriff des absoluten
Idealismus zeigen. So möchte ich hier gleich den Wunsch aus-
sprechen, dass uns auch einmal eine neue komparative Ausgabe
der Reden gegeben werde. Es ist freilich zunächst schon ein
Verdienst Ottos, dass er uns die Reden in ihrer ersten Gestalt
zugänglich gemacht hat, dazu in einer so gefälligen Form.
Damit meine ich nicht nur die beiden vorzüglichen Bildnisse
.Schleiermaehers, sondern auch die Einführung, die von der
Bedeutung der Reden handelt, und den Rückblick, der die
Grundgedanken der Reden zusammenlaset und charakterisiert.
Diese Ausgabe hat vielen schon wertvolle Dienste geleistet.

Wir bezeichneten Sohleiermachers Religionsphilosophie von
1799 im Anschluss an diejenige Fries' als kritizistischen Idea-
lismus. Dieser bleibt im Unterschied von dem spekulativen,
monistischen Idealismus genauer bei der Erkenntnistheorie des
Kritizismus stehen. Das gilt besonders von Fries' Religions-
begriff. Er gewinnt ihn unmittelbar von der Erkenntniskritik
aus: die Sinnen weit ist Gebiet des Wissens, sie ist aber nur
Erscheinung; ihr Hintergrund, die Dinge an sich, ist das Ge-
biet des Glaubens, denn sie sind über Raum und Zeit erhaben,
sie sind das Unendliche und Ewige; die Erfassung dieses Ueber-
sinnlichen in der Erscheinungswelt, das ist die Ahndung. Ebenso
gewinnt er von der kritizistischen Ideenlehre aus den religiösen
Glauben. Die Ideen sind ihm mehr wie Kant: unmittelbare
Erkenntnis. Wie Fries erblickt auch Sohleiermacher den Gegen-
stand der Religion in dem Unendlichen, das über Raum und
Stoff hinaus liegt, das nicht etwa der letzteren Endlosigkeit,
sondern ein grundsätzlich Ueberendliches ist. Wie Fries eine
unmittelbare Erkenntnis der Ideen, so nimmt Sohleiermacher
einen unmittelbaren Sinn und Trieb zum Unendlichen an. Wie
Fries Leben und Inhalt der Religion durch die Erfassung des
Uebersinnliohen in der Sinnen weit, des Unendlichen im End-
lichen gewinnt, so auch Sohleiermacher. Die Reden Schleier-
machers könnten geradezu als Ausführungen des Ahndungs-
begriffs betrachtet werden.

Diese Religionsphilosophie der ersten Anfänge Schleier-
machers und der Friesschen Erkenntnis hat in der Gegenwart
neue Blüten getrieben. Otto hat eine Kantisch -Friessche
Religionsphilosophie herausgegeben, und die vorliegende Arbeit
über Fries ist auch eine Frucht der neuen Zuwendung zu Fries.
Es ist zweifellos wichtig, dass wir im ganzen der Typologie
der Religionsphilosophie auch für diesen Typus der kritizistischen
Reügionslehre einen klaren Blick gewinnen. Dieses Verdienst
hat neben Ottos auch die vorliegende Schrift, die den Haupt
begriff der letzteren untersucht. Aber über die Frage, wie wir
selbst denken sollen, wird uns Fries keine genügende Antwort
geben können. Seine Einssetzung des Glaubens mit der An-
nahme von Dingen an sich berührt doch naiv, wenn er z.B.
die Dinge an sich unter dem Ausdruck des Unendlichen und
Ewigen durch jedes Gebetbuch autorisiert nennt, ebenso wie sein
Anschluss an die Kantische Ideenlehre selbst sowie seine Ver-
wertung derselben starken erkenntnistheoretischen Bedenken

unterliegen. Die Anwendung der Ahndungslehre auf die Dogmatik
hat vollends bei De Wette zu unmöglichen Auffassungen ge-
führt, indem er alle Glaubensanschauungen, die Beurteilung des
Menschen, die sittlich-religiöse Christologie und Heilslehre aus
der subjektiven Funktion der Ahndung des Ewigen im End-
lichen erklärt. Wenn wir unser eigenes Denken durch die ge-
waltige Gedankenarbeit des deutschen Idealismus beeinflussen
wollen, so kann uns dazu mehr wie Fries und alle anderen
Fichte nützen. Allein seine kurze Appellation an das Publikum
von 1799 ist meines Erachtens für christliche Theologie wert-
voller als Schleiermaehers Reden von 1799 samt Fries' Arbeiten.
Die letzteren suchen Gott im Universum oder doch auf dem
Gebiet des gegenständlichen Bewusstseins, besonders der Aesthetik.
Auch der absolute Idealismus (Schölling, Schleiermacher, Hegel)
ist Intellektualismus, wenn auch ein tiefgründiger, transzen-
dentaler. Fichte dagegen findet Gott auf dem Gebiet des
Personlebens, durch schlechthinige persönliche Verpflichtung,
wie sie von dem urtätigen Subjekt ausgeht und auf die Welt
als das Material unserer Pflicht hinweist. Hier liegen die tiefsten
Berührungen des deutschen Idealismus mit der deutschen Refor-
mation, der deutschen Mystik und dem Christentum als der
Religion der persönlichen Erneuerung überhaupt. Vom absoluten
Idealismus ist das Wichtigste, dass Schölling, der wie Hegel
aus dem Absoluten die Welt erklären will, im Unterschied von
der glatten Entfaltung der Welt aus dem Absoluten bei Hegel
den freien Willen und seine partikulare selbstische Bestimmt-
heit als den grossen Abbruch der Absolutheit und die Er-
scheinung Christi als die Versöhnung der abgefallenen Welt
mit dem Absoluten und umgekehrt erkennt, sowie dass Schleier-
macher wenn nicht den wahren Inhalt, so doch die Methode
der Dogmatik im Grundzuge, d. i. ihren Ausgang vom religiösen
Subjekt, gelehrt hat. D. Mandel-Rostock.

Reuter, Dr. phil. Hans, Zu Schleiermaehers Idee des
„Gesamtlebens". (21. Stück der Neuen Studien zur
Geschichte der Theologie u. der Kirche, herausgeg. von
Bonwetsch u. R. Seeberg.) Berlin 1914, Trowitzsch &
Sohn (32 S. gr. 8). 1. 60.
Das Heft ist das 21. Stück der Neuen Studien zur Ge-
schichte der Theologie und der Kirche, herausgeg. von N. Bon-
wetsch und R. Seeberg. Der Terminus „Gesamtleben" ist uns
bei Sohleiermacher geläufig durch seine geistvolle und schillernde
Verwendung in der Christologie und Soteriologie der Glaubens-
lehre. Der Verf. verfolgt ihn nun durch das ganze Schaffen
Schleiermaehers hindurch, was die wiederholten Untersuchungen
(bes. Ecks, Giessen 1908) über den Individualitätsgedanken
Schleiermaehers in wertvoller Weise ergänzt. Dabei erweist
sich, dass er die von Schleiermacher durchweg festgehaltene
Lösung des Subjekt-Objekt-Problems ist. Dem Interesse der
Klarheit in der schwierigen Materie durchaus entsprechend ist
es, dass der Verf. nicht mit den in dieser Hinsicht unklaren An-
fängen beginnt, sondern die Darstellung des Begriffs deB Ge-
samtlebens in den Vorlesungen über Psychologie von 1830
vorausschickt, worauf er stets an der Hand der neuesten und
besten Ausgaben seinem Problem durch das Denken Schleier-
maehers von den Reden und Monologen an unter sorgfältiger
Berücksichtigung auch des philosophischen Materials bis zur
Glaubenslehre nachgeht. Mit Recht findet diese die relativ
breiteste Behandlung. Das Resultat ist etwa dies: die Idee des
Gesamtlebens fliesst bei Sohleiermacher aus der Geschichts-
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