Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

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Stöokerl, P. Dr. Dagobert (Mitglied dar bayerischen Franzis-
kanerprovinz), Bruder David von Augsburg. Ein
deutscher Mystiker ans dem Franziskanerorden. (Ver-
öffentuchungen ans dem Eirohenhistorischen Seminar
München, IV. Reihe, Nr. 4.) München 1914, J. J. Lentner
(XVI, 284 S. gr. 8). 6. 20.
Stöckerls Schrift zerfällt eigentlich in zwei Teile. Stöckerl
beschäftigt sich zuerst mit Davids Leben und Lehre und be-
handelt dann seine lateinischen und deutschen Schriften. Nach
einer Einleitung über die Franziskaner in Deutschland und
Augsburg wird Davids Kampf gegen die Waldenser beschrieben,
dann David als Franziskaner und ferner als aszetischer Schrift-
steller und Mystiker geschildert und die Frage bejaht, ob David
der Novizenmeister Bertholds von Regensburg gewesen sei.
Zu einer richtigen Lebensbeschreibung bringt es auch diese
Schrift nicht; es werden eigentlich, um scholastisch zu reden,
Quästionen über David beantwortet in der Art, wie wir sie
von Grisar und Denifle gewöhnt sind. Das vierte Kapitel,
das David als aszetischen Schriftsteller und Mystiker schildert,
trägt sehr Reissig Material zusammen, lässt aber weder das
Besondere der franziskanischen Mystik im Unterschied zur
dominikanischen noch überhaupt den Lehrgrund erkennen.
Stöckerl berichtet hier nur, aber er erklärt nichts, und das
möchte man doch gerade von katholischen Theologen, die die
Scholastiker um sich haben, erwarten. Viel wertvoller als dieser
erste ist nun der zweite Teil, der zwar nur als Anhang 2
figuriert, aber die Hälfte der ganzen Schrift einnimmt. Hier
arbeitet Stöckerl sehr genau und gewissenhaft. Zunächst sohliesst
er sich an die gelehrten Verfasser der neuen Ausgabe zu Quarachi
an: Fr. David ab Augusta 0. J. M., de exterioris et interioris
hominis compositione secundum triplicem statum incipientinm,
profioientium et perfectornm. libri. tres (Ad ciaras Aquas 1899).
Zur Herstellung dieser Ausgabe konnten noch 370 Hand-
schriften verglichen werden, so dass ein ziemlich sicheres Resultat
erreicht wurde. Wertvoll ist, dass Stöckerl die Echtheit der
Stücke, die Pfeiffer in Deutsche Mystiker I, S. 309ff. unter
David von Augsburg abdruckt, gegen Pregers Einspruch mit
guten Gründen stützt. Nach ihm ist nur Traktat 3 „Kristi
leben unser vorbild" eine Verkürzung, das Ganze gab schon
Pfeiffer in Z. d. A. 153, 8—55 heraus. Dann hält Stöckerl
Traktat 7 für ein Werk eines Schülers von David und macht
zu Gebet 5 und 8 ein Fragezeichen. Ferner bezeichnet er
Stücke des „Geistlichen Baumgart" als von David herrührend.
S. 280 folgt ein abschliessendes Verzeichnis echter und unechter
Stücke Davids, womit Stöckerl seine Meinung über diese Literatur
kurz zusammenfasst. Der Vermutung, dass David Verfasser des
Schwabenspiegels gewesen, folgt Stöckerl nicht.

Lic. Dr. Siedel-Lausa b. Dresden.

Vetter, Ferd., Das Tegernseer Spiel vom Deutschen
Kaisertum und vom Antichrist [Münchener Museum f.
Philologie des Mittelalters u. d. Renaissance, II, 3, S. 279
bis 333]. München 1914, Callwey.
Das wahrscheinlich während der Vorbereitung zum dritten
Kreuzzug entstandene, nur noch in einer Handschrift erhaltene
lateinische gereimte Spiel behandelt den von Friedrich Rotbart
lebhaft vertretenen Gedanken der Weltherrschaft des römisch-
deutschen Kaisertums an Christi Statt. Das Vorspiel führt die
sich bekämpfenden Religionen, Christentum, Judentum und
Heidentum, und die einzelnen Herrscher der Welt vor. Darauf

tritt in der ersten Handlung der deutsche Kaiser mit dem An-
spruch der Weltherrschaft auf, lässt sich von allen Königen
huldigen und hält seinen Einzug in Jerusalem, um nach Nieder-
legung der Zeichen seiner Würde, Krone, Zepter und Reichs-
apfel, auf dem Altar gegenüber Christo, dem rex regum, von
seiner Herrschaft freiwillig zurückzutreten.

Mit der zweiten Handlung tritt eine ernste Wendung der
Dinge ein: Die widerchristliohen Mächte erheben sich mit
dem Antichrist an der Spitze und führen einen allgemeinen
Abfall von Christo herbei, dem nur Elias und Enoch, die beiden
lebendig zum Himmel Entrückten, nicht unterliegen. Als aber
der Antichrist als der neue Weltherrscher seine Thronrede
halten will, wird er durch einen jähen Donnerschlag vernichtet,
und das Spiel endet mit einem Lobpreis auf den wahren Gott.

Die Abhandlung Vetters beschäftigt sich zunächst mit der
Entstehungszeit des Spieles, geht nach einem Ueberbliok über
den Inhalt auf verschiedene sachliche Probleme (Weltkaisertum
und Antichrist, Antichristspiele) ein und legt endlich in Aus-
einandersetzung mit früheren Arbeiten des Verf.s Auffassung
der metrischen Form des Originals dar, womit derselbe zugleich
seine metrische Uebersetzung begründet, die der metrischen
Eigenart des lateinischen Originals nach Möglichkeit nachgeht
und sich in mehrfacher Hinsicht vor den anderen Ueber-
tragungsversuchen vorteilhaft auszeichnet. Sie spiegelt in gut
lesbaren Versen den Geist und poetischen Gehalt des Originals
wider und bestrebt sich ganz besonders, der rhythmischen und
metrischen Kunst des Dichters gerecht zu werden und dem
bisher als tüchtigen Verskünstler, trefflichen Dramatiker und
guten Deutschen nicht entsprechend gewürdigten geistlichen
Verf. zu seinem Rechte zu verhelfen.

R. Herrmann-Nossen.

Weiss, G. (Lic. aus Bückeburg), Pries' Lohre von der
Ahndung in Aesthetik. Religion und Ethik, unter
Berücksichtigung von Kant, Schiller und Jaoobi. Göttingen
1912, Vandenhoeok & Ruprecht (191 S. gr. 8). 5 Mk.
Otto, R. (Prof. in Göttingen), Schleiermaeher, Ueber die
Religion, neu herausg. 1899, in 3. Auflage mit neuer
Einleitung, einer Beigabe von De Wette und einem Sach-
register versehen. Göttingen 1913, Vandenhoeck & Ruprecht
(XLX, 156 S.). 1. 80.
Diese beiden Veröffentlichungen können wohl zusammengefasst
werden. Schleiermachers Religionsbegriff von 1799 hat eine ähn-
liche Struktur wie der Religionsbegriff von Fries. Man könnte beide
als Religionsphilosophie des kritizistischen Idealismus zusammen-
fassen und dem spekulativen Idealismus, mit dem zusammen sie die
grosse Bewegung des deutschen Idealismus bilden, gegenüberstellen.
Der letztere will die Kluft zwischen Subjekt und Objekt, zwischen
Wahrnehmung und Ding an sich überbrücken, so dass wir ihn
auch als monistischen Idealismus bezeichnen könnten, sei es,
dass er die Einheit von Subjekt und Objekt aus dem empirischen
Bewusstsein (dem Wollen, Schopenhauer), sei es, dass er sie
transzendental, d. i. im Apriori des Bewusstseins sucht, letzteres
wieder, indem er entweder das Objekt von einem urtätigen
Subjekt gesetzt (subjektive, praktische Art des transzendentalen
Idealismus, Fichte) oder Subjekt und Objekt in einer ursprüng
liehen Einheit oder Identität, dem Akt des SelbstbewuBstseins:
ich setze mich, verbunden sieht (absolute, theoretische Art des
transzendentalen Idealismus, Schelling, Hegel). Zu dem letzteren,
absoluten Idealismus gehört Schleiermacher von der zweiten
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