Luthardt, Christoph Ernst [Begr.]

Theologisches Literaturblatt

35.1914

Zitierlink

583

584

die Gesehichtsdarstellung desselben in sieben Abschnitte teilt:
1. Die Gründung der Urgemeinde und ihre ersten Schicksale
Kap. 1—5; 2. Stephanus und die erste Verfolgung Kap. 6—8,3;
3. Die Zeit vom Tode des Stephanus bis zur ersten offiziellen
Missionsreise Kap. 8, 4—12; 4. Die Mission in Cypern und
Kleinasien und der Apostelkonvent Kap. 13—15, 34; 5. Die
Mission in Mazedonien, Achaja und Asien Kap. 15, 35—19, 40;
6. Die Reise des Paulus nach Jerusalem und seine Gefangen-
nahme Kap. 20—23; 7. Die Gefangenschaft des Paulus in
Caesarea und Rom Kap. 24—28. In jedem Abschnitt gibt er
I. eine Uebersicht über die Komposition desselben; II. eine
nach Unterabschnitten geteilte Wiedergabe des Inhalts mit jedes-
mal beigefügten exegetischen Einzelbemerkungen; III. die Er-
örterung darüber, woher der Geschichtsstoff geschöpft ist (literar-
kritische Würdigung); IV. die historisch-kritische Untersuchung
über die Glaubwürdigkeit des Berichtes. Den Schlnss bildet
ein Sprachregister sowie ein Namen- und Sachregister.

Die Anlage dieses Kommentars ist übersichtlich und prak-
tisch. Er bietet dem Anfänger das Nötige, um sich über den
Gang der lukanisohen Geschichtsdarstellung zu orientieren. Die
sorgfältige Exegese gibt in der gebotenen Kürze alles, was er-
forderlich ist, um zu selbständigem Eindringen in das Ver-
ständnis die Bahn zu bereiten. In den quellenkritischen und
historischkritisohen Abschnitten werden die verschiedenen Stand-
punkte und Anschauungen mit ihren Argumenten im ganzen
ausreichend und objektiv dargelegt, so dass der Leser das Material
zur Hand hat, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können.

Was Hoennickes eigenen Standpunkt betrifft, so kann zu-
nächst in bezug auf die Verfasserfrage erfreulicherweise kon-
statiert werden, dass Hoennioke ebenso wie Harnack zu der
altkirchliohen Ueberzeugnng zurückgekehrt ist, dass der Verf.
der Apostelgeschichte kein anderer ist als der in den Wir-
stücken redende Reisebegleiter des Paulus, nämlich Lukas, der
Arzt. Man darf nun wohl hoffen, dass die gegenteilige un-
natürliche Hypothese in den Kreisen der vorurteilslosen Forscher
bald ganz überwunden sein wird. Dadurch wird ermöglicht,
die lukanische Geschichtsdarstellung in bezug auf ihre Glaub-
würdigkeit gerechter zu würdigen, als es sonst vielfach ge-
schehen ist. Hoennicke seinerseits sieht sich in der Lage, die
Geschichtlichkeit derselben in verhältnismässig weitgehendem
Masse anerkennen zu können. Allerdings tut er dies, wie mir
scheint, noch lange nicht in dem Masse, wie es durch die Ueber-
zeugnng von der lukanisohen Autorschaft geboten ist. Lukas
hat meines Erachtens als Geschichtsschreiber zu den Vorgängen
und Persönlichkeiten, deren Geschichte er darstellt, ein äusser-
lich und innerlich viel näheres Verhältnis, als Hoennicke an-
nimmt. Vor allem sein Verhältnis zu dem Apostel Paulus, zu
der paulinischen Mission und zu der von Paulus gesammelten
Heidenchristenheit dürfte von Hoennicke nicht genügend
gewürdigt sein. Die Betrachtung des paulinischen Teiles
der Apostelgeschichte zeigt mir je länger, desto mehr, wie
tief Lukas in das Verständnis der Persönlichkeit, der Ideen
und der Geschichte des Apostels eingedrungen ist; und von da
aus ergibt sich mir das volle Vertrauen, dass er auch die vor-
paulinische Entwickelung der Dinge mit richtigem Blicke er-
fasst hat. Dabei bleibt freilich immer zwischen Wesentlichem
und Unwesentlichem zu unterscheiden. Aber zu dem Wesent-
lichen rechne ich freilich in erster Linie das Wunderbare in
dieser Geschichte. Hoennicke nimmt hierzu, soviel ich sehe,
eine ziemlich skeptische Stellung ein. Sollten dabei nicht viel-
leicht dogmatische Anschauungen mit von Einfluss gewesen sein?

Auf die Frage nach schriftlichen Quellen der Apostelgeschichte,
worüber Hoennicke sehr vorsichtig urteilt, gehe ich nicht ein.
Nur noch ein Wort über den Zweck der Apostelgeschichte.
Hoennicke bestimmt denselben dahin, dass Lukas sich zur Auf-
gabe gesetzt habe, „die Geschichte der christlichen Mission zu
schildern". Wenn nun aber doch offenbar ist, dass er dabei
vieles beiseite gelassen hat, was er hat wissen können und
müssen, so wird man sich bei dieser allgemeinen Bestimmung
wohl nicht begnügen können. Ich gebe zn erwägen, ob nicht
der oberste Gesichtspunkt für Lukas eben derjenige gewesen
ist, unter welchem Paulus in Römer 9—11 die Geschichte der
Mission betrachtet, das heilBgeschichtliche Problem der Ver-
stockung Israels und der Berufung der Heiden. Von da aus
ergibt sich erst die tiefere theologische Würdigung der Apostel-
geschichte, welche, wie ich nicht leugnen kann, in diesem Kom-
mentar mir zurückzutreten scheint.

Karl Sohmidt-Goldberg (Meckl).

Stiglmayer, Joseph, S. J., Kirchenväter und Klassizismus.
Stimmen der Vorzeit über humanistische Bildung. Frei-
burg i. Br. 1913, Herder (8 u. 104 S. gr. 8). 2. 20.

Derselbe, Synesius von Kyrene, Metropolit der Pentapolis.
(Zeitschrift für kathol. Theologie. XXXVIII. Jahrg., 1914,
S. 509—563.)

Die Stimmen der Väter für und wider das klassische Studium
will der Verf. vorführen, nicht in streng fachwissensehaftlicher
Haltung, sondern in Anpassung an einen weiteren Leserkreis.
In schlichtem, anspruchslosem Bericht gibt er eine Darstellung
der Urteile der Väter über den Wert der Lektüre der heidnischen
Schriftsteller und über ihr persönliches Verhalten dazu. Ueberall
tritt aber die ausgezeichnete Orientierung des Verf.s in der
ganzen patristischen Literatur entgegen, verbunden mit klarem
Blick und fast durchweg unbefangenem Sinn. Sein Ergebnis
ist, dass gerade die grossen Leuchten der alten Kirche auch
in den profanen Wissenschaften heimisch gewesen und ihren
Wert erkannt haben.

Die feinsinnige Studie des Verf.s über Synesius von Kyrene,
vielleicht durch Grützmachers Charakterbild veranlasst, schildert
eine Persönlichkeit, in der Liebe zur klassischen Geistesbildung
und Christentum aufs schönste geeint waren. Schärfer, als es
bisher geschehen, sucht Stiglmayer seine Entwickelung zu be-
obachten und in das Verständnis der Wandlung einzudringen,
wie sie allmählich in ihm sich vollzogen. Die vorchristliche
Zeit des Synesius, die sich dem Verf. mit Sicherheit ergibt,
seinen Kampf mit sich selbst als Kandidat für das Bischofsamt
und endüch die Weise, in der Synesius als Bischof sich dar-
stellt, führt Stiglmayer vor. Wenigstens Ausdruck gibt Synesius
Bedenken gegen die kirchliche Lehre in seiner bischöflichen
Zeit nicht mehr. Dass „eine Ausgleichung der kirchlichen
Lehre mit den wissenschaftlichen Anschauungen auf einer
Stufe der Philosophie" sich in Synesius vollzogen hat, wird
mit dem Verf. anzunehmen sein, — in welcher Art, muss
freilich dahingestellt bleiben. N. Bonwetsch-Göttingen.

Bibliothek der Kirchenväter. Herausgeg. von 0. Barden-
hewer, Th. Schermann, K. Weyman. Kempten u. München
1914, Kösel.

Bd. 15: Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus
ausgewählte historische, homiletische, dogmatischo
loading ...